Licht sorgt nicht nur für Leben, sondern lässt auch Filme gut aussehen. Ein Gespräch mit Gaffer Jakob Ballinger über das Lichtsystem Light Bridge, international gefragtes Know-how aus Österreich und die Arbeitssituation heimischer Beleuchter.
Der österreichische Gaffer Jakob Ballinger kann auf eine lange Karriere im Filmgeschäft zurückblicken. Als Oberbeleuchter des Kameramanns Christian Berger war er ebenso tätig wie für zahlreiche andere Kameraleute im Spiel-, Fernseh- und Werbebereich. 2016 gründete Ballinger das Unternehmen „The Light Bridge GmbH“, das ein von Christian Berger erfundenes Reflektorsystem für organisches Licht herstellt. Licht, das ist Ballingers große Lebensleidenschaft.
Herr Ballinger, Sie arbeiten ungefähr seit der Jahrtausendwende als Gaffer für heimische, aber auch internationale Filmproduktionen. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Jakob Ballinger: Ich habe mit 14 meine erste Lampe gebaut. Der Fokus, mit Licht Geschichten zu erzählen, war immer schon da. Ich weiß, den Satz hört man eigentlich meist von Kameraleuten. Licht ist für mich ein dreidimensionales Medium. Die Reduktion auf ein flaches Medium wie eine Leinwand schaue ich mir im Endresultat gern an, aber in der Gestaltung mag ich den Tanz zwischen Licht und Raum sowie die Zusammenarbeit mit den Kameraleuten.
Dabei wollten Sie beruflich eigentlich zum Zirkus gehen, haben die Zirkusschule besucht. Was gab dann den Ausschlag für den Schwenk Richtung Filmgeschäft?
Jakob Ballinger: Ich wollte immer mit Handwerk unterhalten. Die Zirkusschule war, ohne es damals zu wissen, eine gute Schule für die jetzigen Messeauftritte. Der Schwenk zum Film kam sehr früh durch Gerhardt Ordnungs „Schülerfilmfestival“. Ich hatte damals, durch meinen Vater angeregt, mit meinem Schulfreund Christoph Theussl, der heute Darsteller und Musiker ist, Kurzfilme gedreht. Die Festivals waren eine großartige Bestätigung und Ermutigung, das Medium Film sehr ernst zu nehmen. Ich habe es diesen Menschen zu verdanken, dass ich die Pubertät mit sinnvollen Dingen verbracht habe. Später hat die Filmakademie Wien, an der ich Kamera studiert habe, geholfen, den Lernprozess massiv zu beschleunigen. Zu Beginn meiner Karriere war ich – dank DoP Thomas Kiennast und des Werbefilm-Produktionshauses Filmfactory – Wiens jüngster Gaffer.
Was macht ein Gaffer genau? Ab wann ist er in den Produktionsprozess eingebunden?
Jakob Ballinger: Der Gaffer – zu Deutsch Oberbeleuchter – ist das Bindeglied, die Brücke zwischen den künstlerischen, technischen und logistischen Anforderungen in der Lichtgestaltung. Daher kommt auch der Name der Firma. Light Bridge, Lichtbrücke – that’s me. Ich komme zum Projekt hinzu, wenn die Motive, an denen gedreht wird, fixiert sind. Licht ist ja nur sichtbar, wenn es an Objekten „ankommt“. Das ist ja das Spannende am Medium. Wir Menschen sind ja leider ein wenig wie Nachtfalter: Wir sind auch von der Lichtquelle fasziniert, aber nur selten daran, was diese eigentlich macht. Als Hersteller ist das nicht so übel, aber kulturell und gestalterisch gesehen haben wir hier noch ein ziemliches Potenzial zur Weiterentwicklung.
Film ist oft ein Grenzgang zwischen technischem Anspruch und künstlerischem Ausdruck. Was überwiegt bei Ihnen, der Techniker oder der Künstler?
