Wieder fällt this human world einem Lockdown zum Opfer. Wobei: Die Opferrolle lehnt das engagierte Festivalteam ab und präsentiert wieder einen gelungenen Querschnitt aus aktuellem (beinahe, aber nicht nur) Dokumentarfilm-Schaffen sowie (Online-)Räume für Austausch und Diskussion. Wenn auch, wie im Vorjahr, nur im Stream. Ein schriftliches Gespräch mit der Festivalleitung Lisa Heuschober, Michael Schmied und Lara Bellon. Das Filmfestival this human world läuft bis 12. Dezember im Netz.
Nun ist es also Gewissheit: Auch die 14. Ausgabe des this human world kann wieder nur online stattfinden. Was bedeutet Euch einerseits das Präsentische von Filmvorführungen im Kino, inwieweit sind andererseits die Fortführung und die Weiterentwicklung von Online-Angeboten von this human world aber ohnehin wichtig (auch über den Festivalzeitraum hinaus vielleicht, aber auch unabhängig von einer Pandemie) – die nicht-ortsgebundene, weitgehend barrierefreie (sieht man von schlechten Internetverbindungen ab) Verfügbarkeit und Erreichbarkeit von Inhalten und Diskursen passt zu einem Festival mit einem Schwerpunkt wie Eurem ja eigentlich äußerst gut … ?
Lisa Heuschober: Schon letztes Jahr war uns klar, dass this human world ein Kinofestival ist, das nur vorübergehend seinen Austragungsort ändern muss.
Seit über einem Jahr betonen wir daher die Wichtigkeit des Kinos für unser Festival und das dafür zusammengestellte Filmprogramm: Das Kino ist ein Ort, der die spontanen und vielfältigen Potentiale von Begegnung, Austausch, Vernetzung und Diskussion komplett entfaltbar macht.
Unser Ziel ist es, die kuratierten Filme in einen größeren gesellschaftlichen und politischen Rahmen einzubetten – genau dieses Ziel baut auf den gerade genannten Potentialen auf und kann unserer Meinung nach im Online-Raum nur teilweise stattfinden.
Michael Schmied: Die Festivalausgabe 2020 brachte für das Festival zum ersten Mal die Möglichkeit mit sich, die Inhalte unseres Programmes österreichweit zugänglich zu machen und zu diskutieren. Eine Chance, die uns am Herzen liegt, weswegen wir für die diesjährige Ausgabe auch von Anfang an ein zusätzliches Online-Programm mitgeplant hatten.
Das zeigen von Online-Filmen außerhalb des Festivalzeitraums kann ein spannender Zusatzpunkt in einem Jahresprogramm eines Festivals sein. Wir haben das auch heuer mit einem 3-Monats-Online-Programm ausprobiert. Das Kino ersetzen wird und soll es aber nicht. Fakt ist allerdings auch, dass wir bedacht mit unseren Ressourcen umgehen müssen und nicht jedes Jahr hybrid planen und organisieren können.
Nachdem man das ganze Jahr über an einem Programm gefeilt hat, ist es sicher sehr schwierig, das Ganze noch einmal drastisch zu reduzieren. Wie seid ihr an die neuerliche Arbeit des Auswählens herangegangen; hattet ihr vorsichtshalber eine Vorauswahl für den Fall eines neuerlichen Lockdowns? Und habt ihr persönliche Favoriten unter den nun gestreamten Arbeiten?
LH: Die kurzfristige Umstellung des gesamten Festivals (zwei Wochen vor Start wurde der Lockdown für unseren Festivalzeitraum verkündet) war nicht nur schwierig, sondern – um hier ganz ehrlich zu sein – ein Horrorszenario, das ohne massive Streichungen und den Verzicht darauf, weiterhin kuratorisch arbeiten zu können, nicht ausgekommen ist.
Wir haben uns trotzdem bemüht, unter enormem Zeitdruck einen Auszug unseres Festivals Programmes in den Online-Raum zu übersetzen. Dies ist uns nur gelungen, weil wir von Anfang an ein kleines Online-Programm zusätzlich zum Kino angedacht und die dementsprechende Infrastruktur rechtzeitig aufgebaut hatten.
Lara Bellon: Die Auswahl, die nun online zu sehen ist, ist dem von Anfang an angedachten Online-Programm sehr ähnlich. Eine Zusammenstellung, die die formale Spannbreite des Programms aufzeigt und sich aus experimentelleren Ansätzen, wie auch klassischen Dokumentarformaten zusammensetzt. Wir haben vor allem auch die Filme ausgewählt, die an Diskussionen und Kooperationen gebunden sind, um auch im Online-Raum möglichst viel Raum für Dialog zu ermöglichen.
Ihr, das sind mittlerweile (seit wann genau eigentlich?) drei, Lisa Heuschober, Michael Schmied und Lara Bellon. Wie(so) leitet man ein Festival zu dritt und welche Hintergründe oder Expertisen ergänzen einander in diesem Trio?
LH: Wir drei arbeiten schon seit 2017 gemeinsam beim this human world – damals aber noch in jeweils komplett anderen Rollen. In den vergangenen Jahren sind dann immer mehr wichtige Entscheidungen von uns getroffen und Verantwortungen geteilt getragen worden. Zu dritt die Leitung zu machen, schafft die Möglichkeit, von all unseren jeweiligen Arbeitserfahrungen und Kenntnissen am besten profitieren zu können. Vor allem in einer erneuten Krisensaison wie dieser, die sich durch Unplanbarkeit und den dadurch entstandenen Mehraufwand auszeichnet, erweist sich diese Struktur als besonders vorteilhaft.
