Best Foreign Language Film

Academy Awards

Creating a buzz

| Roman Scheiber |

Die österreichische Filmbranche hofft auf den nächsten Oscar nach „Die Fälscher“. Was aber spielt sich im Vorfeld der weltweit wahrgenommenen Preisverleihung ab? Wie sieht „Best Foreign Language Film Campaigning“ aus?

Als im Rahmen der vorjährigen Oscar Night um fünf Uhr morgens MEZ die Verleihung in der Kategorie „Best Foreign Language Film“ anstand, waren Anflüge von Müdigkeit im übertragenden Wiener Gartenbau Kino wie weggeblasen, im Auditorium des Kodak Theatre hingegen begannen solche sich gerade auszubreiten. Außer in ein paar kleineren Delegationen, etwa der israelischen um Regisseur Ari Folman, der mit dem autobiografischen Animations-Kriegsfilmessay Waltz with Bashir als hoher Favorit galt. Aber auch Götz Spielmann hoffte. Ohne großen US-Verleih im Rücken hatte es der Regisseur des epischen Rachedramas Revanche sensationell in die Endauswahl geschafft – nur ein Jahr, nachdem Stefan Ruzowitzky die begehrteste Trophäe der Filmwelt hochstemmen durfte. „And the Oscar goes to … Japan for Departures“, hieß es dann. Folman knickte ein, Spielmann war überrascht, und während die japanische Crew eckig ihre Dankesrede vortrug, schüttelten Cinephile im Gartenbau Kino den Kopf. Dass eine eher harmlose und im Vorfeld kaum beachtete Leichenbestatter-Komödie den Foreign Language Film Award davontragen würde, hatte kaum jemand gedacht.

Wer um die Personalstruktur des Foreign Language Committee weiß, hätte freilich damit rechnen können. Götz Spielmann entwickelte später eine schlüssige Theorie, wie Nokan/Departures zum Oscar-Gewinner wurde. Die wahlberechtigten Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) teilen sich danach in zwei mittlerweile annähernd gleich große Gruppen. Die erste, tendenziell schrumpfende Gruppe besteht aus älteren, gebildeten Leuten mit konventionelleren, am US-Entertainment geschulten Sehgewohnheiten; die zweite, wachsende Gruppe aus jüngeren, breiter interessierten und auch für anspruchsvolle Autorenfilme empfänglichen Menschen. Während nun Waltz with Bashir und Revanche einander gegenseitig Stimmen dieser zweiten Gruppe abspenstig gemacht hätten, so Spielmann, habe der japanische Beitrag eine deutliche Stimmenmehrheit der ersten Gruppe auf sich vereinigen und so gewinnen können.

Das klingt ein wenig wie politische Wahl-Arithmetik, und ein wenig ist es das auch. Es hebt einem ins Bewusstsein, dass es beim Oscar für den besten fremdsprachigen Film nicht vorrangig um künstlerische Belange, sondern um das Gespür geht, wie man welche der rund 600 stimmberechtigten AMPAS-Mitglieder beeindrucken kann. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass es in der Auswahljury Deutschlands vorigen Sommer eine heftige Debatte darüber gab, ob man statt Michael Hanekes Das weiße Band nicht besser die publikumsfreundlichere „Schindlers Liste light“-Produktion John Rabe ins Rennen schicken sollte. Martin Schweighofer, Direktor der Austrian Film Commission (AFC) und Kenner der Vorgänge in der AMPAS, wünscht selbstverständlich Michael Haneke den Oscar, sagt aber deutlich: „Als Deutscher hätte ich für John Rabe votiert, nicht weil er gut ist, sondern weil er bei vielen älteren Wahlberechtigten wohl gut angekommen wäre.“ Die Wahl fiel dann bekanntlich zügig auf den in Deutschland gedrehten Cannes-Gewinner. Haneke selbst, der gegenüber „ray“ den europäischen Charakter seines Films betont („Jedes der beteiligten Länder kann sich ein Federchen davon an den Hut stecken.“), soll dem Vernehmen nach nicht unglücklich darüber gewesen sein, das im Vergleich zum österreichischen stärkere deutsche Lobbying-Pferd vor den Karren gespannt zu kriegen – ebensowenig wie der US-Verleih Sony Pictures Classics, der laut dem hiesigen Koproduzenten Veit Heiduschka eine dritte österreichische Auslands-Oscar-Nominierung in Folge für sehr unwahrscheinlich hielt.

