Die Fantasy Filmfest Nights 2014 präsentierten an zwei Tagen ein kleines Programm ausgewählter Filme, das es erlaubte, sich im unübersehbaren Dschungel der Neuerscheinungen im Bereich der fantastischen Genres zu orientieren – reell Missglücktes nämlich schaffte es auch in diesem Jahr wieder nicht auf die Leinwände. Dafür aber Eli Roths erster Kannibalenfilm und ein beeindruckendes Mindgame-Movie von Dennis Villeneuve.
In einem gurkenreichen Gebiet wie dem phantastischen Film immer wieder Sehenswertes zu entdecken, ist keine dankbare Aufgabe. Das alljährlich seit 1987 stattfindende Fantasy Filmfest hat sich in dieser Hinsicht wacker geschlagen; richtig enttäuscht war man eigentlich nur, wenn Filme, um die man eh nicht herum gekommen wäre, wie, sagen wir, George A. Romeros Survival of the Dead, überraschend misslungen ausfielen. Und wer sich nicht die gefühlt 83. Funsplatter-Variation in der Midnight-Madness-Schiene antun mochte, ging halt früher heim oder in die Kneipe. Es hat erneut geklappt: Der diesjährige fachkundig kuratierte Appetizer des in sieben deutschen Städten veranstalteten Spätsommerfestivals, die zweitägigen Fantasy Filmfest Nights, boten ein paar zweckdienliche, ein paar tolle und einen grandiosen Film.
Erwartbares lässt sich knapp abhandeln: Dead Snow 2 (Norwegen 2014, Regie: Tommy Wirkola) hetzt Nazizombies auf Verweste aus den Reihen der Roten Armee. Hat man sich erst einmal dazu entschieden, das lustig zu finden, gibt es nichts zu nörgeln, zumal nicht um kurz vor Mitternacht und nach dem dritten Bier; bleibt nur die Frage, warum nicht früher schon jemand auf die Idee gekommen ist. Greg McLeans Wolf Creek 2 trampelt dem Zuschauer schon ordentlich auf den Nerven rum, wenngleich auch die Intensität des ersten Teils und der für den Backwoods-Horror untypisch ernste (Georg Seeßlen schrieb damals: fassungslose) Blick auf die Gewalt nur schwer wiederholbar ist. Das Sequel setzt, wenn auch vom selben Regisseur wie das Original, eher auf genretypischen Radau.
Interessanter wurde es mit Eli Roths The Green Inferno (USA 2014). Roth dockt hier an die italienische Variante des Hinterwäldler-Horrors an, den Kannibalenfilm. Bereits in Hostel 2 (USA 2007) hatte der Regisseur Ruggero Deodato einen kleinen Gastauftritt, dessen Hauptwerk Cannibal Holocaust (Italien 1980), einen der meist berüchtigten Filme in der Geschichte des Kinos, hat Eli Roth zu seinem Lieblingsfilm erklärt. Im Vergleich nimmt sich The Green Inferno eher zahm aus, Tier-Snuff und Vergewaltigungen bleiben dem Zuschauer erspart, eine Genitalbeschneidung wird nur angetäuscht. Was den rustikalen Humor angeht (bekiffte Menschenfresser, Durchfall im Kannibalenkäfig) schließt das Ganze nicht so sehr an die düsteren Hostel-Filme, sondern an Roths Debüt Cabin Fever an. Die Ausgangskonstellation ist klar strukturiert: Eine Gruppe junger und weitgehend ahnungsloser Aktivisten reist in den Dschungel, um die Vernichtung eines Ureinwohnerstammes zu verhindern, das Flugzeug stürzt ab, und die Wohlstandsjugend wird der Reihe nach zerhackt. Eli Roths Filme arbeiten sich, bei allem Jux, so clever wie brachial an den Bildern ab, die sich jene, die nie aus den Zentren (sei es nun USA oder Westeuropa) herausgekommen sind, vom Rest der Welt machen. Was in Hostel Osteuropa war, ist nun der südamerikanische Dschungel, die simple Formel bleibt die gleiche: Man übertreibt die Klischees ins Comic-hafte und spielt sie mit aller Gewalt durch.
