In seinem neuen Sechsteiler „Ich und die Anderen“ verhandelt David Schalko existenzielle Fragen im Multi-Genre-Serienformat. Ein Gespräch über falsche Wahrheiten, die Neunziger als Sehnsuchtsort und warum Quoten heute längst nicht mehr sind, was sie mal waren.
David Schalko kennt sich aus, wenn es um die Befindlichkeiten der Menschen im Allgemeinen und der Österreicher im Speziellen geht. In zahlreichen Büchern, Filmen und TV-Formaten hat sich der Wahl-Wiener eingefühlt in die Seele der Nation und damit gleichzeitig neue Maßstäbe in der Unterhaltungskunst gesetzt. Serien wie Braunschlag, Altes Geld und M – Eine Stadt sucht einen Mörder geben Auskunft über die Gesellschaft, in der wir leben, ebenso wie über die endlosen Möglichkeiten, wie man mit klugem Humor, Weitsicht und einem ausgeprägten Sinn für Stil und Ästhetik auch im Fernsehen Großes vollbringen kann.
Ich und die Anderen versucht jetzt den Rundumschlag: In jeweils vierzig straffen Minuten, überprüft der Autor und Regisseur darin das Verhältnis zwischen Ich und Außenwelt, Realität und Fiktion, Genre und Sozialkritik auf eine bestechend frei verspielte Art und Weise immer wieder neu, in dem er seine Hauptfigur jeden Morgen unter anderen Parametern in den Tag schickt, je nachdem, wie es Tristan (Tom Schilling) am Abend zuvor gerade noch in den Sinn kam.
Eine derart kühne Versuchsanordnung sorgt jedoch nicht nur beim eigenen Ego für ziemliche Unruhe, sondern stellt auch Tristans komplettes Umfeld permanent auf den Kopf, von der hochschwangeren Freundin (Katharina Schüttler) und den extrovertierten Künstlereltern (Martin Wuttke und Sophie Rois) über den egomanen Chef (Lars Eidinger) bis hin zu seinem altklugen Therapeuten (Michael Maertens), der am liebsten mit tiefsinnigen Gedanken um sich wirft. Allein der ihn fachmännisch durch die Geschichte manövrierende Taxifahrer (Ramin Yazdani) und die zwielichtige Jugendfreundin Franziska (Mavie Hörbiger) bleiben als maßgebliche Konstanten in einer Handlung omnipräsent, die Schalko in den einzelnen Episoden mit viel Liebe zum Detail und einer ungenierten Lust an der Übersteigerung bis aufs Äußerste variiert – mal als Musical-Romanze, mal als Splatter-Movie oder Science-Fiction. Das wirklich Ungeheuerliche sind jedoch die hellwachen Beobachtungen und feinen Momente zwischen den Eskapaden, die immer wieder unverhofft den komplett normalen Wahnsinn des Seins offenbaren, als wäre das ganze Leben ein Kino.
Herr Schalko, erste Pressestimmen nach der Berlinale-Premiere im März haben „Ich und die Anderen“ als „Groundhog Day auf LSD“ beschrieben. Würden Sie dem zustimmen?
David Schalko: Jein. Ich finde es sehr schwierig, die Serie genremäßig einzuordnen, weil darin ja sehr viele verschiedene Genres zum Vorschein kommen. Deshalb verstehe ich das Ringen um Begriffe. Nur ist Groundhog Day eben auch nicht wirklich zutreffend, weil sich nicht der gleiche Tag immer wieder aufs Neue wiederholt. Vielmehr verändert sich die Prämisse von Tag zu Tag und von Folge zu Folge extrem. Wir erleben zwar immer das gleiche Ensemble, aber die Figuren verändern sich so stark, dass sie fast ihre Rollen changieren. Aber dass es auf eine Art auch etwas Trippiges hat, das stimmt schon. Oder zumindest ist das ein Ausdruck, der der Serie nicht schadet. Also insofern ist das ganz okay.
Wie würden Sie mit Ihren eigenen Worten die Grundidee beschreiben, auf der das Drehbuch beruht?
