Zodiac

Zodiac

Im Wendekreis des Killers

| Jörg Schiffauer |

Eine rätselhafte Mordserie wird für die Protagonisten von David Finchers„Zodiac“ nach und nach zur Obsession.

Am Anfang standen Taten, denen trotz ihrer Brutalität vemutlich nicht viel mehr als regional begrenzte Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre. Der Mordanschlag, dem zwei Teenager am 20. Dezember 1968 in Benicia, einer Kleinstadt nördlich von San Francisco zum Opfer fielen, wäre ebenso wie der nächtliche Überfall auf ein anderes junges Paar am 4. Juli 1969 in Vallejo, bei dem ein Mädchen erschossen wurde und ihr Begleiter schwer verletzt nur knapp überlebte, nicht viel mehr geblieben als ein weiteres Kapitel in den ohnehin umfangreichen US-amerikanischen Kriminalstatistiken. Doch am

1. August 1969 trafen bei drei lokalen Zeitungsredaktionen, darunter der des San Francisco Chronicle, Briefe ein, in denen der Verfasser sich rühmte, die erwähnten Mordtaten begangen zu haben. Der Täter, der Teile des Schreibens auf raffinierte Weise chiffrierte und sich selbst „Zodiac“ nannte, forderte zudem unmiss-verständlich die Veröffentlichung der Briefe und drohte bei Nichterfüllung mit weiteren Gewalttaten. Seiner Forderung kam man zwar nach, doch das Morden ging dennoch weiter und der unheimliche Serienmörder sollte noch für eine lange Zeit die Menschen im Großraum von San Francisco in Angst und Schrecken versetzen. Die Kontaktaufnahme mit den Massenmedien, mit deren Hilfe sich der Killer große Popularität verschaffte, nimmt David Fincher als Ausgangspunkt, um die auf Tatsachen beruhenden Geschehnisse rund um die Zodiac-Morde zu beleuchten. In den Mittelpunkt rücken dabei drei Personen, die in der jahrelangen Suche nach dem Serientäter zentrale Positionen einnehmen sollten. Für Inspektor  David Toschi (Mark Ruffalo) und Paul Avery (Robert Downey Jr.), Starreporter des San Francisco Chronicle, gehört die Beschäftigung mit spektakulären Verbrechen berufsbedingt zum Alltag, im Fall von Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) liegt die Sache zunächst anders, ist er doch eigentlich als Karikaturist des Chronicle nicht mit Kriminalfällen befasst. Doch Graysmith besitzt ein leidenschaftliches Interesse für das Entschlüsseln geheimer Codes und als es ihm gelingt, eine der chiffrierten Botschaften Zodiacs zu knacken, beginnt er ebenfalls, dem Zodiac-Phantom mit einem Eifer nachzujagen, der immer mehr in eine Form geradezu zwanghafter Besessenheit umzuschlagen beginnt.

Maß für Maß

Betrachtet man David Finchers bisherige Regiearbeiten, werden sich angesichts thematisch und formal so unterschiedlicher Filme wie etwa Seven, Fight Club, The Game oder Panic Room auf den ersten Blick nicht unbedingt Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Vermutlich besteht noch am ehesten darüber Konsens, dass sich alle Inszenierungen Finchers durch einen sehr düsteren Grundton auszeichnen und dadurch einen nachhaltig verstörenden Eindruck hinterlassen, den man im gegenwärtigen Kino nicht allzu oft antrifft. Unterzieht man Finchers Filme jedoch einer genaueren Analyse, findet sich ein immer wieder deutlich hervorstechendes Motiv, nämlich ein hysterisches, in seiner Konsequenz geradezu obsessives Überreagieren seiner Protagonisten.

