Zehn Jahre ray

Verstehen und verändern

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Rabenschreie auf der Tonspur

Notizen aus zehn Jahren. Für „ray“.

Text – Götz Spielmann

2005

Nach Monaten der Kälte ein sonniger, warmer Tag. Hinausgegangen und fröhlich gewesen.

Natürlich steht ein jeder im Mittelpunkt der Welt. Man sollte das aber nicht für eine Eigenschaft der Welt halten.

Scheinbar ein Widerspruch: Das Schöne entsteht durch Selbstbewusstsein und Selbst­vergessenheit.

2006

Die Bewegungen der Eidechse: wie Tanzende in einem Stroboskop.

Genaues Denken erkennt nicht den Unterschied, sondern die Gemein­samkeit. Es trennt die Dinge nicht, es verbindet sie.

Stellt Kunst vor allem Fragen? Nein: Sie kommt aus einem Wissen, das sichtbar gemacht, das realisiert wird. Aber in der Begegnung mit diesem Wissen werden manche der gängigen und bequemen Antworten fragwürdig. Das mag dann zu Fragen führen.

Sich in der Realität zuhause fühlen wie ein willkommener Besucher.

Kreativität: Chaos mit Ziel.

Schönheit ist dort, wo eine Klarheit auf Geheimnis, auf Zufall, Chaos trifft. Wo Genauigkeit das Ungewisse berührt. Ein Grenzgang.

2007

Auf dem Metallgitter der Dachterrasse gegenüber meinem Schreibzimmer sitzt eine große schwarzgraue Krähe, als wäre sie hier zuhause. Und als ich das denke, fliegt sie davon.

Schöpferische Arbeit: das geduldige, wütende, zwei­felnde, glückliche Zurückfinden in das Einfache und Selbstver­ständliche.

Die Augen darin schulen, dass sie Ordnung immer als fließendes, bewegliches System wahrnehmen, nicht als starre Struktur. Nicht Mechanik, sondern Kybernetik. Nicht Urteil, sondern Erkenntnis.

Kreativität kann nicht kontrolliert werden. Sie entspringt nicht dem Denken.

Mit der Welt spielen. Und gleich­zeitig ihr Spielzeug sein.

Advent: Die Einkaufstraßen schmücken sich mit Besinnlichkeit. Als würde ein Zuhälter behaupten, aus Liebe zu handeln.

Dem Lärm, den die Zeit absondert, eine Stille entgegensetzen. Die Revolte der Stille.

2008

Der Geist besänftigt, das Bewusstsein dramati­siert. In einer Geschichte müssen sich Geist und Bewusstsein ver­söhnen.

Sich ein Ziel setzen und es dann vergessen – um es erreichen zu können.

„Demokratie ist zulässig, solange die Wirtschaft von demokrat­i­schen Entscheid­ungs­prozessen verschont bleibt, das heißt, solange die Demokratie keine ist.“  (Robert McChesney)

Die Kunst geht oft von einem ungenauen Chaos aus und strebt zur Ordnung, zu Form und Struktur. Das Chaos aber muß im Ergebnis, in der Ordnung, spürbar bleiben: als deren Geheimnis.

2009

In der Früh glänzen zarte Spuren auf den Steinwegen im Garten. Ganz langsam, die Nacht hindurch, sind die Schnecken hier vorbei­gezogen.

Die beste Haltung zum Arbeiten: selbstbewusste, fröhliche Demut.

Eigentümlichkeit unserer Zeit: die Herrschaft hat sich völlig un­sicht­­bar gemacht. (Die verborgene Gesetzgebung durch das große Kapi­tal und die multinationalen Konzerne.) Der Gegner zeigt sich nicht. Die sichtbare Politik wird deshalb vielfach so ver­achtet, weil sie eine Autorität behauptet, die sie gar nicht hat. Sie müsste sich als Gegner der tatsächlich Mächtigen betrachten und zu erkennen geben, dann erst werden ihr Autorität und Vertrauen wieder zuströmen.

Man bekommt immer nur Antworten zu Fragen, die man auch gestellt hat. Wer eine Frage verwirft, verwirft auch die vielen möglichen Antworten.

Die Zeit ist kurz. Wenn man bei sich ist, verschwindet sie.

2010

Geträumt: die Premiere meines nächsten Fil­mes ein großer, ein ungeheuerlicher Erfolg. Ich stand mit den Schau­spielern auf der Bühne im langen, fast hysterischen App­laus. Und dachte dabei gutgelaunt: Ohje, das wird jetzt aber schwier­ig, einen nächsten Film zu machen.

Manchmal staune ich, dass es Menschen gibt, die mit dem Leben umgehen, als ob es kein Geheimnis hätte.

Das Eigene und das Gemein­same in Harmonie bringen, in produktive, lebendige Spannung.

Konzentration auf ein Detail – sofort stellt sich die Würde der Arbeit ein.

Arbeiten heißt lernen, Fortschritte machen. Sich dem aus­set­zen, was man noch nicht kann, noch nicht weiß. Ideen sind Heraus­for­derungen, denen man sich gewachsen zeigen muss.

Die großen Meisterwerke: von einer fundamentalen Stille ge­prägt.

2011

Seit Tagen sehe ich manchmal, vom Schreibtisch aus, einen Falken über den Dächern kreisen. Diese Weite dort oben!

Jeder Film ist anders. Immer wieder ganz von vorne beginnen. Es gibt keine Gewiss­heit. Du weißt nichts. Du hast keine Erfahrung. Jedes Scheitern, auch das banalste und groteskeste, ist möglich.