Die Idee war tatsächlich, wie es der Name sagt, eine Serie zu machen, die das Verhältnis vom „Ich“ zu den „Anderen“ beschreibt. Später kam noch die Idee mit den Wünschen dazu. Aber das hat sich eher aus der Überlegung heraus ergeben, wie ich von einer Prämisse in die nächste komme, ohne dass es etwas von oben Bestimmtes ist, dass es aus dem Protagonisten heraus entsteht. Durch die Prämissen ist es eher eine assoziative und zeitlose Erzählweise, weil es keine chronologische Handlung im klassischen Sinn ist. Es ist eher so, dass jede Folge von der davor ein bisschen träumt. Und hinter jedem Wunsch steckt jeweils ein ganzes Spiegelkabinett von anderen Bedürfnissen und Abgründen und Missverständnissen, die der Sache ihren Reiz geben.
Das Konzept ist faszinierend: Sie spielen in jeweils vierzig Minuten die verschiedensten Genres vom bonbonfarbenen Musikfilm der siebziger Jahre bis zum Horrorszenario durch. Lag der Reiz für Sie auch darin, sich einerseits den strengen formalen Richtlinien des Serienformats zu unterwerfen und andererseits mit allen Regeln der Kunst zu brechen?
Ganz so grenzenlos, wie Sie es beschreiben, habe ich es gar nicht empfunden, weil auf einer Ebene schon der Versuch da ist, konkret durchzudeklinieren, was die jeweilige Prämisse de facto bedeutet und welche Perspektiven von ihr ausgehen, auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich ist. Es hat also immer etwas mit der Ausgangslage zu tun und mit der Art von Diskurs, der darauf Bezug nimmt. Und dabei bedient man sich überraschender Genres. Ich habe zwar manchmal auch das Gefühl, dass man an manchen Stellen wirklich nicht weiß, was in der nächsten Minute passieren wird. Alles ist sehr unberechenbar. Aber das hat eben auch mit der Diskursartigkeit zu tun.
Tristan ist ein Mensch, der die Anerkennung der anderen Menschen um ihn herum sucht. Ist das ein Bedürfnis, das in uns allen schlummert?
Ich würde sagen, wir korrespondieren alle mit den Menschen um uns herum, es gibt uns alleine ja gar nicht. Es ist immer ein Verbund. Auch die Selbstsicht auf das eigene Ich hat immer viel mit der Sicht der Anderen zu tun. Und dass man dabei automatisch auch immer versucht, den Anderen zu gefallen oder auch absichtlich zu missfallen, weil man provozieren oder gesehen werden will, ist ebenfalls etwas Natürliches, das in allen Menschen steckt. Die Frage ist nur: wie stark? Was speziell im Hinblick auf Tristan wichtig ist, ist, dass er sich immer mehr über die anderen formt. Also je mehr sich sein Verhältnis zu seiner Umgebung verändert, desto mehr Charaktertiefe bekommt er, als würde er sich über die anderen überhaupt erst zu einer eigenen Persönlichkeit zusammenbauen. Und wenn er zum Beispiel sagt, er will von allen geliebt werden, dann ist das auch nur am Anfang ganz schön, bis er feststellt, dass er diese absolute Liebe gar nicht aushält.
Ihr Drehbuch stellt ganz nebenbei ziemlich große philosophische Fragen und versucht, sie auf leichtfüßige Art zu verhandeln. Wie schwer oder einfach ließ sich das schreiben?
Sie haben recht, es handelt sich oft um sehr komplexe Fragen, weil es auf eine gewisse Art eine existenzphilosophische Serie ist. Die Herausforderung war, dass das in der Umsetzung letztlich nicht zu sperrig wird, und es war sehr schwierig, das zu schreiben. Normalerweise, wenn ich meine Charaktere gut kenne, dann lasse ich das fließen, und die Geschichte kommt aus den Figuren heraus. Aber hier war der Prozess des Schreibens mitunter mit sehr langen Denkschritten verbunden, damit es in sich stimmig wurde.
Eine sehr treffende und zugleich fatale Beobachtung ist: Wahrheit führt zu schlechter Laune. Ein Satz, der auch gut in unsere heutige Zeit passt.
