Die Berlinale macht allmählich der Diagonale Konkurrenz.
Zwölf Filme sind es geworden, wenn man die Koproduktionen mitzählt. Betrachtet man das Programm der diesjährigen Berlinale, stellt man fest: Kaum ein anderes Land, und schon gar keines in vergleichbarer Größe, weist eine derart dichte Präsenz auf wie Österreich.
An erster Stelle zu nennen und wohl auch die größte Überraschung ist die Wettbewerbs-Teilnahme von Sudabeh Mortezais Macondo. Die Filmemacherin überzeugte schon mit ihren beiden Dokumentarfilmen Children of the Prophet und Im Bazar der Geschlechter, beide im Iran angesiedelt; in ihrem Spielfilmdebüt (Produktion: Freibeuter Film) beschäftigt sie sich mit der Lebensrealität eines tschetschenischen Jungen namens Ramasan, der seinen Vater im Krieg verloren und mit seiner Mutter und zwei jüngeren Schwestern in Österreich Asyl bekommen hat. Ebenfalls im Wettbewerb zu sehen ist Dominik Grafs mit österreichischer Beteiligung (Wega Film) entstandener Film Die geliebten Schwestern. Die Schwestern Charlotte und Karoline von Lengefeld waren bekanntlich beide in Friedrich von Schiller verliebt, erstere heiratete er dann, weil eine Dreierbeziehung ja wohl kaum in Frage kam. Es wird reizvoll zu sehen sein, wie ein Regisseur, den man bisher so sehr im Hier und Heute verankert sah wie Graf, mit diesem historischen Stoff umgeht.
Ein weiterer Spielfilm, der sicherlich größere internationale Beachtung finden wird, ist Andreas Prochaskas von der Allegro Film produzierter und mehr als gelungener Alpenwestern Das finstere Tal. Allein die Präsenz des Hauptdarstellers Sam Riley, der in der Rolle als Joy-Division-Sänger Ian Curtis in Anton Corbijns Control berühmt wurde, sollte dafür garantieren – von der ganz augenscheinlichen Qualität des Films einmal ganz abgesehen. Dass ihm von der Berlinale der Status eines Specials zugewiesen wurde, ist eine besondere Auszeichnung.
Hubert Sauper, der 2006 für seinen aufsehenerregenden Dokumentarfilm Darwin’s Nightmare für einen Oscar nominiert wurde, ist mit der österreichisch-französischen Kolonialismus-Studie We Come As Friends (Kranzelbinder Gabriele Productions) ebenfalls für ein Special eingeladen. Als solches firmiert auch Kathedralen der Kultur, ein Gemeinschafts-3D-Dokumentarfilm über herausragende Architektur, zu dem Michael Glawogger einen Film über die Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg beigesteuert hat. Produziert wurde dieses Segment von der Lotus Film, weitere Beiträger des Prestigeprojekts sind unter anderem Robert Redford, Michael Madsen und Wim Wenders.
In der Reihe Panorama finden sich ebenfalls drei (Ko-)Produktionen mit österreichischer Beteiligung: Fieber, ein Spielfilm von Elfi Mikesch, wurde von den Amour-Fou-Filialen in Wien und Luxemburg produziert und erzählt von Franziska, einer renommierten Fotografin, die den Bildern ihrer Vergangenheit auf der Spur ist. Ihre Kindheitserinnerungen führen sie nach Novi Sad, der Stadt, von der ihr Vater immer erzählt hat. Die Reise bringt jedoch nicht nur die glücklichen Momente ans Licht, sondern auch die dunklen Geheimnisse ihres Vaters, der als Fremdenlegionär in Nordafrika stationiert gewesen war und als veränderter Mann aus dem Krieg heimkehrte.
In Umut Dags Spielfilm Risse im Beton (Wega Film) geht es um den 35-jährigen Ertan, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wird, und um den 15-jährigen Mikail. Benjamin Heisenbergs mit Spannung erwartetes Nachfolgeprojekt zu Die Räuber heißt Über-Ich und du (Novotny & Novotny Filmproduktion) und wird als „komisches, sinnliches, hintersinniges Double-Trouble-Buddy-Movie“ angekündigt. Die Hauptrollen spielen Kaurismäki-Star André Wilms und Georg Friedrich.
Im Forum, der traditionell experimentierfreudigsten Sektion der Berlinale, ist die Navigator-Film-Produktion Das große Museum von Johannes Holzhausen zu sehen, die eine ausgedehnte Reise hinter die Kulissen des Kunsthistorischen Museums unternimmt und anhand des vielfältigen Museumsalltags und einer Fülle von charismatischen Protagonistinnen und Protagonisten die einzigartige Welt des KHM zeigt. Und in der Mitte, da sind wir von Sebastian Brameshuber (Kranzelbinder Gabriele Productions) ist ein Dokumentarfilm über drei Jugendliche aus Ebensee, wo es im Mai 2009 zu einer rechtsradikalen Störaktion durch ortsansässige Jugendliche während der alljährlichen KZ-Gedenkfeier kam.
Ein weiteres großartiges Ereignis ist, dass mit Billy Roisz‘ darkroom und Optical Sound von Elke Groen und Christian Neubacher gleich zwei heimische Produktionen mit 23 anderen Filmen aus 20 Ländern um den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm konkurrieren.
