„Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber verdichtet den verbrecherischen Zynismus des entfesselten Kapitalismus in Form eines Kammerspiels am Beispiel dreier Figuren, die so lange auf dem Vulkan tanzen, bis der eben ausbricht.
Frank Öllers, Kai Niederländer und Bianca März sind Unternehmensberater. Unterwegs im Auftrag der „Company“ und im Dienste von Effizienzsteigerung und Profitmaximierung jetten sie von Entwicklungsland zu Entwicklungsland, um die Segnungen des Kapitalismus noch im hinterletzten Winkel des rückständigsten Kaffs zu verbreiten. Sie verschieben mal eben 20 Millionen Dollar Produktionsvolumen von Indien nach Pakistan, weil „India was yesterday“, sie ruinieren nebenbei einen mittelständischen Familienbetrieb in Nigeria, weil der halt eben einfach viel zu klein ist, sie kriechen den Chinesen in den Arsch, weil die das neue Indien sind. Sie kennen keine Gnade, haben kein Mitleid und wissen nichts von Gewissen. Sie sind lästige Zeitgenossen und es gibt sie so massenhaft wie die Heuschrecken. Sie sind außerdem dankbare Opfer und wohlfeile Ziele von anti-kapitalistischen Ressentiments und systemkritischer Häme. Sie sind Sündenböcke, Prügelknaben, Watschenmänner. Sie sind die Teufel, die Bösen und der Feind. Das weiß man ohnehin und braucht es auch nicht weiter erklärt bekommen und deshalb hält sich Johannes Naber in Zeit der Kannibalen damit auch gar nicht erst auf.
Naber geht in seinem Film von einem Minimalkonsens aus; er setzt voraus, dass zumindest Einigkeit darüber besteht, dass der moderne Kapitalismus im Zeitalter der Globalisierung, sprich: ungehemmter Mehrwertproduktion, weder mit moralischen Maßstäben noch mit Menschlichkeit überhaupt nur das Geringste am Hut hat. Stattdessen regieren Gleichgültigkeit und Gier. Den Titel Zeit der Kannibalen trägt der Film nicht umsonst; die Revolution der von allen Zwängen befreiten Marktwirtschaft frisst ihre Kinder, sozusagen. Die Lage ist hoffnungslos und die Sache ist ernst, und doch gelingt Naber das Kunststück, zahlreiche Nägel auf den Kopf zu treffen, ohne damit sein Publikum in Trübsal und Bekümmernis zu stoßen. Er findet eine Form, die zu lachen erlaubt, ein Lachen nicht der Schadenfreude, eher des Galgenhumors.
Frank Öllers, Kai Niederländer und Bianca März sind mit Devid Striesow, Sebastian Blomberg und Katharina Schüttler mit herausragenden Schauspielern besetzt, deren erste Heimat das Theater ist. Das erweist sich als ideal, insofern Naber seine Mikroanalyse als reduziertes und verdichtendes Kammerspiel in Szene setzt. Angesiedelt in den Suiten, Lounges und Konferenzräumen luxuriöser Hotels, die auf der ganzen Welt gleich aussehen – sieht man von der jeweiligen landestypisch folkloristischen Zimmer-Deko einmal ab –, vollzieht sich die Handlung in von Schwarzblenden voneinander abgesetzten Aufzügen. Und vor den Fenstern sind nicht die Prospekte indischer, afrikanischer oder chinesischer Großstädte zu sehen, vor den Fenstern stehen erkennbar Kulissen aus Pappkartons, durch die die Nebelmaschine Schwaden bläst, wenn draußen vor der Tür mal wieder der Jihad ausgerufen wird.
Auf und ab treten auf dieser Bühne nun die drei Berater und exerzieren das Beraterdasein vor. Dabei entspricht die Künstlichkeit des Sets der ihrer Lebensweise immanenten Entfremdung oder, wenn man so will, ihrer Weltfremdheit. Als Bianca einmal vorschlägt, das Hotel zu verlassen, um draußen ein landestypisches Restaurant zu besuchen, wird sie von ihren Kollegen mit irritierten Blicken bedacht, so als habe sie den Verstand verloren. Vergleichbar absurd die Videokonferenz, die anberaumt wird, als „die Company“ verkauft wird und der neue Chef den dreien ein Angebot macht, das zumindest Öllers und Niederländer nicht ablehnen können und das sich wenig später bereits als Danaergeschenk erweisen wird. Da sitzt man sich also am Bildschirm gegenüber und stellt sich gegenseitig die Frage: „Wo sind Sie?“ – „Ja, wo sind wir eigentlich gerade?“ Und während der Chef in Afghanistan lukrative Geschäfte mit Selbstmordattentätern in Aussicht stellt, spitzt sich in Lagos die Lage bürgerkriegsähnlich zu. Alsbald beginnt das große Heulen und Zähneklappern.
