Adam Driver ist so ziemlich der spannendste Mittdreißiger, den man derzeit dabei erleben darf, wie er das Kino für sich erobert. In Noah Baumbachs „Marriage Story“ lässt er sich von Scarlett Johansson scheiden. Ein längst überfälliges Gespräch über gute Drehbücher, große Regisseure und wie man sich, ohne es zu merken, um Kopf und Kragen reden kann.
Keiner ist nur etwas. Bei Adam Driver hat man sogar das Gefühl, der Mann ist alles und kann alles. Konstant mit Top-Regisseuren wie Steven Spielberg, Martin Scorsese, Clint Eastwood, den Coen-Brüdern, Jim Jarmusch und Steven Soderbergh zu drehen ist das eine, aber der 1983 in Kalifornien geborene Querdenker hat vor seiner Hollywood-Karriere noch ganz andere Sachen gemacht, hat Staubsauger verkauft und bei der Marine gedient, bis er nach einem Unfall entlassen wurde, daraufhin zur Schauspielerei wechselte und in Lena Dunhams HBO-Serie Girls als Teilzeittischler zum Mädchenschwarm der zehner Jahre wurde. Bereits in dieser Zeit ging es kontinuierlich bergauf für den zurückhaltenden Hünen, der mittlerweile auch den Bösewicht Kylo Ren in der aktuellen Star Wars-Trilogie spielt.
Einer jedoch, der Drivers unerschöpfliches schauspielerisches Potenzial sowie dessen herrlich trockenen Humor besonders früh für seine Zwecke entdeckt hat, ist Noah Baumbach, mit dem er seit Frances Ha (2012) insgesamt bereits vier Filme gedreht hat. Der jüngste von ihnen, Marriage Story, zeigt Adam Driver als etablierten Theaterregisseur und Scarlett Johansson als seine Schauspielerin/Ehefrau in einer Scheidungsgeschichte zwischen Liebe und Kunst, New York und Los Angeles, gemeinsam und einsam, mit einem Kind in der Mitte und einem Feingefühl in den Dialogen, dass man kaum merkt, wie meisterlich und effektiv Noah Baumbach hier erneut Hand anlegt, um ganz allgemeinen und besonderen Lebens- und Beziehungsfragen auf den Grund zu gehen.
Für Driver, der poetische Busfahrer (Paterson) mit der gleichen Empathie und Ernsthaftigkeit verkörpert wie einarmige, Cocktails mixende Kriegsinvalide (Logan Lucky), und der in Baumbachs Film einmal mehr seine Vielseitigkeit unter Beweis stellt, nicht zuletzt in einer rührenden Gesangseinlage, wird auch dies nicht die letzte Zusammenarbeit mit dem großen Auteur des US-Filmbetriebs gewesen sein. Denn was den Darsteller aufs Innigste mit seinem Regisseur verbindet, ist die Leidenschaft für ein ironisches, empfindsames und kluges Independent-Kino, das Baumbach seit Jahren hartnäckig produziert, um nicht irgendwann selbst in den dekadenten Weltschmerz seiner Protagonisten zu verfallen. Aber auch Arbeitswut und Ambitionen haben sie gemein. Driver spielt, singt, kämpft sich nach vorn und ist dabei so konsequent hervorragend wie sonst kaum ein Schauspieler seiner Generation. Und für einen, der scheinbar alles kann, ist in dieser Hinsicht trotzdem noch Luft nach oben.
Mister Driver, die zentrale Streitszene zwischen Ihnen und Scarlett Johansson ist selbst, wenn man nur dabei zuschaut, eine Tortur. Wie haben Sie sich danach gefühlt?
