Jeder neue Film von Christopher Nolan ist ein Ereignis. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert führt er vor, wie die Originalität in Hollywood zu einem lukrativen Markenzeichen werden kann. Nun hat er sich den Ur-Roman des Abendlandes vorgenommen: Homers „Odyssee“.
Der Trailer steckt voller Versprechen und Warnungen. In dieser Geschichte liegen sie so nahe beieinander, dass sie manchmal nur ein Komma trennt. „Du bist ein Mann, der sein Schicksal selbst lenken will“, sagt die Nymphe Kalypso zu Odysseus, „aber das kannst du nicht kontrollieren.“ Sieben Jahre lang hält sie den Sieger von Troja auf ihrer Insel fest. Aber auch die Zauberkraft der Halbgöttin reicht nicht aus, um ihn von der Rückkehr in seine Heimat Ithaka abzubringen.
Figuren, die einer großen Bestimmung folgen und an ihr zu scheitern drohen, sind ganz nach dem Geschmack von Christopher Nolan. Der griechische Feldherr, der die Fähigkeit besitzt, abseits der vertrauten Wege zu denken und zu handeln, reiht sich ein in seine Galerie der Protagonisten von überragender Intelligenz und ebensolchem Hochmut. Der Odysseus, den Homer beschreibt, ist listenreich und verschlagen, beredsam und von fast unbeirrbarem Pragmatismus; eine Gestalt, deren Ambivalenz diesen Regisseur faszinieren muss. Homer gelang es in seinem Epos, aus Historie und Sagenhaftem ein Weltganzes zu schaffen. Nimmt es wunder, dass der Filmemacher, der mit seiner Batman-Trilogie selbst zum Weltenerfinder avancierte, den Stoff adaptiert?
Die Wahl seiner Projekte ist stets verblüffend, obwohl seine vorangegangenen Filme insgeheim immer auf sie hinarbeiteten. Nolans Hinwendung zur Antike muss nicht unbedingt überraschen. Etymologisch ist sie seit Langem präsent in seinem Schaffen. „Syncopy“, der Name der Produktionsfirma, die er mit seiner Frau Emma Thomas leitet, hat altgriechische Wurzeln. Das Gleiche gilt für zwei dramaturgische Grundfesten seines Kinos, das Labyrinth und das Enigma. Und den Regisseur selbst mag man wie eine Figur aus der Mythologie betrachten. Natürlich ist es möglich, dass er sich bei seinem bislang teuersten Projekt als ein Ikarus erweist, dessen Flügel verbrennen. Aber Nolan ist ein Filmemacher der Zuversicht. Ob er sich deshalb nicht vielmehr mit Prometheus identifiziert, dem Titanensohn, der den Menschen das Feuer und mit ihm die Kultur bringt? Am nötigen Selbstbewusstsein gebricht es ihm nicht. Immerhin hat er in Oppenheimer bereits Maß genommen an einem amerikanischen Prometheus, der als Vater der Atombombe nicht nur eine neue Waffe erfand, sondern eine neue Welt schuf. Während J. Robert Oppenheimer die Quantenphysik nach Amerika brachte, macht Nolan sie seit Interstellar beharrlich im Kino heimisch. Deren Mysterien visualisiert er mit sprungbereiter kinetischer Fantasie. Er ist bedingungslos fasziniert von der Mechanik der Welt.
