Watergate

Ausser Rand und Band

| Pamela Jahn |
Charles Ferguson im Gespräch über seine monumentale Dokumentation „Watergate“, über außer Kontrolle gerate Präsidenten, Lügen und Geheimnisse, und darüber, welche Lehren aus der Geschichte zu ziehen sind.

 

Hört man heute das Wort „Watergate“, hat man angesichts der über die Jahrzehnte freigelegten Informationen das Gefühl, es sei alles bereits gesagt, was es zu dem Thema zu sagen gibt. Ihre Dokumentation beweist nun das Gegenteil. Worin lag Ihre Motivation, den Fall erneut aufzurollen?

Ich war einfach neugierig. Das heißt, in erster Linie war es mein persönliches Interesse an dem Thema sowie an dem politischen und gesellschaftlichen Klima damals. Ich war ein siebzehnjähriger Highschool-Schüler, als der Einbruch in das Watergate-Gebäude stattfand. Ich habe also die Zeit sehr bewusst miterlebt und mich auch im Nachhinein immer wieder damit beschäftigt. Es gibt mittlerweile ein paar sehr gute Bücher dazu, aber es gab bisher keinen ähnlich umfangreichen Film. Natürlich denken bei Watergate im ersten Moment alle an All the President’s Men, und der Film besteht zweifelsohne den Test der Zeit. Er ist für ein Hollywood-Drehbuch sogar extrem genau recherchiert. Aber inhaltlich wird darin nur ein Bruchteil von dem gezeigt, was tatsächlich passiert ist. Und einer der Hauptgründe, warum es mir wichtig war, die Dokumentation zu machen, ist, dass Watergate in der frühen siebziger Jahren zu einem gewaltigen, allumfassenden Phänomen wurde. Alles hing damit zusammen: der Supreme Court, der Kongress, die Verfassung, das Strafjustizsystem, die Medien, die öffentliche Meinung, die Präsidentschaft, der Präsident – jedes einzelne Element des politischen und verfassungsrechtlichen Systems war in die Affäre involviert und für seine Aufdeckung wesentlich. Und ein Teil von mir will mit der Dokumentation sicher sagen: „So war das damals. Lasst das nicht noch einmal passieren.“ Darüber hinaus ist der Film in gewisser Weise auch eine Hommage an Stanley Kubricks Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb. Und natürlich gibt es nicht zuletzt den aktuellen Bezug: Es ist ein Film darüber, wie Amerika einen außer Kontrolle geratenen Präsidenten stoppte, der Nixon zweifelsohne geworden war. Und die Parallelen zum Hier und Jetzt sind allgegenwärtig.

 

Würde das Ganze heute passieren, wäre ein Amtsenthebungsverfahren dann wahrscheinlicher?

Schwer zu sagen, und es ist noch schwerer, sich dieselbe Situation heute vorzustellen. Die Voraussetzungen wären komplett andere. Eine Sache etwa, die mir während der Arbeit an dem Film bewusst wurde, ist, um wie vieles höher die Qualität und Professionalität der Kongressabgeordneten damals war.

 

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ausschlaggebend ist sicher die Rolle des Geldes in der Politik heute. Das war damals nicht annährend so wichtig. Dazu kommt, dass heutzutage über die Hälfte der Abgeordneten, wenn sie den Kongress verlassen, zu Lobbyisten werden. Und das hat einen schlechten Einfluss darauf, wie sie sich verhalten, während sie noch im Kongress sind, beziehungsweise entscheidet sich darüber oft auch, wer überhaupt in den Kongress gewählt wird. Einer der Hauptgründe für Politiker, in den Kongress einzuziehen, ist es, gutes Geld zu verdienen, und das ist grundsätzlich eine schlechte Voraussetzung.

 

Man kommt heute problemlos an die berühmt berüchtigten Tonbandaufnahmen aus dem Büro von Richard Nixon. Woran bestand für Sie die größte Herausforderung im Durchforsten des Materials?

In der schieren Fülle an Material. Es gibt insgesamt fast dreieinhalbtausend Stunden an Tonbandmaterial, und nicht einmal tausend Stunden davon sind transkribiert. Sich durch den Rest durchzuhören war harte Arbeit.

