Mit der Rolle einer Stripperin in der schrägen Komödie Zack and Miri Make a Porno zeigt Traci Lords einen Hang zur Selbstironie bezüglich ihrer eigenen Lebensgeschichte. Eine Haltung, die angesichts ihrer bewegten Biografie Respekt verdient und Anlass genug ist, um eine Schauspielkarriere der ungewöhnlichen Art näher zu betrachten.
Nichts liebt die US-amerikanische Gesellschaft mehr als Geschichten, in deren Mittelpunkt ein vermeintlich chancenloser Außenseiter steht, der sich gegen alle Widrigkeiten behauptet und am Ende sein lange angestrebtes Ziel zu erreichen vermag. Sylvester Stallone gelang mit der von ihm kreierten Figur des Underdogs Rocky Balboa praktisch über Nacht der Durchbruch zum Superstar, der Sieg des vornehmlich aus Studenten bestehenden US-Eishockeyteams gegen die als unbezwingbar geltende „Sbornaja“ der UdSSR bei den Olympischen Spielen von Lake Placid 1980 firmiert seither schlicht und einfach als „Miracle on Ice“. Und in den Dreißiger Jahren wurde ein klein geratenes, am Anfang seiner Karriere wenig erfolgreiches Rennpferd namens „Sea Biscuit“, das mit einem neuen Trainer binnen weniger Jahre einen unglaublichen Siegeszug antrat und zum erfolgreichsten Galopper des Landes aufstieg, auch gleich zu einem landesweiten Publikumsliebling — das Pferd mit seinem unnachahmlichen Siegeswillen, dessen Geschichte 2003 auch im Kino zu sehen war, wurde für die unter der wirtschaftlichen Depression leidenden Menschen zu einem Symbol der Hoffnung.
Doch bei aller Bewunderung für große Außenseiter: Traci Lords gegen Mitte der Achtziger Jahre eine respektable Schauspielkarriere in Hollywood vorherzusagen, wäre in etwa so gewesen wie die Hoffnung, mit einem dreibeinigen Esel das Kentucky Derby zu gewinnen. Denn die Geschichte der Traci Elizabeth Lords mit all ihren Höhen und Tiefen ist eigentlich so unglaublich, dass man einem Drehbuchautor, der derartiges erfände, einen eklatanten Mangel an Glaubwürdigkeit und Plausibilität vorhalten würde. Es ist eine Geschichte, die neben jeder Menge an Sex, Crime und Dramatik auch alle Voraussetzungen beinhaltet hätte, für die Protagonistin tragisch zu enden. Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die es schaffte, dank ihrer Zähigkeit und ihrer Ausdauer den Glauben an sich selbst niemals zu verlieren und damit ihrem Leben eine völlig neue Richtung zu geben. Und es ist nicht zuletzt eine Geschichte, die die US-amerikanische Gesellschaft von einer — vor allem nach den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit — ungewohnt gelassenen und toleranten Seite zeigt.
Eine Frau mit Vergangenheit
Geboren wurde Traci Lords unter ihrem richtigen Namen Nora Louise Kuzma am 7. Mai 1968 in der Kleinstadt Steubenville, Ohio. Als sie zwölf Jahre alt war, trennte sich ihre Mutter von ihrem alkoholkranken Ehemann, Tracis Vater, und zog mit ihren vier Töchtern nach Kalifornien. Mit fünfzehn beschloss Traci, ihre desolaten Familienverhältnisse hinter sich zu lassen und riss von zu Hause aus. „I ran away to Hollywood on a bus, a Greyhound bus, because I wanted to walk down the boulevard and see the spark-ling sidewalks. It was silly“, so Traci Lords 2003 in einem Interview mit Larry King. Der Traum von Hollywood währte nicht lange. Der Ex-Freund ihrer Mutter brachte sie mit einer jener einschlägigen Modellagenturen in Verbindung, die Personal für die Sex-Industrie rekrutierte. Dafür machte sich die noch minderjährige Nora Louise mit Hilfe einer manipulierten Geburtsurkunde gleich einmal um fünf Jahre älter und legte sich den Künstlernamen
Traci Lords zu, kurioserweise Katharine Hepburns Rollenname (von minimalen Veränderungen in der Schreibweise abgesehen) in The Philadelphia Story. Nach einigen Jobs als Nacktmodell (darunter 1984 in der September-Ausgabe von „Penthouse“, wo man ihr Alter sogar mit 22 Jahren angab) landete Traci bald im Zentrum der US-amerikanischen Porno-Industrie, jenem subkulturellen Universum, das von Skurrilität und Skrupellosigkeit geprägt ist. Und um jedem Missverständnis vorzubeugen: Die Filme, in denen Traci Lords ab 1984 agierte, waren keine Erotik- oder Softsexstreifen, sondern jene Form expliziter Pornografie, die der Fantasie aber auch keinen Millimeter Spielraum lässt. Es war jene Ära, in der die Hardcore-Industrie dank der Verbreitung durch Video einschlägige, schmuddelige Kinos hinter sich ließ und Einzug in jedermanns Wohnzimmer hielt – und Traci Lords zählte innerhalb kurzer Zeit zu den absoluten Superstars dieser Szene. Doch 1986 flog der