Gestern hat anscheinend ein Kommando der USA Osama bin Laden in seinem Wohn­versteck in Pakistan exekutiert. Zeitungen berichten, daß dessen zwölfjährige Tochter dabei war, die Tötung mitangesehen hat. Tolstoij, am 22. Dezember 1904: „Die Verbrechen, die der Staat begeht, sind unver­gleich­lich schlimmer und grausamer als jene, die von Pri­vat­per­sonen begangen werden. Die letzteren wissen, dass sie Ver­­brech­er sind, der Erstere hingegen ist stolz auf seine Ver­brechen und brüstet sich damit.“

Die irrige Meinung der Rationalisten, Spiritualität stünde in einem Gegensatz zum Intellekt. Es ist anders: sie beginnt dort, wo der Verstand endet, wo er nicht hinreicht. Spiritualität ist dessen Fortsetzung.

Nur weil man von einer Überzeugung zur anderen wechselt, hat man noch lange nicht sein Bewusstsein geändert.

Der gegenwärtige Augenblick ist einerseits das Zentrum der Zeit. Andererseits ist er jener Punkt, wo die Zeit nicht exis­tiert. So wie der Mittelpunkt des Kreises dem Kreis nicht angehört.

2012

Regen. Alle, die keinen Schirm haben, gehen geduckt, verkniffen. Nur ein junger Mann geht aufrecht, entspannt, wie in seinem Element. Ich sehe ihn und richte mich auch sofort auf. Geht ja!

Der Seiltänzer kann sich nur dadurch im Gleichgewicht halten, dass er mit seiner Balancierstange ununterbrochen regellose, unberech­en­­bare, nicht vorhersehbare Bewegungen ausführt. Analogie zur Kreativität.

Wenn zwei Alternativen im gleichen Maße unannehmbar sind, dann be­steht die Aufgabe nicht darin, eine Ent­scheidung zu tref­fen, sondern die Fragestellung zu verändern.

Die junge Frau, übermäßig dick und obendrein auf einem Bein stark hink­end, geht, mit einer schönen Freundin plaudernd, an mir vor­bei. Warum tut sie mir Leid, wo sie doch gerade einen so fröhlichen Ausdruck im Gesicht hat?

Die Verachtung gegenüber jeglicher heutiger Politik wird gerne auch von jenen artikuliert, die zuerst die Verkommenheit alles Politi­schen behaupten, um aus dieser Behauptung die Skrupel­losigkeit zu be­ziehen, in ihren kleinen oder großen Geschäften ausschließlich den eigenen Vorteil zu such­en.

Ein religiöser Glaube, der die Lebensfreude, die Heiterkeit am Leben nicht erhöht, ist eigentlich Gotteslästerung.

2013

Rabenschreie heute vormittags auf der Tonspur im Schneideraum. Rabenschreie jetzt im Hinterhof.

Das Bewusstsein ist immer nur Ausschnitt von jenem immensen Wissen, das wir in uns tragen: wie der Strahl einer Lampe, der einmal hierhin, einmal dorthin leuch­tet. Und kann dabei nicht einmal alle Ecken und Ebenen des großen Raumes erfassen: Dringt nicht in den Keller, reicht nicht bis zum Himmel. Sieht nie das Ganze.

Jene Wissenschaft, die den Sach­verhalt so reduziert, dass sie ihn mit den Instru­menten, die sie zur Verfügung hat, be­trachten kann. Das sagt mehr über die In­stru­mente aus, als über die Sache, die sie zu erfassen glauben.

Der Kitsch für die höheren Stände: Gesellschaftskritik, die kein­erlei persönliche Konsequenzen abverlangt.

Das bessere Wort für Wahrheit: Wirklichkeit. Work in progress.

2014

Höre manchmal im Radio die Nachrichten. Früher hätte ich ge­dacht: Was für ein Irrsinn waltet in der Welt. Jetzt denke ich: Was für ein Irrsinn bestimmt die Nachrichten.

Der Profit ist das denkbar banalste Ziel. Diese Banalität führt vielfach zu asozialem, antidemokratischem, inhumanem Handeln. Krieg, Unrecht, Ausbeutung, Zerstörung sind die Folge. Die Banalität des Bösen? Vielleicht genauer: Das Böse der Banalität.

„Eine Krise entsteht dann, wenn das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren werden kann.“  (Antonio Gramsci)

„Nur diejenige Verworrenheit ist ein Chaos, aus der eine Welt ent­springen kann.“  (Friedrich Schlegel)

Nicht sagen, sondern zeigen.

Betrachten und verstehen.

Verstehen und verändern.

Nur wer ganz bei sich ist, ist ganz in der Welt.

18.Oktober 2015

Zehn Jahre „ray“. Echt, zehn Jahre erst? Mir scheint es „ray“ schon viel länger zu geben. Meine Arbeit habt ihr wunderbar begleitet: Bei Antares mein Tagebuch beim Dreh veröffentlicht; zu Revanche haben wir gemeinsam ein gutes Buch gemacht; und über Oktober, November ist in „ray“ die wohl klügste und schönste Kritik erschienen. Danke für all das und für alles andere auch. Ich habe euch aus meinen Journalen und Arbeitsbüchern dieser zehn Jahre Notizen für „ray“ zusammengestellt. Zum Geburtstag. Macht sie genauso weiter, eure kluge und sinnliche Zeitschrift für den Film und das Kino.