Sofia Coppola widmet sich in ihrem neuen Film, The Bling Ring, einer Bande Promi-besessene Teenager und tappt dabei mitunter selbst in die Celebrity-Falle.
Einen cleveren Aufhänger, sexy Schauspieler, flotte Musik, viel mehr braucht Sofia Coppola (Interview) nicht, um ansprechendes, unterhaltsames Kino zu machen. Mit ihren erfolgreichsten Filmen (Lost in Translation, Somewhere) hat sie längst bewiesen, dass sie ein ungewöhnliches Gespür und schier grenzenlose Geduld dafür besitzt, jede noch so flüchtige Belanglosigkeit eindrucksvoll, aber unprätentiös in Szene zu setzen. Ihre Figuren sind meist Träumer, beherrscht von der Idee eines Glücks, das sich nicht erfüllt, die sich unvermittelt, fast im Vorübergehen selbst dabei ertappen, die Absurdität ihres Daseins in vollem Ausmaß zu erkennen. Dass es vor allem die Probleme der Reichen und Schönen sind, denen sie ihre Aufmerksamkeit widmet, hat der 42-jährigen Regisseurin in den letzten Jahren immer wieder Kritik eingebracht. Allerdings wird dabei gerne übersehen, dass es Coppola nicht darum geht, Projektionsflächen und Identifikationsfiguren zu schaffen, als vielmehr Feldforschung zu betreiben in einem Milieu, in dem sie selbst mehr oder weniger gerne zu Hause ist. Auch ihr neuer Film, The Bling Ring, ist gewissermaßen so ein Fall.
Mit einem entscheidenden Unterschied: Vorbei ist es mit dem schwelgerischen Minimalismus, der verträumten Langeweile, mit der Coppola in Lost in Translation (2003) und Somewhere (2010) die Zuschauer verzauberte. Ihr Helden sind plötzlich keine melancholischen Streuner mehr, sondern eine Handvoll gewiefter, gieriger Kids, die wissen, wie man es heutzutage zu etwas bringt: immer und überall die richtigen Connections knüpfen, dann ein Praktikum bei „Teen Vogue“, mit dem langfristigen Ziel, einen Modelvertrag an Land zu ziehen, oder wenigstens eine Karriere als Reality-TV-Star. Doch wie immer ist Coppola ganz in ihrem Element, wenn es darum geht, das Ausmaß des Hollywood-Teen-Alltags in seinen erschreckend banalen Einzelheiten aufzuzeigen. Wie ein unsichtbarer Freund hängt ihre Kamera mit den Frappuccino schlürfenden, Kokain schniefenden Hipsters herum, wenn sie sich in den angesagten Clubs der Stadt die Nächte um die Ohren schlagen oder in coolen Schlitten zu Kanye West und Rick Ross durch L.A. cruisen. Und wie in allen ihren Filmen stützt die Regisseurin ihre Geschichte auch diesmal weniger auf eine bis ins Detail ausgetüftelte Handlung, als vielmehr auf eine narrative Komposition im musikalischen Sinn.
Zugegeben, auf den ersten Blick scheint The Bling Ring tatsächlich nicht viel mehr herzugeben, als ein höchst zeitgenössisches Drama über eine Gruppe Promi-besessener Kids, durchgestylt bis in die Wimpernspitzen, die sich die Zeit mit Einbrüchen bei diversen Hollywood Superstars (am liebsten Paris Hilton, aber gern auch Lindsay Lohan, Orlando Bloom, Rachel Bilson und Megan Fox) vertreiben und nebenbei deren Designerklamotten, Handtaschen, Schmuck und Bargeld in Millionenhöhe mitgehen lassen. Und wer dabei jetzt an eine Deluxe-Version von Spring Breakers denkt, liegt im Grunde gar nicht so falsch. Allerdings bleibt Sofia Coppolas Film, der immerhin auf wahren Begebenheiten und konkret dem berühmt-berüchtigten „Vanity Fair“-Artikel „The Suspect Wore Louboutins“ von Nancy Jo Sales beruht, konsequent, cool und angenehm entspannt, wo Harmony Korine eher plakativ und vordergründig auf grelle Farben, Silikonbrüste und pure Dreistigkeit setzte.
Ähnlich wie in Marie Antoinette (2006) ist jedoch auch The Bling Ring fast schon zu perfekt ausstaffiert, von den Outfits der mutmaßlichen Einbrecherbande – namentlich Rebecca (Katie Chang), Marc (Israel Broussard), Nicki (Emma Watson), Chloé (Claire Julien) und Sam (Taissa Farmiga) – bis hin zu den Villen der Stars, an deren Kleiderschränken sich die Jugendlichen in einem Anflug aus Größenwahn und selbstzerstörerischem Ennui vergreifen. Was Rebecca, der störrische Kopf der Bande, und ihre Kumpanen wirklich vom Leben wollen, ist nicht leicht zu sagen, womöglich alles, aber bis auf Celebrity-Tratsch, Gucci- und Vuitton-Handtaschen sammeln und anderer Leute Geld verprassen zeigen sie wenig Interesse an irgendetwas. Man kommt also nicht leicht auf die Idee, die Gang sympathisch zu finden, aber ihre hochmütige Art reicht immerhin, dass alle um sie herum um ihre Aufmerksamkeit buhlen. Verwöhnte Gören, möchte man ihnen ins Gesicht schreien, aber sie sind es mit einer Konsequenz, die wirklich beeindruckend ist.
Mitunter geschieht, was das Klischee befürchten lässt. Dazu kommt, dass Rebecca, Marc und Nicki am Ende allzu lächerlich wirken, in ihrem einstudierten, aufgesetzten Bemühen, ihr Handeln zu rechtfertigen. Was jedoch fast noch mehr verwundert, ist die Tatsache, wie miserabel die Promi-Residenzen angeblich gesichert waren. Allzu schwer hätten es die Überwachungsmaßnahmen und Alarmanlagen den jungen Einbrechern nicht gemacht: Ein paar Klicks im Internet brachten ihnen die notwendigen Informationen. Sie durchforsteten Blogs und Webseiten der Stars, um herauszufinden, wo sie wohnen und wann sie außer Haus waren. In die Villen selbst kamen sie durch ungesicherte Türen, Fenster, oder Katzenklappen. Und wer hätte gedacht, dass Paris Hilton ihren Hausschlüssel unter dem Fußabtreter versteckt? Dass der Film über weite Strecken funktioniert, obwohl die gehäuften Einbrüche, die das Ganze zusammenhalten sollen, gegen Ende hin allzu schematisch daherkommen, verdankt Coppola der Absurdität des besagten Falls ebenso wie ihren Darstellern. Letztlich ist es vielleicht das Glück des Films, dass er keine Moral hat, dass er die Ungeheuerlichkeit der Geschichte mitsamt ihrer Erklärungsnot abbildet. Und weil man von vornherein weiß, was passieren, aber nicht klar ist, wann es die Einbrecher treffen wird, scheint alles in einem gedämpften Glanz zu erstrahlen, im glamourösen Licht der Jugend.