Wobei der auslösende Handlungsimpuls ja noch durchaus nachvollziehbar erscheint, ganz gleich ob es das Unbehagen über eine vorhandene Oberflächlichkeit in der Gesellschaft (Seven) ist, Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden Konsumismus (Fight Club) oder die Absicht, ein paar Millionen Dollar zu stehlen (Panic Room). Doch die maßlos überzogenen Reaktionen führen stets zu Handlungen, die aufgrund ihrer völlig unangemessenen Radikalität nur mehr auf eine Katastrophe hinauslaufen können. Denn die Charaktere in David Finchers Welten formulieren ihre Unzufriedenheit mit bestimmten gesellschaftlichen Zuständen eben gleich extrem, indem sie in einer bizarren Mordserie die sieben Todsünden symbolisch aufbereiten oder aber eine sektenähnlich organisierte, paramilitärische Gruppe gründen, die sich zum Ziel setzt, die bestehende Gesellschaftsordnung auszuhebeln. Und selbst die eigentlich profane Absicht, einen simplen Raub zu begehen, wird in Panic Room zur regelrechten selbstzerstörerischen Besessenheit, selbst als den Einbrechern schon längst klar sein muss, dass ihr Plan eigentlich gar nicht mehr erfolgreich ausgeführt werden kann. Diese Tendenz zu hysterischen Überreaktionen mag besonders für die US-amerikanische Gesell- schaft charakteristisch sein, die Mechanismen dürften aber auch durch den hierzulande gepflegten öffentlichen Diskurs hinlänglich bekannt sein. Denn egal ob Vogelgrippe, Passivrauchen, Komatrinken oder Computerspiele, mit der richtigen Dosis an Irrationalität und Hysterie lässt sich beinahe jedes banale Problem zur Gefahr apokalyptischer Dimension hochstilisieren. Wer sich jedoch permanent vermeintlichen Bedrohungen ausgesetzt fühlt, läuft Gefahr, sich ebenfalls in weitgehend irrationalen, festgefahrenen Denkmustern zu verstricken und zunehmend aggressiv zu agieren (wie dies auch Michael Moore in Bowling for Columbine gewohnt polemisch und überspitzt, aber sicher nicht ganz unrichtig, formulierte).

Doch zurück zu Zodiac: Hier scheint der Fall zunächst anders gelagert, denn ein Serienmörder stellt ja tatsächlich eine ernste Gefahr dar. Und so sind auch die intensiven Bemühungen der Charaktere, das Rätsel um Zodiac zu lösen und den Täter zu fassen, eine begreifliche Reaktion. Doch nach und nach, und darauf richtet David Fincher auch den Fokus seiner Inszenierung, gerät die rationale Seite der Mörderjagd immer mehr ins Hintertreffen. Im Verlauf der jahrelangen Ermittlungen, zwischen allen Spuren, Hinweisen, Beweismitteln und Fahndungspannen, wird die Suche nach dem Killer immer mehr zu einer Obsession, die das Leben der drei Protagonisten bestimmt und von der sie, wie von einer Sucht befallen, einfach nicht mehr loskommen. Als sich die Indizien gegen einen der Tatverdächtigen wieder einmal nicht erhärten lassen, meint David Toschi etwa, er wisse nicht, wovor er mehr Angst gehabt habe, „davor, seinen Hauptverdächtigen laufen lassen zu müssen, oder dass der Fall endgültig vorbei“ sei. Die Erfolglosigkeit der Ermittlungen und die Vermutung, dass von Zodiac, der jahrelang nichts von sich hören lässt, wahrscheinlich gar keine akute Gefahr mehr ausgehe, spielen dann schon keine Rolle mehr, die irrationale Faszination, die von dem ganzen Fall ausgeht, hat die drei Männer längst unwiderruflich in ihren Bann gezogen. Und sie müssen dafür einen hohen Preis  bezahlen, werden sie doch Familie, berufliche Laufbahn bzw. Gesundheit verlieren.

Kommunikationsmängel

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ lautet eines der Axiome Paul Watzlawicks, und ohne den Satz des großen Kommunikationsforschers widerlegen zu wollen, formuliert David Fincher immer wieder seine Kritik an den Defiziten, die die massenmedial stattfindende Kommunikation in der modernen Informationsgesellschaft mit sich bringt. In Fight Club wird das Leben des von Edward Norton gespielten Protagonisten so sehr von Werbebotschaften aller Art (die er auch fleißig befolgt) dominiert, dass er, frustriert von seinem exzessiven Konsumverhalten, mit Gleichgesinnten jene Bewegung gründet, die es sich zum Ziel macht, dem oberflächlichem Konsumismus den Kampf anzusagen. Doch als Norton seine eigenen Pläne zur Zerstörung der öffentlichen Ordnung zu radikal werden, muss er, Goethes Zauberlehrling gleich, erkennen, dass er seine Anhänger nicht mehr stoppen kann. Denn genauso wie diese zuvor kritiklos den Botschaften der Konsumgesellschaft gefolgt sind, folgen sie nun den Parolen des Fight-Club-Gründers, sind diese auch noch so skurril. Die Ziele mögen sich zwar geändert haben, das ursprüngliche Problem bleibt dasselbe. Kommunikation findet immer mehr in Form eindimensionaler, oberflächlicher Botschaften, von denen man förmlich bombardiert wird, statt, und diese Botschaften werden immer weniger hinterfragt oder kritisch geprüft.

