Mercedes Echerer und Banu Mukhey schicken Filme in österreichische Orte, in denen es schon lange keine Kinos mehr gibt – und das mit großem Erfolg: „EU-XXL Die Reihe“ feiert das zehnjährige Jubiläum.
Nicht weniger als 345 Kinos verzeichnet die Statistik allein für Niederösterreich – das war allerdings im Jahr 1958. Und da es damals pro Kino bekanntlich nur einen Saal gab, waren das auch 345 Leinwände. Heute gibt es 27 Kinos mit 98 Leinwänden*. Ein anderes Beispiel, das Burgenland: 1964 gab es 90 Kinos / Säle, das war der Höchststand, heutzutage sind es genau 3 (in Worten: drei) mit insgesamt 13 Sälen* (*Quelle: Website der Wirtschaftskammer Österreich, Fachverband der Kino-, Kultur- und Vergnügungsbetriebe). Oder werfen wir einen Blick auf Gesamt-Österreich: 1958 standen 1.244 Kinos / Leinwände zu Buche, heute sind es 138, etwas mehr als ein Zehntel also, mit 556 Sälen. Bei den Besucherzahlen dasselbe Bild: 1958 gingen die Menschen in Österreich 122 Millionen Mal ins Kino – also rund 17 Mal jährlich, Babys und Greise mit eingerechnet. 2014 verzeichnete man 19,4 Millionen Eintritte, also rund 2,5 pro Kopf und Jahr, was aber immerhin doppelt so viel ist wie etwa in den Kino-killenden neunziger Jahren.
Zahlen wie diese sind ohnehin seit langem bekannt und nicht wirklich überraschend, in ihrer nackten Faktizität aber doch ernüchternd. Ganze Landstriche (das südliche Niederösterreich etwa) verfügen über keinerlei Kino mehr. Stattdessen stehen Multiplexe in der Nähe der Landeshauptstädte oder größerer Bezirksstädten. „Das ist eben der Zug der Zeit“, „der Markt reguliert sich selbst“, man kennt das. In der schönen neuen Kinowelt kann man eben mal einen Film schauen, aber auch vorher oder nachher essen und trinken, Sport betreiben, bowlen, tanzen oder – am wahrscheinlichsten – shoppen. „Mobilität“ heißt das Zauberwort, denn diese Orte des Vergnügens erreicht man ausschließlich mit dem Auto, nicht mit der Bahn, nicht mit dem Bus, nicht mit dem Fahrrad.
Warum die lange Einleitung? Weil es vor diesem Hintergrund umso sinn- und verdienstvoller erscheint, was Mercedes Echerer, die Initiatorin von „EU XXL Die Reihe“, und Banu Mukhey, die als Projektleiterin für die Film- und Programmauswahl zuständig ist, in den letzten zehn Jahren auf die Beine gestellt haben. Doch wie kam es dazu? Mercedes Echerer, seit 6. Oktober mit dem Berufstitel „Professorin“ ausgestattet – das Interview fand wenige Stunden vor der Ehrung statt – erinnert sich: „Zu der Zeit gab es das Festival EU XXL FILM mitsamt der parallel stattfindenden Tagung europäischer Expertinnen und Experten am Campus Krems noch. Die Filme wurden im Kino beim Kesselhaus gezeigt. Im EU XXL-Büro diskutierten wir, wie man mehr Menschen den europäischen Film näherbringen könne, und schließlich sind Barbara Pichler (die spätere langjährige Diagonale-Intendantin, Anm.) und ich zu dem eigentlich sehr naheliegenden Schluss gekommen: Man muss das Kino zu den Leuten bringen, wenn die Leute nicht zu den Kinos kommen – bzw. gar nicht kommen können, weil es in ihrer Umgebung einfach keine gibt.“
Wer Echerers hemdsärmelige, zupackende Art kennt, kann sich vorstellen, dass da nicht lange gefackelt wurde: „EUXXL Die Reihe“ war geboren. Die (Mit-)Initiatorin sieht das erste Jahr, in dem auch noch etliche Veranstaltungsorte in Wien bespielt wurden, im Rückblick „als Flop“ bzw. als „lehrreiche Erfahrung“: „Ich war schon etwas ernüchtert, aber im Team sind wir schnell draufgekommen, wo wir den Hebel ansetzen müssen, damit das Ding gut funktionieren kann. Und über die Jahre ist unser Angebot so gut geworden, dass immer mehr Gemeinden, Initiativen, usw. mitmachen.“ „Wir halten heute bei rund 10.000 Zuschauern pro Jahr“, sagt Banu Mukhey, die jährlich „an die 500 Filme sichtet“, um ein abwechslungsreiches, zuschauerfreundliches und qualitätsvolles Programm an europäischen Filmen zusammenzustellen: „Das Eine schließt das Andere schon lange nicht mehr aus. Es gibt so viele Arthouse-Filme, die unterhaltsam sind, genauso wie es Mainstream-Filme mit durchaus hohem Anspruch gibt.“ Das Publikum goutiert das: „Es gibt in zunehmendem Maße nicht nur Stammgäste, die immer wieder kommen, sondern mittlerweile auch einige Publikumslieblinge, die die Leute immer wieder gerne sehen. Zu ihnen zählt etwa Michael Fuith. Seit er mit Regisseur Alexander Stecher und dem Film Das große Glück sozusagen (2008) durch die Veranstaltungsorte tourte, fragen die Leute oft, wann wieder ein Film mit ihm kommt.“
