Tarik Saleh Die Kairo Verschwörung / Boy from Heaven

Die Kairo Verschwörung

Zwischen den Fronten

| Pamela Jahn |
Ein paranoider Alptraum voller Misstrauen und Machtquerelen: In Tarik Salehs düsterem Drama „Die Kairo Verschwörung“ spukt ein fesselnder Politthriller.

 

Tarik Saleh ist schwer zu stoppen. Wenn er einmal einen Satz zu wenig sagt, legt er sofort nach. Der schwedisch-ägyptische Regisseur redet gern und offen über seine Arbeit, seine Weltsicht und seinen neuen Film. Die Kairo Verschwörung ist ein klug komponierter Spionagethriller, der sich um einen einfachen Fischerjungen dreht: Für Adam (Tawfeek Barhom) geht mit einem staatlichen Stipendium für die renommierte al-Azhar-Universität in Kairo ein Traum in Erfüllung. Auf dem Campus angekommen, ist er überwältigt von der Disziplin, Strenge und Frömmigkeit, die das Leben im Epizentrum der religiösen Macht Ägyptens bestimmen. Aber er lernt auch bald die dunklen Seiten des Systems kennen, als ein Kommilitone ihn zu einem nächtlichen Streifzug durch die Stadt einlädt, den nur einer von ihnen überlebt.

Gleich zu Beginn des Semesters passiert zudem das Unfassbare: Der oberste Imam stirbt an einem Herzinfarkt, während er eine Rede vor der Studentenschaft hält, und sogleich beginnt ein hitziges Gerangel um die zukünftige geistige Führung der Institution, in dessen Verwicklungen auch Adam gerät. Er wird von einem dubiosen Geheimdienstagenten (Fares Fares) kontaktiert, der ihn dazu verpflichtet, der Regierung verdeckt Informationen aus dem Innenleben der Universität zuzuspielen. Adams waghalsige Gratwanderung zwischen den Fronten der religiösen und politischen Eliten des Landes bildet den fesselnden Kern des Films.

Einen ähnlichen Balanceakt geht auch Saleh ein, der stets darauf bedacht ist, sich auf keine Seite zu schlagen und die Ansicht vertritt, dass der Islam selbst keine Schuld daran trägt, wenn er von bestimmten Menschen falsch interpretiert und missbraucht wird. Dass der Film dennoch nicht vor Ort in Ägypten gedreht werden konnte, überrascht nicht. Stattdessen musste eine Moschee in Istanbul herhalten. Bereits sein letzter Film, Die Nile Hilton Affäre (The Nile Hilton Incident, 2017), über die Ermordung einer Libanesin durch einen ägyptischen Politiker und Geschäftsmann im titelgebenden Hotel in Dubai wurde vorwiegend in Casablanca gedreht. Saleh, der 1972 als Sohn eines ägyptischen Vaters und einer schwedischen Mutter in Stockholm geboren wurde, hat mit Die Kairo Verschwörung erneut einen düsteren Thriller über die Korrumpierbarkeit von Menschen und Institutionen gedreht – ein zentrales, alles umfassendes Thema, das in unserer heutigen Zeit nie an Aktualität verliert.

 

Tarik Saleh über sein düsteres Drama, in dem ein Polit-Thriller spukt

Herr Saleh, es gibt keine Zeitangaben im Film. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?
Tarik Saleh: In meinem Kopf habe ich den Film datiert, aber es ist kompliziert. Erstens, weil es ein fiktiver Film ist, das möchte ich wirklich betonen, und ich sage das nicht zu meiner eigenen Sicherheit. Die einzige reale Figur im Film ist Präsident el-Sisi, und er taucht nur in Bildern auf. Aber als ich das Drehbuch geschrieben habe, dachte an die al-Azhar-Universität, wie sie vielleicht in den frühen sechziger Jahren war, obwohl der Film im heutigen Ägypten spielt, nachdem el-Sisi an die Macht gekommen ist, aber natürlich vor Corona. Ich wollte, dass sich die Geschichte zeitlos anfühlt, weil der Kampf zwischen dem Priester und dem Pharao in Ägypten sehr alt ist. Es hat ihn schon immer gegeben. Für mich hätte die Geschichte auch zu jedem anderen beliebigen Zeitpunkt in den letzten 6.000 Jahren in Ägypten spielen können, aber das wäre zu teuer gewesen.

