Wenn wild, meditativ und unheimlich nicht zueinander Pole, sondern miteinander Dickicht sind.
Ein Mann bricht leblos auf einer Straße zusammen, nachdem er in Schuhen geht, in die etwas aufwendig Zubereitetes eingefüllt wurde. Das ist Haiti 1962. Eine Schülerin eines Elite-Mädcheninternats wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Geliebten und lädt die „Neue“ in ihre geheime Gang ein. Paris heute. Der Leblose wird rasch begraben, ebenso rasch wiedererweckt und als Arbeitssklave missbraucht, kann jedoch fliehen und streicht halb tot und halb lebendig durch die Nächte. Die neue Clique von Mélissa wundert sich derweil in Frankreichs Hauptstadt der Gegenwart zunehmend über das seltsame Verhalten ihrer neuen Freundin und finden in deren Information, dass sie bei ihrer Tante lebt, die Voodoo praktiziert, stetig mehr Unbehagen.
Eine gute Weile lang laufen die dialogarmen Bilder der Dunkelheit und der moderne Schulalltag parallel zueinander, spätestens jedoch, als Liebeskummer die junge Fanny dazu bringt, heimlich (und mit saftig Bargeld ausgestattet) Hilfe bei Mélissas Tante zu suchen, wird klar: Anders als in dem erklärungsverweigernden Psychothriller-Trip Nocturama (2016) lässt Bertrand Bonello hier alle, aber auch alle Fäden zusammenlaufen. Viel stärker noch als mit der Rolle Frankreichs als Kolonialmacht setzt er sich, ausgehend von der wissenschaftshistorisch kontrovers verhandelten – wahren – Person Clairvius Narcisse, mit dem kulturellen Ursprung des Zombie-Mythos auseinander. Wurde besagter Narcisse wirklich, wie er selbst nach jahrzehntelanger Abwesenheit nach seinem Wiederauftauchen behauptet, mit einem Voodoo-Zauber belegt, dann mittels Gegen- und Nervengift als willenloser Zwangarbeiter ohne Gedächtnis gefangengehalten? Und: War er nicht der Einzige?
Die oft vorzügliche Verquickung von düsterer Zwischenwelt und privilegierter Teenage-Blase nährt sich aus cleverer Visualität mindestens ebenso stark wie aus der erzählten Figuren-Genealogie und verbalisierten Familien-und Kultur-Nacherzählungen – Rituale in der Nacht, Kerzenschein, die Inszenierung von Arbeitern als seelenlos wankende Körper ohne Hoffnung, der Kameraschwenk über leere, schlaffe Gesichter im Geschichtsunterricht (Gegenstand natürlich: révolution). Wie sehr die postkoloniale Vision trotzdem darunter leidet, dass dem Bildmacht-Zugestehen an den haitianischen Voodoo-Glauben vor allem gegen Ende deutlich spürbar eine westliche Lust am Spektakel anhaftet, sei dahingestellt. Ebenso, ob der Filmtitel wirklich die naheliegende Akteurin meint – formal tut er dies mindestens nicht ausschließlich. Vielleicht tut man Zombi Child sogar eher damit recht, seine essenzielle Wesensart in einem tieferen Kern zu entdecken: der zerstörerischen, aber gleichzeitig lebensschenkenden Kraft von Sehnsucht.
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