Zum Panorama-Programm der Berlinale 2014: Drei Positionen des Dokumentarischen

| Senad Halilbasic |

Drei Positionen des Dokumentarischen

Zum Panorama-Programm der Berlinale.

Wenn man durch ein ungewöhnlich frühlingshaftes Berlin während der Filmfestspiele von Kino zu Kino hetzt, kann man sich entscheiden: Das konstante Mittelmaß des Wettbewerbs mit gelegentlichen Perlen? Oder doch lieber die Sektionen Panorama und Forum, wo man meist Interessantes und gelegentlich Sensationelles entdeckt – und selbst bei herben filmischen Enttäuschungen zumindest mehr Tiefe findet, als in den „großen“ Filmen des Competition-Programms. Die diesjährigen Beiträge der Panorama-Dokumente könnten in ihren filmischen Sprechweisen nicht unterschiedlicher sein.

Is the Man Who Is Tall Happy? Laut Noam Chomsky, dem großen links-intellektuellen US-Linguisten, ist die Antwort nicht wichtig, es geht nur darum, wie man die Frage stellt. Überhaupt geht es mehr um die Sprache, als wir glauben – eben das versucht Chomsky Michel Gondry in dessen Portrait-Film zu erklären. Gondry hat zwei lange Gespräche mit Chomsky geführt, mit einer Bolex-Kamera dokumentiert und seine Antworten in handgezeichneten Animationen visualisiert. Bäume sprießen aus Gehirnen, aus Hunden werden Kamele, aus Lippen Vaginae. Die Animationen bieten eine Überraschung nach der anderen, sie scheinen sich spontan an das von Chomsky Gesagte anzupassen, so als ob die Bilder ein Eigenleben auf der Leinwand entwickeln würden. Oder besser: Die Animationen sind Gondrys Verständnis von Chomskys Gesagtem. Missverständnisse werden mitvisualisiert und was sich vor dem Auge des Zuschauers eröffnet, ist weit mehr als ein Chomsky-Portrait: Auf der Leinwand tobt ein Kampf zwischen Bild und Wort, zwischen Gesprochenem und Gezeigtem. Signifikat und Signifikant auf dem Schlachtfeld Kino.

Ein anderer Dokumentarfilm, der sich Animationstechnologien bedient, ist Tommy Pallottas und Femke Woltings Last Hijack. Den Regisseuren ist es gelungen, einen somalischen Piraten vor die Kamera zu bitten und ihn eine zeitlang in seinem Lebensumfeld zu begleiten. Was ein aufklärender Film über die menschlichen und gesellschaftspolitischen Mechanismen der Piraterie vor der Küste Somalias hätte werden können, erweist sich als eine (film-)politisch höchst problematische westliche Perspektive auf die wilden schwarzen Männer, die die armen kapitalistischen Frachtschiffe meutern. Mohamed, der Protagonist, berichtet von seinem Leben vor und nach den (meist lukrativen) Schiffsüberfällen. Die Meutereien werden stets durch spektakuläre Zeichentrick-Bilder visualisiert. Hier merkt man, dass die Filmemacher den großen und großartigen Waltz with Bashir nachahmen wollten. Auf Grund der starken Off-Stimme Mohameds wünscht man sich, die Animationen würden ein Ende nehmen und das Kameraauge würde sich mehr auf den Menschen selbst konzentrieren. Aber nein, stattdessen wiederholt sich mehrmals das Motiv des überdimensionalen schwarzen Adlers, der das arme kleine Frachtschiff in seine Krallen fasst und entführt. Das Frachtschiff, dieses Sinnbild des globalisierten Kapitalismus, wird zum Opfer der dunklen Bedrohung aus dem Nichts. Oder in anderen Worten: Last Hijack bewirkt genau das, was schon Paul Greengrass’ Militär-Porno Captain Philips im Kinojahr 2013 „leistete“: Es bestätigt den westlichen Kinogeher. Piraterie ist Böse und die Piraten sind arme Teufel – und Böse. Spätestens wenn gegen Ende Mohamed auf den Meereshorizont blickt, mit den Tränen kämpft und endlich einsieht, wie schlimm es ist, wenn er/Arm von uns/Reich nimmt, dann freut sich das westliche Auge. Endlich hat es dieser böse afrikanische Pirat eingesehen: Stehlen ist nicht richtig. Und fremde Frachtschiffe überfällt man nicht. Wem sich bei den politischen Implikationen dieses neokolonialistischen Wahnsinns der Magen umdreht, der möge daran erinnert sein, dass das Kinojahr 2013 ohnehin ein Jahr voller bedrohten und bedrohenden Frachtschiffe war. Dass ein Frachtschiff aber für mehr stehen kann als für den Besitz des weißen Mannes, das von jeglicher Bedrohung geschützt werden muss, zeigt J.C. Chandors All Is Lost.

Doch nun wieder zur Berlinale: Ja, wenn man viel sehen will, hetzt man von Kino zu Kino. Man könnte es auch anders machen, beispielsweise so wie der buddhistische Mönch in Tsai Ming-liangs 56-minütigem Meisterwerk Xi You, dem eindeutigen Highlight der ersten Berlinale-Hälfte 2014. In extremer Langsamkeit bewegt sich der Protagonist durch Marseilles. Seine Augen hält er geschlossen, für jeden Schritt nimmt er sich eine Minute Zeit, jede noch so kleine Bewegung wird bewusst-langsam ausgeführt. In nur zehn Bildern sehen wir den entschleunigten Mönch in unterschiedlichsten Locations der Großstadt. Er stört, er irritiert, er fasziniert die Passanten, Rad-, Moped- und Autofahrer. Manche beobachten ihn, manche gehen an ihm vorbei, einige nehmen ihn gar nicht war. Nur ein Mann schließt sich seinem Entschleunigungs-Protest an und ahmt die reduzierten Bewegungen des Mönchs, wenige Schritte hinter ihm, ganz bewusst nach. Langsamkeit ist das Motto, Vorwärtskommen ohne Speed. Die Bilder erinnern an die Schriften des in Berlin lehrenden Philosophen Byung-Chul Han, der in seinen Analysen zur „Müdigkeitsgesellschaft“ die unmenschliche Geschwindigkeit der neoliberalen Gesellschaft seziert und für eine Entschleunigung plädiert. In Xi You geht es weniger um den Mönch, sondern mehr um die urbane Umgebung. Dabei wird der Zuschauer zu einem Marseiller Flaneur: Das Auge flaniert über die Leinwand, sucht den Mönch, verliert ihn wieder, betrachtet ihn genau und beobachtet die Beobachtenden. Lings Film ist eine Ode an die Entschleunigung. Und tut somit nicht nur dem gehetzten Berlinale-Besucher, sondern der gesamten gehetzten Menschheit gut. Ein Hoch auf die Langsamkeit!