Eine Retrospektive beim Filmfestival in Istanbul zeigte den ganzen Reichtum von hundert Jahren türkischem Filmschaffen.
Fast 20 Jahre später als die ersten Filmproduktionsländer feiert der türkische Film seinen 100. Geburtstag: Der Dokumentarfilm Ayastefanos‘taki Rus Abidesinin Yıkılışı (Die Zerstörung des russischen Denkmals in Ayastefanos), gefilmt nach Art der Lumière-Brüder mit statischer Kamera, gilt als erster Film der türkischen Filmgeschichte, die damit 1914 begonnen haben soll. Allerdings waren die mazedonischen Brüder Yanaki und Milton Manaki wesentlich früher dran: Sie nahmen bereits 1905 Militärparaden, einen Besuch des Sultans in ihrer Heimatstadt Bitola, die damals eben zum Osmanischen Reich gehörte, und ihre Großmutter am Spinnrad auf. So ist das türkische Kino, je nachdem, wie man es sieht, vielleicht auch schon 109 Jahre alt.
Was für Paare!
Das soeben zu Ende gegangene Istanbuler Filmfestival zeigte zu diesem Anlass eine klug kuratierte Retrospektive unter dem Titel „What a Pair!“, die eine Auswahl des türkischen Filmschaffens aus allen Dekaden zeigt. Die Kuratoren haben es jedoch nicht bei einer „Best-of“-Liste bewenden lassen und damit die ohnehin kanonisierten und oft gezeigten Filme noch einmal präsentiert, sondern vielmehr Filmpaare gebildet, deren inhaltlicher, ästhetischer oder interpretatorischer Zusammenhang mehr oder weniger augenfällig ist – meistens weniger, und dann wird es spannend. Aus einer Auswahl von über 200 Spielfilmen fanden schließlich 38 – 19 Paare – ihren Weg in die Retrospektive, teils in verregneten, verblichenen, knisternden Kopien, wie man sie kaum noch zu sehen bekommt. Schon dadurch entsteht die erste Irritation – man merkt, wie sehr man inzwischen die hochauflösenden digitalen Bilder gewöhnt ist, die mit Material und Technik des ursprünglichen Films nichts mehr zu tun haben.
So geht es in zwei Komödien um das Auto als Symbol sozialer Mobilität, und zwar in beide Richtungen: In Kücük hanımın şoförü (Driving Little Missy, 1962) muss sich der verwöhnte Sohn eines reichen Fabrikbesitzers erst als Chauffeur verdingen, bevor er sein Erbe antreten darf, während in Her şey çok güzel olacak (Everything’s Gonna Be Great, 1999) zwei ungleiche Brüder durch den Diebstahl eines Porsches mit der Drogenmafia in Verbindung kommen und aufs große Geld hoffen. Der in Schwarzweiß gedrehte Film aus den Sechzigern zeigt ein modernes Istanbul voller Nachtclubs, in denen Frauen und Männer gemeinsam über die Stränge schlagen, bevor sie in ihren amerikanischen Limousinen in ihre neu gebauten Wohngebiete fahren: très chic. Dagegen sind die von ihrem tumben Begehren umgetriebenen Brüder aus den Neunzigern stillos und vulgär.
Genau wie im frühen Tonfilm anderer Länder geht es in Aysel bataklı damın kızı (Aysel, the Girl from the Swampy Roof, 1935) zu, bei dem noch ein deutscher Toningenieur der Tobis für den Sound zuständig war. Aus lauter Freude über das neue Medium pfeift, rauscht, singt und klingt, klappert und kracht es allenthalben. Der Film, der nebenbei dem Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk huldigt, erzählt die Geschichte einer ledigen, jungen Mutter, die in ihrem Dorf zunächst geächtet, aber dann von einem Bauernsohn geheiratet wird. Bemerkenswert sind die weiten Landschaftstotalen, die auf den natürlichen Verlauf der Dinge zu verweisen scheinen, denn das eigentlich für den Jungbauern vorgesehene Stadtmädchen fährt am Ende ihrerseits glücklich mit der Kutsche davon. Die blonde Hauptdarstellerin Cahide Sonku galt als das türkische Pendant zu Marlene Dietrich. Das Gegenstück zu diesem Film ist Yatık Emine (Emine, the Prostitute, 1974), der eine ähnliche Geschichte erzählt, jedoch im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt ist. Die schlammfarbenen Bilder symbolisieren den Sumpf aus Schuld und Scham und Ignoranz, in dem sich die Dorfbewohner befinden, die die junge Frau schließlich verhungern lassen. Mit Bildern von Bresson‘scher Kargheit visualisiert Regisseur Ömer Kavur, der auf der IDHEC studiert hatte, seine Sicht auf die späten Jahre des Osmanischen Reiches, und die ist nicht eben freundlich.
