A volta ao mundo quando tinhas 30 anos

Bildrausch Filmfest Basel

Ich war in Basel, aber …

| Pamela Jahn |
Das 9. Bildrausch Filmfest Basel

Es gibt mehrere Gründe, warum das Bildrausch Filmfest in Basel im alljährlichen Festivalkalender stets eine besondere Stellung einnimmt. Da ist zunächst einmal die feine, sorgfältig abgestimmte Auswahl an Filmen sowie ein Programm, das sich wie ein stimmiger Rahmen um den immer wieder herrlich risikofreudigen internationalen Wettbewerb „Cutting Edge“ spannt, mit Retrospektiven und Spezialvorführungen, Kurzfilmreihen, Projektionen und Installationen. Da ist zudem die familiäre Atmosphäre, die nicht nur diejenigen Gäste zu schätzen wissen, die sich kaum ein paar Wochen zuvor noch dem Horror von Cannes gestellt haben. Und auch die Möglichkeit, rund ums Filmfest mit Regisseuren, Produzenten, Darstellern und Zuschauern zugleich auf Tuchfühlung gehen zu können, ist ein unschlagbares Plus. Das Schönste jedoch ist, dass man in Basel nicht nur zum Filmschauen, sondern auch – nein, besser: vor allem – zum Diskutieren über das Gesehene animiert wird, und man nach vier so entspanntenå wie erhellenden Tagen nicht nur mit bewegten Bildern „abgefüllt“ den Heimweg antritt, sondern vielmehr mit einem erweiterten Blick, der sich bis in die kühnsten, geheimnisvollsten, spannendsten und entlegendsten Ecken des Kinos vorwagt.

Genau dieser Blick galt in diesem Jahr in erster Linie dem umstrittenen Gewinnerfilm des Wettbewerbs und damit der Trägerin des begehrten Bildrausch-Rings der Filmkunst. Ich war zuhause, aber… von Angela Schanelec war bereits auf der Berlinale von der Kritik mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden. Bei der Pressevorführung gab es damals Buhrufe, und auch so mancher Kollege, der dem Werk noch so offen gegenüberstehen wollte, blieb am Ende ratlos zurück. Schanelecs Film, das war bald klar, war einer, an dem sich die Geister und Meinungen scheiden würden, bereits während und auch noch lange nach der ersten Sichtung. Um so berechtigter fand der Film seinen Platz im diesjährigen Wettbewerb von Basel, wo er von der dreiköpfigen Jury – heuer zusammengesetzt aus dem Autor und Filmemacher RaMell Ross, dem Kritiker und Programmer des Internationalen Film Festival Rotterdam Gerwin Tamsma, und der in Basel ansässigen, aus Paraguay stammenden Regisseurin Arami Ullón – einstimmig mit dem Hauptpreis gewürdigt wurde. Die Begründung für ihre Entscheidung stützten die Juroren in erster Linie auf die bis ins kleinste Detail fein inszenierte, harmonisch abgestimmte Gegensätzlichkeit, die dem Film eingeschrieben ist, jenem „Reigen aus Traurigkeit und Schönheit, der von bezaubernden Ellipsen geformt ist und zugleich mit einer formalen Strenge aufwartet, die sowohl eine emotionale wie eine humorvolle Einbeziehung eröffnet.“

Tatsächlich liegt ein Teil der Faszination, die Schanelecs Werk auslöst, darin, dass es sich jeglicher Greifbarkeit entzieht, sich nicht fassen lassen will, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu gehört auch, dass es bisweilen anstrengt in seiner Sperrigkeit, ja, mitunter sogar nervt, wenn man vielleicht gerade etwas angeschlagen ist, wenn man müde oder einfach nicht in der richtigen Stimmung ist. Schanelecs Kino ist eindeutig eines für den wachen Geist, der sich vor den ganz großen Worten, selbst vor Shakespeare nicht scheut, ebenso wenig wie vor der Stille, dem Schweigen, und dem, was kommt, wenn die Sprache als Form der Kommunikation versagt. Vielleicht ist Ich war zuhause, aber… genau deshalb der würdigste Preisträgerfilm, weil ihm mit Erklärungen, Interpretationen und Deutungsversuchen sowieso nicht beizukommen ist, sondern sich seine Wirkung vielmehr aus der individuellen Erfahrung und Wahrnehmung ergibt und aus einem Erleben, das sich durch die fragmentarische Erzählstruktur, durch die Montage und die inneren Widerstände des Seins hindurch freikämpft bis zum emotionalen Kern zwischen Kunst und Leben.