Diesen schweren Stand hatte nun der an Stelle von Hanekes Film ausgewählte Ein Augenblick Freiheit. Einstimmig von der österreichischen, mehrheitlich aus Vertretern der Berufsverbände bestehenden Auswahljury entsandt, und obwohl nach ziemlich einhelliger Branchenmeinung „oscar-typisch“ (Flucht vor dem autoritären iranischen Regime als Thema, starkes Emotionalisierungspotenzial unter Einhaltung cineastischer Qualitätsstandards) sprachen noch weitere Faktoren gegen den Film von Arash T. Riahi: ein Spielfilmdebüt, den – wenngleich erfolgreichen – Festivaldurchlauf schon länger hinter sich, kein großer US-Verleih als Wahrnehmungsverstärker. Arash machte das Beste daraus. Eine Promotour in Los Angeles Anfang November, Anfang Jänner ein gelungener Auftritt beim Festival in Palms Springs (wo viele pensionierte Academy Members residieren) und der Kontaktaufbau zur persischen Community in L.A. sorgten dafür, dass Ein Augenblick Freiheit (zumindest gerüchteweise) nur knapp an der auf neun Kandidaten kondensierten Foreign Language Shortlist vorbeigedunstet sein dürfte. „Es wäre ohnehin unfair gewesen gegenüber Leuten, die ein Leben lang darauf warten, nominiert zu werden“, sagt Arash und hebt das Positive seiner Oscar-Erfahrung hervor: „Ich habe reingeschnuppert, Kontakte geknüpft, die Mechanismen kennengelernt und konnte außerdem mit meinem Film ein vermittelndes Element einbringen in die zerstrittene iranische Gemeinde von L.A.“

Wird ein Film von einem Meinungsträger der Branche für gut befunden, erhöht das natürlich seine Verbreitungschancen. Gefällt ein Film dem Direktor eines einflussreichen Festivals, gewinnt er die Eigenschaft, weiterempfohlen zu werden. So geschehen bei Revanche, den der Leiter des exklusiven Telluride Festivals (Colorado, Anfang September) schon während der Berlinale ans Herz gelegt bekam. „Das war der erste wichtige Baustein des Nominierungs-Erfolgs von Revanche“, meint Götz Spielmann im Rückblick. Weitere Stationen einer Produktion auf dem Weg zum Auslands-Oscar sind das namhafte Toronto Filmfestival, die „official selection“ des New York Film Festivals und die Preise des ersten Filmzirkels der USA, der traditionell Jahreswürdigungen vergibt, des National Board of Review (eines New Yorker Branchenvereins, dem allerdings keine Kritiker angehören, wie der Name es vielleicht vermuten ließe). Zum Finale des Vorab-Votings für die Oscar-Shortlist empfiehlt es sich, auf dem schon erwähnten Palms Springs Festival gute Figur zu machen.

Im Idealfall wird ein Kandidat von Station zu Station stärker wahrgenommen (immerhin steht er in Aufmerksamkeitskonkurrenz zu rund 65 Mitbewerbern), wird von Opinion Leadern empfohlen, von positiven Medienberichten, wichtigen Preisen und Publikumserfolgen weitergetragen, mit Zusatz-Screenings wegen erhöhter Nachfrage bedacht. „Creating a buzz“, nennt das Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky. Ein prima Verstärker für Die Fälscher sei damals beispielsweise ein spezielles Screening schon im November in New York gewesen. Ruzowitzky: „Gehosted hat das der dezidierte Holocaust-Film-Hasser Eli Wiesel und daher sind viele Academy Members und gesellschaftlich einflussreiche Leute gekommen.“ Die Fälscher-Kampagne riss Österreich vor zweieinhalb Jahren sozusagen aus dem Auslands-Oscar-Dornröschenschlaf. Wolfgang Glücks Nominierung für 38 war Jahrzehnte her, Virgil Widrich war 2001 für den Kurzfilm Copy Shop, Hubert Sauper 2005 für den Dokumentarfilm Darwin’s Nightmare nominiert gewesen. Hanekes Caché war 2006 durchgefallen, weil nicht nach dem damaligen, unsinnigen Regularium der AMPAS in der Sprache des Regisseurs gedreht. Der Glaube an die Chancen des kleinen Österreich bei der großen Gala war eher erschütterlich.