Adam Driver: An ein konkretes Gefühl kann ich mich gar nicht erinnern, aber ich weiß noch, dass wir beide danach ziemlich ausgelaugt waren. Das Problem war, dass die Szene gleich am zweiten Tag dran war, aber Scarlett und ich fanden es beide extrem schwierig, direkt ans Ende zu springen. Deshalb mussten wir für uns erst einmal alle anderen Szenen durchspielen, die speziell auf diesen Moment hinführen. Wir hatten bereits zwei Wochen vor Drehstart geprobt. Dann haben wir auch am Drehtag selber noch mal alles durchgespielt, auch direkt am Set im Raum, in der Szene. Es hat sich dadurch dann fast eher wie Theaterspielen angefühlt, was grundsätzlich bei Noah von großer Bedeutung ist im Hinblick auf die Art und Weise, wie er arbeitet, besonders auch bei diesem Film. Das heißt, es fühlte sich nicht so fremd an wie ich zunächst befürchtet hatte. Das lag natürlich auch an Noahs Drehbuch, an seinem großen Gespür fürs Schreiben. Und an der Tatsache, dass Scarlett meine Szenenpartnerin war. Es wäre zum Beispiel unheimlich anstrengend gewesen, so eine Szene mit jemandem zu spielen, der nicht extrem gut vorbereitet ist. Aber wie dem auch sei, am Ende überlegt man nicht: Wie war das jetzt eigentlich für mich? Wenn man so eine schwierige Szene dreht, kann man sowieso nur seinem Instinkt folgen. Und wenn alles im Kasten ist und der Regisseur zufrieden, atmet man zum ersten Mal überhaupt wieder richtig aus.
Was macht Noah Baumbachs Schreiben so besonders?
Adam Driver: Ich finde, wenn etwas gut geschrieben ist, eröffnet es der Vorstellungskraft neue Ideen und ungeahnte Möglichkeiten. Ich kenne das Gefühl vom Theater, wenn man ein Stück vier Monate lang achtmal die Woche spielt und am Ende am liebsten gleich wieder von vorne anfangen würde, weil man meint, endlich eine bessere Vorstellung davon zu haben, was man da eigentlich sagt. Ein schlechtes Drehbuch gibt lediglich einen Weg vor, die Dinge auszusprechen und aufzuführen.
Im Kern ist „Marriage Story“ ein sehr ehrlicher Film, zumindest fühlt es sich so an. Haben Sie das beim Spielen auch so empfunden?
Adam Driver: Ich weiß nicht, ob ich gedacht habe, dass der Film ehrlich ist. Aber jetzt, wo Sie es sagen, wahrscheinlich trifft es das ganz gut. Normalerweise gibt es bei einem Film immer ein, zwei Szenen, vor denen einem vorab mulmig wird, weil sie zu früh im Drehplan auftauchen und man um Zeit kämpft, indem man zum Regisseur sagt: „Ich habe noch nicht das richtige Gefühl für die Figur gefunden. Ich muss mich da erst noch eingewöhnen.“ Aber hier ging das nicht, weil sich eigentlich alle Szenen so anfühlten, als wären sie zu früh dran gewesen, als sei man noch nicht richtig vorbereitet. Aber auch das ist zu einem Großteil Noah zu verdanken, weil einfach jede Szene bei ihm einen extrem hohen emotionalen Anspruch hat. Auf dem Papier scheint alles ganz klar, aber dann steht man plötzlich Azhy Robertson gegenüber, der im Film Henry spielt, und sein Gesicht, das bekommt in dem Moment plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Auch mit Ray Liotta und Alan Alda ist es mir nicht anders gegangen. Wir hatten Szenen zusammen, die wirken beiläufig und simpel, aber innerlich waren sie extrem aufwühlend für mich.
Es scheint, als könnten Sie sich die Regisseure, mit denen Sie zusammenarbeiten wollen, mittlerweile aussuchen. Und wenn man es sich einmal überlegt, haben Sie in den letzten Jahren nur mit den Besten der Besten gearbeitet. Wie schafft man das?
Adam Driver: Ich habe im Grunde gar keine so große Kontrolle darüber wie Sie vielleicht denken. Es hat auch immer viel mit den äußeren Umständen zu tun. Aber so klischeehaft es klingen mag, ich wollte immer mit tollen Regisseuren arbeiten. Film ist ein Regie-Medium, demnach macht es doch auch Sinn, mit den Leuten zusammenzuarbeiten, die man bewundert, die man spannend findet und die einfach gute Filme machen. Ich will das. Alle Schauspieler wollen das. Dass es bei mir geklappt hat, hat wirklich sehr viel mit günstigen Umständen zu tun. Weil ich gerade Zeit hatte, weil ich zur Verfügung stand, als diese Menschen mit mir arbeiten wollten. Und ganz so einfach war es ja auch nicht. Ich habe für viele der Filme vorgesprochen, ganz klassisch, und das hat geklappt. So bin ich dann beispielsweise dazu gekommen, mit Barry Levinson zu arbeiten oder mit Clint Eastwood oder Steven Spielberg. Und wer würde für deren Filme nicht gerne vorsprechen wollen? Ich gebe zu, in einigen Fällen sind die Leute auch direkt auf mich zugekommen, aber im Großen und Ganzen hatte ich einfach eine Menge Glück. Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde.
