Filmfestival

Wolfszeit

| Günter Pscheider :: Andreas Ungerböck |
Nach 16 Tagen umfangreichen Programms ging das 25. Tallinn Black Nights Film Festival mit der Verleihung von zahlreichen Preisen und deutschen Erfolgen zu Ende.

Auch wenn die Bars und Restaurants Corona-bedingt schon um 23 Uhr schließen mussten, der guten Stimmung beim größten Filmfestival der baltisch-nordischen Region tat dies keinen Abbruch. Wie immer wurden viele estnische und internationale Projekte in unterschiedlichen Entwicklungsstadien beim Industry@Tallinn Event präsentiert und verhandelt, die gesamte Filmindustrie der baltischen Staaten, aber auch Russlands und Skandinaviens profitiert von diversen Case Studies und vom Netzwerken in angenehmer Atmosphäre. Black Nights ist aber trotz dieser wichtigen Schiene von seiner Ausrichtung her ein klassisches Publikumsfestival und in der estnischen Hauptstadt bestens verankert. Das überaus prägnante Logo mit dem einsamen Wolf im Mondlicht ist in der Stadt, in den Geschäften und Restaurants nicht zu übersehen. Die Kinosäle in den zwei eher unschönen Shopping Malls sind sehr großzügig dimensioniert – in einigen kann man auf Relaxsesseln beinahe liegend die Filme genießen, was aber bei weniger gelungenen Werken zu einer erhöhten Einschlafgefahr führt. Vor allem am Abend werden zehn Filme beinahe zeitgleich gezeigt, sodass man meistens auch noch kurzfristig Tickets bekommt.

Das Programm ist vor allem in den vier (!) Wettbewerben (mit zahlreichen Weltpremieren, was für das Renommee des Festivals spricht) ziemlich anspruchsvoll, zwischen Meisterwerken und Enttäuschungen findet sich das Filmfestival-übliche Spektrum. Aber gerade in den Nebenschienen, die klingende Namen wie “Rebels with a Cause” oder “Current Waves” tragen, kann man überdurchschnittlich viele Werke entdecken, die Wert auf eine gute Geschichte legen und sich nicht nur in atmosphärischen Momentaufnahmen verlieren. Dennoch kann man bei einem so umfangreichen Programm, das auch noch ungewöhnliche Sektionen wie Sportfilme, ausgewählt vom estnischen Olympischen Komitee, oder Umweltfilme beinhaltet, nur einen sehr subjektiven Eindruck bekommen. Auffällig ist die eher geringe Anzahl von Dokumentarfilmen und vor allem die enorme Menge and Kinder- und Jugendfilmen, die Youth-Competition-Reihe wirkt beinahe schon wie ein kleines Festival im Festival. Dabei werden aktuelle Themen wie politisches Engagement in The Horizon ebenso angeschnitten wie psychische Probleme von Eltern in The Hive oder soziale Fragen wie im knallharten belgischen Film The Dealer. Die Geschichte eines jugendlichen Dealers – sein Alter wird nie erwähnt, aber der grandiose Darsteller wirkt wie zwölf – ist nicht frei von Klischees: die Gang, die ihn nicht loslässt, der alternde zynische Schauspielstar, der sich um den Jungen kümmert, die Mutter, die ihre eigenen Probleme nicht in den Griff bekommt. Aber der Film verzichtet auf ein naheliegendes Happy End und scheut nicht davor zurück, das ganze Elend eines früh verlorenen Charakters auf die Leinwand zu bringen. Auf noch intensivere Weise beschäftigt sich der auch in Cannes, aber leider nicht bei der Viennale gezeigte Playground von Laura Wandel mit der abgeschlossenen Welt von Schulkindern. Immer auf Augenhöhe der meist siebenjährigen Darsteller verfolgt die Kamera eine oft gnadenlose Welt (Originaltitel Un monde), in der früh auch mit brutalen Mitteln gelernt wird, wie wichtig es ist, der beherrschenden Gruppe anzugehören. Stress ist auch ein Thema im vor allem formal bemerkenswerten britischen Film Boiling Point. Ohne Schnitte lernen wir in einer langen, sehr bewegten Einstellung die Welt eines gehobenen Londoner Restaurants kennen, einschließlich arroganter Influencer, pöbelnder Gäste, einer meisterhaft troubleshootenden Sous-Chefin und vieler genau beobachtender, amüsanter Details, die das Leben für Chef Tony beinahe unerträglich machen.