Sie haben Ihre Sicherheit erwähnt. Sind Sie wirklich nicht besorgt?
Tarik Saleh: Wissen Sie, es sind natürlich die berühmten letzten Worte, aber ich mache mir keine Sorgen. Ich halte nichts davon, wenn Filmemacher von sich selbst behaupten, dass sie mutig seien. Ich habe keinen Mut. Ich habe einen schwedischen Pass. Wenn Frauen im Iran öffentlich ihre Hijabs verbrennen oder sich die Haare abschneiden, ist das mutig. Oder wenn meine Freunde in Ägypten sich nicht den Mund verbieten lassen und dafür ins Gefängnis gehen, gefoltert werden, und nach ihrer Entlassung weiter die Wahrheit sagen. Das ist mutig. Denn natürlich gibt es in Ägypten eine Militärdiktatur, ähnlich wie in Chile nach dem Putsch. Nur ist es nicht so offensichtlich, weil man immer noch zwischen Starbucks- und Costa-Kaffee wählen und im IMAX die neuesten Marvel-Filme sehen kann. Aber wenn man sich beschwert, dass die Straße vor dem Haus kaputt ist, klopft nachts jemand an deine Tür, und danach traut sich niemand zu fragen, wohin du verschwunden bist. Das ist die Realität im heutigen Ägypten. Doch ich lebe nicht dort. Und ich sehe es als meine Pflicht, die Freiheit zu nutzen, die ich habe. Es wäre lächerlich, das nicht zu tun.

Sehen Sie sich als politischen Filmemacher?
Tarik Saleh: Nein. Ich mache keine politischen Filme in diesem Sinne, weil ich mich in der Vergangenheit so oft in der Politik geirrt habe. Ganz ehrlich, ich war damals dagegen, als es um die Frage ging, ob Schweden der EU beitreten solle oder nicht. Heute denke ich, das es eine gute Entscheidung war. Genauso falsch lag ich, als es um die Einführung des Euro ging. Ich war dafür, weil ich Angst hatte, dass die Krone sonst entwertet werden würde. Aber wir sind dem Euro nicht beigetreten und meine Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Ich habe sogar, als Facebook noch neu war, nicht daran geglaubt, dass sich jemand langfristig dafür interessiert. Also hören Sie bloß nicht auf meinen Rat.

Auch wenn Sie nicht politisch sein wollen, ist Ihr Film ein hochpolitischer Thriller. Es ist eine Geschichte darüber, wie zwei Arten von Politik, die des Staates und die der Geheimpolizei, im selben Moment aufeinanderprallen.
Tarik Saleh: Ja, das stimmt, und ich interessiere mich sehr für Politik, aber mein besonderes Interesse gilt umfassenderen Themen wie Autorität und Macht. Und natürlich ist es politisch, zu untersuchen, wie Autorität funktioniert und wie Macht ausgeübt wird und wie man mächtig wird. Aber es gibt keine politische Aussage in meinem Film, ich will kein Statement abgeben.

Was ist für Sie der umstrittenste Aspekt des Films?
Tarik Saleh: Das ist eine spannende Frage, so wie Sie sie stellen, denn der umstrittenste Aspekt des Films ist sicherlich die Darstellung der Staatssicherheit. Aber ich persönlich empfinde das als weniger kontrovers. Für mich als rationalen Menschen, der für alles eine Erklärung haben will, ist das vielmehr die Auseinandersetzung damit, ob Gott existiert oder nicht. Und um ehrlich zu sein, kann ich diese Problematik für mich bis heute nicht vollständig klären. In frühen Fassungen des Drehbuchs finden sich Elemente von Magie und magischem Realismus. Die habe ich dann rausgenommen, weil ich das Gefühl hatte, mich dahinter zu verstecken. Ich hatte sogar einen Atheisten in die Handlung eingebaut, hinter dem ich mich auch versteckt habe. Als ich das alles gestrichen habe, blieb etwas übrig, das mich irgendwie anstarrte, und seitdem beschäftige ich mich damit.

