Zuckerbrot und Peitsche

Iran

Zuckerbrot und Peitsche

| Daniel Kothenschulte |

Irans Willkürjustiz gegen Filmschaffende geht in eine neue Runde

Neunzig Peitschenhiebe und ein Jahr Gefängnis: Bis zum drakonischen Urteil, das im September in Teheran gegen sie verhängt wurde, war Marzieh Vafamehr nur wenigen Filmfestivalbesuchern bekannt. Doch wer die 38-jährige Schauspielerin in ihrer bislang einzigen Kino-Hauptrolle erlebt hat, wird sie nie vergessen: Im Drama My Tehran for Sale, das 2009 mit australischen Mitteln mehr oder weniger heimlich in der iranischen Hauptstadt entstand, spielt sie eine Schauspielerin in einem Untergrund-Theater. Politischen Agitprop bringt man dort nicht gerade auf die Bühne, eher künstlerisches Tanztheater. Für die Behörden ist das allerdings nicht weniger anstößig; zeigt sich die Hauptdarstellerin doch mit unbedeckter Kurzhaarfrisur. Schließlich muss sie in der Geschichte ihr Hab und Gut verkaufen, um ein Visum nach Australien zu bekommen, doch was sie eigentlich veräußert, bis sie beinahe daran zerbricht, ist ihre künstlerische Heimat. Eine Kunstszene, von der wir nicht viel wissen – die künstlerische Avantgarde Teherans. Das pulsierende, heimliche Leben einer Metropole, die hier ganz anders aussieht als im offiziellen iranischen Festivalkino.

Für Marzieh Vafamehr hat das Leben nun in schrecklicher Weise die Kunst imitiert: Verurteilt wurde sie für das, was sie in diesem Film gespielt hat: Eine Frau, die sich auf einer Theaterbühne fast glatzköpfig zeigt. Für ihre Verteidigung ist das von entscheidender Bedeutung – das Verbot gegenüber unbedeckten Haaren, so die Schauspielerin, könne für Glatzköpfige schließlich kaum gelten. Aber natürlich ist das sichtbare Zeichen der Unabhängigkeit, in der sich diese Frau auch physisch präsentiert, eine Provokation.

Der sehenswerte Film ist das autobiografisch gefärbte Spielfilmdebüt einer Exil-Iranerin, der Dichterin Granaz Moussavi, die 1997 nach Australien emigriert. Die Heimlichkeit der Außendrehs wendet sich zum Vorteil, wenn die Stadt in flüchtigen Nachtaufnahmen zu leben beginnt.

Es ist kein Handkamera-Realismus, sondern ein komponierter Bildfluss im Dialog mit der Musik. Eine der ersten Szenen zeigt die Protagonistin in einer illegalen Rave-Veranstaltung. Nach der Festnahme warten die Jugendlichen geduldig im Warteraum der Polizeiwache. Nach ein paar Peitschenhieben lässt man sie wieder gehen. Angesichts des gegen Marzieh Vafamehr ergangenen Urteils mag man erschauern gerade über die Lakonie dieser Szene.

Dass die prominenteren Justizopfer vorläufig auf freiem Fuß leben, kann kaum beruhigen: Jafar Panahis Verurteilung zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot ist am vorletzten Wochenende von einem Berufungsgericht bestätigt worden. Für Mohammed Rasoulof, seinen ebenfalls auf freiem Fuß befindlichen Mitstreiter am geplanten sozialkritischen Filmprojekt Farda wird die Haft auf ein Jahr verkürzt. Festgenommen wurden dagegen am 18. September sieben weitere Filmschaffende, darunter Mojtaba Mirtahmasb, der Panahi im vergangenen Jahr bei der Quadratur des Kreises half: Als Co-Regisseur filmte er Panahi dabei, wie er in seiner Wohnung damit beschäftigt ist, keinen Film zu drehen. This Is Not a Film – übrigens auch bei der Viennale zu sehen – heißt dieser großartige Essay über die Unmöglichkeit für einen Künstler, plötzlich kein Künstler mehr zu sein.

Die Willkür der iranischen Kulturpolitik, die einige, manchmal durchaus kritische Filmemacher fördert und zu Festivals schickt, andere aber schikaniert und foltert, mag man gar nicht mehr bei ihrem Namen nennen: „Zuckerbrot und Peitsche“, dieses Wort ist inzwischen viel zu wahr geworden. Am 12. Oktober wurden beim EU-Außenministertreffen in Luxemburg Einreiseverbote für 29 Iraner beschlossen, darunter ist auch der Kulturminister. Über einen Kulturboykott gegenüber der offiziellen Filmkultur aber hat noch kein Festivaldirektor gesprochen. Es wäre ein zweischneidiges Schwert, das uns um einen der besten Arthouse-Filme der Saison gebracht hatte, den Berlinale-Gewinner Nader und Simin – Eine Trennung (Näheres dazu im ray November-Heft.)

Wichtig aber wäre es, einmal klare Grenzen zu ziehen und auch dem künstlerischen iranischen Untergrund eine Stimme zu geben. Es sind die weniger bekannten Künstler, gegen die Irans Justiz, oft kaum bemerkt, am härtesten vorgeht. Die mutige Marzieh Vafamehr und ihr ausdrucksstarkes Gesicht, das so sehr an den Stummfilmstar Maria Falconetti erinnert, die Johanna von Orleans in Carl Theodor Dreyers Film, ist hierzulande noch eine Unbekannte. Solange bis sich endlich ein Verleih für My Tehran for Sale begeistert.