Das asiatische Kino ist traditionell stark vertreten in Tallinn, allerdings sorgte der Abgang der entsprechenden Kuratorin doch für einen deutlichen Qualitätsabfall, vor allem im Vergleich zum geradezu sensationellen Aufgebot im Vorjahr. Immerhin legte Zhang Luoping mit seinem zweiten Film Habitat eine Talentprobe vor. Zwar ist die Handlung um eine Lehrerin in einer etwas heruntergekommenen Industriestadt, die gegen alle Widerstände ihrer Nachbarn und der Obrigkeit nicht akzeptieren will, dass ihr Mann bei einem Brand in einer Fabrik ums Leben gekommen ist, manchmal etwas konfus, die Eleganz der Inszenierung überzeugt auf ganzer Linie. Lange Kamerafahrten, atmosphärisch dichte Bilder, glänzende Schauspieler und eine melancholische Grundstimmung, verbunden mit subtiler Kritik am chinesischen Establishment sorgen für beinahe uneingeschränkten Filmgenuss. Mit China beschäftigt sich auch der Dokumentarfilm Ascension von Jessica Kingdon, der eher banale Erkenntnisse aus der Tatsache zieht, dass es nun auch in der Volksrepublik Influencer, Internet-Stars und dekadente Superreiche gibt, die sich – Mao Zedong rotiert im Grab – wieder Bedienstete halten wie in der Feudalzeit. Eine nicht hundertprozentig gelungenes, aber sehr ambitioniertes Regiedebüt ist Who Is Sleeping In Silver Grey? von Liao Zhao, bemerkenswert vor allem wegen der exquisiten Schwarzweißbilder des österreichischen Kamerateams Xiaosu Han / Andreas Thalhammer. Gleich zwei Filme, Herd Immunity vom kasachischen Vielfilmer Adilkhan Yerzhanov und Unprecedented von Kudo Masâki aus Japan, versuchten sich, quasi als Schnellschüsse, an satirischen Zugängen zum Thema Covid-19, ohne wirklich zu reüssieren. Der vielleicht gelungenste asiatische Film lief – siehe oben – in der Jugendschiene. Der indisch-amerikanische Beitrag The Tenant von Sushrut Jain erzählt schlicht, aber ergreifend von der rührend-ungestümen Zuneigung eines 13-jährigen Jungen in Mumbai zu einer attraktiven neuen Nachbarin, deren vermeintlich “dunkle Vergangenheit” die spießige Hausgemeinschaft (und vor allem die heimlich sabbernden alten Männer des Wohnblocks) erregt.

Auch auf gehobene Hollywood-Ware wird nicht verzichtet: The Eyes of Tammy Faye erzählt sympathisch und ambivalent die unglaubliche, aber reale Geschichte vom Aufstieg und Fall des Prediger-Paares Jim und Tammy Bakker, die in ihren Fernsehshows unter anderem auch damit warben, dass Gott Homosexuelle genau so liebt wie alle anderen Menschen, ein Standpunkt, der in der traditionell rechtsgerichteten Welt der Evangelikalen Amerikas beinahe revolutionär erschien. Jessica Chastain wird wohl zu Recht den Oscar für diese auch physisch fordernde Rolle einer unbeugsamen Frohnatur bekommen, Andrew Garfield überzeugt als Jim Bakker.

Alle Preise des Black Nights Film Festivals anzuführen, würde den Rahmen sprengen. Der Grand Prix (immerhin 20.000 Euro) jedenfalls ging an den deutschen Film Lieber Thomas von Andreas Kleinert, ein Biopic über den früh verstorbenen Schriftsteller Thomas Brasch, dessen Hauptdarsteller Albrecht Schuch ebenfalls ausgezeichnet wurde. Beste Hauptdarstellerin wurde die jugendliche Sofia Krugova für ihre wahrhaft fuminante Leistung in der derben, aber sehr unterhaltsamen russischen Komödie No Looking Back von Kirill Sokolov. Den Regiepreis (und auch den Preis für das beste Drehbuch) erhielt der Pole Wojciech Smarzowski für The Wedding Day, der beste Debütfilm war laut Jury Other Cannibals von Francesco Sossai aus Deutschland. Und für Sebastian Meises deutsch-österreichische Ko-Produktion Große Freiheit gab es einen DDA Spotlight Award.

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