 

Ist der Reiz, im Zuge der Recherche auf etwas Neues, Unerwartetes, Überraschendes oder Enthüllendes zu stoßen, dabei auch für einen mittlerweile routinierten Dokumentaristen wie Sie immer noch das Spannendste an der Arbeit?

Definitiv. Aber ich muss sagen, was meine Recherche in dem Fall zusätzlich bereichert hat, waren die Leute, die ich im Zuge meiner Nachforschungen kennengelernt habe. Vor allem einige der Sonderermittler waren großartig. Das Gespräch mit Richard Ben-Veniste dauerte insgesamt über vier Stunden, bei Daniel Ellsberg waren es über fünf. Ich wünschte, ich hätte die verschiedenen Facetten der Gespräche etwas mehr mit in den Film einbringen können, aber das war in dem Fall schwierig, weil es des Ton zu sehr verändert hätte. Aber Ben-Veniste, beispielsweise, ist ein Mann, der, immer wenn die Kamera nicht läuft, zum Schreien komisch sein kann, ein sehr kluger und witziger Mann. Doch sobald das rote Licht angeht, wird er sofort ernst und professionell und ist sehr vorsichtig mit dem, was er sagt.

 

Die Laufzeit der Dokumentation beträgt über vier Stunden, zunächst konzipiert als sechs-teilige Fernsehserie, die nun aber auch als Zweiteiler oder sogar in einem Stück auf der Leinwand zu sehen ist. Inwiefern hat die Struktur Ihre Arbeitsweise beeinflusst?

Die Tatsache, dass wir vorab eine genaue Laufzeit vorgegeben bekommen haben, bedeutete, dass der Schnitt um einiges komplizierter war, als das vielleicht sonst bei normalen Kinoproduktionen der Fall ist. Aber das ist eigentlich alles.

 

Denken Sie, es macht einen Unterschied, ob man den Film in einem Stück sieht, oder als Serie?

Ich persönlich denke, es ist am besten, den Film in einem Stück zu sehen. Der Inhalt der Serie und der Kinoversion ist fast identisch. Dennoch scheint mir, dass die Erfahrung, den Film ohne Unterbrechung und im Großformat zu sehen, etwas im Zuschauer auslöst, dass dem TV-Format vorenthalten bleibt. Andererseits ist mir bewusst, dass TV-Formate ein entsprechend größeres Publikum erreichen. Und darauf kommt es schließlich an, dass so viele Menschen wie möglich den Film sehen und daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen.

 

Sie hatten bereits vor der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten mit der Arbeit an Watergate begonnen, wie auch an einigen anderen Projekten, die bisweilen im Sand verliefen. Gibt es eine bestimmte Checkliste an Voraussetzungen, die für Sie gegeben sein müssen, um eine bestimmtes Thema filmisch bearbeiten zu können?

Voraussetzung Nummer eins ist, Zugang zu genügend Material zu bekommen. Ich war beispielsweise vor ein paar Jahren damit beauftragt, eine Dokumentation über Hilary Clinton zu machen, die ich abgebrochen habe, weil niemand mit mir reden wollte. Die Clintons hatten ihr gesamtes Umfeld dazu aufgefordert, Stillschweigen zu bewahren. Nachdem ich von über hundert Anfragen nur drei willige Gesprächspartner hatte, war mir klar, dass das nichts wird. Bei Watergate wusste ich von vornherein, dass sich mir ein ähnliches Problem hier nicht stellen würde.

 

Hatten Sie bei den Gesprächen mit den Leuten aus Nixons Umfeld das Gefühl, dass einige von ihnen auch jetzt noch eine andere Version der Geschichte erzählen wollten, um ihre eigene Rolle im Skandal runterzuspielen?