Ja, zumal die Leute in der Prämisse wahnsinnig aggressiv werden, weil sie es vielleicht auch nicht gewohnt sind, die Wahrheit zu sagen. Das hat auch etwas damit zu tun. Aber ich glaube, der Satz passt eigentlich in jede Zeit. Niemals ist immer die Wahrheit gesagt worden. Vor allem habe ich das Gefühl, dass es Manipulation und Propaganda immer schon gab und jetzt haben wir dem Ganzen halt einen schicken Namen wie alternative facts gegeben – früher hieß das einfach Lüge, aber das ist sicher nichts anderes. Und ich glaube, das es immer Leute gab, die sich der Wahrheit nicht stellen wollten und die stattdessen die Fantasie über alles gestellt haben. Nur durch die sozialen Medien hat das Ganze noch einmal eine Beschleunigung und eine neue Reichweite erfahren. Man muss sich in dem Zusammenhang aber eben auch die Frage stellen: Was ist Wahrheit? Der Begriff beinhaltet immer etwas sehr Subjektives. Es gibt immer mehrere Wahrheiten. Mit anderen Worten: Der Begriff an sich ist etwas sehr Fragwürdiges. Was nicht heißen soll, dass alternative facts zu verteidigen sind. Im Gegenteil. Ich fürchte, dass im Augenblick zu viele Leute glauben, dass sie im Besitz der Wahrheit sind. Deswegen haben wir es in Diskussionen oft damit zu tun, dass es lediglich ein Für und Wider gibt und kaum noch über Nuancen gesprochen wird. Und dass eigentlich jede Debatte, sei es Corona oder was weiß ich, wahnsinnig fundamentalistisch geführt wird, einfach aus dieser Energie heraus.
Was haben Sie in der Rolle von Tristan gesucht, das Sie bei Tom Schilling gefunden haben?
Ich mag Tom als Schauspieler schon sehr lange, und das ist eine Rolle, die extrem schwer zu besetzen ist, weil der Protagonist etwas Spezielles repräsentiert, sehr passiv ist und auch sehr viel reagieren muss. Und es ist schwer, aus dieser Passivität heraus trotzdem eine spannende Hauptfigur zu gestalten. Er ist ja in gewisser Art und Weise auch ein Mann ohne Eigenschaften. Trotzdem muss man demjenigen gern zusehen, und er muss dem Ganzen ein Faszinosum geben – und dann ist man schon bei ganz wenigen Schauspielern. Ich hatte Tom auch beim Schreiben schon im Kopf, deswegen war ich sehr froh, dass er am Ende auch zugesagt hat. Genauso war auch Lars Eidinger mein Wunschkandidat für Herrn Brandt. Wobei ich die Arbeit mit ihm eher als etwas Regelmäßiges betrachte. Wir kennen uns schon lange und drehen gerne miteinander. Er ist ein wahnsinnig vielseitiger Schauspieler, der hier etwas komplett anderes verkörpert als zum Beispiel in M. Nur war es eben auch sehr wichtig, um Tom herum ein Ensemble zu haben, das auf Augenhöhe spielt. Dass da sozusagen lauter Hauptdarsteller spielen, weil es ja eigentlich ziemlich gewichtige Figuren sind, die oft nur zwei Szenen pro Folge haben, aber dann doch in sehr kurzer Zeit sehr viel herstellen müssen.
Sie arbeiten hier auch erneut mit dem Kameramann Martin Gschlacht zusammen. Warum funktioniert das so gut zwischen Ihnen beiden?
Das ist einerseits eine chemische Sache, weil wir uns gut verstehen. Und wenn es darum geht, ein Set zu leiten, da ergänzen wir uns einfach sehr gut, finde ich. Das andere ist, dass er ein wahnsinnig gutes visuelles Gespür hat, und ich eher den Hang habe, etwas nicht sehr naturalistisch zu erzählen, sondern eigentlich sehr künstlich. Und da ist er jemand, der dieser Künstlichkeit dann trotzdem auch nicht nur Ästhetik, sondern auch ein Leben einhauchen kann. Es gibt da so etwas wie ein blindes Verständnis, das zwischen uns herrscht.
