Im letzten Jahr der Ära Kosslick stehen die Zeichen auf Veränderung. Ob das dieses Jahr schon der Fall ist, wird man sehen. Auffällig jedenfalls: Es sind mehr Filme von Frauen im Wettbewerbsprogramm als (generell im Festivalzirkus) üblich.
Wenn Dieter Kosslick nach der diesjährigen Berlinale sein Amt niederlegt, dann geht wieder einmal eine Ära zu Ende: 18 Jahre hat Kosslick als Direktor das Festival geprägt und es – das ist vielleicht sein größtes Verdienst – zu einem Event des Nach-Wende-Berlin gemacht, nicht nur indem er es in der neuen Mitte, am Potsdamer Platz, konzentrierte und etablierte, sondern auch indem er es von dort aus in die „Kieze“ brachte, also Teile des Programms in kleinen traditionellen Häusern nachspielen ließ, sodass die ihrem Stadtteil in der Regel sehr verbundenen Berliner diesen nicht zu verlassen brauchten und trotzdem am Festival teilhaben konnten.
Kosslick hat aber auch Sektionen wie die Berlinale Classics, die Berlinale Series und das Kulinarische Kino eingeführt, die Berlinale Talents und den World Cinema Fund gegründet, die Nachhaltigkeit der gesamten Festspiele zum Programm erhoben und mit der Schiene NATIVe eine Plattform für indigenes Kino geschaffen. Einiges davon wird das neue Leitungsteam (Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek) womöglich unter anderem Namen übernehmen, einiges nicht. Dieter Kosslick jedenfalls ist seinem Ruf als politisch korrekter Festivalleiter in jeder Hinsicht gerecht geworden, und auch wenn das Etikett vielleicht unsexy ist, so doch aller Ehren wert – insbesondere in Zeiten, wo diese Korrektheit in großen Teilen der Welt wirklich nicht Konsens ist.
Schon in diesem Jahr präsentieren sich Forum und Panorama unter neuer Leitung: Das Trio Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte-Strathaus verantwortet – angeblich interimsmäßig – das Forum. Da die drei auch vorher für die Programmauswahl mit zuständig waren, ist eher Kontinuität zu erwarten – eine Mischung aus internationalen Spiel- und Dokumentarfilmen – kleine Budgets, kleine Produktionsländer, kleine Formen – und Experimentelles und Hybrides im Forum Expanded. Das Panorama, „queer, politisch, feministisch“, wird erstmals ebenfalls von einem Zweier-Team geleitet: Paz Lazaro und Michael Stütz nennen sich „Kuratoren“ und präsentieren – so scheint es – im Wesentlichen Filme mit Heldinnen im jugendlichen Alter.
Aber auch der langjährige Panorama-Chef Wieland Speck ist noch nicht im Ruhestand, sondern hat zum 40. Jubiläum der bei ihrer Gründung noch „Info-Schau“ genannten Sektion eine Sonderreihe mit Highlights der letzten vier Dekaden zusammengestellt. Darunter finden sich etwa die Debütfilme von Lasse Hallström und Tsai Ming-Liang, die später international Furore und Karriere machten, Politisches aus Südafrika und Russland, Filme über Transsexualität und Aids. Das Festivalpublikum kann Lieblingsfilme wiedersehen oder neu entdecken und vielleicht feststellen, dass Filme, die vor 20, 30 Jahren politisch oder ästhetisch als skandalös galten, heute niemanden mehr aufregen. Wegbereiter für diese Entwicklung waren natürlich wache, kluge, kosmopolitische Cinephile wie Wieland Speck.
Ganz im Sinn der Pro-Quote-Initiativen ist Juliette Binoche Jury-Präsidentin und eröffnet der Berlinale-Wettbewerb mit The Kindness of Strangers, einem Film der dänischen Regisseurin Lone Scherfig, die ihren internationalen Durchbruch 2001 mit Italian for Beginners hatte, als sie in Berlin einen Silbernen Bären gewann. Scherfig hat ein gutes Gespür für beiläufige Alltagssituationen und die Dynamik von Ensembles, deshalb klingt die Ankündigung ihres neuen Films vielversprechend: In New York lässt sie einige Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen gegen die unwirtlichen Bedingungen des Winters kämpfen und führt sie dann zusammen. Es spielen amerikanische, britische, französische und kanadische Schauspielerinnen und Schauspieler, gedreht wurde in Toronto, Kopenhagen und natürlich New York. Da der Film nicht außer Konkurrenz läuft, sondern am Wettbewerb teilnimmt, hat Scherfig die Chance auf einen weiteren Bären.