Die Filme werden auf DVD gezeigt, anders wäre das auch gar nicht möglich. Banu Mukhey: „Ich sehe da kein großes Problem. Das wichtigste ist doch, dass die Leute die europäischen Filme sehen können.“ EUXXL klärt die Rechte, kauft die entsprechenden DVDs und stellt sie den Veranstaltern zur Verfügung: „Das ist sicher ein Grund für den Erfolg“, sagt Mercedes Echerer. „Ein Veranstalter in einem bestimmten Ort kann sich aus unserem Angebot Filme auswählen, ganz nach den Gegebenheiten. Er kennt sein Publikum am besten, er kann jeden Freitag spielen oder nur zweimal pro Jahr oder jeden zweiten Sonntag, ganz, wie es für den Ort und die Leute passt.“ „Wir stellen außerdem Material zu den Filmen zur Verfügung, Plakate, Fotos, Texte, es gibt unser kleines Heft als zentrales Medium für alle. Da stehen die Filmbeschreibungen drinnen, Regisseur und Besetzung, und die Termine – mehr braucht man gar nicht.“ Auch, dass die Filme in den allermeisten Fällen in deutscher Fassung gezeigt werden, sehen Mukhey und Echerer nicht als Problem: „Wichtig ist, dass die Leute kommen und etwas von den Filmen haben. Filme mit Untertiteln zu zeigen, wäre da nicht sehr sinnvoll, sie sind es einfach nicht gewohnt.“
Insgesamt bewirkt EU XXL Die Reihe, so Banu Mukhey, einen ziemlich regen Postverkehr: Die DVDs und das Material werden verschickt, kommen wieder zurück oder werden von Veranstalter A an Veranstalter B weitergesendet: „Da gibt es manchmal kleine Pannen, aber letztlich funktioniert alles.“ Publikumsrenner (in dieser Saison erwartbar etwa Monsieur Claude und seine Töchter oder Das ewige Leben) kommen dabei ganz schön herum. Stichwort österreichischer Film: „Nicht alles ist da auch für diese Art von Veranstaltung geeignet. Umso erfreulicher ist es dann, wenn österreichische Filmschaffende sich bereit erklären, den einen oder anderen Termin wahrzunehmen und mit den Leuten zu sprechen – wie etwa Harald Sicheritz bei Bad Fucking. Das kommt natürlich sehr gut an.“
Apropos „gut ankommen“: Der vermutlich größte Erfolg von EU XXL Die Reihe ist die Tatsache, dass die Leute nach den Vorführungen – vom Veranstalter moderiert oder auch nicht – über die Filme zu sprechen beginnen, manchmal zunächst zögernd, dann auch sehr intensiv: Rupert Henning zitiert im Programmheft 2014 einen Mann, der ihn bei einer Veranstaltung stehen habe lassen, weil er an der Filmdiskussion teilnehmen wollte: „Entschuldigen’s, aber das interessiert mich.“ Und das ist noch längst nicht alles. Mercedes Echerer freut sich, dass via EU XXL-Kinoveranstaltungen – egal, ob im Hinterzimmer eines Gasthauses, in einem Schloss oder in einer der zahlreichen Mehrzweckhallen des Landes eine neue (alte) Gesprächskultur entstehe: „Die Leute freuen sich (und sagen das auch), dass sie ,endlich wieder einen Ort haben, an dem wir zusammenkommen und reden können’.“ Das sei ganz wie in der alten Zeit – als es noch Gasthäuser, Greißler, Postämter gab, die ja in vielen Ort ebenso ausgestorben oder in ihrer Existenz gefährdet sind wie das Kino.“
Längst ist der gute Ruf von „EU XXL Die Reihe“ über Niederösterreich hinausgedrungen, wo alles begann und wo sich noch immer die meisten Veranstaltungsorte befinden. Erstmals sind in diesem Jahr alle neun Bundesländer mit Kinoveranstaltungen vertreten – und das an so illustren Orten wie der Villa Falkenhorst im vorarlbergischen Thüringen, dem Hotel zum Kirchenwirt in Mariazell, dem Hotel Metzgerwirt in St. Veit im Pongau, der Zuckerfabrik in Enns, dem Kulturkeller Dörrhaus in Neustift-Innermanzing und dem burgenländischen Forsthaus Hornstein. Und so ist der catchy Slogan von „EU XXL Die Reihe“ mehr als nur zutreffend: „Das Wanderkino des 21. Jahrhunderts“.