So high-tech und zukunftsgewandt die Welt in „Ich und die Anderen“ oft daherkommt, es steckt im Grunde viel Neunziger-Romantik darin.
Das stimmt. Die Serie spielt mit dem Gutfühlgedanken, der damals vorherrschte, deshalb spielen wir auch viel Musik aus der Zeit. Ich denke, bei der Generation, um die es da geht, die eher so eine Silicon-Valley-Generation ist, für die sind die Neunziger die letzte Dekade gewesen, wo alles gut war. Das ist so ein Sehnsuchtsort geworden, wie für uns die Sechziger.
„M“ war von der Atmosphäre her deutlich finsterer. Hat das auch damit zu tun, wie Sie die Entwicklung in der Gesellschaft und speziell in der Politik damals empfunden haben?
Bei M ging es mir darum, die Geschichte einer gesellschaftlichen Depression zu erzählen, darum ist die Erzählweise eher elegisch und schlafwandlerisch. Und ich finde schon, dass die Zeit, in der M entstand, eine sehr düstere war. Es ist ja auch jetzt eine sehr düstere Zeit. Also eigentlich passt M fast besser zur Atmosphäre des letzten Jahres, zum einen aufgrund dieses Lockdown-Gefühls und auch in der Hinsicht, dass sich die Gesellschaft da in eine ganz düstere Spirale hineinbegeben hat. Und diese allgemeine Depression, die habe ich damals eben auch sehr stark empfunden. Das hat schon sehr viel mit der Art der Politik der Rechten zu tun, die plötzlich in allen Regierungen saßen. Und dass man das Gefühl hatte, man kann dieser Politik, die sich auch sehr autoritär gibt, überhaupt nicht mehr über den Weg trauen. Es geht gar nicht mehr um Wahrheit oder darum, irgendwelche Dinge zu erreichen, sondern eher darum, dass man den Leuten ein gewisses Maß an Freiheit entzieht und fast schon prä-faschistoid auftritt. Und das hat die Serie versucht, auf einer sehr atmosphärischen Ebene einzufangen.
Was macht Ihnen eigentlich so viel Spaß daran, im Serienformat zu schreiben und zu drehen?
Man hat mehr Raum. Es ist eine andere Form der Dramaturgie, weil man in Folgen denkt und in Episoden. Und mir liegt diese Dramaturgie vielleicht einfach mehr und dann hat Serie eben automatisch auch eher etwas Spielerisches. Ein Film muss sich von Anfang an entscheiden, was er sein will. Eine Serie kann ihre Gestalt von Folge zu Folge sehr verändern. Das gefällt mir.
Heute herrscht ein extremer Konkurrenz- und Erfolgsdruck im Serienmachtkampf. Wie gehen Sie damit um?
Die Frage ist ja immer, was ist eigentlich das Ziel? Und gilt der Quotenbegriff, den wir uns angeeignet haben, heute überhaupt noch? Inzwischen ist es ja egal, ob an einem Abend 500.000 Leute schauen oder eine Million, am Ende des Tages bleibt in diesem ganzen Seriengewirr etwas in der Erinnerung oder eben nicht. Und darauf kommt es an. Für mich ist es also gar nicht wichtig, wie viele Leute meine Serie schauen, weil ich die Sachen in erster Linie für mich mache. Und weil es ja auch noch lange nicht heißt, dass etwas, was viele Leute schauen, automatisch auch gut ist. Altes Geld zum Beispiel war eine Serie, die ich einfach sehr gerne machen wollte, und nach Braunschlag gab es die Möglichkeit, etwas zu realisieren, das nicht gleich diesem Erfolgsdruck standhalten musste. Es war für mich wichtiger, es gemacht zu haben, und das ist bei M oder Ich und die Anderen nicht anders. Das sind alles keine kommerziellen Serien im klassischen Sinn, wo man sagt, die sind darauf ausgerichtet, dass sie eine möglichst hohe Quote bringen, sondern sie versuchen, etwas darzustellen oder zu vermitteln, was einen Weg beschreibt, den ich bisher noch nicht gegangen bin. Es hat für mich immer eher etwas mit dem Gesamtwerk zu tun und nicht damit, dass jeder mit dem Ergebnis zufrieden ist.
