Eine ungewöhnliche Amour fou wird zu einer Hommage an die Nouvelle Vague.
Von älteren Frauen und jungen Liebhabern handeln so manche Geschichten, denkt man an die schwarze Komödie Harold und Maude (1971) oder an Houchang Allahyaris Drama Der letzte Tanz (2014). Die Befürchtung, dass das Thema auserzählt sein könnte, bestätigt die vierte Regiearbeit von Nicolette Krebitz gleichwohl nicht, schon deshalb, weil ihre Protagonistin noch berufstätig, vitaler und um einiges jünger ist als Maude und die Alzheimer-Patientin Julia. Überhaupt macht Sophie Rois den Film zu einem Ereignis in der Weise, wie sie als Komödiantin brilliert und in ihre Rolle neben der für sie typischen Schroffheit eine Verletzlichkeit einbringt, die man ihr vielleicht gar nicht zugetraut hätte.
Ihre Anna ist eine Schauspielerin um die 60, die aufgrund ihres Alters nur noch Anfragen für Synchronisationen erreichen und sehr allergisch reagiert auf Jugendwahn und männliche Arroganz. Am Abend eines frustrierenden Aufnahmetags, an dem sie von einem Kollegen belästigt wurde, entreißt ihr vor einem Berliner Szenelokal ein junger Typ die Handtasche. Wenige Tage später steht der Dieb vor ihrer Wohnungstür. Als Sprachtrainerin lässt sich die Lady überreden, diesen aus schwierigen Verhältnissen kommenden Adrian auf eine Schultheateraufführung vorzubereiten. Über den Unterricht, in dem sie auf die Vokale fokussiert, streng genommen auf das A, mit dem alles beginnt, wenn Menschen geboren werden, Schmerz oder Lust empfinden, kommen sich der gehemmte Schüler und die resolute Einzelgängerin näher.
Aber bei einem solchen dichten, subtilen Kammerspiel belässt es Krebitz nicht, vielmehr lässt sie ihr Paar vor seinen Alltagsproblemen an die Côte d’Azur flüchten, wo sich überraschend ein Krimi à la Hitchcocks To Catch a Thief entspinnt, mit einem Freiheitsrausch und einer Atemlosigkeit, die auf Jean-Luc Godard und die Nouvelle Vague verweist. Die dramatischen Volten kommen indes ein bisschen plötzlich in die verschachtelte Erzählung, und bis zuletzt versteht man nicht so recht, warum die taffe Frau den unscheinbaren minderjährigen Ganoven einem gleichaltrigen befreundeten Nachbarn vorzieht, der in Gestalt von Udo Kier als der adäquatere, interessantere Partner erscheint. Und doch folgt man diesem Liebesalphabet, das mit Originalität, Witz, Wagemut und Leichtigkeit über seltene Qualitäten im deutschen Kino verfügt, gebannt bis zur letzten Minute.