Jakob Ballinger: Ich muss gestehen, da tue ich mir schwer. Ich sehe den Grenzgang viel eher zwischen finanziellem und künstlerisch-technischem Anspruch. Aber es macht auch Spaß, gemeinsam Lösungen zu finden, die ins Budget passen und trotzdem die Vision des Kameramanns am Leben erhalten, um so auf der Leinwand oder am Schirm maximale Wirkung und Qualität entfalten zu können. In solchen Situationen – wenn man nichts aus dem Ärmel schütteln kann – entstehen oft die spannendsten Lösungen, neue Werkzeuge und neue gestalterische Ansätze.
Sie sind Gründer und CEO bei The Light Bridge GmbH. Wie würden Sie einem technikfremden Menschen dieses Projekt möglichst anschaulich beschreiben?
Jakob Ballinger: Auf der Website haben wir es so ausgedrückt: „Good gear is always a manifestation of an innovative thought, an individual expression.“ Man muss gar nicht technikaffin sein – ich bin mir nicht mal sicher, ob ich es bin –, um Wertschätzung für ein gutes Werkzeug übrig zu haben. Es ist wie bei einem gutem Stift: Der liegt gut in der Hand, man fühlt sich wohl damit und vergisst während der Arbeit, dass man ihn in Händen hält, weil man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann – auf das Gestalterische! Und genau solche Werkzeuge stellt Light Bridge in Zusammenarbeit mit lichtaffinen Menschen her. Light Bridge hat 2016 als Projekt begonnen: Durch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Oscar-nominierten Director of Photography Christian Berger (Das weiße Band) ist die Idee entstanden, all das gewonnene Wissen zu seinem Lichtsystem, dem „Cine Reflect Lighting System (CRLS)“, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Projekt ist mittlerweile eine GmbH, hat sieben Mitarbeiter und unterstützt große internationale Produktionen wie die Netflix-Serie Jessica Jones und Ryan Reynolds‘ neuen Film Free Guy. Über die Jahre wurde es in unterschiedlichen Prototyp-Stadien bei Arbeiten von Christian Berger – Die Klavierspielerin, The Notebook, By the Sea – ebenso eingesetzt wie bei Tim Burtons neuem, noch titellosem Stop-Motion-Film. Oder auch beim aktuellen Film von Will Ferrell, den wir mit der österreichischen Produktionsfirma Filmhaus in Tirol gedreht haben, DoP war Danny Cohen (The King’s Speech). Außerdem hat das System große Unterstützer, wie etwa den DoP-Superstar Matthew Libatique (A Star is Born). Lustigerweise hat auch die „New York Times“ vor kurzem ein paar Sets gekauft.
Was macht das Cine Reflect Lighting System genau?
Jakob Ballinger: CRLS steht für ein sehr natürliches Hauptlicht. Durch hocheffiziente Aluminium-C-Reflectors wird das Licht umgelenkt, der Lichtweg verlängert und so ein natürlicher Licht- und Schattenverlauf erzeugt. Die Oberflächen sind mit keinen anderen Reflektoren zu vergleichen, sie geben Kontrolle über diffuses, weiches Licht ohne die üblichen, zusätzlichen Werkzeuge. Das ermöglicht ein schnelleres Arbeiten und neue gestalterische Möglichkeiten. Zu guter Letzt ist es durch seine hohe Effizienz ein Werkzeug, dass für Green-Producing-Filmprojekte verwendet werden kann. Mit alten Denkweisen werden wir den Planeten nicht retten.
Erfunden wurde das System also vom preisgekrönten Kameramann Christian Berger …
Jakob Ballinger: Das CRLS ist ein Teil von Christians Lebenswerk, und es erfüllt mich mit großem Stolz, seine Ideen zur Lichtgestaltung und dem CRLS in den Händen von all diesen großartigen, erfahrenen und auch jungen Kameraleuten zu sehen. Es hat eine eigene Dynamik erhalten, da es wie jedes gute Werkzeug die persönliche Handschrift der Kameraleute unterstützen soll. Und natürlich reagiert auch die Light Bridge auf den Input und entwickelt so das CRLS weiter. Aber um Christian während seiner Arbeit am Set zu zitieren: „Man darf die Spur nicht verlieren.“ Dank ihm und den Kunden entwickeln wir das CRLS weiter und behalten auch die Spur.
