Der Rausch

Den Horizont erweitern

| Pamela Jahn |
Mit der Alkohol-Dramödie „Druk“, gelang Regisseur Thomas Vinterberg und seinem Hauptdarsteller Mads Mikkelsen ein Film, der allen gefällt und trotzdem auch harte Fragen stellt.

Der maßvolle Rausch ist eine schöne Utopie. Gerne möchte man glauben, dass regelmäßiges Trinken Menschen glücklicher, leistungsfähiger und kreativer macht. Und zunächst sieht es auch ganz so aus, als würde die Alkohol-Kur bei Martin (Mads Mikkelsen) gut anschlagen. Viel zu lange schon steckt er in seinem Leben als Familienvater und unmotivierter Geschichtslehrer fest, und das nicht, weil ihn äußere Umstände in die Ecke gezwungen haben. Nein, Martin hat sich selbst zum Stillstand gebracht, ist in der Schule wie zu Hause nur physisch anwesend, sein Alltag findet irgendwie, irgendwo ohne ihn statt. Erst als er sich seines Dilemmas eines Tages bewusst wird, gibt es für ihn kein Halten mehr. Beim Geburtstagsessen eines Kollegen schlägt er leck, kippt einen nach dem anderen und trinkt sich dermaßen glücklich, dass er folglich ganz begeistert ist von dem Plan, den er gemeinsam mit seinen drei Trinkbrüdern, allesamt ähnlich desillusionierte Pädagogen wie er, noch in derselben Nacht schmiedet, um der unaufhaltsam voranschreitenden Depression zu entkommen: Als Probanden eines selbstinitiierten wissenschaftlichen Experiments wollen die vier Männer die 0,5-Promille-These des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Vom nächsten Morgen an trinken sie in geregelten Abständen, um den Alkoholpegel im Blut auf dem für angemessen angesehenen Maß zu halten, wobei es unweigerlich zu Höhenflügen und Abstürzen kommt, bis das Experiment komplett aus dem Ruder läuft.

Für Regisseur Thomas Vinterberg ist Druk (Der Rausch) jedoch mehr als eine eskalierende Versuchsanordnung, denn mit heiklen Thesen kennt der Däne sich aus. Als ehemaliger Dogma95-Mitbegründer, der 1998 mit Festen (Das Fest) ganz ohne Tricks und doppelten Boden ein Meisterwerk der authentischen Filmkunst inszenierte, weiß der heute 51-jährige Auteur, wie unberechenbar Utopien sein können, wenn man sich zu sehr auf ihren Erfolg konzentriert. Auch die Dogma-Bewegung, die Vinterberg Mitte der Neunziger gemeinsam mit Lars von Trier und anderen Mitstreitern ins Leben rief, um mit Verzicht und Disziplin die Filmwelt zu revolutionieren, verlor bereits kurz nach ihrer Geburt ihre Berechtigung, zumal das Manifest schnell zu einer Art „Genreformel“ wurde und damit zwangsweise in sich selbst zusammenfiel. Danach hatte der experimentierfreudige Regisseur künstlerisch zunächst einige Zeit zu kämpfen, vor allem mit englischsprachigen Produktionen wie It’s All About Love oder Dear Wendy, die eigentlich seinen kommerziellen Durchbruch bedeuten sollten. Seinen Rhythmus fand er jedoch 2012 mit Jagten (Die Jagd) wieder. In dem Gegenstück zu seinem einstigen Dogma-Hit wird Mads Mikkelsen als gebrochener Lehrer aufgrund eines fadenscheinigen Pädophilie-Verdachts zum Opfer einer üblen Hetzjagd. Und in dem Takt drehte Vinterberg seitdem weiter, verfilmte einen Literaturklassiker (Far from the Madding Crowd, 2015), dann mit Kollektivet (Die Kommune, 2016) sein eigenes Theaterstück, inszenierte eine U-Boot-Katastrophe (Kursk, 2018) und spielt in Druk nun gekonnt auf mehr Freiraum, um den eigenen Horizont zu erweitern. Gemeinsam plädieren der Regisseur und sein Hauptdarsteller Mikkelsen, der im Film mehr als seine Trinkfestigkeit unter Beweis stellt, für mehr Mut zum Kontrollverlust, wenn es darum geht, aufrichtiges, lebendiges und geistreiches Kino zu machen, das sich auflehnt und den Status quo gezielt herausfordert.