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Ein prometheisches Mandat
Seit gut einem Vierteljahrhundert arbeitet er unermüdlich daran, das Staunen wieder ins Kino zurückzubringen. Er will dem Publikum Attraktion vor Augen und Ohren führen, die es so auf der Leinwand noch nicht erlebt hat. Er dreht Blockbuster, die dessen Vorstellungskraft keine engen Grenzen setzen, sondern sie beflügeln. Sie bersten vor technischem und philosophischem Ehrgeiz. Mit ihnen schafft er ein einzigartiges Erlebnis. Selbst wenn er ein Remake (Insomnia) oder einen Reboot (Batman Begins) dreht, macht er stets Tabula Rasa. Seine Vision stellt alles Vorangegangene in den Schatten – gerade so, wie Homer seine Vorläufer vergessen ließ. Das Gesetz des Blockbusterkinos, die Überbietung, hat er souverän verinnerlicht. Es ist fast so, als würde er in sich die zwei rivalisierenden Magier aus The Prestige vereinigen, deren Tricks sich unaufhörlich übertreffen müssen. Mit weniger als dem Außergewöhnlichen gibt er sich nicht zufrieden. Wie Oppenheimer strebt er danach, das bis dahin Unvorstellbare zu denken und dann umzusetzen. Sein Mandat scheint zu sein, mit jedem Film das Kino neu zu erfinden.
In seinem Drang, großspuriger als alle anderen zu träumen, sind ihm allenfalls David Lean und Stanley Kubrick ebenbürtig. Von ihnen hat er gelernt, wie man jedem Film die Aura eines Ereignisses verleiht. Das bedeutet auch, sein eigenes Tempo zu finden. Wie sie ist Nolan ein Perfektionist. Er nimmt sich massig Zeit, Projekte akribisch und von langer Hand vorzubereiten. Meisterwerke entstehen nicht im Jahrestakt. Die Länge seiner Filme, die inzwischen regelmäßig in Richtung der Dreistundenmarke tendiert, kündet von epischem Atem und thematischem Gewicht. Zu seiner Fama gehört zugleich, dass er ein Hüter der Flamme ist. Dem Zelluloid hält dieser Maverick bis heute die Treue und gehört zu den allerletzten Filmemachern, die noch analog auf 35mm-, am liebsten auf 70mm-Material drehen. Sogar romantische Komödien haben heutzutage mehr digitale Effekte als Nolans Spektakel. Dreharbeiten verfolgt er nicht vor einem Monitor, sondern hält bei jedem Take Augenkontakt mit seinen Darstellern. Auch auf eine Second Unit legt dieser „total filmmaker“ angeblich keinen Wert. Nie käme ihm in den Sinn, auch nur eine einzige Einstellung einem anderen zu überlassen.
So ist Nolan zu seinem eigenen Markenzeichen geworden. Ihm ist gelungen, was in seiner Generation nur Wes Anderson und Quentin Tarantino schafften: Er ist, trotz stets hochkarätigen Darstellerensembles, der eigentliche Star seiner Filme. Seine Fangemeinde ist exorbitant; Kritiker, die seine Filme verreißen, müssen durchaus mit Morddrohungen rechnen. Nolan dürfte übrigens der einzige bekennende Bewunderer von José Luis Borges sein, dem die Hollywoodstudios tatsächlich Budgets in dreistelliger Millionenhöhe anvertrauen. Mit ihnen dreht er spektakuläre Filme, die einen intimen, persönlichen Kern haben. Schauen Sie auch genau hin?
Dieses persönliche Element ist freilich nicht autobiographisch konnotiert – abgesehen vielleicht von dem Umstand, dass sein Vater zeitweilig für Ridley Scott arbeitete, dessen frühe Meisterwerke Alien und Blade Runner seinen Wunsch weckten, Regisseur zu werden. Darüber hinaus führen, im Gegensatz etwa zu Fritz Lang oder Alfred Hitchcock, psychologische Tiefenbohrungen bei Nolan nicht weit. In seinen Filmen ist die Form die eigentliche Attraktion. Ihr Was ist gewichtig, aber das Wie ist ungleich verlockender.