Nicht weniger unberechenbar war gleich zu Beginn auch der ebenfalls deutsche Eröffnungsfilm dieses neunten Filmfestjahrgangs. Und mehr noch: Susanne Heinrichs Das melancholische Mädchen um eine namenlose Protagonisten, die auf der Suche nach einem Schlafplatz wahl- und ziellos durch die Großstadt streift, bot genau die Mischung aus Mut zu Herausforderung, Humor und Selbstironie, künstlerischem Engagement und filmischer Eigenwilligkeit, die Bildrausch zu dem von einem ungeniert engagierten Autorenkino geprägten Filmfest macht, das es seit der ersten Ausgabe im Jahr 2011 immer war und bis heute ist. Ein Blick auf die komplette Liste des „Cutting Edge“-Wettbewerbs 2019 bestätigte diese Feststellung nicht nur, sondern schärfte die Wahrnehmung noch einmal in ganz andere ungeahnte Richtungen. Vor allem Filme wie Joanna Hoggs Sundance-Hit The Souvenir, The Miracle of the Sargasso Sea des griechischen Regisseurs Syllas Tzoumerkas und Monos von Alejandro Landes aus Kolumbien bleiben als Highlights nicht nur des diesjährigen Bildrausch Filmfests, sondern des gesamten bisherigen Filmjahres im Gedächtnis hängen. In ihnen entfaltet sich noch einmal eine ganz andere Form erzählerischer Kraft, die sich mal von der eigenen Biografie her entwickelt, mal vor allem am Genrekino geschult ist. Die Wirkung ist in allen Fällen die gleiche: Man bleibt inspiriert, gefesselt, berauscht im Kinosessel zurück, so wie es immer sein sollte, und doch nur so selten gelingt.

Über den Internationalen Wettbewerb hinaus widmete das Filmfest heuer zudem jenem Schweizer Filmemacher-Paar einen umfangreiche Hommage, das mit seinen außergewöhnlichen Dokumentar- und Porträtfilmen seit den sechziger Jahren Pionierarbeit im heimischen Kino leistete. Reni Mertens und Walter Marti (siehe „ray“ 06/19) waren jedoch bis dato nicht nur auswärtigen Besuchern kein oder kaum ein Begriff. Ihre Filme sind selbst den Schweizer Cinephilen nicht bekannt, weshalb es um so wichtiger schien, dass das Filmprogramm von erhellenden und immens anregenden Filmgesprächen sowie einer Podiumsdiskussion begleitet wurde, in der Weggefährtinnen und Freunde die Bedeutung und Botschaft ihres Werks zu hinterfragen versuchten.

Denn auch das, wie eingangs bereits erwähnt, ist das Bildrausch Filmfest: Ein Ort des Gesprächs, der Auseinandersetzung und des offenen Austauschs über das Gesehene und darüber hinaus. Für Gäste und Publikum bedeutet diese bewusste Suche nach Diskurs, Unterhaltung, Hinterfragen aber auch Geselligkeit einen Grund, dem Filmfest über die Jahre hinweg treu zu bleiben und sich bisweilen sogar über das Filmschauen hinaus zum aktiven Einsatz an Kochtöpfen oder zum Tischfußball hinreißen zu lassen. In diesem Jahre konnte man beispielsweise das hausgemachte Thai-Curry der österreichischen Schnittmeisterin Monika Willi verkosten, nachdem man am Abend nach einem Filmmarathon erschöpft aus dem Stadtkino auf die Piazza taumelte. Und auch filmtechnisch war das österreichische Kino vertreten mit dem Dokumentarfilm Die bauliche Maßnahme von Nikolaus Geyrhalters, der ebenfalls im Wettbewerb lief. Geyrhalters neuester Film Erde wurde zudem in einer Spezialvorführung gezeigt, ebenso wie They Shall Not Grow Old, Peter Jacksons aufsehenerregender Dokumentarfilm, für den der prominente Filmemacher Originalmaterial von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs verwendete und bearbeitete.

Ein weiterer Höhepunkt des Filmfests war die zweitwichtigste Preisverleihung am letzten Abend des Festivals. Mit dem erstmals vergebenen Peter-Liechti-Preis (in Erinnerung und Würdigung an den Schweizer Filmemacher und Autor Peter Liechti, der leider 2014 viel zu früh verstarb), soll von nun an alljährlich ein weiteres Werk mit einem speziellen Filmring ausgezeichnet werden, „das sich durch besonderen narrativen oder visuellen Mut auszeichnet“ – ein Film also, „der aufs Ganze geht“. Liechtis Werk verkörpert diese Idee in seiner ureigensten Form, und man hätte sich gewünscht, dass die Jury bei der Vergabe des Preises eine ähnliche Kühnheit an den Tag gelegt hätte wie bei Schanelecs Film. Das dokumentarisches Debüt A volta ao mundo quando tinhas 30 anos der portugiesischen Regisseurin Aya Koretzky, die den Preis schließlich überreicht bekam, erschien vielen im Vergleich zu den anderen gezeigten Wettbewerbsbeiträgen jedoch eher recht konventionell – elegant inszeniert zwar, aber formal nur in Ansätzen wagemutig, wo so manche ihrer Kolleginn und Kollegen in ihren Filmen in die Vollen gegangen sind.

Nun ist es mit Juryentscheidungen ja immer so eine Sache. Selten werden sie jedem gerecht ,und noch seltener kommt es am Ende tatsächlich auf sie an. Was zählt, ist, dass es Institutionen wie das Bildrausch Filmfest in Basel gibt, wo man dem Filmschaffen von heute und gestern wachsam, fordernd, stets gespannt und immer risikofreudig gegenübersteht, wo man schauen und staunen, über Filme diskutieren und für oder gegen sie plädieren kann, und wo sich beim rauschenden Abschlussfest am Sonntagabend trotzdem alle ermattet zwar, aber versöhnlich in den Armen liegen, weil es doch nur um das eine geht, nämlich das Kino in all seinen Formen und Facetten, all seinen Biegungen und Schattierungen zu feiern – offen und aufgeschlossen und mit einer gesunden Portion Neugier im Blick, die das Kino am Leben und die Filmkunst in Bewegung hält.

www.bildrausch-basel.ch