MADS MIKKELSEN: DER MANN FÜR ALLE FÄLLE

Er schaut immer so ernst, dabei könnte er sympathischer kaum sein. Mads Mikkelsen, der einst als Turner und Tänzer seine Karriere begann, ist nicht nur ein Mann von Format, wenn er vor einem steht, sondern auch auf der Leinwand zeigt sich der relative Spätstarter im Filmgeschäft derzeit als einer der wichtigsten und spannendsten Schauspieler seiner Generation.
„Respect“ hat man vor dem 1965 geborenen Dänen spätestens, seit er 2004 in Pusher II, mit eben jenem Wort auf den kahlen Hinterkopf tätowiert, als nervöser Junkie von Nicolas Winding Refn durch abgeranzte Klubs gehetzt wurde. Dabei gab er sein Debüt vor der Kamera bereits acht Jahre zuvor, im ersten Teil der Pusher-Trilogie, damals noch als Handlanger, aber offensichtlich mit Potenzial. Auch zwischendurch und sogar nach seinem großen internationalen Durchbruch als Le Chiffre, dem James-Bond-Bösewicht in Casino Royale, blieb er Winding Refn weiterhin treu, spielte zudem für andere Regisseure in etlichen Nebenrollen groß auf und verbündete sich 2000 erstmals mit Anders Thomas Jensen, in dessen Filmen er seit dem Erstling Flickering Lights regelmäßig zu darstellerischen Höchstformen aufläuft, wie unlängst in Riders of Justice (2021), der fünften gemeinsamen Zusammenarbeit der beiden Landsmänner. Thomas Vinterberg, der dritte Däne, der es Mikkelsen angetan hat, musste etwas länger auf ihn warten. Dafür wurde ihre erste Kollaboration, Jagten, 2012 gleich ein Triumph, der Mikkelsen den Preis für den besten Schauspieler in Cannes einbrachte und ihn zudem für das Fernsehen interessant machte, wo er zwischen 2013 und 2015 als Hannibal Lecter in der US-Horror-Serie Hannibal für Aufsehen sorgte. Und vielleicht liegt darin das größte Geheimnis von Mikkelsens leisem, aber stetem Karriereboom: Trotz seiner außergewöhnlichen Ausstrahlung und eigenwilligen Erscheinung mit den schmalen Lippen, tiefen Augen und breiten Schultern überzeugt er dank seines Charmes und Charismas in geradezu jeder Lebenslage. Ob als Kannibale oder Killermaschine, als Priester (At Eternity’s Gate, 2018), russischer Komponist (Coco Chanel & Igor Stravinsky, 2009), rüschenverzierter Schwuler (Shake It All About, 2001) oder als Blockbuster-Star wie 2016 in Marvels Doctor Strange und Rogue One: A Star Wars Story: Mads Mikkelsen ist in jeder Rolle mit dem Herzen dabei, kämpft, schwitzt, redet und spielt sich die Seele aus dem Leib, als gäbe es kein Morgen. Selbst dass er für Hollywood auf der Leinwand bisher immer gestorben ist, hat seinem Erfolg keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Sein zweiter Film mit Vinterberg, Druk, zeigt ihn erneut auf der Höhe seiner Kunst, mal ernst, mal verzweifelt, mal aufgebracht, aber stets mit Esprit und Humor, und gekonnt tänzelnd zwischen Arthouse-Drama, Komödie und Crowdpleaser.