Nach dem Goldenen Bären der Jury-Preis in Cannes: Der israelische Regisseur Nadav Lapid setzt seinen filmischen Kulturkampf fort, mit einem autobiografischen Klagwerk in der Wüste.
Wo den Meta-Maßstab ansetzen? Regisseur Yud reist aus Tel Aviv in die Arava-Senke, weil sein neuer Film dort in der Bücherei des Städtchens Sapir gezeigt werden soll. Zu seiner Überraschung ist seine Kontaktperson aus dem Kulturministerium, Yahalom, leiblich vor Ort und teilt ihm nach einem vermeintlich flirthaften Einstand beiläufig mit, dass er vor dem Q&A nach dem Screening noch ein Formular ausfüllen muss, indem er angibt, zu welchen Themen er sich äußern wird. Dies zerreißt dem Künstler rasch das Nervenkostüm. Zumal er ja schon mitten im Casting-Prozess für ein neues Projekt steckt – der Film im Film soll die für das Ohrfeigen eines Soldaten viral gegangene palästinensische Aktivistin Ahed Tamimi ins Zentrum stellen, über die der rechte Polit-Hardliner Bezalel Smotrich dann tweetete, sie hätte mindestens eine Kugel ins Knie verdient –, das den Autoritäten eher nicht gefallen wird. Und überdies seine Mutter, die auch seine Filmemacherpartnerin ist, gegen schweres Krebsleiden zu verlieren droht.
So weit, so wahr, denn der Großteil des bis dahin Erzählten ist ziemlich genau so passiert. Je näher Yuds (Yud wie der zehnte Buchstabe das hebräischen Alphabets, in den englischen Subtitles gar nur Y; schon das ein Spiel mit Sprachbedeutung) Antwort-Stehen nach Vorstellungsende rückt, spitzt sich die Lage zu und fiktionalisiert sich: Sichtlich mitgenommen beschließt der Künstler, sich dem Meinungsregime nicht fügen zu wollen, diesmal nicht mehr! Während Innenräume für Regisseur Lapid (den „echten“) diesmal quasi vollends uninteressant sind, werden die weite Wüste und Ödnis selbst einengend, doch man kann gut seinen Unmut in sie schreien: In immer emotionalerer und verzweifelterer Diskussion mit der pflichtgetreuen Staatsdienerin offenbart der Filmemacher Traumata aus dem Wehrdienst und lässt Tiraden auf die nationalistischen Regierenden und ihr Gefolge los.
Getragen wird der Film auch von lauten Musik- und Tanzeinlagen, ein daran Beteiligter ist ein Chauffeur, der – das überrascht gar nicht mehr –, vom Gründer des Jerusalem Film and Television Fund, Yoram Honig, dargestellt wird. Zentral ist bei Lapid, wie zuletzt im Goldenen-Bär-Gewinnerfilm Synonymes (2019) und dem in Sachen Autobiografie eindeutiger ähnlichen The Kindergarten Teacher (2014), jedoch ganz klar auch hier wieder die pure Kraft von Sprache. Diesmal ungefiltert und sehr direkt politisch angriffslustig. In einer filmischen Arbeit voller Wut, die ziemlich losgelöst über ihr Publikum hereinbricht – von Lapids bisherigen Filmen losgelöst betrachtet vermutlich etwas fahrig und allzu agitiert. Denn Aheds Knie funktioniert zweifelsohne sehr stark über sein Referieren auf ein Gesamtwerk, so dass ganz ohne Kenntnis der vorhergehenden Arbeiten die cineastische Wucht zwar erfahrbar, es aber wahrscheinlich schwierig ist, vollends in die vielschichtige Auseinandersetzung einzutauchen, die hier wie selbstverständlich nicht mehr eingeführt wird, sondern schon vorausgesetzt: Kunst gegen Staatsmacht, Poesie gegen Gehorsam, Worte gegen Waffen.
Regisseur Nadav Lapid kommt zur Vorstellung am 26. Februar um 20 Uhr ins Stadtkino Wien. Ein Interview mit ihm lesen Sie kurz danach hier auf der ray-Website.
