True-Crime-Serien

Wir sind dann wohl die Angehörigen

| Jörg Schiffauer |
Zwei dokumentarische Serien und eine fiktionale, die auf wahren Begebenheiten basiert, richten den Blick auf die Auswirkungen von Mord- und Unglücksfällen auf das Umfeld der Opfer.

In einem Interview mit diesem Magazin, das in der Februar-Ausgabe 2022 zu finden ist, sprach Joe Berlinger über die große Popularität, die dokumentarische Arbeiten in jüngerer Vergangenheit erfahren haben. Berlinger, seit den neunziger Jahren eine der führenden Kräfte des US-amerikanischen Dokumentarfilms, führt das unter anderem auf das Phänomen der Streamingdienste zurück, die wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Was das Subgenre „True Crime“ angeht, das sich speziell gestiegener Beliebtheit erfreut, verortet Berlinger ein schon immer vorhandenes, lange zurückreichendes Interesse, das sich nun eben mittels dokumentarischer Formen manifestiere.

Das große Interesse am True-Crime-Format hat bemerkenswerte Arbeiten hervorgebracht, die über ihre eigentlichen Themen hinaus auf gesellschaftliche Verwerfungen zu verweisen wissen. Doch lässt sich nicht leugnen, dass vermehrt Produktionen die erwähnte Nachfrage nach „wahren Verbrechen“ mittels routinierter – und nicht immer ambitionierter – Abarbeitung von Kriminalfällen decken. Ungeachtet dessen lässt sich jedoch weiterhin so manches Glanzstück finden.

Der Tod und das Mädchen

Als am frühen Morgen des 26. Dezember 1996 Polizeibeamte der im Bundesstaat Colorado gelegenen Stadt Boulder zum Haus der dort ansässigen Familie Ramsey gerufen wurden, ahnten die Beamten wohl nicht, dass sie am Anfang eines Kriminalfalls standen, der weltweit für Schlagzeilen sorgen sollte. Ausgangspunkt für den Hilferuf war ein Erpresserschreiben, das Patsy Ramsey auf einer Treppe, die zu ihrer Küche führte, gefunden hatte. Dieses enthielt die Forderung nach der Zahlung von 118.000 Dollar, damit JonBenét, die sechsjährige Tochter von Patsy und ihrem Mann John, wieder wohlbehalten zurückkehren könnte. Das kleine Mädchen war über Nacht scheinbar spurlos verschwunden, nachdem die Familie am Abend des vorangegangenen Tages von einer Weihnachtsfeier nach Hause gekommen war. Niemand aus der Familie, zu der noch der neunjährige Sohn Burke gehörte, hatte über Nacht etwas Verdächtiges bemerkt, auch die Nachschau der Polizei im Haus brachte keine Spur des kleinen Mädchens zutage. Das Warten auf weitere Anweisungen der Kidnapper bezüglich der Geldübergabe zog sich über Stunden, die Polizei ließ John Ramsey als eine Art von Ablenkung noch einmal das ganze Haus absuchen. Und völlig unerwartet fand John im Keller die Leiche seiner Tochter – JonBenét war, wie die Autopsie ergab, stranguliert und eine schwere Kopfverletzung zugefügt worden. Bald schon hielten die Ermittler das Schreiben mit der Lösegeldforderung für ein plumpes Ablenkungsmanöver und Familie Ramsey geriet ins Visier der Polizei und der Öffentlichkeit. Was dann folgte, sollte weit mehr als nur Kriminalgeschichte schreiben. 

