Sarah Polleys „Women Talking“ ist mehr als ein Drama, dessen Titel hält, was er verspricht. Trotz der düsteren Prämisse und aller formalen Schranken ist es ein Film von bemerkenswerter Hoffnung und Freiheit – und ein Plädoyer für die Kraft des Gesprächs.
Sarah Polley weiß, was sie will – und vor allem, was nicht. „Auf keinen Fall wollte ich die Gräueltaten verfilmen“, erklärt die Regisseurin mit Nachdruck, als sie an die wahren Ereignisse denkt, die hinter der Geschichte von Women Talking stehen. Kein Wunder, aus den realen Fakten spricht der pure Horror: Über hundert Frauen und Mädchen, die einer streng religiösen Mennoniten-Kolonie in Bolivien angehörten, wurden zwischen 2005 und 2009 wiederholt nachts überfallen, betäubt und anschließend brutal vergewaltigt. Die Misshandlungen wurden erst totgeschwiegen, dann als Strafe Gottes deklariert, bis schließlich einer der Männer auf frischer Tat ertappt wurde. 2011 verurteilte die bolivianische Justiz die Verdächtigen zu einer Haftstrafe von 25 Jahren.
Kammerspiel
Polleys Adaption des gleichnamigen Romans von Miriam Toews, der sich auf die sogenannten „Ghost rapes“ bezieht, ist kein Genrewerk. Als wir die Frauen kennenlernen, um die es in Women Talking geht, ist das Schlimmste bereits geschehen. Eine in sparsamen Bildern zusammengestellte Rückblende gibt Aufschluss über die brutale Vorgeschichte. Auch die Mädchenstimme aus dem Off, die das Geschehen auf der Leinwand kommentiert, verrät Einzelheiten und Details über die Rahmenhandlung des Dramas, das folgt. Nur ist „Drama“ in dem Fall tatsächlich das richtige Wort? Eine Versuchsanordnung, vielleicht. Aber der Film ist auch weitaus mehr als das. Es ist „ein Akt der weiblichen Vorstellungskraft“, wie es gleich zu Beginn heißt. Polley, die ehemalige Schauspielerin, die das Drehbuch zu ihrer vierten Regiearbeit erneut selbst geschrieben hat, inszeniert das Gespräch zwischen drei Familien, drei Generationen von Frauen weitestgehend als isoliertes Kammerspiel. Während die Männer der Kolonie in die Stadt fahren, um die Kaution für die inhaftierten Täter zu bezahlen, versammeln sie sich auf einem Heuboden, um herauszufinden, was sie als Nächstes tun sollen: Nichts tun und ihren Peinigern vergeben? Bleiben und kämpfen? Oder gehen?
„Die Gespräche bilden das Herz und das Rückgrat der Geschichte, und sie zeigen unzählige Parallelen zu unserer heutigen Welt“
Die Gespräche, die sich aus dieser so simplen wie gewaltigen Prämisse ergeben, bilden das Herz und das Rückgrat der Geschichte, und sie zeigen unzählige Parallelen zu unserer heutigen Welt: die #Me Too-Bewegung natürlich, die ein Jahr vor der Veröffentlichung von Toews’ Buch begann, aber auch das alltägliche Schweigen und die Reduzierung von Frauen auf wenig mehr als Werkzeuge und Musen – eine Praxis also, die jede patriarchalische Gesellschaft durchdringt. Und Polley weiß, wovon sie spricht. Als Kinderstar litt die Schauspielerin unter Traumata und Vernachlässigung. Und auch sie hat den Missbrauch von Macht in Hollywood aus erster Hand erfahren. In einem Meinungsartikel in der New York Times aus dem Jahr 2017 schrieb sie über ihre zutiefst beunruhigende Erfahrung mit Harvey Weinstein; ein Essay in ihrem vor wenigen Monaten erschienenen Buch „Run Towards The Danger“ beschreibt, wie sie als 16-Jährige einen sexuellen Übergriff erlebte.
