Wir sind alle erwachsen

| Walter Gasperi |

Coming-of-Age einer 17-jährigen Französin, die mit ihrem Vater in Schweden Urlaub macht.

Wenn die 17-jährige Jeanne in einer der ersten Einstellungen von der Fähre aufs Meer und damit auch in die Zukunft blickt, dann aber doch lieber einem neben ihr stehenden jungen Paar beim Küssen zusieht, ist schon klar, in welche Richtung ihre Sehnsüchte bei dem beginnenden Urlaub an der schwedischen Küste gehen. Ihrem Vater geht es dagegen um Bildung. Nach Rom und Berlin soll die Tochter nun möglichst viel über die Wikinger erfahren. Doch zuerst ist einmal das reservierte Ferienhaus aufgrund eines Versehens nicht frei und Vater und Tochter müssen das Haus mit der Vermieterin und deren Freundin teilen. Dem pedantischen Bibliothekar geht das mächtig gegen den Strich, während Jeanne in der Gesellschaft der beiden Frauen richtig aufblüht. Denn Freiheiten gesteht ihr der Vater kaum zu, kritisiert sie und macht sie nieder, wo es nur geht, und untergräbt so ihr Selbstbewusstsein.

Jean-Pierre Darroussin gibt sein Bestes in der Rolle dieses dominanten, im tiefsten Innern aber seit der Trennung von seiner Frau zutiefst verunsicherten Mannes und spielt zurückhaltend, doch allzu überzeichnet ist diese Figur. In manchen Szenen sogar nah an der Karikatur, wenn er seinen für die Schatzsuche erstandenen Metalldetektor demonstrieren will oder später auf einer der zahlreichen kleinen Inseln festsitzt. Viel überzeugender ist da schon die von Anaïs Demoustier gespielte Jeanne angelegt. In jeder Einstellung spürt man ihre Sehnsüchte, ihren Wunsch nach einem selbst bestimmten Leben und gleichzeitig auch ihre sichtlich durch die Erziehung entwickelte Schüchternheit. Und diese Stimmung des Coming-of-Age wird auf der visuellen Ebene noch verstärkt durch die Atmosphäre des sommerlichen Schweden, das geprägt ist vom blassen Blau des Meeres und des Himmels sowie dem sanften Grau der von Moos durchsetzten kleinen Felsinseln.

So feinfühlig Anna Novions Blick auf Jeanne ist, so unaufgeregt und ruhig ist die Erzählweise dieses sympathischen kleinen und wunderbar leichten Sommerfilms. Doch so sehr Les grandes personnes als Studie eines Teenagers überzeugt, so aufgesetzt wirken die parallel dazu entwickelten Beziehungsgeschichten. Dass die Vermieterin zufällig einem Ex-Geliebten begegnet und die beiden sich endlich finden, mag ja noch durchgehen, doch dass der so korrekte Herr Papa eine Beziehung mit der lebenslustigen Freundin der Vermieterin anfängt, will man nicht glauben. Und auch der von Jeanne angehimmelte strohblonde Johan entspricht zu sehr dem Klischee des Paradeschweden.