Wie wirkt sich das auf Ihr Selbstbewusstsein als Schauspieler aus, regelmäßig mit so großen Namen verbunden zu sein?
Adam Driver: Ich weiß nicht, darüber denke ich nicht nach. Zumindest ist es nicht so, dass ich mir einbilde, weil ich jetzt mit dem oder dem gearbeitet habe, weiß ich genau, was ich tue. Das Gegenteil ist der Fall. Und um ehrlich zu sein, eine Sache, die ich von all den großen Regisseuren gelernt habe, ist, dass sie so gut sind, weil keiner von ihnen vorgibt, die Antwort auf Fragen zu haben. Wenn man sich zum Beispiel vorstellt, wie es bei jemand wie Scorsese am Set zugeht, kann man leicht in Versuchung geraten zu denken, ich bin hier nur einer von vielen und mache einfach das, was er von mir verlangt. Aber darum geht es ihm gar nicht. Darum hat er dich nicht engagiert. Scorsese ist jemand, der nach deiner Meinung fragt, der wissen will, was du davon hältst, weil er sich eben nicht vor allen aufstellt und behauptet, auf alles eine Antwort zu haben. Und das schon früh gelernt zu haben, nicht nur von Regisseuren, sondern auch von Schauspielern, die ich bewundere, das ist beruhigend und beängstigend zugleich. Man kann immer nur versuchen, seinen eigenen Frieden damit zu finden, mit sich selbst unzufrieden zu sein.
„Marriage Story“ ist Ihre vierte Zusammenarbeit mit Noah Baumbach. Über die Jahre hat sich eine Freundschaft entwickelt. Wird der Film für Sie dadurch persönlicher?
Adam Driver: Auch das ist schwer zu sagen. So etwas lässt sich ja nicht einfach in Prozentzahlen ausdrücken. Und grundsätzlich versucht man jeden Film, in dem man mitspielt, für sich persönlich zu machen. Auch wenn man manchmal erst spät dazukommt und nicht viel Zeit hat, sich vorzubereiten, weil der Drehplan eng ist, muss man sich trotzdem so mit seiner Figur und allem drumherum auseinandersetzen, dass es für einen selbst einen Sinn ergibt und dass es zu einem passt, auch wenn das bedeutet, dass man vielleicht hier und da ein paar Sachen ändern muss. Bei Marriage Story war das anders. Der Film begann für mich mit einem Gespräch zwischen Noah und mir, das wir vor einigen Jahren geführt haben. Und eigentlich noch viel früher, schon als wir an dem ersten Film zusammengearbeitet haben. Aber genau so ist das, wenn man mit Noah arbeitet. Es ist ein fortlaufendes Gespräch, das vielleicht bei einem Abendessen beginnt und aus dem dann eine Reihe von Abendessen werden, aus denen am Ende ein Film entsteht, vielleicht ein zweiter, ein dritter, ein vierter, und aus dem auch das nächste Projekt hervorgeht, an dem wir erneut zusammenarbeiten werden. Aber allgemein liegt der einzige Vorteil, von Beginn an in einen Film involviert zu sein, lediglich darin, dass man sich die Zeit besser einteilen kann, weil man weiß, was kommt. Weil man sich besser auf seine Rolle vorbereiten kann und man weniger Hausaufgaben machen muss.
Derzeit filmen Sie „Annette“ mit Leos Carax. Ein Musical?
Adam Driver: Ja, ein Musical. Die Sparks haben eine Art Rock-Oper geschrieben, über die wir schon seit sechs Jahren reden, weil es immer nicht gepasst hat. Aber jetzt ist es soweit. Wir sind schon seit ein paar Monaten am Drehen und ich bin extrem begeistert, weil Leo so ein einzigartiger Regisseur ist.
