Filmkritik

Zwei Herren im Anzug

| Oliver Stangl |
Schwarzweißblaue Geschichten

Die zweite Regiearbeit der bayerischen Urgewalt Josef Bierbichler hatte eine längere Vorlaufzeit: 2011 erschien der autobiografisch angehauchte Roman „Mittelreich“, in dem der Schauspieler und Gastwirt eine düstere, mehrere Generationen umspannende Familiengeschichte erzählt. 2015 folgte eine Bühnenadaption, die in der Theaterwelt große Beachtung fand. Und nun kommt die Verfilmung des Textes ins Kino, bei der Bierbichler – „naturgemäß“, wie es einmal im Film heißt – das Skript verfasste, Regie führte und zwei Hauptrollen stemmte. Die Handlung beginnt Mitte der achtziger Jahre kurz nach einem Leichenschmaus. Wirt Pankraz (Bierbichler) hat seine Frau Theres (Martina Gedeck) verloren, die Gäste gehen, nur Sohn Semi (Bierbichler-Sohn Simon Donatz, der in einem gelungenen Besetzungscoup auch den jungen Pankraz spielt) bleibt, raucht Kette und säuft. Jahrzehntelang haben die beiden kaum ein Wort gewechselt, doch nun verspürt Pankraz den Drang, aus seinem Leben zu erzählen, wobei persönliches Schicksal und Geschichte untrennbar verflochten sind: Der Bruder wird im Ersten Weltkrieg verwundet und endet im Wahnsinn, was dazu führt, dass der Wagner-begeisterte Pankratz auf Anordnung des Vaters (wiederum Bierbichler) die Gesangskarriere aufgeben und den Hof bzw. das Gasthaus übernehmen muss. Pankraz wird von den Schwestern terrorisiert, nimmt im Zweiten Weltkrieg am Russlandfeldzug und der Judenvernichtung teil, wird Zeuge, wie seine alte Welt untergeht, erlebt das Wirtschaftswunder, flüchtet sich in Glaube und Verdrängung. Dem Sohn begegnet er mit Distanz, schiebt ihn in ein katholisches Internat ab, wo dieser sexuell missbraucht wird. Bierbichler schneidet viele Themen an, und dazu bedient er sich verschiedener Mittel – harte Zeitsprünge, Wechsel von Farbe und Schwarzweiß, Standbilder, Verfremdung. Phasenweise erscheint der Film wie eine Hommage an das deutschsprachige Autorenkino: Skurrile Momente erinnern an Bierbichlers Weggefährten Achternbusch, die Schwarzweißszenen der Kriegsjahre rufen Hanekes Das weiße Band (in dem Bierbichler mitwirkte) in Erinnerung, anti-naturalistische Momente lassen an Fassbinder denken und die mit Spezialeffekten gestaltete Wagner-Ebene könnte von Syberberg stammen. Dieser Ansatz lässt den mit provokanten Szenen nicht geizenden Film, der in weiten Teilen eine Kritik an Kirche, NS-Ideologie, Kommunikationsarmut und patriarchalen Strukturen darstellt, allerdings inhaltlich und tonal überfrachtet wirken, zudem schlagen sich filmische und theatralische Stilmittel.

Doch wie auch immer man die künstlerische Qualität des Werks einstuft: Es ist ein weiteres Zeugnis der Wut und Kompromisslosigkeit Bierbichlers, der auch mit siebzig keine Zeichen von Altersmilde erkennen lässt und sich nicht groß um aktuelle Filmmode schert.