Was in gewisser Weise auch für die Hysterie um den Zodiac-Fall gilt, denn diese entstand erst, als die kryptischen Bekennerschreiben des Täters auf den Titelseiten der Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Von diesem Zeitpunkt an mutierte ein natürlich gefährlicher Serientäter zu jenem Phantom, das die Region über Jahre hinweg zu terrorisieren imstande war. Denn – und das wird in Finchers Zodiac immer wieder deutlich – die mediale Präsenz bietet dem Täter erst die ideale Bühne, um sein Ziel, maximalen Schrecken zu verbreiten, zu erreichen. Dass seine Taten eigentlich nicht besonders gut geplant waren und seine chiffrierten Nachrichten zumindest teilweise recht simpel verschlüsselt waren, spielte bald schon keine Rolle mehr, in der veröffentlichten Rezeption galt Zodiac als nahezu allmächtiges, ungreifbares Schreckgespenst, dem man zutrauen konnte, beinahe jedes Gewaltverbrechen in Kalifornien begangen zu haben (tatsächlich konnten ihm definitiv „nur“ fünf Morde unumstritten zugeordnet werden), und von dem man jede auch noch so abstruse Drohung zu glauben bereit war. Und – an den drei Protagonisten des Films wird dies exemplarisch sichtbar – selbst nach jahrelanger Pause genügt jede neue, auch noch so obskure Nachricht Zodiacs, um die Hysterie wieder zu entfachen.

Die ansehnlichste Metapher für die verhängnisvollen Folgen von Nicht-Kommunikation findet sich jedoch in Panic Room. Meg Altman (Jodie Foster) flieht vor den Einbrechern in den bunkerartigen Panikraum. Von dort kann sie über Videokameras die Eindringlinge zwar beobachten und über Mikrofone zu ihnen sprechen, sie aber nicht hören, während diese nur mittels geschriebener, vor die Kamera gehaltener Botschaften mit Meg in Verbindung treten können. Die so bereits gestörte Kommunikation wird dazu benützt, falsche Botschaften zu übermitteln, um das jeweilige Gegenüber auszutricksen, was die ohnehin schon prekäre Lage nur noch verschärft und unausweichlich zur Eskalation führt.

Brüchige Welten

Obwohl David Finchers Inszenierungen eine ganze Reihe vielschichtiger Subtexte aufweisen, muss man jedoch unbedingt auch darauf verweisen, dass seine Filme als Beispiele eines narrativ orientierten Genrekinos zunächst einmal exzellent funktionieren. Sie zeichnen sich durch eine ungemein dichte Atmosphäre, einen präzise konzipierten Erzählrhythmus und exakt gezogene Spannungsbögen aus, was entscheidend dazu beiträgt, dass seine Filme auch aus einem rein kommerziellen Blickwinkel reüssieren. Doch Finchers Filme weisen auf der formalen oder inhaltlichen Ebene stets auch Elemente auf, die dazu beitragen, dass sich seine Arbeiten einer leichten, im Mainstream gerne gepflegten Konsumierbarkeit widersetzen. So operiert Fight Club mit einer unüblich unzuverlässigen Erzählinstanz, die erst gegen Ende preisgibt, dass die von Edward Norton und Brad Pitt gespielten Charaktere ein und dieselbe Person sind und der Zuschauer eigentlich den ganzen Film über getäuscht wurde. Extrem subjektive oder unzuverlässige Erzählinstanzen sind, zeitlich begrenzt eingesetzt, zwar ein beliebtes Stilmittel, doch die Konsequenz mit der Fincher dies im Fall von Fight Club durchhält, trägt nicht unwesentlich zum verstörenden Eindruck bei, den der Film hinterlässt. Im Gegensatz dazu wartet The Game mit einer unspektakulären Lösung auf, die allen Erwartungen, die der Plot geweckt hat, zuwiderläuft. Denn alle durch die Handlungsstränge eigentlich gerechtfertigten Spekulationen, Nicholas van Orton (Michael Douglas) sei Opfer einer raffiniert ausgeklügelten Verschwörung geworden, werden durch das Ende auf abrupte Weise ad absurdum geführt. Die Erzählung löst schlichtweg nur das ein, was man als Zuschauer einen ganzen Film lang vorgeführt bekommen, aber aufgrund der eigenen Erwartungshaltung als zu banal verworfen hat, nämlich einfach Zeuge eines bizarres Abenteuerspiels für gelangweilte Wohlstandsbürger gewesen zu sein.