Die Frauen in Polleys Film sind mutige, intelligente und wütende Menschen. Acht von ihnen sollen die finale Entscheidung für alle treffen. Nur der Lehrer August (Ben Wishaw) ist als Sohn einer aus unbekannten Gründen bereits zuvor aus der Gemeinde ausgestoßenen Familie der einzige Mann, der in der Runde zugelassen wird, um Protokoll zu führen. Die Frauen selbst haben Lesen und Schreiben nie offiziell gelernt. Die sanfte Ona (Rooney Mara), die verbissene Mariche (Jessie Buckley) und die wütende Salome (Claire Foy) spielen die lautesten, impulsivsten und wortgewandtesten Sprecherinnen in der Runde, während Frances McDormands „Scarface“ Janz sich von vornherein entschieden auf die Seite der „Do-nothing“-Frauen stellt. Aus den Jüngeren aber sprechen der ganze Zorn und ihre Angst, alle Zweifel und Gefühle, aber auch die Träume und Hoffnungen, die sie haben, für eine Zukunft, die anders sein kann. Ihre Dialoge sind hitzig und philosophisch, kontrovers und emotional. Dazwischen baut Polley beinahe unmerklich kleine Denkpausen ein, immer wieder stimmt eine der Älteren (darunter Judith Ivey und Sheila McCarthy) ein Kirchenlied an, um die Stimmung zu beruhigen. Immer wieder bricht Luc Montpelliers Kamera kurz aus, schwenkt über die weiten Felder, verharrt in leeren Innenräumen oder fängt eine flüchtige Szene außerhalb der Scheune ein. Es ging ihr, sagt Polley, auch darum, einen Schritt zurückzutreten, oder wie sie es nennt, die Vogelperspektive einzunehmen und Fragen zu stellen: „Glaube, Vergebung, individuelle Schuld gegenüber systemischer Ungerechtigkeit und hierarchischen Machtsystemen. All das fließt ein in dieses Gespräch über geschlechtsspezifische Gewalt und wird zu einer viel größeren Debatte. Wenn man so will, geht es um alles und jeden von uns.“
Wechsel ins Regiefach
Das ist viel. Und Polley will viel. Man merkt der Regisseurin ihre Leidenschaft an. Für das Thema. Für ihren Beruf, den sie aufgrund einer langwierigen Gehirnerschütterung, die sie vor einigen Jahren erlitt, lange Zeit nicht ausüben konnte. Und für ihren Film, der so eigenwillig ist wie sie selbst. Die 1979 in Toronto geborene Kanadierin war noch nie eine Filmemacherin, die sich an Formeln hält. Ihre eigene bemerkenswerte, aber nicht ungetrübte Geschichte einer Schauspielerin, die vor der Kamera aufgewachsen ist, prägt ihren Blick. Sie hat für Regisseure wie Terry Gilliam (The Adventures of Baron Munchausen, 1988), David Cronenberg (eXistenZ, 1999) und wiederholt für Atom Egoyan gespielt. Doch es war die Zusammenarbeit und der Austausch mit so unterschiedlichen, aber ähnlich engagierten Filmemacherinnen wie Kathryn Bigelow (The Weight of Water, 2000) und Isabel Coixet (My Life Without Me, 2003), die ihr die nötige Kraft und den Rückenwind für eine eigene Karriere hinter der Kamera gegeben haben.
In Polleys bisheriger Laufbahn als Regisseurin gibt es keine festen Stilvorgaben, auch keinen roten Faden, an dem sie sich orientiert. Will man ihre bisherigen Werke auf bestimmte Motive festlegen, kommen einem die Auseinandersetzung mit Erinnerung, die Schwere wichtiger emotionaler Entscheidungen und ein unkonventioneller Blick auf individuelle Frauenschicksale in den Sinn. In ihrem Oscar-nominierten Regiedebüt Away From Her (2006) spielt Julie Christie eine Alzheimer-Patientin, die sich gegen den Wunsch ihres Mannes (Gordon Pinsent) in ein Heim begibt und mit nachlassender Gedächtnisleistung eine bewegende Charakterwandlung durchläuft. Take This Waltz (2011) zeigt Michelle Williams als junge Frau in der Ehekrise, die in einem verbotenen Flirt mit ihrem gutaussehenden Nachbarn (Seth Rogen) einen Ausweg aus der Mittelmäßigkeit entdeckt. Doch es ist ihr Dokumentarfilm Stories We Tell (2013), in dem Polley ihre persönliche Vergangenheit rekonstruiert, um dem Wesen ihrer verstorbenen Mutter auf die Spur zu kommen, der bisher am stärksten ihr Talent für ungewöhnliche, eigenwillige Erzählformen erkennen ließ.