„Die Heldenreise der Protagonisten führt von ihrer apotheotischen Hybris hinab ins Schafott (sic!) ihrer Kümmerlichkeit. Dort fallen die letzten Hüllen der neuen Elite. Was bleibt, ist die Hilflosigkeit der Verführten, nachdem das Verführende das Interesse an ihnen verloren hat.“ – so Johannes Naber in seinem Regiestatement. Mögen Öllers, Niederländer und März auch Agenten eines verwerflichen und destruktiven Prinzips sein, so sind sie doch Menschen. Als solche werden sie von Naber beschrieben und von Striesow, Blomberg und Schüttler kenntlich gemacht. Ihre Charaktere sind um ein weniges überzeichnet, eben so viel, um sie als Stellvertreterfiguren glaubwürdig funktionieren lassen zu können. Doch dieser Grundanlage mischen Striesow, Blomberg und Schüttler den Mehrwert ihres schauspielerischen Talents bei und fordern Mitgefühl für ihre Figuren: für Öllers, der zu cholerischen Ausbrüchen neigt, weil ihm seine Familie unter den Händen zerbröckelt. Für Niederländer, den seine Zwangsneurosen zu einem erbärmlichen Nach-oben-Buckler-und-nach-unten-Treter gemacht haben (in der Tat führt er zu Trainingszwecken ein Rennrad mit sich). Für März, die sich als einzige Frau immer wieder in den üblichen diskriminierenden und misogynen Zwangslagen wiederfindet. Man glaubt ihnen sogar, dass sie sich ihr Leben irgendwie anders vorgestellt haben, dass sie vielleicht tatsächlich einmal in der Überzeugung angetreten sind, ihre Tätigkeit sei sinnvoll und hilfreich.
Im Verlauf der allmählichen Demontage dreier Galionsfiguren zu drei armen Würstchen macht Zeit der Kannibalen nebenher auch jenen Mechanismus deutlich, der bereits die 1968er-Generation ins Grab brachte: der hoffnungslos naive Glaube an die Veränderbarkeit des Systems von innen heraus, der zum „Marsch durch die Institutionen“ blasen lässt und die Macht der repressiven Toleranz verkennt. Am Ende des Films, wenn draußen vor der Tür des Hotelzimmers nigerianische Milizen toben, Menschen schreien, Schüsse fallen, versuchen Öllers, Niederländer und März sich hinter dem unbeweglichen Hotelbett-Trumm zu verstecken; drei Unternehmensberater, panisch und kleinmütig angesichts der konkret blutigen Rahmenbedingungen, die ihre Geschäfte ermöglichen und die sie jetzt einholen. Ob da Beten hilft?
Bereits mit seinem 2010 uraufgeführten und u.a. mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Spielfilmdebüt Der Albaner bewies Johannes Naber ein sicheres Gespür für politische Stoffe. Weit ausholend erzählt er da die Geschichte eines jungen Mannes, der nach Deutschland geht, um Geld für seine Heirat zu verdienen. Was als Familiendrama beginnt, wandelt sich bald zu einer beklemmend realitätsnahen Aufzeichnung der zahllosen Gefahren, denen sich illegale Arbeitsmigranten in der Festung Europa ausgesetzt sehen. Ein Film, der insbesondere durch seine solidarische Haltung und seine auf Mitmenschlichkeit beharrende Perspektive besticht. Demgegenüber schlägt Zeit der Kannibalen, vor allem formal, den entgegengesetzten Weg ein. Das macht ihn nicht zu einem weniger politischen Film, allenfalls zu einem lustigeren. Schließlich gilt es, der Gefahr ins Auge zu lachen, oder?