Wie lange hat die Entwicklung gedauert?
Jakob Ballinger: Ich sage immer, das CRLS hat an die 15 Jahre Entwicklung hinter sich, und wir entwickeln es immer noch weiter. Ich bin ja Gaffer und musste in die Schuhe des Unternehmers erst hineinwachsen. Es macht aber extrem viel Spaß, und ich lerne täglich dazu. Ende des Jahres haben wir noch ein paar große Updates vor uns, die wir bei der Camerimage in Polen präsentieren werden.
Das Cine Reflect Lighting System schafft mit relativ wenig Aufwand natürliches Licht. Ich konnte beim Film Campus Innsbruck 2018 sehen, wie beeindruckt die Filmstudenten, denen sie das System präsentierten, von ihrer Präsentation waren. Was „erspart“ sich ein Filmteam an Aufwand, wenn man sich dafür entscheidet?
Jakob Ballinger: Auf diese Frage antworte ich am liebsten so: gar nichts. Denn dann fällt keinem auf, dass wir mehr Zeit zum Gestalten haben oder der Regie mehr Freiheiten geben können – ohne dass dieser Vorteil gleich zugunsten von weniger Personal oder weniger Zeit verloren geht. Aber natürlich bedeutet weniger Material auch weniger Aufwand. Deswegen verwenden auch immer mehr Dokumentarfilmer das CRLS. Oder es wird dort eingesetzt, wo herkömmliches Licht aufgrund des Gewichts gar nicht montiert werden kann. Aber im Grunde es ist ein Werkzeug wie jedes andere auch. Es gibt viele Situationen, in denen es super ist, manche, die nur dank des CRLS zu drehen sind – und andere, in denen es einfach am besten ist, die Glühbirne zu tauschen.
Gibt es Lichtstimmungen, die CRLS besonders gut hinbekommt? Oder ist es ein Universalwerkzeug, das
Tageslicht ebenso wie Abendstimmung hinbekommt?
Jakob Ballinger: Die spannendsten Ergebnisse erlebe ich bei Tageslicht-Simulationen. Wir haben gerade mit der Filmproduktion Golden Girls und DoP Mario Minichmayr den Film Fuchs im Bau abgedreht. Es ist atemberaubend, wenn man so nah an die Natur rankommt und der Raum von selbst zu leuchten beginnt. Plötzlich muss man kein Fülllicht aufstellen, weil der verringerte Lichtabfall durch die C-Reflectors die natürlichen Reflexionen des Raums unterstützt. Verzeihen Sie, jetzt werde ich zu nerdy. Aber wir haben auch sehr spannende Sachen mit Christian bei Angelina Jolies By the Sea auf Autotrailern in der Nacht gemacht und das Straßenlicht umgelenkt. Wenn das „Filmlicht“ komplett in-sync mit den Straßenlichtern ist und die Farbe zu 100% übereinstimmt, dann entsteht ein unglaublich hypnotischer Eindruck. Man vergisst, dass man auf einem Autotrailer sitzt. Auch wenn die Light Bridge viel Zeit in Anspruch nimmt: Ich habe ordentlich Spaß beim Leuchten, egal bei welchem Budget.
Woraus besteht so ein Lightbridge C-Reflektor, wo und wie wird er hergestellt?
