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ZONE M

| Jakob Dibold |
Übernatürliche Post-Soviet-Depression, erschienen zum Millenium und nun bei absolut Medien

Ein die kosmische Vernunft beschwörender Ufologe, ein malender Bauer, dessen Gemälde niemanden außer ihn selbst interessieren, Lieder über Schnaps und Satan: alles normal im Dorf Moljobka, das am Fuße des Uralgebirges schon bessere Zeiten gesehen hat. Viele bezeichnen die unmittelbare Umgebung als Anomalien-Zone, ein alkoholkranker Bauer korrigiert, es handle sich viel eher um eine Verrückten-Zone. Mit der Ankunft des geologen habe es begonnen, meint ein anderer, der habe sich das ausgedacht. Doch selbst diese beiden Skeptiker geben zu, dass da irgendetwas spürbar ist. Die anderen sowieso: Berichtet wird von hellen Leuchtkugeln, die für Sekundenbruchteile erscheinen, von elliptischen Drehkörpern, von einem mysteriösen Navigationssystem, von humanoiden Wesen gar. Teilweise mit mehr oder weniger überzeugenden Bildbelegen. Dinge, die auf den Kopf einwirken, die manche als schön empfinden, einer spricht von unbeschreiblicher Angst. All das in einer Zone, die die Form eines Dreiecks hat, wie bei Bermuda.

Nur so gesehen, wäre Eduard Schreibers Zone M schlicht als Freakshow angelegt. Ist der Film aber nicht. Schreiber zeigt ein Dorf, das vor der Kollektivierung fröhlich gewesen sei, dessen Bewohnerinnen und Bewohner von den besseren Zeiten erzählen, und davon erzählt, dass die Kolchosen und das Ende der Union ihren Wohn- und Lebensort gewissermaßen ohne Zukunft zurückließ. Die alten Maschinen und ruinösen Bauwerke verbildlichen diese Schilderungen in einer Gegenwart, die sich selbst immer mehr abhanden kommt: Der Bürgermeister sagt, es sei schwer zu gebären, schwer zu erziehen, das Dorf werde älter und älter. Im Grunde sei alles zerschlagen. Die Mikro-Gesellschaft, die Schreiber porträtiert, ist unausgesprochen die beste Erklärung für all das paranormale Geschehen, dass jenseits des Flusses wartet, über den ein Bootsfahrer aller überstellt, die es wagen. In tarkovskischer Stalker-Atmosphäre wird klar, dass das nach dem Wegfallen ökonomischer oder ähnlicher Hoffnungen die einzige Sehnsucht ist, die den Leuten noch bleibt: Die Sehnsucht nach dem großen Anderen im Himmel.

absolut Medien zeigt in der Reihe „Die großen Dokumentaristen“ ausgewählte Editionen von Meisterinnen und Meistern ihres Fachs. Die Filme sind auf DVD und on Demand via Vimeo und Amazon Prime zu sehen. Online noch bis 20.5. um nur 0,99€, darüber hinaus zum ebenfalls sehr niedrigen Normalpreis.