Women Talking fügt sich nahtlos ein in diese Filmographie. Die Kinobilder der ländlichen Gemeinde sind in einem auf vergangene Zeiten hinweisenden Graublau gehalten, auch wenn die Handlung selbst kaum ein Jahrzehnt zurückliegt. Die theaterhafte, fragmentarische Inszenierung ist gewöhnungsbedürftig. Das ganze Setting irritiert und entfaltet zugleich einen merkwürdigen Sog. Dazu trägt nicht zuletzt auch die zurückhaltende, aber kraftvolle Filmmusik von Hildur Guðnadóttir bei, die jede noch so gewaltige oder unmerkliche Stimmungsschwankung fast stoisch einfängt und unterstreicht. Polley lässt derweil keinen Zweifel daran, dass ihr die Solidarität und das Mitgefühl mit den Frauen auf der Leinwand mitunter wichtiger ist als der Film, der dabei entsteht. Und trotzdem schafft sie eine Bilderwelt, die man vermisst, sobald der Abspann läuft. Vielleicht weil jeder Satz, der in Women Talking fällt, bar bezahlt ist mit den eigenen Erfahrungen, dem eigenen Lebenskampf. Die Sprache ihrer Protagonistinnen entwickelt einen eigenmächtigen Sound unermüdlichen Ringens um eine gerechtfertigte Entscheidung – und um Glaubwürdigkeit. Die Auseinandersetzungen wirken mitunter forciert und scheinen mal im Jetzt, mal in einer vorindustriellen Vergangenheit verortet. So direkt, so unmittelbar, so ungreifbar. Wenn sie nicht diskutieren, weinen und trösten die Frauen und Mädchen einander, manchmal lachen sie sogar. Allein mit dem Gespräch darüber, ob sie bleiben, kämpfen oder gehen sollen, betreten sie Neuland für sich und die Zukunft ihrer Kinder. Doch die Männer werden bald zurückkehren. Und auch das Gefühl der drohenden Gefahr ist deutlich spürbar in jedem Augenblick. Der Morgen ist nah, die Zeit drängt. Die Frauen müssen sich einigen. Es ist bis zur letzten Minute ein Streitgespräch der Selbsterkenntnis und der Aufforderung zur gesellschaftlichen Kommunikation.
Sarah Polley hat mit Women Talking einen besonderen, einen sperrigen, einen mitfühlenden Film geschaffen. Einen Film, dessen Dialoge ebenso, vielleicht sogar besser, auf einer Theaterbühne zur Wirkung kommen würden. Ihre Schauspielerinnen leisten Schwerstarbeit, um den Text auch auf der Leinwand zu seiner vollen Berechtigung zu verhelfen. Sie sind Verbündete und Einzelkämpferinnen zugleich. In ihrer emphatischen Auseinandersetzung miteinander und mit sich selbst erhält Polleys wütende, hoffnungsvolle Parabel über christlichen Glauben und weibliche Selbstbestimmung ihre Bedeutung und ihre Schärfe. Und wer mit solch existenziellen Kräften gegen die Konventionen des Kinos angeht, schafft eine neue Verbundenheit zwischen Film und Publikum. Women Talking fordert sein Publikum heraus und er fordert uns auf, nachzudenken, Fragen zu stellen und eine eigene Entscheidung zu treffen. Es geht darum, das Richtige zu tun – aber was? Die Antwort kennt schließlich nur jeder für sich selbst.