Joe Berlinger hat sich mit der dreiteiligen Serie Cold Case: Who Killed JonBenét Ramsey dieses bereits knapp dreißig Jahre zurückliegenden Verbrechens – und vor allem seiner Auswirkungen auf eine Reihe von Protagonisten – angenommen. Mit Aufsehen erregenden Kriminalfällen hat Berlinger im Verlauf seiner illustren Karriere schon einige Erfahrung. Doch bei seiner Arbeit steht nie das sensationalistische Element im Vordergrund, vielmehr  beleuchtet Joe Berlinger bekannte Geschehnisse aus neuen Blickwinkeln, um auf gravierender Missstände sozialer oder institutioneller Natur zu verweisen. Eine Herangehensweise, die sich bereits in Berlingers erster Regiearbeit (die er gemeinsam mit seinem langjährigen kreativen Partner Bruce Sinofsky verwirklichte), Brother’s Keeper (1992), finden lässt. Die Recherchen zum Tod eines Mannes, der zusammen mit seinen drei Brüdern am Rand der Gesellschaft lebt, offenbaren nicht nur soziale Schieflagen inmitten der US-amerikanischen Gesellschaft, sondern auch Mängel im dortigen Justizsystem, die oftmals vor allem auf Kosten von Menschen gehen, mit denen es das Leben ohnehin nicht besonders gut gemeint hat. Gravierende Defizite in Sachen Rechtsprechung deckt Paradise Lost: The Child Murders at Robin Hood Hills (1996) auf. Berlinger rollt darin die Geschehnisse um die Ermordung dreier Buben in West Memphis, Arkansas auf. Bald schon konzentrierten sich die Ermittlungen auf drei Jugendliche, denen als Mordmotiv die Ausübung eines satanischen Rituals unterstellt wurde. Dass die drei bevorzugt Bands wie Metallica hörten und schwarze Kleidung trugen, reichte offenbar aus, um sie als Teufelsanbeter dastehen zu lassen. Obwohl die forensische Beweislage dünn war und das Geständnis eines der Beschuldigten fragwürdig erschien, wurden die drei Angeklagten zu drakonischen Strafen verurteilt. Der Fall der „West Memphis Three“ erlangte bald überregionale Aufmerksamkeit, auch Joe Berlinger ließ nicht locker. In zwei weiteren Dokumentationen, Paradise Lost 2: Revelations sowie Paradise Lost 3: Purgatory (der 2012 für den Oscar als Bester Dokumentarfilm nominiert wurde) befasste er sich eingehend mit weiteren juristischen Entwicklungen des Falls, aber auch mit den Folgen für die Menschen in West Memphis.

In Cold Case: Who Killed JonBenét Ramsey zeichnet Joe Berlinger den Kriminalfall präzise mittels akribisch ausgewählten Materials nach. Dazu zählen neben ausführlichen Archivaufnahmen auch aktuelle Interviews mit Ermittlern und Journalisten, die von Anfang in das Geschehen um den Tod von JonBenét involviert waren. Zu einem zentralen Element geraten dabei die Gespräche, die Joe Berlinger mit John Ramsey geführt hat. Dabei zeigt sich wie in vielen von Berlingers Filmen, dass er es versteht, ein enges Vertrauensverhältnis zu seinen Protagonisten aufzubauen. Berlinger hat im eingangs erwähnten Interview seine Herangehensweise wie folgt beschrieben: „Ich versuche den Menschen offen, ehrlich zu begegnen und sie davon zu überzeugen, dass es besser ist, wenn sie ihre Geschichte erzählen, als wenn sie das nicht tun.“ Was vermutlich im Fall von John Ramsey keine einfache Sache war. Denn die Ermordung seiner Tochter
JonBenét, die mitten in ihrem Zuhause stattgefunden hatte, bekam recht schnell eine große Aufmerksamkeit, die verhängnisvolle Dynamiken in Gang setzten. Die Gründe dafür waren vielfältig: Zunächst erwies sich die Arbeit der Polizei alles andere als fachgerecht. Das lag auch daran, dass die Behörde in Boulder wenig Erfahrung mit Mordermittlungen hatte, weil es in der Stadt kaum solche Verbrechen gegeben hatte. Doch von Anfang an hatten sich bei den Ermittlungen Schlampigkeiten eingeschlichen, die sich nicht mit fehlender Erfahrung erklären ließen. So wurde etwa der Tatort nur mangelhaft gesichert, was dazu führte, dass Spuren verloren gingen oder verunreinigt wurden. 

Recht rasch konzentrierten sich die Ermittler auf die Eltern als Hauptverdächtige. Die ungewöhnliche Summe des Lösegelds – 118.000 Dollar – entsprach nahezu exakt der Höhe des Jahresbonus, den der Unternehmer John Ramsey erhalten hatte, was auf einen Täter hindeutete, der detaillierte Kenntnisse über die Familie hatte. Dass John Ramsey recht schnell die Leiche seiner Tochter entdeckt hatte, wies für die Polizei ebenfalls in diese Richtung. Dabei hatte bei der ersten Durchsuchung ein Polizist die Tür zu jenem Kellerraum schlichtweg übersehen. Neben solchen Pannen erhöhte auch die steigende Aufmerksamkeit, die der Mord an JonBenét nach sich zog, den Druck auf die Behörden, die Sache schnell aufzuklären. Andere, ebenfalls plausible Ermittlungsansätze, wie etwa ein Täter, der in das Haus eingedrungen war, wurden vernachlässigt.