Die Handschrift dieses Auteurs, sein unverwechselbarer Selbstausdruck, zeigt sich in der faszinierten Beherrschung seines eigenen Metiers. Er reflektiert und verherrlicht es gründlich. Praktisch all seine Arbeiten sind als Allegorien auf das Filmemachen lesbar. Es spiegelt sich in den Kommandounternehmen, von denen Dunkirk und Tenet handeln oder auch im Ringen um die Kontrolle, das in Insomnia ausgetragen wird. Die raffinierten Bühnentricks in The Prestige sind ebenso ausgeprägte Metaphern für die Regie wie das „dream sharing“ in Inception. Dieser Heist-Thriller ist vielleicht seine schönste Parabel überhaupt: Das gemeinsame Träumen ist genau das, wozu Nolan sein Team jedes Mal aufs Neue animiert. Selbstredend setzt sich das schöpferische Kollektiv auf der Leinwand wie im Produktionsprozess aus lauter handverlesenen Experten zusammen.
Die Frage „Are you watching closely?“, die sich als ein Mantra durch The Prestige zieht, richtet der Regisseur letztlich selbst an sein Publikum. Er stellt hohe Ansprüche an seine Zuschauerinnen und Zuschauer, erwartet von ihnen nicht weniger als deren ungeteilte Aufmerksamkeit. Seine Filme ziehen Fäden, wie die Genres sie üblicherweise nie spinnen. Sie sind Puzzles, die ihren eigenen Regeln gehorchen, welche erst einmal entdeckt werden wollen. Er und sein Gegenüber im Kinosessel müssen sie zusammensetzen. Dabei wird ein Pakt der ertragreichen Zumutungen geschlossen, ein Pakt, der seit Jahrzehnten unverbrüchlich gilt. Weil Nolans Blockbuster so packend sind, stört es beispielsweise niemanden, dass er im Mainstream insgeheim Experimentalfilme dreht: über die Identität (Memento), die
Erinnerung (Inception), den Raum (Interstellar), den Ton (Tenet) und vor allem die Zeit. Es ist schon rekordverdächtig, wie viele erzählerische Freiheiten er sich mit dieser Dimension nimmt. Bereits in seinem Langfilmdebüt Following verschlingen sich die Zeitebenen (allerhand für einen No-Budget-Film, der nicht einmal 70 Minuten dauert); in Memento verlaufen zwei Ebenen parallel zueinander, aber in entgegengesetzte Richtungen – ein Spiel, das er in Tenet noch raffinierter und überkomplexer fortsetzt; in Dunkirk schließlich tickt die erzählerische Uhr in drei unterschiedlichen Tempi: Die erzählte Zeit am Strand umfasst eine Woche, die Rettung per Schiff dauert einen Tag und die Staffel der Air Force hat nur Treibstoff für eine Stunde.
Orakel
Wie wird er wohl in The Odyssey mit dieser Dimension umspringen? Seine Drehbücher hält Nolan stets geheim, weshalb bereits die Trailer wie eine Weissagung befragt werden. Der unbeugsame Perfektionist versteht es, auf das Ereignis einzustimmen. Die bildgewaltige Vorschau zu The Odyssey hat wiederum heftige und widersprüchliche Affekte ausgelöst. Der irrlichternde Elon Musk etwa sah sich berufen, das bislang noch unsichtbare Werk erbittert zu attackieren. Jedoch bietet der Trailer auch reichlich Gelegenheit zu vernünftigen Spekulationen. Gewiss wird Nolan besonders Homers Motiv der erloschenen Erinnerung beschäftigen. Darüber hinaus verhandelt dessen Epos zahlreiche Themen, denen Nolan Zeit seiner Karriere treu geblieben ist: die Duplizität der menschlichen Natur; der Kampf zwischen Ordnung und Chaos; die Logik des Fantastischen. Mithin ist der Filmemacher hier ganz in seinem Element. Das Ziel der Odyssey ist bekannt – nicht nur aus Homers Epos, sondern auch aus einem früheren Nolan-Film, der diesem schon tatkräftig voraus greift. Der britische Navy-Kommandeur, der bis zum Schluss (und darüber hinaus) auf verlorenem Posten ausharrt, benennt es im schönsten Dialogsatz von Dunkirk.
Er besteht aus einem Wort: „Home.“