Ti West, einer der interessantesten Indie-Horror-Regisseure zurzeit, hat sich mit The Sacrament (USA 2013) in das heikle Terrain des Found-Footage-Horrors vorgewagt. Drei Journalisten filmen eine Reportage über eine sektenhafte Glaubensgemeinschaft, die abgeschirmt von der Außenwelt in Südamerika lebt. Der von der ersten Minute an bedrohlich dröhnende Soundtrack deutet bereits an, dass das ein schreckliches Ende nehmen wird, und wirklich überraschend ist der Gang, den der Film nimmt, dann auch tatsächlich nicht; zumal sich irgendwann im weiteren Verlauf die inzwischen bekannten Plausibilitätsprobleme einstellen („Warum hört der Mann nicht auf zu filmen?“) und die Kamera im dritten Akt dann mit einem Mal doch, meine ich zumindest zu erinnern, losgelöst von der subjektiven Perspektive agiert. Nichtsdestotrotz verbreitet das Finale doch Unbehagen. Alles in allem ein feiner Horrorfilm, der mit einer klassischen Erzählinstanz eventuell besser funktioniert hätte, als über die allerspätestens seit Paranormal Activity 2 eher fade Suggestion von Authentizität mittels intradiegetischer Kamera.
Durch und durch artifiziell dagegen der asiatische, wenn man so will, Vampirfilm Rigor Mortis (Hongkong 2013, Regie: Juno Mak), der im Programm die Antithese bildete zu allem, was noch auf Realismuseffekte setzt. Ein Film, dem es nicht auf Plotstruktur oder gar -logik ankommt, sondern ausschließlich auf Farben, Geometrie und Bewegung. Dabei gelingen einige wunderschöne Sequenzen, die sich sowohl beim japanischen Geisterfilm wie auch beim Hongkong-Actionkino bedienen. Der grandiose Snowpiercer wiederum ist ein schöner Beleg dafür, dass intelligenter Subtext, Genrekino und filmischer Krawall Hand in Hand gehen können. Der Film von Bong Joon-ho war ebenfalls an prominenter Position im Programm vertreten und läuft ab 25. April in den Kinos (Rezension Snowpiercer).
Das soziale Gewissen des Horrorgenres wurde in diesem Jahr ein weiteres Mal von einem Film repräsentiert, der sich bewusst in die Tradition der gesellschaftskritischen Zombie-Mythologie der Romero-Schule stellt. Die spanisch-kanadische Koproduktion The Returned (2013, Regie: Manuel Carballo) verleiht der neben dem Vampir zurzeit virulentesten Genrefigur noch einmal einen neuen Dreh: Die Infizierten werden mittels eines Medikaments davor bewahrt, zu Zombies zu mutieren. Ähnlich wie in True Blood bilden die Monster nun eine marginalisierte Gruppe, vor der die, die sich selbst als normal definieren, sich fürchten; es dauert dementsprechend nicht lange, bis sich Pogromstimmung breit macht. Der Film kommt tatsächlich weitgehend ohne Zombies aus. Und das Ende ist ähnlich bitter wie in Frank Darabonts The Mist (USA 2007).
Wirklich überraschend ist Enemy (CAN 2013), der Film, den Dennis Villeneuve vor seinem allseits gefeierten Prisoners (USA 2013) gedreht hat, erneut mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle. Ein lethargischer Universitätsdozent entdeckt in einem Film einen Schauspieler, der exakt so aussieht wie er, und entwickelt eine ungesund anmutende Obsession für seinen Doppelgänger. Der Film beginnt als typisches Mindgame-Movie, das Ganze ist als Puzzle angelegt, der Zuschauer wird mit dem Protagonisten in die Position des Rätsellösers versetzt – nicht nachvollzogen werden will der Plot, sondern entschlüsselt. Villeneuve aber schielt nicht auf den einen brillant gebauten finalen Plot-Twist, der alles auflösen und erklärbar werden ließe. Während man noch versucht, herauszufinden, worauf das Ganze zuläuft, und in diesem Sinne schneller zu sein versucht als der Film selbst, werden die Räume enger und die Atmosphäre zunehmend beklemmend. Die Wahrnehmung, dass es sich tatsächlich nicht auflösen lassen wird, kommt schockhaft und geht einher mit einer der beeindruckendsten Schlusseinstellungen der letzten Jahre.