Zwei Melodramen aus den 1980er Jahren erzählen von Frauengefängnissen im wörtlichen und im übertragenden Sinn: In Teyzem (My Aunt, 1986) geht es um das Schicksal einer Mittelschichttochter, die sich in Träume flüchtet, weil sie sich mit ihren tatsächlichen Lebensbedingungen nicht abfinden kann, und daran schließlich zerbricht; und in Uçurtmayı vurmasinlar (Don’t Let Them Shoot the Kite, 1989) erlauben sich die Häftlinge in einem Frauengefängnis kleine Fluchten in die Phantasie, um die Haftbedingungen besser zu ertragen. Die Perspektive in beiden Filmen ist die von Kindern, die am Rande des Geschehens stehen.
Westen und Osten
Ungewöhnlich und außerhalb der Türkei praktisch unbekannt, dort aber damals ein großer Erfolg, ist Yilmaz Güneys Film Arkadaş (The Friend, 1974), in dem die heitere Sommerferienstimmung am Bosporus durch emotionale Verwirrungen getrübt wird, Sex und Politik wunderbar zusammenpassen, und dessen gesamtes Personal auch in einem französischen Film aus der gleichen Zeit spielen könnte. Ebenso erfolgreich war Eşkıya (The Bandit), mit dem 1996 der Siegeszug des neuen türkischen Films begann. Beide Filme stellen starke Männerfiguren, die nicht in die Zeit passen, in den Mittelpunkt: Ersterer ein linker Idealist, gespielt von Güney selbst, der den luxuriösen Lebensstil seines reichen Freundes bloßstellt; letzterer ein idealistischer Räuber aus den Bergen, der in der Metropole Istanbul feststellen muss, dass er zwar der Mafia, aber nicht dem Großkapital gewachsen ist.
Ein großartiger Fund ist der in Stockholm und Hamburg gedrehte Film Otobüs (The Bus, 1976): Der schrottreife Bus wird von einem Betrüger mitten in der schwedischen Hauptstadt abgestellt, seine Insassen, eine Gruppe illegal eingewanderter Kurden, hat er um Geld und Pässe gebracht und überlässt sie nun ihrem Schicksal. Regisseur Tunç Okan hat die Sicht der anatolischen Bauern auf die Umtriebe im unbekannten, kalten, grauen Schweden durch surrealistische Bilder visualisiert, die Kälte und Ignoranz im westlich-liberalen Lebensstil bloßstellen. Dagegen steht die Naivität und Tumbheit seiner Protagonisten, die zwischen Betonfassaden und in U-Bahn-Tunneln wie Außerirdische wirken, und die nur als Gruppe, nicht als Individuen kenntlich sind. Mit seinem anspruchsvollen ästhetischen Konzept gehört dieser Film sicher zu den wichtigsten des türkischen Filmschaffens. Als Pendant dazu haben die Kuratoren Engin Ertan, Fatih Özgüven und Azize Tan Fotoğraf (The Photograph, 2001) des kurdischen Regisseurs Kazım Öz ausgesucht: Die Busreise, die zwei junge Männer antreten, führt jedoch in die entgegengesetzte Richtung – nach Osten in die anatolischen Berge. Einer von ihnen wird in den Untergrund, der andere zum Militär gehen, beide verraten in ihren langen Gesprächen während der Reise jedoch nichts von ihren Plänen. Der Film war Anfang des Jahrtausends einer der wenigen, in denen auch Kurdisch gesprochen wurde.
Andere Filme dieser Reihe erzählen von Liebe im Ausland und vom Nachtleben, von der Einsamkeit von Männern auf Schiffen und von den Anfängen des Filmemachens, von der Rückkehr von Gastarbeitern in die Heimat und von der Eroberung Konstantinopels. Genre-Filme, Literaturadaptionen, Period pictures und Camp geben einen Überblick über eine etwas andere türkische Filmgeschichte – und die ist allemal vielfältiger als man denkt.