Frauen sind dieses Jahr im Wettbewerb präsenter als in den vergangenen, und man wüsste gern, ob es mehr Einreichungen von Filmen weiblicher Regisseure gab oder ob die Auswahlkommission einfach ein wenig mehr auf Proporz geachtet hat: Acht der insgesamt 18 bis dato bekanntgegebenen Wettbewerbsfilme wurden von Frauen inszeniert, darunter von Veteraninnen wie Agnès Varda, die mit einem Dokumentarfilm über sich selbst vertreten ist. Die Französin gewann 1965 den Goldenen Bären für Le Bonheur – wenn man jetzt schon ein wenig spekulieren wollte, könnte man denken, dass die mittlerweile 90-jährige Regisseurin eine plausible Anwärterin auf einen Sonderpreis der Jury wäre. Oder Agniészka Holland, die mit Mr. Jones einen historischen Film über die dreißiger Jahre in der Sowjetunion vorstellt. Erst 2017 war Holland mit dem finsteren Hinterwäldlerdrama Pokot/Spoor im Berlinale-Wettbewerb vertreten.
Angela Schanelec und Isabel Coixet gehören zur mittleren Generation der international bekannten Filmemacherinnen; Coixet erzählt in Elisa y Marcela von einer heimlichen Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen um die Jahrhundertwende, während es bei Schanelec in Ich war zuhause, aber um das Verschwinden und Wiederauftauchen eines Schülers und die Verwerfungen in seinem sozialen Umfeld geht. Der Schauspieler Franz Rogowski, ohne den im Moment fast kein deutscher Film auskommt, ist natürlich auch dabei.
Sehr gespannt darf man auf die Beiträge der drei in den siebziger und achtziger Jahren geborenen Regisseurinnen sein: der Mazedonierin Teona Strugar Mitevska, der Österreicherin Marie Kreutzer und der Deutschen Nora Fingscheidt, die mit Systemsprenger ihr Spielfilmdebüt gibt. Ihre Protagonistin ist die neunjährige Benni, die sich durch den Dschungel deutscher Fürsorge-Einrichtungen kämpft. Kreutzers Heldin, eine archetypische Selbstoptimiererin, kämpft in Der Boden unter den Füßen gegen den Kontrollverlust, und Strugar Mitevska stellt in God Exists, Her Name Is Petrunija eine Frau in den Mittelpunkt, die sich gegen ein bisher unangefochtenes Tabu auflehnt. Das sind lauter interessante, teils auch brennende Themen, und man wünscht sich, dass die Filme sie nicht nur abarbeiten, sondern ästhetisch und dramaturgisch überraschen und erfreuen.
Das Gleiche wünscht man sich natürlich auch von den übrigen Wettbewerbsbeiträgen, etwa Fatih Akins Der Goldene Handschuh nach einem Roman des kultisch verehrten Heinz Strunck, in dem ein Serienmörder im Hamburg der siebziger Jahre sein Unwesen treibt. Oder von Emin Alpers A Tale of Three Sisters. In seinem dritten Spielfilm erzählt der bereits vielfach ausgezeichnete, actionerprobte türkische Regisseur zum ersten Mal eine Frauengeschichte. Filme aus Frankreich, Brasilien, Italien, China, Norwegen und Kanada vervollständigen das Programm. Der Beinahe-schon-Altmeister François Ozon hat sich mit Grâce à Dieu eines auf wahren Ereignissen basierenden Missbrauchsfalls innerhalb der katholischen Kirche angenommen. Denis Côté widmet sich in Répertoire des villes disparues der kanadischen Provinz, und Wang Quan’an präsentiert Öndög, einen Film, von dem bisher nur die Übersetzung des mongolischen Titels – „Ei“ – und die Tatsache, dass eben in der Mongolei gedreht wurde, bekannt sind.
Weniger überraschend dürfte der italienische Beitrag Piranhas ausfallen, den Claudio Giovannesi nach einem Buch des gefeierten Mafia-Chronisten Roberto Saviano inszeniert hat: Saviano hat sich in diesem Tatsachenroman dem Mafia-Nachwuchs gewidmet, den verzweifelten neapolitanischen jungen Männern, die lieber ein paar Jahre ein schnelles, cooles Leben führen und jung sterben als wie ihre Eltern ehrbar und arm sein wollen. Claudio Giovannesi hat bereits eine Reihe von Dokumentarfilmen gedreht, vielleicht ist das keine schlechte Voraussetzung, um so einen Stoff weder zu romantisieren noch zu einem Action-Spektakel zu machen.
Wie immer wird auch auf der Berlinale 2019 Überraschendes, An- und Aufrührendes zu entdecken sein, und wie immer wird jede Besucherin ihr eigenes Festival-Highlight entdecken. Und wie immer wird es wieder schön sein. Und ein bisschen zu viel.
