Christian Bale

Komik dient zur Wahrheitsfindung

| Dieter Oßwald |

Ein Interview mit Oscar-Kandidat Christian Bale  zu „American Hustle“

Er war mit zwölf Jahren in Steven Spielbergs Empire of the Sun zu sehen, er war der Batman in The Dark Night und The Dark Night Rises. Für The Machinist nahm er 30 Kilo ab. Für The Fighter bekam er den Oscar. Nun ist der 1974 in Wales geborene Christian Bale abermals nominiert für seine Rolle in American Hustle – diesmal spielt er mit dickem Bauch, Glatze und Toupet einen gerissenen Gauner.

Einmal mehr geben Sie das Chamäleon von Hollywood. Wie schaffen Sie diese Wechsel vom Hungerhaken über das Muskelpaket zum Bierbauch und zurück zur normalen Statur?
Christian Bale: Man isst entweder nur Kartoffeln oder eben gar nichts. Die körperliche Erscheinung ist ein ganz entscheidendes Merkmal für jeden von uns für die Beurteilung eines anderen Menschen. Von diesem ersten Eindruck lassen wir uns im Leben alle leiten. Ein Film hat nur zwei Stunden, um eine Geschichte zu erzählen, deshalb ist dieser erste Eindruck auf der Leinwand umso wichtiger. Und da wird die körperliche Erscheinung zum idealen Einfallstor.

Welchen Eindruck haben Sie von sich, wenn Sie abgemagert oder hier fett mit Glatze vor dem Spiegel stehen?
Christian Bale: Wenn das über Nacht passieren würde, wäre ich sicher entsetzt. Aber diese Verwandlung ist ja ein langwieriger Prozess, der über Monate hinweg dauert – da schockiert das Ergebnis nicht mehr. Mir fällt dieser Effekt oft bei meiner Tochter auf, wenn mir andere Leute erzählen, wie sehr sie sich verändert habe. Ich, der sie täglich sieht, bemerke diesen Wandel gar nicht so deutlich.

Ist die Optik der Figur Ihre eigene Idee?
Christian Bale: Ich hatte mir die reale Figur, die „American Hustle“ zugrunde liegt, völlig anders vorgestellt. Ich dachte, das wäre ein sehr charismatischer und gutaussehender Typ. Als ich zum ersten Mal ein Foto von Mel sah, war ich völlig überrascht. Dieser Betrüger, der wirklich jeden hereinlegen konnte, trägt ein Toupet, das schlechter kaum sein kann. Von der grauenhaften Sonnenbrille und dem Bierbauch ganz zu schweigen.

Der Bale-Bauch soll für gute Stimmung beim Dreh gesorgt haben…
Christian Bale: Für die anderen auf jeden Fall! (Lacht) Ich fühlte mich bald wie so eine Figur des lächelnden Buddhas, denen man über den Bauch streichelt, weil es Glück bringen soll. Das entwickelte sich beim Dreh zu einer echten Marotte. Erst fingen meine Kollegen damit an, das war ja noch in Ordnung. Als mir wildfremde Statisten ständig über den Bauch streicheln wollten, wurde es doch etwas lästig.

Was sagen Ihre Frau und Tochter zu den Verwandlungskünsten?
Christian Bale: Meine beiden Frauen waren gleichermaßen begeistert. Meine Tochter wollte gar nicht mehr aufhören, mir auf den runden Bauch zu klatschen und jedes Mal ihre Handabdrücke zu hinterlassen. Noch mehr gefielen ihr meine Brüste, die ja fast schon wie ein Busen aussehen. Meiner Frau gefiel vor allem, dass sie neben mir jetzt einfach sehr viel schlanker aussah.

Welche Rolle spielt die Komik in der Darstellung?
Christian Bale: Für Komik ist immer der Regisseur zuständig. Nur wenn er zulässt, dass du komisch bist, dann kannst du das auch sein. Weil David O. Russell so ein gutes Gespür für die Lächerlichkeiten des Lebens hat, lässt er Dinge zu, die andere Regisseure ablehnen würden. Man hätte den Film als knallharten Thriller erzählen können, aber David war Komik wichtig, deswegen konnte ich ihm solche Szenen anbieten – und er hat sie genommen.

