„Wir waren zum Glück nicht seekrank “

| Dieter Oßwald |

„Wir waren zum Glück nicht seekrank“

Ein Gespräch mit Regisseur J.C. Chandor zu seinem Hochsee-Ein-Personen-Drama „All Is Lost“

Mit seinem Kinodebüt Margin Call setzte sich Regisseur J.C. Chandor eindrucksvoll mit der Finanzkrise auseinander und wurde dafür prompt auf die Berlinale eingeladen sowie für den Oscar nominiert. In seinem zweiten Streich schickt Chandor nun Robert Redford auf hohe See und lässt ihn als verzweifelten Schiffbrüchigen um sein Leben kämpfen – ein Drama, das die Schauspiel-Ikone ganz alleine bestreitet und das ohne Dialoge auskommt. Beim Festival von Cannes sorgte All Is Lost für großen Jubel.

Ihr Film geriet zum großen Überraschungscoup beim Festival von Cannes. Hatten Sie mit diesen frenetischen Reaktionen gerechnet?
Absolut nicht. Noch im Schneideraum habe ich mich öfters gefragt, ob dieses Projekt nicht verrückt ist. In Cannes saß Redford dann bei der Premiere direkt neben mir. Er hatte, wie es seine Eigenart ist, keine einzige seiner Szenen während der Dreharbeiten angeschaut und kannte auch den Film noch nicht. Ich war absolut nervös – bis sehr schnell zu spüren war, wie intensiv der gesamte Kinosaal mitging.

Redford hat seit Jahren keine Rollen für andere Regisseure gespielt. Wie haben Sie Ihn überredet?
Ich traf ihn bei seinem Filmfestival von Sundance, wo er einen Vortrag hielt. Plötzlich fiel der Lautsprecher aus, und aus der Ferne klang diese berühmte Stimme von Redford auf einmal ganz anders. Als ich ihn so hörte, war mir klar: Das war die Lösung. Ein Redford ohne Sprache ist völlig anders als diese Ikone des Kinos, die jeder kennt.

Wie oft wurden Sie seekrank?
Redford und ich sind zum Glück überhaupt nicht seekrank. Allerdings ist es kein besonderes Vergnügen, auf diesem schwankenden Boot ständig durch diese kleine Linse einer Kamera blicken zu müssen. Mein Kameramann war am Ende der Dreharbeiten völlig erschöpft. Man sieht das sehr deutlich bei einer Szene auf dem Schlauchboot, wo das Bild immer mehr zur Seite kippt – dieser schöne Effekt war kein Regieeinfall, sondern die fehlende Kraft des Kameramanns.

Wie viel Prozent der Szenen haben Sie tatsächlich auf hoher See gedreht, was entstand im Studio oder per Spezialeffekte am Computer?
Für die emotionale Wirkung dieser Geschichte war es entscheidend, dass sich das Publikum wie an Bord dieses Schiffes fühlt und auf Augenhöhe mit Redford ist. Auf Computereffekte haben wir bewusst verzichtet. Die Segelszenen entstanden im realen Pazifik vor Mexiko, ebenso die Sequenzen mit den Haien, die wir auf den Bahamas drehten. Zudem standen uns vier große Wasserbecken in einem Studio zur Verfügung. Der Trick bestand darin, dieses Puzzle zu einer perfekten Illusion zusammenzufügen.

Ihr voriger Film „Margin Call“ handelte von der Finanzkrise. Kann man hier entsprechende Andeutungen entdecken? Vom verhängnisvollen Container-Treibgut aus China bis zum fatalistischen Titel?
Die Geschichte bietet viele Möglichkeiten für unterschiedliche Interpretationen, für mich standen vor allem das Überlebensdrama und die plötzliche Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit im Zentrum. Man kann den Container metaphorisch verstehen, für mich war er eher banal: Auf einer Schiffsroute nach China ist diese Fracht naheliegend. Beim Schreiben habe ich jedenfalls nicht an eine Fortsetzung von Margin Call gedacht.

Ihr Star ist nicht mehr der jüngste, wie hat er die körperlichen Strapazen gemeistert?
Redford war 75 Jahre, als wir das Projekt begannen. Es war klar, dass dieser Dreh körperlich anstrengend sein würde. Genau das konnten wir für den Film, den wir chronologisch drehten, dramaturgisch einsetzen. Im dritten Akt wird deutlich, dass diese Figur sich mit seinem Schicksal nicht abfinden will. Er gibt nicht auf, auch wenn er am Ende seiner Kräfte ist – und genau diese Strapazen werden auf der Leinwand sichtbar.

Wie gibt man einer Ikone wie Robert Redford Regieanweisungen?
Redford kam gerade vom Dreh seines eigenen Filmes und war davon ziemlich erschöpft. Er hat seit über zehn Jahren nicht mehr unter einem anderen Regisseur gearbeitet und brannte darauf, einfach nur zu spielen. Er sagte gleich zu Beginn: „So einen Film könnte ich selbst nie drehen. Ich bin hier nur der Darsteller. Ich will gar nicht wissen, was du vorhast und werde mir die Szenen auf dem Monitor nicht anschauen.“ Die ungewöhnliche Situation bestand darin, dass es keine anderen Schauspieler gab und Redford völlig alleine war. Er musste sich also völlig auf mich verlassen, und wir beide mussten gemeinsam diesen Film bewerkstelligen.

Wie weiß ein Schauspieler allein auf einem Boot, was zu tun ist?
Wir drehten wie bei einem Stummfilm. Ich schrie ihm ständig zu, was gleich passieren würde und auf diese Zurufe hat er entsprechend reagiert. Das führte bisweilen zu surrealen Situationen. Als ich „Action, Pumpe!“ brüllte, fragte der junge Techniker ungläubig: „Soll ich wirklich den Wasserstrahl auf ihn richten?“ Aber echte Profis wie Redford wollen keine Sonderbehandlung, solange sie darauf vertrauen, dass der Regisseur weiß, was er will – oder zumindest diesen Eindruck vermittelt. (lacht)

Wie war Ihr privates Verhältnis?
Wir waren bei den Dreharbeiten nicht unbedingt die besten Freunde. In der ersten Woche haben wir immer gemeinsam gegessen, das hat dann aber sehr schnell aufgehört. Der Dreh war anstrengend, zumal wenn man seinem einzigen Darsteller alle Anweisungen immer nur brüllend mitteilen kann. Robert nahm das alles sehr geduldig hin, wofür ich ihm nicht genügend dankbar sein kann. Inzwischen verbindet uns allerdings ein sehr enges Verhältnis zueinander.

Wie hoch schätzen Sie die Oscar-Chancen ein?
Redford war bislang nur einmal für den Oscar nominiert und hat dieses Oscar-Spiel eigentlich nie mitgespielt. Er wuchs in Los Angeles auf, aber hat sich schon in jungen Jahren von dieser Stadt verabschiedet. Ich werde alles dafür tun, dass er für seine Leistung die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Ganz entscheidend für einen Oscar ist es, dass die Academy-Mitglieder sich den Film überhaupt anschauen. Allein für den Mut, dass er dieses Risiko einging, hat Redford jeden Preis verdient.

Wie hätten Sie sich in dieser Lage als Schiffbrüchiger verhalten?
Ich hätte mit Sicherheit viel früher aufgegeben als dieser Typ mit seinen immerhin schon 75 Jahren. Man darf ja nicht unterschätzen, dass er ganz alleine gegen dieses Schicksal kämpfen musste. In einer Gruppe kann man sich gegenseitig motivieren, aber als Einzelner ist das schon verdammt schwierig.