Wie haben Sie sich der ursprünglichen Geschichte angenähert, die Sie erzählen wollten?
Tarik Saleh: Der Ausgangspunkt ist für mich immer die Frage: Was können wir lernen? Und in dem Fall meine ich damit: Wie viele Menschen kennen die al-Azhar-Universität in Kairo, wenn sie ins Kino gehen? Der Islam ist jeden Tag in den Nachrichten, er ist wie der Buhmann, das Monster, das sich unterm Sofa versteckt. Die allgemeine Meinung ist: Der Islam ist gefährlich. Aber die meisten Menschen, die das behaupten, wissen nicht, dass es den Groß-Imam gibt, wer Scheich Ahmad Mohammad al-Tayyebb ist, nämlich die höchste Autorität im sunnitischen Islam. Nun fragen Sie sich aber einmal, ob die Ägypter etwas über den Papst und den Vatikan wissen. Sie wissen es. Sie kennen den Unterschied zwischen einem Protestanten und einem Katholiken. Sie kennen die EU, sie kennen die NATO. Trotzdem gelten die westlichen Nationen stets als die aufgeklärten Menschen, das finde ich fragwürdig. Natürlich kann man das nicht so verallgemeinern, wie ich es gerade tue. Und natürlich ist auch die Sicht vieler Ägypter auf den Westen verklärt. Aber wenn man sich nicht für die Hintergründe, Verflechtungen und Zusammenhänge von Kulturen interessiert, wird es auf beiden Seiten schnell gefährlich. Und in gewisser Weise halte ich es für meine Pflicht, das zu ändern. Andererseits habe ich von Stieg Larsson, einem bekannten schwedischen Schriftsteller (Verfasser der „Millennium“-Trilogie; Anm.), gelernt, wie man schreibt, und eines der schönsten Zitate von ihm lautet: „Derjenige, der das Feld zuerst entdeckt, kann die schönsten Blumen pflücken.“ Und da ich mit meiner Kamera Felder betreten kann, die niemandem sonst zugänglich sind, kann ich sehr schöne Blumen pflücken. Mit anderen Worten: Ich bin kein Lehrer, dies ist kein Dokumentarfilm. Das Publikum weiß immer so viel, wie die Figuren wissen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie ein Filmemacher sind, der Geschichten wahrheitsgetreu erzählen will. Wie weit würden Sie gehen, um das zu erreichen?
Tarik Saleh: Ich komme vom Dokumentarfilm und vom Journalismus, damals hatte ich immer den Eindruck, dass wir mit der Wahrheit arbeiten. Als ich anfing, Spielfilme zu drehen, wurde mir klar, dass das Gegenteil der Fall ist. Als Journalist fragt man sich die meiste Zeit, was die Geschichte ist, an der sich bestimmte Fakten aufhängen lassen. Man versucht also, das erzählende Element innerhalb einer gegebenen Realität zu finden. Wenn man hingegen eine fiktive Geschichte erzählt, fragt man: Was ist hier wahr? In der Hinsicht sind Realität und Wahrheit in der Fiktion also sehr subjektiv. Ich denke, es handelt sich um eine emotionale Wahrheit, die es herauszufiltern gilt.

Aber wie gelingt das?
Tarik Saleh: Ich bediene mich einer sehr einfachen Methode, wenn ich Regie führe: Ich zweifle an, was ich sehe. Und dann schauen mich die Schauspieler fragend an und ich muss ihnen erklären, was genau es in dieser Szene, in dieser Situation ist, das ich für nicht glaubwürdig halte. Indirekt vergleiche ich das Regieführen manchmal auch mit meiner Kindheit, in der ich immer der Spielanführer war. Das hat nicht selten zu Problemen mit den Eltern meiner Freunde geführt. Aber jetzt habe ich die Möglichkeit, mit tollen Darstellern zu spielen. Und wenn ich mit jemandem wie Fares Fares zusammenarbeite, der mir auch persönlich sehr nahe steht, dann ist das etwas Wunderbares. Denn Fares kann nicht lügen. Das kann manchmal sehr schmerzhaft sein, wenn er mich zum Beispiel unvermittelt fragt, ob ich enttäuscht bin, dass ich in Cannes nicht die Goldene Palme gewonnen habe, sondern „nur“ den Drehbuchpreis. Aber so ist er, und das liebe ich an ihm.