Der einzige, von dem ich das Gefühl hatte, dass er mir gegenüber unehrlich war in Bezug auf seine Beweggründe und wichtige Fakten, war John Dean. Deshalb sind im Film nur die Momente meines Interviews mit ihm enthalten, bei denen ich mir sicher sein konnte, dass er die Wahrheit sagt. Das grundsätzliche Problem bestand darin, dass er im Laufe der letzten Jahre versucht hat, die Welt davon zu überzeugen, dass er das, was er tat, aus irgendwelchen ethischen Gründen und aus Prinzip getan hat. Aber mir wurde bewusst, dass dem nicht so war, und dass die Motivation für sein Handeln einzig und allein darin bestand, seine eigene Haut zu retten. Er ahnte, dass er als Nächster im Gefängnis landen würde, deshalb musste er sich stellen. Ihm war klar, dass einige der Angestellten bereit waren, zu reden und dabei seinen Namen nennen würden. Also blieb ihm als einziger Ausweg, zum Kronzeugen zu werden und alles auszuplaudern, was er wusste. Die Staatsanwälte haben mir erzählt, dass er einer der akkuratesten und verlässlichsten Zeugen war, der ihnen jemals untergekommen ist. Aber in meinem Interview hat er konsequent versucht, sich in einem anderen Licht darzustellen. Als ich ihn daraufhin mit Fakten zu konfrontieren begann, wurde er ziemlich sauer, regelrecht feindselig.

 

Inwiefern ist Intuition entscheidend, wenn es darum geht, darüber zu entscheiden, ob und wann ein Gesprächspartner tatsächlich die Wahrheit sagt?

Intuition ist wichtig, aber noch wichtiger ist, dass man gut vorbereitet ist. Dass man, bevor man ins Gespräch geht, die fünftausend Dokumente gelesen hat und genau weiß, was und wie es passiert ist. In Deans Fall war es so, dass mehrere Leute bereit waren, ihn zu belasten, ein paar hatten es sowieso schon getan. Jeb Magruder war einer von ihnen. Magruder war selber dabei unterzugehen, und er hatte gemeinsame Kontakte mit Dean, über die er zu reden bereit war. Dean wusste das. Das gilt auch die Einbrecher. Hunt hatte bereits zu reden begonnen, McCord auch. Es war allgemein bekannt, aber Dean wusste es auch privat von Henry Peterson, der mit ihm darüber gesprochen hatte, was gerade vor sich ging. Ich bin alle Aufzeichnungen und Protokolle sorgfältig durchgegangen und wusste also genau, was in der Zeit von Tag zu Tag vor sich ging. Und es war einfach ganz klar, dass Dean nicht aus Prinzip gehandelt hat, sondern um seine eigene Haut zu retten. Denn nur der erste, der richtig redet, bekommt einen guten Deal. Und so war es ja dann auch. Cox hat zwar wohl gesagt, dass er ihm keine komplette Immunität gewähren könne und er sich zumindest für eine Sache schuldig bekennen müsse. Woraufhin Dean sich der Verschwörung schuldig bekannte und dafür vier Monate saß, allerdings nicht mal im Gefängnis, sondern auf einem Militärstützpunkt. Aber das war’s, das war alles. Und wenn er den gleichen Weg gegangen wäre wie Ehrlichman, Haldeman und Mitchell, dann wäre er auch hinter Gittern gelandet.

 

In all den Jahren seit der Watergate-Affäre haben Politiker in Amerika und anderswo immer wieder die wichtigste Erkenntnis aus dem Skandal unterschätzt: Vertuschen ist schlimmer als der Fehler selbst. Denken Sie, Ihr Film ist für Politiker wie für das Volk gleichermaßen erhellend?

Das hoffe ich sehr. Ich wollte zunächst nur einen Film über eines der erstaunlichsten Ereignisse in der amerikanischen Geschichte machen, und zwar auf eine Art und Weise, die die Zuschauer dazu bringen würde, meine Faszination für die Einzelheiten im Zusammenhang mit der Affäre zu teilen. Mittlerweile sieht es jedoch ganz danach aus, als würden wir das Ganze noch einmal durchleben, und schon allein deshalb ist es extrem wichtig zu verstehen, wie das System funktioniert und was zu tun ist, um am Ende die große Katastrophe zu verhinden.

 

Einen Artikel zu der Dokumentation finden Sie in unserer Printausgabe 03/2019 (Leseprobe)