The Old Bachelor
„The Old Bachelor“

Filmfestival

Tiger und Asien: passt

| Andreas Ungerböck |
Beim 53. Internationalen Filmfestival in Rotterdam gingen die meisten Preise in den Mittleren und Fernen Osten.

 

Alle Jahre wieder fällt bei dem großen Event in Rotterdam – heuer mit 424 Filmen bestückt – der Startschuss zur neuen europäischen Festivalsaison, kurz bevor die Filmmeute nach Berlin weiterzieht. Die renommierte Veranstaltung in der niederländischen Hafenstadt hat sich schon lange auf junges Kino verlegt, zumindest in der prestigeträchtigen „Tiger Competition“, in der schon so manche illustre Karriere begonnen hat. Arrivierte Filme wie Agnieszka Hollands Green Border, der – wenig überraschend – den Publikumspreis gewann (siehe „ray“ 02/24), oder der Sandra-Hüller-Titel Zone of Interest, werden natürlich auch gezeigt, aber doch vergleichsweise spärlich. Und man schmückt sich durchaus gerne mit Veteraninnen und Veteranen wie Debbie Harry oder Marco Bellocchio, der anlässlich seines Films Rapito zu Gast war.

Im Grunde aber ist Rotterdam, das seit vier Jahren unter der Leitung der gebürtigen Kroatin Vanja Kaludjercic steht, ein sehr jugendliches Ereignis – das gilt für das Team (nicht weniger als 621 Freiwillige aus 46 Ländern arbeiten hier) ebeno wie für die Filmschaffenden. Nicht wenige der letztlich ausgezeichneten Filme waren Erstlingsfilme, allen voran der Gewinner des Hauptpreises, des Tiger Award: Bei Rei aus Japan ist nicht nur Regisseur und Hauptdarsteller Tanaka Toshihiko ein Neuling, sondern, so heißt es, mehr oder weniger die ganze Crew. Gemeinsam haben sie einen recht konventionellen Film geschaffen, der aber dank seiner exquisiten Bilder aus dem verschneiten Hokkaido und seiner tief empfundenen Emotionalität (einsame Frau verliebt sich in einen taubstummen Fotografen) trotzdem sehr eindringlich war – und auch wegen seiner stolzen Länge von 189 Minuten.

Gar noch drei Minuten länger dauert der heftige iranische Film The Old Bachelor von Oktay Baraheni, sozusagen das Kontrastprogramm zu Rei: Der zweite Film des iranischen Regisseurs ist eine mitleidlose Studie über Politik, Geschlechterrollen und Gesellschaft im Iran. Der Konflikt zwischen einem störrischen Vater, der sich neu verheiraten will, und seinen beiden Söhnen eskaliert zusehends – The Old Bachelor ist äußerst harte Kost, getragen von einem großartigen Drehbuch und exzellenten schauspielerischen Leistungen. Der Film gewann den Hauptpreis in der Reihe „Big Screen“.

Ein weiterer Dreistünder wurde mit gleich zwei Preisen ausgezeichnet: Kiss Wagon von dem aus Kerala stammenden Regisseur Midhun Murali erhielt nicht nur einen Spezialpreis der Jury, sondern auch den der Internationalen Filmkritik. Muralis Film ist eine Art Kunstwerk, animiert, in Schwarzweiß, mit einem sich permanent überlagernden Soundtrack aus Dialogen und Musik, eine unglaublich akribische „labor of love“, denn der junge Künstler hat sehr vieles an diesem sehr langen Film einfach selbst gemacht. Für ein „Normalpublikum“ dürfte Kiss Wagon allerdings doch ein wenig zu lang und zu „anstrengend“ sein.

Der zweite Spezialpreis der Jury ging an den australischen Film Flathead – ebenfalls ein Debüt – von Jaydon Martin, „ein Film über die Menschen, die zur Gesellschaft beitragen und sie am Laufen halten, denen aber nicht genügend Aufmerksamkeit und Fürsorge geschenkt wird“, wie die Jury vermerkte. Konkret geht es um die sogenannten „blue collar workers“, die in einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion porträtiert werden.

Eine weitere Jury – mit dem Autor dieser Zeilen – vergab den Preis des Network for the Promotion of Asia Pacific Cinema (NETPAC) an Schirkoa: in Lies We Trust, einen weiteren indischen (mit Frankreich und Deutschland koproduzierten) Film, eine weitere tollkühne Animation, mit der sich der Regisseur Ishan Shukla, auch ein Langfilm-Debütant, nachdrücklich als Talent für die Zukunft vorstellte. In einem autoritären Staat, in dem alle Menschen gleichgeschaltet sind und Papiertüten über dem Kopf tragen, auch wenn keiner hinschaut, keimt beim Helden des Films, schlicht als Nr. 197A bezeichnet, der Wunsch, sich im Nachbarland, einer Art freiem Hippie-Paradies, umzuschauen – mit durchaus überraschenden Folgen. Neben der famosen Animation punktet Shukla auch mit einem prominenten Voice-Cast, unter anderem mit Asia Argento und den gefeierten Regisseuren Shekar Kapur, Lav Diaz und Gaspar Noe.

Last, not least, ging der Preis der Jugendjury an den brasilianisch-französisch-uuguayischen Film Levante von Lillah Halla, eine Coming-of-Age-Story über eine junge Frau, die sich in einer restriktiven Gesellschaft mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert sieht.

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