Wo ist Kyra?

Filmstart 28. Juni

Wo ist Kyra? / Where Is Kyra?

| Jakob Dibold |
New Yorker Arthouse-Talfahrt, schwermütig, schwer bemüht

Wie in Antizipation des Kommenden ist es düster in Brooklyn, düster und unwirsch. Kyra Johnson pflegt eine alte Dame in deren Apartment, und es ist zunächst nicht hundertprozentig klar, dass die beiden Mutter und Tochter sind. Kyras Mutter stirbt und die finanzielle Lage ihrer Tochter verschlechtert sich rasch. Da sie selbst in einem Alter ist, in dem sich die Jobsuche als äußerst frustrierend erweist, droht der geschiedenen Einzelgängerin alles zu entgleiten. Als Lichtblick erscheint zunächst immerhin der ähnlich einsame Doug, dessen Avancen sie auch rasch erwidert.

Mehr lässt sich über die Handlung schon gar nicht sagen, ohne die dem Film zentrale (und einzige) Pointe vorwegzunehmen. Wo ist Kyra? Keine Panik: Kyra ist die ganze Zeit da. Zum Glück! Ohne Michelle Pfeiffer wäre Andrew Dosunmus drittem Kinospielfilm kaum mehr abzugewinnen als die Erkenntnis, dass Bradford Young ein technisch hervorragender Kameramann ist – spätestens seit dessen Arbeit an Arrival ist auch dies jedoch keine wirkliche Neuigkeit. Die einzige Brücke, die sich sonst von Denis Villeneuves Sci-Fi-Prunkstück zum Drama um Kyra Johnson schlagen lässt, ist der Umstand, dass auch hier stark versucht wurde, mit akustischen Mitteln eine bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. Der Versuch scheitert, bedrohlich bleibt einzig die beständige Heftigkeit, mit der das dramaturgische Gerüst wankt. Es nützt alles nichts: Eine dermaßen dünne Geschichte ist in der vorliegenden Erzählform zum Scheitern verurteilt.

Wo ist Kyra? Das ist wahrscheinlich das am besten Gelingende: Sie scheint es selbst nicht zu wissen. Alles, was sie sich aufgebaut hatte, alles, was ihr einmal Halt gab, ist in einigen wenigen, raschen Schritten verschwunden. Pfeiffer verleiht ihrer Figur glaubhaft die Zerrüttetheit einer Verliererin in der unbarmherzigen, anonymisierenden Großstadtgesellschaft, bis auf ein paar Ausbrüche gefasst, würdevoll und firm. Das Potenzial eines handfesten Sozialdramas erreicht der Film jedoch nie, dafür versperren zu viele narrative wie optische Künsteleien den Weg zu deutlich. Um jenseits einer klaren Genrezuschreibung als eigenwilliges, aber interessantes Filmkunstwerk zu funktionieren, müsste er dann jedoch zumindest sein einziges (ohnehin ahnbares) Überraschungselement ernst nehmen und in die diversen Richtungen, die darin ja auch durchaus angelegt wären, auffalten. Stattdessen wälzen sich Handlung und Charaktere langsam ihrem Ende zu, das, scharf formuliert, dann immerhin für alle Erlösung bedeutet.