Das Aufsehen, das der Fall erregte, hatte in nicht geringem Ausmaß auch mit dem Opfer zu tun. Denn JonBenét hatte – man kommt nicht umhin, einen etwas klischeehaften Ausdruck zu verwenden – von ihrem Erscheinungsbild her etwas von einem Engelchen. Dass das blonde Mädchen wiederholt an Schönheitswettbewerben teilgenommen hatte, bei denen Kinder im Stil erwachsener Frauen kostümiert und geschminkt werden, lenkte die Aufmerksamkeit in eine – vorsichtig formuliert – eher fragwürdige Richtung. Die Medien stürzten sich immer mehr auf einen Kriminalfall, der alle Ingredienzen für ein großes Drama hatte. Ein seriöser Umgang – das macht Berlingers dokumentarische Arbeit deutlich – hatte dabei nicht immer oberste Priorität. Geraldo Rivera inszenierte in seiner Talkshow, in der es eher rustikal zuging, eine Art Prozess, der mit einem Schuldspruch für das Ehepaar Ramsey endete. Obwohl die Ramseys allen Anschuldigungen vehement entgegentraten, wurden sie auch Jahre nach der Tat immer wieder zur Zielscheibe. Ein negativer Höhepunkt, der wie die Rivera-Show in Berlingers Serie zu sehen ist, war die Konfrontation mit einem ehemaligen Ermittler, der den Dienst quittiert hatte und ein Buch über den Fall geschrieben hatte, in dem er Patsy Ramsey der Tötung ihrer Tochter beschuldigte – und das alles vor laufenden Kameras einer Talkshow. Dass weder John noch Patsy je angeklagt wurden und der Mord unaufgeklärt blieb, schien manchmal zur Nebensache zu verkommen. 

Cold Case: Who Killed JonBenét Ramsey reicht weit über den Kriminalfall als solchen hinaus. Vielmehr nimmt Joe Berlinger ein spektakuläres Verbrechen als Ausgangspunkt, um institutionelles Versagen auf mehreren Ebenen deutlich zu machen. Dazu zählen Ermittlungsbehörden, die schlampig arbeiteten und recht bald eine gewisse Voreingenommenheit erkennen ließen. Als manche Behördenvertreter immer wieder gezielt Informationen, die auf die Eltern als Täter hinzudeuten schienen, durchsickern ließen, nahmen etliche Medien diesen Ball begierig auf. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Berichterstattung in manchen Medien eher einer Hexenjagd glich als seriösem Journalismus. 

Das Grauen in der Vorstadt

Während sich Joe Berlinger eines Falls angenommen hat, der ein großes Maß an Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, beleuchtet Liz Garbus in Gone Girls: The Long Island Serial Killer eine Mordserie, die zunächst unter ganz anderen Vorzeichen stand – sie wurde nämlich lange ignoriert.

Am Anfang – so beginnt auch Garbus’ drei Episoden umfassende dokumentarische Serie – stand ein Anruf, den eine junge Frau namens Shannan Gilbert in den frühen Morgenstunden des 1. Mai 2010 tätigte. Gilbert, die als Escortdame einen Termin bei einem Kunden in dessen Haus auf Long Island wahrgenommen hatte, wählte den Notruf 911, weil sie sich verfolgt fühlte. Präzisieren konnte Gilbert, die einen etwas konfusen Eindruck hinterließ, die Bedrohung nicht. Sie war aber auf jeden Fall so in Panik geraten, dass sie das Anwesen ihres Kunden Hals über Kopf verließ und spurlos im Dunkel der Nacht verschwand. Suchaktionen blieben erfolglos, doch im Dezember desselben Jahres fand ein Polizeibeamter eher zufällig an einem Strandabschnitt mit dem Namen Gilgo Beach die sterblichen Überreste einer Frau. Im Rahmen der folgenden Ermittlungen wurden am Gilgo Beach die Leichen von drei weiteren Frauen gefunden – keine davon war jedoch Shannan Gilbert. Alle vier Frauen hatten ebenfalls im Escort-Gewerbe gearbeitet und waren seit einiger Zeit – eine seit 2007 – als vermisst gemeldet. 