LB: Ich finde, es ist auch eine Anerkennung der kollektiven Arbeitsweisen, die sowieso innerhalb der Festivalstruktur bis jetzt verfolgt wurden, und zwar, dass es immer mehr als 2 Personen sind, die in wichtigen Entscheidungsprozessen involviert waren. Ich finde, dass durch die Aufteilung der Leitung das auch nach außen sichtbar gemacht wird.
Natürlich lassen sich die meisten Fälle von Menschenrechtsverletzungen, Missständen und Konflikten primär im Nachhinein oder in ihrem aktuellen Stattfinden filmisch erarbeiten und für ein Publikum wahrnehmbar machen. Wie, denkt Ihr, können Film und Kino der Klimakatastrophe begegnen, die zwar schon im Gange ist, deren volles Ausmaß – riesige Fluchtbewegungen, riesige Herausforderungen in der Infrastruktur menschlichen Zusammenlebens etc. – der Menschheit wohl aber erst bevorsteht? Und wie begeht Ihr als quasi „kleine Einzelne“ Klimaschutz als Festival, sind Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung für Euch ein fixer Bestandteil der Festivalorganisation?
LH: Filmen, die sich mit Themen wie Umwelt, Raum und auch der Klimakrise auseinandersetzen, wurde mittlerweile zum dritten Jahr in Folge eine Schwerpunktsektion in unserem Programm gewidmet. Generell aber betrachten wir die Klimakrise mehr als eine Vielzahl verschiedener Verstrickungen und Ursachen und weniger als nur den globalen Temperaturanstieg. Die Klimakrise ist Teil unserer Arbeitswelten und Migrationsströme, ist Kolonialgeschichte, Konsequenz fortdauernder globaler Machtverhältnisse und aktuell auch Grundlage globaler Protestbewegungen und Solidaritätsbildungen. Wir versuchen, all diese Aspekte und deren Verlinkungen in unserem Programm zu präsentieren – wie so oft laufen viele dieser loose ends schlussendlich in so breiten Themen wie der Klimakrise zusammen.
MS: Vermutlich werden wir durch das Zeigen der Filme nicht die Klimakatastrophe ändern – das wäre wohl utopisch. Es geht uns allerdings schon darum, dem Publikum in Österreich verschiedene Lebensrealitäten filmisch näher zu bringen. Geschichten, die man womöglich in den Nachrichten nicht zu sehen oder hören bekommt. Im Idealfall kann das neue Perspektiven ermöglichen und für das Thema sensibilisieren.
In der Festivalorganisation versuchen wir vor allem, unsere Drucksorten sowie die Transportwege der Gäste so klimafreundlich wie möglich zu gestalten. Die Festivalgäste verstehen es glücklicherweise, dass wir als Menschenrechtsfestival zum Beispiel keine Überseeflüge mehr für einen kurzen Wien-Aufenthalt organisieren wollen.
Leider gilt generell, dass klimafreundliches Arbeiten immer noch oft mit höheren Ausgaben einhergeht, die wir bemühend in unserem Festivalbudget platzieren.
Heuer gibt es erstmals eine von einer Gast-Kuratorin – den Anfang macht Autorin und Künstlerin Belinda Kazeem-Kamiński – zusammengestellte Programmschiene: „OF WATER, AIR, FIRE AND EARTH“. Reduziert/Komprimiert findet sich dieser Schwerpunkt auch im Online-Programm. Wodurch ergab sich der Drang nach dieser Neuerung und (wie) könnte dieser Ansatz in nächsten Ausgaben erweitert werden? Per Koinzidenz wurde die heurige Viennale-Retrospektive ja zum Beispiel von sechs Gast-Kurator*innen gestaltet.
LB: Durch die Zusammenarbeit mit interdisziplinär arbeitenden Künstler_innen wollen wir verdeutlichen, dass Film kein isoliertes Medium ist, sondern sich an der Schnittstelle von Kunst, Geschichtsschreibung, Politik und Wissenschaft befindet.
Zudem haben wir im Rahmen dieser Zusammenarbeit die Chance genutzt, unsere eigenen Rahmenbedingungen bei der Kuratierung zu brechen. Belinda hatte zum Beispiel keine Vorgaben, was die Produktionsjahre der Filme betrifft – ein Kriterium, das in der Festivalgestaltung ansonsten immer noch als Grundregel verstanden wird. Auch Formate wie Retrospektiven erlauben es, mit solchen Regeln zu brechen.
Die Kombination aus der Arbeit mit dem festivalinternen Programmteam und externen Kurator_innen ergibt für uns eine bereichernde Vielfalt an Perspektiven und kuratorischen Zugängen, durch die das Festival inhaltlich weiterwachsen kann.
… und à propos Zukunftsaussichten, könnt Ihr etwas über das 15-jährige Jubiläum nächstes Jahr verraten – unter der Annahme, dass es terminlich dann mit Präsenz-Festival klappt?
MS: Fix ist eigentlich nur der Festival-Zeitraum im Dezember, da ja jährlich am 10. Dezember der Internationale Tag der Menschenrechte stattfindet. Zur inhaltlichen Ausrichtung können wir derzeit nichts sagen, da wir versuchen, die Schwerpunktsetzung jedes Jahr anzupassen, um so am Puls der Zeit zu bleiben und auf aktuelle politische Ereignisse reagieren zu können.
