Mary Shelley

Mary Shelley

Aufbegehren

| Jörg Schiffauer |

Als Wadjda 2012 bei den Filmfestspielen von Venedig seine Welt­premiere feierte, war allein die Entstehung eine Sensation, galt die Produktion doch als erster vollständig in Saudi-Arabien gedrehter Spielfilm mit einer Frau auf dem Regiesessel – und das in einem Land, wo Grund- und Freiheitsrechte durch den Wahhabismus, einer puristischen Auslegung des Islam, stark beeinträchtigt sind und Gleichberechtigung ohnehin ein Fremdwort ist, in einem Land, wo bis vor kurzer Zeit Kinos überhaupt verboten waren. Man kann sich also ungefähr vorstellen, welche Schwierigkeiten Haifaa Al Mansour, die Regisseurin von Wadjda, in dessen Zentrum ein Mädchen steht, das sich kleine persönliche Freiheiten zu erkämpfen versucht, dabei überwinden musste. Der Erfolg von Wadjda verhalf Haifaa Al Mansour mit Mary Shelley zu einer großen internationalen Produktion, in deren Mittelpunkt eine Protagonistin steht, die es zwar als Verfasserin des Romans „Frankenstein or The Modern Prometheus“ mittlerweile zu weltweiter Berühmtheit gebracht hat, dafür jedoch gesellschaftlich bedingte hohe Hürden überwinden musste.

Nun waren die Restriktionen, denen Frauen in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgesetzt waren, nicht so drastisch wie jene im gegenwärtigen Saudi-Arabien, die Chancen auf eine Karriere als Schriftstellerin standen im Vereinigten Königreich dennoch nicht gerade gut. Dabei zählt die 1797 geborene Mary Godwin – so ihr Mädchenname – noch zu den Privilegierten, was ihre Sozialisation angeht. Ihr Vater, der Schriftsteller und Sozialphilosoph William Godwin, galt als einer der ersten Vertreter des politischen Anarchismus, ihre früh verstorbene Mutter Mary Wollstonecraft setzte sich bereits für Frauenrechte, insbesondere für das Recht auf Bildung, ein. In diesem für damalige Verhältnisse ausgesprochen liberalen Umfeld wächst also Mary heran, im Alter von sechzehn Jahren – hier beginnt Al Mansours Mary Shelley – hat sie sich zu einer ebenso intelligenten wie selbstbewussten jungen Frau entwickelt, für die die Buchhandlung ihres Vaters die notwendige intellektuelle Nahrung bereithält. Doch ihre rebellische Natur zieht auch Konflikte nach sich, insbesondere das Verhältnis zur zweiten Frau ihres Vaters ist reichlich prekär. Damit die Lage nicht eskaliert, wird Mary (Elle Fanning) zu Verwandten nach Schottland geschickt. Dort lernt sie schon bald den nur wenige Jahre älteren Percy Bysshe Shelley (Douglas Booth) kennen. Mit dem jungen Poeten, der mit seinen Gedichten erste literarische Erfolge feiern konnte, verbindet Mary nicht nur das Interesse für Literatur, auch seine unkonventionelle Art fasziniert sie. Schon bald verlieben sich die beiden ineinander, nachdem Mary nach London zurückgekehrt ist, folgt ihr Percy nach. Der geniale Poet Percy Shelley, eine Größe der englischen Romantik, der sich über die starren gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit hinwegzusetzen beliebt, und die freigeistige Mary Godwin – das scheint wie ein match made in heaven.