Liz Garbus zählt ebenfalls zu den festen Größen unter den US-amerikanischen Dokumentarfilmschaffenden. Zu ihren bekanntesten Arbeiten gehören das Porträt eines legendären Schachweltmeisters (Bobby Fischer Against the World) oder Annäherungen an popkulturelle Ikonen wie Marilyn Monroe (Love, Marilyn) und Nina Simone (What Happened, Miss Simone?). Immer wieder widmet sich Liz Garbus auch dem Genre True Crime in seinen unterschiedlichen Facetten, etwa mit The Execution of Wanda Jean, Who Killed Garrett Phillips oder I’ll Be Gone in the Dark, eine siebenteilige Serie, in der Garbus die Faszination, die von True Crime ausgeht, auf hintersinnige Weise beleuchtet. 

Mit den Ereignissen um die Gilgo-Beach-Morde hat Garbus bereits 2020 in ihrem Spielfilm Lost Girls befasst. Ähnlich wie in der fiktionalen Bearbeitung richtet Liz Garbus den Fokus auch in Gone Girls: The Long Island Serial Killer auf die Angehörigen der Mordopfer. In ihrer dokumentarischen Serie rekonstruiert Garbus zunächst die kriminalistische Seite mittels Archivaufnahmen und Interviews. Der Fall der „Gilgo Four“ – wie die ersten vier aufgefundenen Opfer bald genannt wurden – weitete sich dramatisch aus, als man in unmittelbarer Nähe weitere sechs Leichen entdeckte, die alle einem Verbrechen zum Opfer gefallen waren. Allein die Auffindungsorte waren ein Schock für die dort Ansässigen. Denn Long Island galt, wie es eine mit den Mordfällen befasste Journalistin in der Dokuserie formuliert, als die Mutter der Vorstädte. Dort dominieren jene US-amerikanischen Suburbs, die in ihrer Beschaulichkeit ein Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit vermitteln. Doch die Leichenfunde ließen den Schluss zu, dass da jemand mit Ortskenntnissen am Werk gewesen war und sich unter den gemütlichen Bürgern ein höchst gefährlicher Serienkiller befand. 

Liz Garbus verweist aber auch auf die Mängel, die bei der Aufklärung zutage getreten sind, wobei ein Aspekt besonders verstörend wirkt. Die Angehörigen der Opfer – die Interviewsequenzen mit ihnen illustrieren das – wurden zunächst nicht wirklich ernst genommen. Zumindest wurden ihre Vermisstenanzeigen nicht mit dem nötigen und vor allem zu erwartenden Nachdruck verfolgt. Das hing zu einem wesentlichen Teil mit der Profession der betroffenen Frauen zusammen – das Verschwinden von Prostituierten schien in den Augen der Polizeibehörden offenbar nicht wirklich ein Grund zur Sorge zu sein. Gone Girls macht aber auch auf ein Versagen aufmerksam, dass nach Entdeckung der Leichen nicht unbedingt zur raschen Aufklärung beigetragen hat. Das mit den Ermittlungen befasste Polizeirevier von Suffolk County auf Long Island galt als renommiert und verfügte eigentlich über ausreichende Ressourcen, um mit einer derartigen Verbrechensserie umzugehen. Doch innerhalb des Reviers herrschte ein System der Günstlingswirtschaft, das zu Postenbesetzungen mit völlig ungeeigneten Leuten führte, wobei der mit dem Fall befasste Bezirksstaatsanwalt eine besonders unrühmliche Rolle spielte. Als man intern diesen Machinationen ein Ende setzte, kam schließlich doch Bewegung in die Ermittlungen. In der dritten Episode von Gone Girls befasst sich Liz Garbus mit den Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit. Man sollte für die mit dem Fall nicht so Vertrauten nicht zu viel vorwegnehmen, doch im Finale tun sich Abgründe auf, die jedem fiktionalen Thriller zur Ehre gereichen würden. 