Schwindel mit der Altersangabe auf und zog eine groß angelegte FBI-Untersuchung nach sich. Traci-Lords-Filme mussten, weil sie Sexszenen mit einer Minderjährigen enthielten, vom Markt genommen werden, sie selbst wurde zwar kurzzeitig in Haft genommen, jedoch nicht angeklagt. Es ist auf jeden Fall ein Kapitel ihrer Lebensgeschichte, das sich nicht leicht vollständig und exakt rekonstruieren lässt, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Traci Lords schon seit Jahren der Ruf begleitet, es mit der Wahrheit bei der Selbstdarstellung nicht immer so ganz genau zu nehmen. Es hielt sich sogar das hartnäckige Gerücht, Traci selbst habe die Sache ins Rollen gebracht, weil sie die Rechte am einzigen Film hielt, den sie im legalen Alter gedreht hatte, um so dessen Marktwert zu erhöhen — ein Vorwurf, den sie jedoch stets energisch dementierte und der sich auch nie beweisen ließ. In den zahllosen Interviews im unmittelbaren Anschluss an diese Affäre meinte Traci Lords, sie könne sich an Details aus ihrer Hardcore-Zeit gar nicht richtig erinnern, da sie fast ständig unter dem Einfluss von Kokain gestanden habe. Und auch in ihrer 2003 veröffentlichten Autobiografie „Underneath It All“ verwies sie wieder darauf, dass sie von der Porno-Branche, um es zurückhaltend zu formulieren, nicht gerade gut behandelt worden sei.
Nächster Halt: Hollywood
In der Hardcore-Szene galt Traci Lords auf jeden Fall fortan als Persona non grata, ein Umstand, der sie wenig tangiert haben dürfte, hatte sie sich mittlerweile doch längst das ehrgeizige Ziel gesetzt, eine richtige Schauspielkarriere zu machen. Ein ambitioniertes Unterfangen, denn abgesehen davon, dass es Hollywood nicht gerade an Nachwuchs mangelt, war der Name Traci Lords im Zug der Affäre um ihre als Minderjährige gedrehten Sexszenen, die sogar den Supreme Court beschäftigen sollte, mehr als nur vorbelastet. Jeder Filmproduzent musste im Fall eines Engagements damit rechnen, sich jene einschlägigen Schlagzeilen einzuhandeln, die der Mainstream vermarktungstechnisch nicht gerade schätzt. Vom popkulturellen Kokettieren mit dem Porn Chic, der mittlerweile gang und gäbe ist, war man in den späten Achtziger Jahren noch weit entfernt. Von all dem ließ sich Traci freilich nicht beirren, bekam ihr Drogenproblem in den Griff, nahm Schauspielunterricht am renommierten Lee Strasberg Theatre Institute und behielt wie zum Trotz ihren Künstlernamen. Roger Corman, König des B-Pictures, reagierte gewohnt pragmatisch und gab ihr 1988 die Hauptrolle in dem Science Fiction Film Not of This Earth, ein Auftritt über den die „Los Angeles Times“ schrieb: „The answer is: yes, she can act!“
Keinerlei Berührungsängste hatte dann auch Underground-Ikone John Waters, der sie für eine Hauptrolle in Cry-Baby (1990) verpflichtete, wo Lords neben keinem Geringeren als Johnny Depp agieren durfte. Zwar musste sie sich auch weiterhin durch drittklassige Action- und Horrorfilme wie A Time to Die oder Shock ’Em Dead kämpfen, doch ihre Schauspielkarriere begann Gestalt anzunehmen. Filmindustrie und Öffentlichkeit gingen in der Folge auch ungewöhnlich entspannt mit ihrer Vergangenheit um. Mit Gastauftritten in Prime-Time-Fernsehserien wie „MacGyver“, „Married with Children“, „Melrose Place“ und „Roseanne“ sowie einer gar nicht so kleinen Nebenrolle in der TV-Adaption des Stephen-King-Romans „The Tommyknockers“ konnte sich Traci Lords einem Millionenpublikum präsentieren. Und auch die großen Filmproduktionen kamen schön langsam in Griffweite, zunächst mit einer Minirolle in Virtuosity (1995) neben Größen wie Denzel Washington und Russell Crowe. Zudem schaffte sie es im Verlauf des Castings für Martin Scorseses Casino in die Endauswahl, ehe sie schlussendlich Sharon Stone den Part der Ginger überlassen musste. In der stilbildenden Krimiserie „Profiler“ überzeugte Traci Lords in 19 Folgen mit ihrer Rolle der psychopathischen Serienmörderin Sharon Lesher und stellte damit endgültig unter Beweis, dass ihre darstellerischen Fähigkeiten nicht bloß eindimensional sind. Lords ist zwar sicherlich keine überragende Schauspielerin, die ihren Figuren viele Nuancen abringen würde, doch sie versteht es sehr wohl, ihre Rollen in Genre-Filmen und Fernsehserien mehr als nur passabel zu meistern und dabei stets uneigennützig und uneitel zu agieren. Und sie verfügt über jene Art von rational nur schwer zu definierender Leinwandpräsenz, die ihren Auftritten gleich einmal ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit verschafft.