Wie wichtig ist Komik für Sie?
Christian Bale: Für mich hat Komik keinen Selbstzweck, sondern sie dient immer nur zur Wahrheitsfindung. Wenn die Drehbuchautoren und der Regisseur das ebenso sehen, wird die Sache auch tatsächlich lustig. Alles andere wirkt verkrampft wie ein schlechter Witz, bei dem die Zuhörer nur aus Mitleid mit dem Erzähler lachen.

Sehen Sie der Oscar-Verleihung gelassen entgegen?
Christian Bale: Ganz ehrlich gesagt, erwarte ich keinen Oscar. Das ist ein Ensemble-Film, genau darin liegt seine große Stärke. Von der Nominierung wurde ich völlig überrascht. Ich war mitten bei Dreharbeiten, und wir bereiteten gerade eine Szene vor, als mir jemand auf die Schulter klopfte und meinte, ich sei für den Oscar nominiert. Ich sagte: „Wow. Aber wir müssen jetzt noch schnell diese Szene drehen.“

Wie wichtig ist ein Oscar? Als stolzer Besitzer haben Sie ja bereits Erfahrung.
Christian Bale: Man sollte nie einen Film drehen in der Hoffnung auf einen Oscar oder andere Preise. Die einzige Befriedigung in diesem Job hat man nur beim Drehen. Alles andere ist außerhalb deiner Kontrolle. Der Regisseur entscheidet, welche Szenen er nimmt – und das sind vielleicht gar nicht deine besten. Die Marketing-Leute der Studios befinden darüber, wie groß dein Film vermarktet wird. Last not least entscheidet der Zeitgeist, ob das Werk den Nerv der Zuschauer trifft.

Wie groß ist die Rivalität unter den Nominierten?
Christian Bale: Für mich überhaupt nicht, Konkurrenzgefühle kenne ich nicht. Es gibt so viele großartige Schauspieler, einen davon zum „besten“ zu küren, geht eigentlich gar nicht. Ich gehe sehr gerne zu dieser Verleihungszeremonie und freue mich über die Nominierung – aber nervös macht mich das überhaupt nicht.

Bereiten Sie wenigstens eine Rede vor?
Christian Bale: Man will ja nicht als Trottel da stehen, der den Mund nicht aufbekommt. Ich werde einige Notizen vorbereiten, falls ich ins Trudeln geraten sollte. Ansonsten setzte ich auf Spontaneität. Öffentliche Reden liegen mir eigentlich gar nicht, aber diese Oscar-Rede bei The Fighter war ein starkes Erlebnis. Wenn man die erste Hemmung überwunden hat, möchte man gar nicht mehr aufhören zu reden – Oscar-Reden machen süchtig! (Lacht)

Sie haben gerade ihren zweiten Film mit Terrence Malick gedreht, wie ist die Arbeit mit der Regie-Ikone?
Christian Bale: Bei diesem Film gab es kein Drehbuch, ich bekam jeden Morgen nur eine Beschreibung des Charakters. Die anderen Schauspieler wussten sicher mehr als ich von dem Projekt, aber Terry wollte, dass ich unmittelbar auf Situationen reagiere, weshalb es auch keinerlei Proben gab. Terry hatte immer unglaublich viele Notizen dabei, aber die hat er niemandem gezeigt. Das Motto am Set lautete: „Wir drehen, bevor die Vorbereitungen fertig sind.“ Diese Freiheit ist unglaublich spannend für einen Schauspieler.

Wie arbeitet es sich mit Werner Herzog im Vergleich dazu?
Christian Bale: Werner ist ein Wahnsinniger voll Adrenalin und zugleich einer der freundlichsten Menschen, die man treffen kann. Er ist meist sehr ruhig – bis plötzlich die andere Seite aus ihm hervorbricht. Mir hat er erzählt, dass er das Drehbuch seit zwei Jahren nicht mehr gelesen habe. Nach einem Dialog sagte er einmal: „Das war absolut fantastisch“ – da konnte ich nur antworten: „Danke, der Text war von dir selbst.“