Doch der erste Schatten taucht bereits auf, als sich eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter bei Mary als Percys Ehefrau vorstellt. Deren Existenz hat dieser einfach einmal verschwiegen. Das hindert Mary nicht, gegen den Willen ihres Vaters mit Percy zusammenzuziehen, ihre Schwester Claire (Bel Powley) nimmt sie mit, womit eine ziemlich unkonventionelle Wohn- und Lebensgemeinschaft entsteht. Doch die leichtlebige Art Percys, die man auch unbedarft nennen könnte, hält für die Beziehung immer wieder Belastungsproben bereit. Neben ökonomischen Unsicherheiten sind es vor allem von Percy verursachte Instabilitäten, die Mary vor den Kopf stoßen. Man wird nach und nach den Eindruck nicht los, dass Percy seinen Beziehungsmodellen nur zu gern das Mäntelchen ideologisch motivierter Nonkonformität umhängt, um damit seine Vorliebe für asymmetrische Beziehungen zu camouflieren. Inmitten einer dieser Krisen nimmt man deshalb nur zu gern die Einladung Lord Byrons (Tom Sturridge) in seine Villa am Genfer See an.

Byron, wie Shelley einer der ganz großen Dichter Englands, schlägt einen Wettbewerb vor, in dem jeder eine Schauer-
geschichte verfassen soll. Es folgt jene berühmte Nacht, in der Mary die entscheidende Inspiration für jene Erzählung hat, mit der sie unsterblich werden sollte: „Frankenstein or The Modern Prometheus“, die Geschichte um die Erschaffung
eines künstlichen menschlichen Wesens, jener Kreatur, deren unglückliche Existenz vor allem darin begründet liegt, dass ihr Schöpfer Viktor Frankenstein ihr emotionale Nähe vorenthält. Unschwer lassen sich dahinter wie in einer Art Schlüsselroman auch die Friktionen in Marys Beziehung zu Percy erkennen. Mary Shelley verweist auch wiederholt auf diese Interpretation.

Damit wird aber auch deutlich, dass dieses private Element einen zentralen Platz in Haifaa Al Mansours Inszenierung einnimmt, samt einer zeitweilig etwas überbordenden Melodramatik. Al-Mansour setzt die Geschichte Mary Shelleys entlang der Parameter eines konventionellen Biopics, als eine Art Stationendrama, in Szene. Mary Shelley erweist sich dabei als weitgehend gut gespieltes, atmosphärisches Period Piece, das jedoch bei seinen Charakteren in manche Klischee-Falle – Lord Byrons Darstellung als exaltierter Egomane wirkt wie eine Vignette des englischen Exzentrikers – tappt. Deutlich wird hingegen, dass Mary Shelleys Ringen um eine selbstbestimmte Existenz an zwei Fronten geführt wird. Der Kampf gegen gesellschaftliche Zwänge jener Tage ist offensichtlich, doch auch die Beziehung zu Percy Shelley – die leicht romantische Verklärung ihrer Ehe in der Geschichtsschreibung dürfte ein wenig Percys frühem, tragischen Unfalltod 1822 geschuldet sein – gestaltet sich zusehends schwieriger. Denn ungeachtet seiner libertären Anschauungen versucht der geniale Dichter, seine Gefährtin ebenfalls in eine bestimmte Rolle zu zwängen, was sie jedoch verweigert. Es wird zeitweilig ziemlich einsam um Mary, eine Isolation, die vor allem deutlich wird, als sie „Frankenstein“ veröffentlichen will. Eine Frau als Autorin galt damals als Unmöglichkeit, weshalb ihr Roman zunächst ohne Angabe der Verfasserin und unter der Bedingung, dass ihr berühmter Ehemann das Vorwort verfasst, publiziert wird. Es bedarf eines Kraftakts von mehreren Seiten, bis endlich der Name Mary Shelleys auf dem Buchdeckel gedruckt wird. Ein Kampf um Anerkennung, der mittlerweile nicht ohne Ironie erscheint. Obwohl Percy Bysshe Shelley seinen festen Platz im Pantheon der Literaturwissenschaft einnimmt, hat Mary ihn in Sachen Bekanntheit weit hinter sich gelassen. Kaum ein anderes Werk als „Frankenstein“ mit dem Motiv des Wissenschafters, dessen Hybris verhängnisvolle Auswirkungen nach sich zieht, hat die Populärkultur so nachhaltig beeinflusst.