Bei der Auswahl ihrer Rollen agiert sie unprätentiös, ihr Repertoire umfasste in den letzten Jahren ein recht breites Spektrum: einen kurzen, aber markanten Auftritt in dem Blockbuster Blade, Hauptrollen in kleinen Independent-Produktionen wie Novel Romance oder Horror-Trash wie Crazy Eights und weiterhin Gastauftritte in populären TV-Serien wie „Gilmore Girls“. Was den Umgang mit ihrer bewegten Vergangenheit angeht, so fährt Traci Lords mittlerweile eine Art von Doppelstrategie: Sie bevorzugt zwar weiterhin, nicht auf ihr einschlägiges Vorleben angesprochen zu werden („I hate the phrase ‚former porn queen‘. That part of my life was a long time ago. Think of something else to call me … I’m successful in spite of my past, not because of it.“), doch sie hat gelernt, ihre Vergangenheit zu akzeptieren und damit umzugehen. In einem Gespräch mit Oprah Winfrey brachte sie ihre Situation wohl treffend auf den Punkt: „I found you can run but you cannot hide.“ Und wie um dieses Statement zu bekräftigen, hat sie ihren Namen auch ganz offiziell und amtlich auf Traci Elizabeth Lords ändern lassen.
Blick zurück ohne Zorn
Die Rolle, die Traci Lords in Zack and Miri Make a Porno angenommen hat, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass sie inzwischen ein wenig entspannter auf ihre Zeit im Hardcore-Business zurückblickt. Kevin Smiths schräge Komödie handelt von dem Titel gebenden Paar Zack (Seth Rogen) und Miri (Elizabeth Banks), die seit ihrer Highschool-Zeit eine enge, jedoch rein platonische Freundschaft verbindet. Was ihre beruflichen Karrieren angeht, sind die beiden über die Jahre hinweg gleichermaßen erfolglos. Als die monatlichen Rechnungen wieder einmal unbezahlt bleiben, entschließen sie sich, mit einem selbst gedrehten Pornofilm groß ins Geschäft einzusteigen. Zu ihrer Unterstützung bei diesem Unterfangen versammeln sie eine Gruppe liebenswerter Nerds um sich, darunter auch die Stripperin Bubbles (Traci Lords), die mit ihrer professionellen Erfahrung den Neulingen im Porno-Geschäft mit Rat und Tat zur Seite steht.
Mit Zack and Miri Make a Porno ist Kevin Smith eine Komödie gelungen, die (einmal abgesehen vom Schlussviertel) prüde und scheinheilige Moral- und Wertvorstellungen auf herrlich subversive Art und Weise mit teilweise auch brachialem Humor aufs Korn nimmt. Dass seine Inszenierung bezüglich der Darstellung des Porno-Biz primär auf jene popkulturell geprägten Mythen zurückgreift, die seit Paul Thomas Andersons brillantem Boogie Nights hoch im Kurs stehen, wird sich vermutlich kaum mit den Erfahrungen decken, die Traci Lords dort gemacht hat. Was Traci ganz offensichtlich nicht gestört hat, denn sie fügt sich nahtlos in das Ensemble ein, das die Mitglieder der Porno-Truppe als skurril-fröhliche Solidargemeinschaft porträtiert. Mit sichtlicher Spielfreude schlachtet sie alle Klischees aus, die in dieser Rolle bereit liegen, um diese schlussendlich in selbstironischer Überzeichnung aufzulösen. Die Fähigkeit, zumindest in ihren Rollen auch ein wenig über sich selbst lachen zu können, passt auch zu jenem etwas differenzierten Bild, das Traci Lords von sich selbst zu bekommen scheint. So kommentiert sie ihre Hardcore-Laufbahn mittlerweile auch mit einem eher lakonischen Statement: „No one put a gun to my head and said ‚you have to do this‘.“
Traci Elizabeth Lords hat es auch wirklich nicht mehr notwendig, einzelne Kapitel ihrer Biografie zu verbergen. Im richtigen Filmgeschäft ist die Frau nämlich längst angekommen.