Und einer, der nur sehr wenige Filme dreht.
Adam Driver: Ja, leider, weil ihm bisher nicht so oft die Gelegenheit gegeben wurde. Das ist schade.
Singen Sie im Film selbst?
Adam Driver: Ja, alle singen selbst. Zumindest glaube ich, dass es so ist. Aber es ist auch kein Musical im klassischen Sinn, das können Sie sich sicher denken, wenn Leo Regie führt. Ich kann manchmal gar nicht glauben, dass wir dafür bezahlt werden, was wir da machen, also dass wir damit davonkommen. Aber Leo ist ein extrem inspirierender Regisseur und auch seine Arbeitsmoral ist der Wahnsinn.
In „Marriage Story“ gibt es auch dieses wunderschöne Lied von Ihnen. Singen Sie eigentlich gern?
Adam Driver: Ich finde Singen generell beängstigend. Aber zum Glück geht es in der Szene ganz konkret um Charlie, um meine Figur, und nicht um mich. Zudem hat Noah mir von vornherein erklärt, dass es sich dabei nicht um einen Song um des Songs wegen handelt, sondern dass sich dahinter eine bestimmte Bedeutung, eine ganz spezielle Absicht im Hinblick auf die Geschichte verbirgt. Und ich finde, der Moment im Drehbuch, in dem das Lied kommt, ist perfekt gewählt. Denn Scarletts Figur, Nicole, ist diejenige, die im Film immer stärker wird, während Charlie vergeblich versucht, hinterherzukommen, und sich dabei immer weiter runterreißt. Seiner Liebe tut das keinen Abbruch, aber sie verändert sich, sie wird zu etwas Anderem, und das ist ein ziemlich schmerzlicher Prozess. Als er das erkennt, ist es zu spät, und in dem Lied kommt zum ersten Mal sein Bedauern darüber zum Ausdruck. Es ist der erste Schritt für ihn, sich mit seiner Trauer auseinanderzusetzen. Und dass er dann eben keine lange Rede hält, sondern ein Lied singt, bezeugt in gewisser Hinsicht auch, was ich glaube, wie er Kunst und Theater sieht – als etwas Abstraktes, Unerwartetes.
Macht es für Sie als Schauspieler einen großen Unterschied, ob Sie in einem „Star Wars“-Film mitspielen oder in einem Film von Noah Baumbach?
Adam Driver: Man möchte meinen, dass man bei einem Blockbuster wie Star Wars gar nicht über so Gefühle redet oder die Dinge hinterfragt, aber ich empfinde den Prozess als solchen gar nicht so unterschiedlich. Auch bei Star Wars geht es darum, den Film für sich zu erschließen und zu eigen zu machen. Und mit J.J. Abrams und Rian Johnson zu arbeiten, ist im Grunde nicht viel anders als mit Noah. Man nimmt die einzelnen Szenen auseinander und versucht, sie zu etwas zusammenzusetzen, das sich ehrlich und wahrhaftig anfühlt und aus dem dann ein Film wird. Der große Unterschied liegt in dem Rhythmus, der am Set herrscht. Allein weil alles größer ist und fünfzig Leute herumschwirren, die jeder für sich einen ganz bestimmten Job machen, ist es schwieriger, sich dort einzuleben, und auch sonst dauert alles länger. Bei einem Film wie Marriage Story dagegen kann man direkt loslegen.
Woran arbeiten Sie mit Noah Baumbach als nächstes? Können Sie dazu schon etwas mehr sagen?
Adam Driver: Nein, dazu ist es noch nicht weit genug gediehen.
Aber Sie haben doch erwähnt, dass es da anscheinend etwas Konkretes gibt.
Adam Driver: Das hätte ich wohl besser nicht tun sollen. (Lacht.) Was ich eigentlich damit nur sagen wollte, ist, dass wir uns ständig darüber austauschen, was wir gesehen oder gelesen haben, und was wir vielleicht gemeinsam machen könnten. Viele meiner Beziehungen in meinem Leben drehen sich um meine Arbeit oder gehen daraus hervor. Mit Noah ist das eben auch so. Aber ich sage jetzt besser nichts mehr, sonst komme ich noch in Teufels Küche.