Stimmt es, dass Sie eine persönliche Verbindung zu dem Ort haben, an dem Adam im Film aufwächst?
Tarik Saleh: Ja. Meine Großeltern stammten aus Fischerdörfern im Nildelta, und beide erhielten ihre Ausbildung in den 1930er Jahren in Ägypten. Insbesondere für meine Großmutter war das ein großer Schritt. Sie erhielt vom König die Bescheinigung, dass sie arbeiten durfte. Dann wurden sie in ein Dorf geschickt, das Fischerdorf, das ich im Film beschreibe, wo mein Vater geboren wurde. Dort unterrichteten sie die Kinder.

Adam lebt mit seinem Vater und den Brüdern in einem Haus, in dem es keine Mutter gibt. Auch sonst gibt es kaum Frauen in Ihrem Film. Warum haben Sie sich dazu entschieden?
Tarik Saleh: Wir alle wissen, und die Männer im Film wissen es auch, dass es nicht gut ist, wenn keine Frauen da sind. Es wird eine sehr toxische und schreckliche Umgebung. Man kann jedes Gefängnis besuchen, die Armee, was auch immer, es hat immer etwas Beängstigendes, in einem Umfeld zu sein, in dem es keine Frauen gibt, zumindest für mich. Und das wirkt sich auch konkret auf Adams Familiensituation aus. In der ägyptischen Kultur ist der Vater derjenige, der bestraft, und die Mutter ist die Ernährerin – die Rollen sind klar verteilt. Aber wenn die Mutter stirbt, ändert sich natürlich die Dynamik im Haus. Deshalb war es für mich wichtig, dass Adam den Bezugspunkt zu seiner Mutter verloren hat. Er hat die Person verloren, die ihn nähren und zum Lernen anregen konnte. Sie war tot, und deshalb hat auch er Angst vor dem Tod, obwohl er gläubig ist, weil er am eigenen Leib erfahren musste, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren. Es war also eine Möglichkeit, Adam auf einer sehr grundlegenden emotionalen Ebene zu isolieren.

Haben Sie Bedenken, dass sich religiöse Menschen zu Recht oder zu Unrecht an der Darstellung des Islam in Ihrem Film stören könnten?
Tarik Saleh: Das würde mich überraschen. Wahrscheinlich haben die Leute, die daran Anstoß nehmen könnten, den Koran nicht gelesen oder sie sind nicht gebildet. Und davon gibt es natürlich eine Menge. Aber ich würde ihnen raten, sich zu beruhigen und den Film mit wachen Augen zu sehen. Der Islam ist eine sehr große Religion mit vielen Seiten. Es sind viele verschiedene Aspekte, die da eine Rolle spielen. Es gibt zum Beispiel Leute wie den derzeitigen Scheich der Azhar, der ein sehr intelligenter, kultivierter und gebildeter Mann ist. Er hat vor kurzem eine Fatwa ausgesprochen, eine religiöse Empfehlung, dass man sich als Muslim reinigen muss, bevor man die Bibel berührt, weil es sich um ein heiliges Buch handelt. Das ist natürlich eine Metapher, um Christen nicht anzugreifen. Aber dann gibt es eben auch die Taliban, die junge Mädchen töten, weil sie eine Ausbildung machen wollen. Und das ist der reine Wahnsinn. Aber mein Vater sagte immer: „Arschlöcher gibt es überall.“ Es gibt sie in Schweden und in Ägypten. Es gibt deutsche, russische, italienische und französische Arschlöcher, was weiß ich. Sie alle sind Arschlöcher auf ihre Art und Weise, und wenn sie alle zusammenkämen, hätten sie eine ganze Menge gemeinsam. Ich denke, damit hatte er recht.