Jakob Ballinger: Die C-Reflectors bestehen aus einem Sandwichaufbau, um thermischen Gegebenheiten entgegenzuwirken. Auf deren oberster Schicht sind hauchdünne High-End-veredelte Aluminium-Reflektoren verklebt, die bis zu 98 Prozent des Lichts kontrolliert reflektieren und dabei keine Farbveränderungen verursachen! Doch ich sage da auch dazu, Aluminium-Reflektoren sind per se nichts Besonderes, die gibt es in jedem Leuchtstoffbalken und Autoscheinwerfer, in tausenden unterschiedlichen Formen und Resultaten. Die Herausforderung war es, den hohen optischen Ansprüchen des Filmbereichs gerecht zu werden – es war, wie eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Bei diesem Prozess haben das Lichtlabor Bartenbach in Tirol und Christians Jahre des unermüdlichen Testens sehr geholfen. Die größten Veränderungen und meine Hauptarbeit mit der Light Bridge war es, diese Idee auch Set-tauglich zu machen, um allen Bedingungen gerecht zu werden. Egal, ob es sich um ein kleines Projekt oder um eine Großproduktion handelt. Wir arbeiten direkt mit dem Bosch-Testlabor zusammen. Egal, wie groß die Kälte oder die Hitze, die Reflektoren bleiben zu hundert Prozent gerade, es kommt weder zu Wellenwurf noch zu Unebenheiten, welche die Lichtqualität extrem beeinflussen würden. Unser Montagesystem der C-Wheels hält bis zu 3G Erschütterungen aus: Alles funktioniert im Regen, unter Wasser, in der Wüste und an allen sonstigen, auch unmenschlichen Drehorten. Ich bin schon sehr stolz darauf, ein Kernteam für die Light Bridge gefunden zu haben, das alle Bereiche in der höchsten Qualität abdecken kann. Vom Rohaluminium-Einkauf bis hin zum Verpackungsdesign. Der Teamgedanke vom Set bleibt, von der internen Firmenstruktur bis hin zu den Partnerfirmen.
Wie geht es Ihnen als österreichischer Fabrikant auf dem internationalen Filmmarkt?
Jakob Ballinger: Ich muss sagen, ich bin sehr stolz darauf, dass österreichisches Know-How international solchen Anklang findet. Nicht weil ich so patriotisch bin, sondern weil wir keine große Filmindustrie haben, innerhalb derer Geld für R&D vorhanden ist. Alles was wir machen, entsteht aus dem puren Bedürfnis, etwas besser zu machen, eine praktische Lösung zu finden – weil wir Probleme nicht mit Geld zuschütten können. Und da ist Light Bridge auch nicht allein, es gibt großartige österreichische Unternehmen, die sich international durchsetzen konnten.
Wie ist es um die soziale Lage Ihres Berufsstandes bestellt? Man hört immer wieder, dass viele Kameraleute und Beleuchter sich mit Altersarmut konfrontiert sehen.
Jakob Ballinger: Ich habe letztens vom AMS einen Flyer erhalten, dass ich, wenn ich jemanden über 50 anstelle, rund 66 Prozent der Lohnkosten ersetzt bekomme. Das Problem, dass wir akkumuliertes, spannendes Wissen durch jahrelange Erfahrung im Beruf nicht besser nützen können, haben wir nicht nur im Film … es ist hier aber durch die langen Arbeitstage, die schwere Arbeit schwer verschärft. Gestern ging ein Newsletter von IMAGO (International Federation of Cinematographers) mit der so wichtigen Forderung raus: 12 on, 12 off.
Ohne die elektromagnetische Strahlung namens Licht gäbe es kein Leben auf der Welt. Was bedeutet Licht für Sie persönlich?
Jakob Ballinger: Kennen Sie den Moment, wenn man einen Raum betritt und plötzlich von der (Licht-)Stimmung ergriffen ist? Diese Ergriffenheit zu fühlen, zu verstehen, herzustellen und in neue Werkzeuge zu packen, ist meine Lebensaufgabe.
Wenn Sie im Kino sitzen und einen Film sehen, achten Sie zuallererst auf das Licht oder auf die Story?
Jakob Ballinger: Auf das Licht schaue ich nur, wenn mir fad wird.
Über die sogenannten technischen Berufe in der Filmwelt wird eher selten berichtet, meist stehen Schauspieler oder Regisseure im Mittelpunkt. Finden Sie das verständlich oder ungerecht?
Jakob Ballinger: Ich habe mich sehr daran gewöhnen müssen, im Rampenlicht zu stehen. Aber wie lautet das schöne Zitat? „If you get offered a stage – you better get on it and say something important.“ Also mache ich das. Es gibt viel zu forschen, zu besprechen, zu testen und zu erklären, wenn es ums Thema Licht geht. Denn Licht ist wichtig. Sehr sogar.
instagram/thelightbridge; www.thelightbridge.com;