Eine bittere Ironie bleibt. Die sterblichen Überreste von Shannan Gilbert, jener Frau, deren mysteriöses Verschwinden die Ermittlungen eigentlich in Gang gesetzt hatten, wurden 2011 im Marschland, nicht weit von dem Ort, an dem sie zuletzt gesehen worden war, aufgefunden. Ihr Tod wurde ungeachtet mancher immer noch existierender Zweifel nicht als Folge eines Verbrechens eingestuft. 

In eisigen Tiefen 

Kein Kriminalfall im eigentlichen Sinn steht im Mittelpunkt von Estonia, befasst sich die Serie doch in fiktionalisierter Form, doch nahe an tatsächlichen Begebenheiten, mit dem schwersten Schiffsunglück in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Am Abend des 27. September 1994 legte die titelgebende Fähre in Tallinn ab und nahm Kurs auf ihren Zielhafen Stockholm. Obwohl stürmisches Wetter vorhergesagt worden war, schien es eine Routinefahrt zu werden. Doch knapp nach Mitternacht drangen Wassermassen in so großer Menge in das Schiff ein, dass die „Estonia“ in knapp dreißig Minuten in der Ostsee versank. 852 Menschen kamen dabei ums Leben, nur 137 der Passagiere und Besatzungsmitglieder konnten aus den eiskalten Fluten gerettet werden.

Soweit der Ausgangspunkt der finnischen Serie Estonia, die sich in acht Episoden mit der Aufarbeitung dieser Katastrophe befasst und über weite Strecken an einen (Polit)-Krimi erinnert. Zum Dreh- und Angelpunkt wird dabei die Arbeit jener Kommission, die die Unglücksursache ermitteln soll. Doch die Interessenslagen in diesem Gremium, dem Vertreter aus drei Ländern angehörten, waren höchst unterschiedlicher Natur. Das Schiff befand sich zum Zeitpunkt des Untergangs im Besitz einer schwedisch-estnischen Firma, davor gehörte die „Estonia“ einer finnischen Reederei, die einige Umbauten an der Bugklappe vorgenommen hatte. Dieses Teil sollte nämlich als eine der wesentlichen Ursachen für die Katastrophe ausgemacht werden. Bald schon versuchten die Repräsentanten dieser Staaten vor allem, die Schuld vom eigenen Land wegzuschieben. Das war der Aufklärungsarbeit nicht zuträglich, zudem präsentierte die deutsche Werft, die die „Estonia“ gebaut hatte, wiederholt eigene Versionen zum Untergang und zur Schuldfrage – selbstredend wies man dabei jede eigene Verantwortung weit von sich. 

Zentrale Figur der Serie ist der von Jussi Nikkilä gespielte finnische Ingenieur Henri Peltonen, der besagter Kommission angehört und gegen alle Widerstände versucht, rein faktenbasiert – Peltonens Herangehensweise ähnelt dabei streckenweise der eines Ermittlers in einem Kriminalfall – die Unfallursachen aufzudecken. Entlang der Arbeit der Kommission rekonstruiert Estonia betont nüchtern und mit dokudramatischer Genauigkeit mittels Rückblenden die Geschehnisse um den Schiffsuntergang. Aus den Zeugenaussagen Überlebender und von Rettungskräften ergeben sich zunächst nur bruchstückhafte Eindrücke – die Perspektive der Untersuchungskommission gleicht dabei jener des Zuschauers –, die sich wie ein Mosaik erst nach und nach zu einem größeren Bild formen. Die Serie generiert ihre bedächtig aufgebauten Spannungsmomente aus den Nachforschungen, die sich als höchst diffiziles, langwieriges Unterfangen erweisen. Geschuldet ist das auch dem erwähnten Gezerre und so mancher Intervention von politischer Seite, die sich über Jahre hinwegziehen. Eine Verzögerung, die vor allem die Angehörigen mit ihrem Wunsch nach Antworten – auch das macht die Serie Estonia deutlich – zermürbt. Der schließlich 1997 veröffentlichte Abschlussbericht listete eine Reihe von Ursachen auf, doch nicht alle waren mit den Schlussfolgerungen so richtig zufrieden. Was nach so vielen Pannen bei der Untersuchung, auf die Estonia zu verweisen versteht, auch nicht mehr verwundert.