Heute ist das anders. Mit einer Wette auf Christoph Waltz als Gewinner in der Kategorie Best Supporting Actor für Inglourious Basterds kann man etwa auf dem Wettportal victorchandler.com mit 1000 Euro Einsatz gerade einmal 50 Euro verdienen. Der Tiroler Christian Berger, kongenialer Ausleuchter von Das weiße Band, räumte in den USA gleich vier bedeutende Kamerapreise ab, darunter den „Cinematographer of the Year 2009“. Unterstützend für Bergers Oscar-Nominierung in der Kategorie Beste Kamera wirkte aber auch, dass Sony Pictures Classics den US-Start von Das weiße Band auf Ende Dezember vorverlegte und der Film daher leichter allgemein zugänglich war.

Wie stehen nun die Chancen für Michael Haneke, in der Nacht auf den 8. März 2010 den Best Foreign Language Film Award entgegen zu nehmen? Die Prognosen der hiesigen Auguren bewegen sich zwischen 20 und 50 Prozent. Gegen Das weiße Band spricht: Er ist vergleichsweise sperrig, wirft ganz Haneke-like Fragen auf, ohne Antworten zu geben, und bietet dem Publikum keine Figuren, mit denen es mitgehen könnte (anders als Die Fälscher, der eine Identifikationsfigur bot und von Sony Pictures Classics entsprechend nicht als „next best Holocaust movie“, sondern als „personal drama“ eines Helden im moralischen Gewissenskonflikt positioniert wurde). Für Das weiße Band spricht: Durchgehend erhöhte Aufmerksamkeit wegen goldener Preise von Palme bis Globe und der Kamerapreise für Berger, weitgehend positive Mundpropaganda. Nicht zuletzt könnte im liberalen Hollywood aber auch die mögliche Lesart als schonungslose Abrechnung mit einer bigotten, christlich fundamentalistischen, patriarchalen Lebensart eine Rolle spielen, wie sie im sogenannten „bible belt“ der republikanisch-konservativ dominierten Mittelregion der USA bis heute vorherrscht.

Abstimmen über den besten fremdsprachigen Film dürfen nur jene Mitglieder des Foreign Language Committee, die nachweislich alle fünf Nominierten im Rahmen eines offiziellen Screenings gesehen haben. Nach der Schätzung von AFC-Chef Martin Schweighofer entscheiden demnach rund 300 Mitglieder der Academy, welcher fremdsprachige Film das Goldmännchen bekommt. Die Kategorie gilt als eine der am schwierigsten vorhersehbaren im Rahmen der Oscar-Verleihung. Umso bemerkenswerter ist, wie explizit die Österreicher die Chancen der Konkurrenten beurteilen. In Stichworten: Den französischen Beitrag Un Prophète von Jacques Audiard findet Ruzowitzky „fantastisch, aber nicht französisch“, Spielmann „super, aber zu grausam und zu brutal, um den Oscar zu gewinnen“. Schweighofer hält den peruanischen Berlinale-Gewinner des Vorjahrs, La Teta Asustada von Claudia Llosa, für „fast schon zu gut“ in cinephiler Hinsicht, den israelischen Beitrag Ajami wiederum für „zu israelkritisch“. Am Ende könnte ein Film aus Argentinien vereiteln, dass Hanekes Werk die historische Rarität gelingt, sowohl zu Palmen- als auch zu Oscar-Ehren zu kommen. Der Cold-Case-Mystery-Thriller El secreto de sus ojos (Regie: Juan José Campanella, Verleih: Sony Pictures Classics) gilt nämlich als besonders „oscar-typischer“ Bewerber. Michael Haneke gibt sich indes gelassen: „Der Nebendarsteller in der dritten Fernsehserie von links interessiert die Amerikaner mehr als wer den Fremdsprachen-Oscar gewinnt.“