Und um bei falschen Erwartungen zu bleiben: Wer sich von Zodiac angesichts des Serienkiller-Themas einen rasanten, spannungsgeladenen Thriller im Stil von Seven erhofft, wird von Fincher wieder einmal überrascht werden. Denn er inszeniert die True-Crime-Geschichte seines neuen Films mit einer Detailgenauigkeit und Ausführlichkeit, die sich stre-ckenweise beinahe schon semi-dokumentarisch ausnimmt. Seine große Spannung bezieht Zodiac aber genau aus jener Akribie, mit der Fincher den Kriminalfall, die damit zusammenhängenden Ermittlungen und das öffentliche Aufsehen, das die Zodiac-Morde bis heute umgibt, aufrollt. Finchers Inszenierung zeigt auf brillante Art und Weise, wie mühevoll das zunächst undurchschaubare Geflecht an Spuren, Hinweisen und Fahndungsansätzen von den drei Protagonisten aufgedröselt wird, und wie dadurch – dabei gerät Zodiac auch zu einem eindrucksvollen Psychogramm der drei Charaktere – die Jagd nach dem unbekannten Killer zur Obsession wird. Und es lässt sich zumindest nachvollziehen, warum die Suche nach Zodiac zum alles bestimmenden Mittelpunkt des Lebens der Protagonisten wird, wobei die juristische Seite des Falles schlussendlich gar nicht mehr im Vordergrund steht. „Nur weil man es nicht beweisen kann, heißt das noch nicht, dass es nicht wahr ist“, meint etwa Robert Graysmith, als er wieder einmal glaubt, die Lösung des Falles gefunden zu haben, und bringt damit die Faszination, die der Zodiac-Komplex auf ihn ausübt, auf den Punkt.

Womit man bei jenem Motiv angelangt wäre, das sich sowohl formal als auch inhaltlich durch die Arbeiten David Finchers zieht, nämlich der Brüchigkeit und Instabilität bestehender, vermeintlich intakter Welten. Im Fall von Zodiac sind dies zunächst die Morde selbst, die für Destabilisierung sorgen, wählte der Killer seine Opfer doch so willkürlich aus, dass sich beinahe jedermann als potenzielles Anschlagsziel wähnen konnte. Und die fast manische Besessenheit, mit der Graysmith, Toschi und Avery der Spur des Mörders nachjagen, wird ihr bisheriges Leben nachhaltig erschüttern oder sie sogar aus der Bahn werfen. Das Motiv findet sich etwa auch in Seven, in dem die Probleme in der scheinbar glücklichen Ehe von Detective David Mills (Brad Pitt) bereits thematisiert werden, lange bevor diese durch den teuflischen Plan John Does vernichtet wird.

Diese kritische, düstere Sicht der modernen Welt, die David Fincher in seinen Filmen immer wieder zum Ausdruck bringt, hat ihm, wohl nicht ganz zu Unrecht, den Ruf eines Kulturpessimisten eingetragen. Nimmt man jedoch das Handeln seiner Protagonisten als Maßstab, ist dieser Pessimismus nicht von Hoffnungslosigkeit oder Resignation geprägt, sondern eher von einem trotzigen Aufbegehren determiniert, das man, ungeachtet der Erfolgsaussichten, einfach für notwendig hält. Eine Haltung, die vielleicht am besten durch den abschließenden Satz von Detective Somerset in Seven ausgedrückt wird, mit dem dieser ein berühmtes Hemingway-Zitat („Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft“) kommentiert: „Dem zweiten Teil stimme ich zu.“