Der Verband Filmregie macht im Zuge seines 30-Jahre-Jubiläums bei der Diagonale einen Nachmittag lang Programm. Ein Gespräch mit den Vorstands- mitgliedern Elisabeth Scharang, Tereza Kotyk, Stephan Richter und Lukas Valenta Rinner über Verbandsgeschichte und –zukunft, über Publikumszahlen und Erfolge und über die Forderungen an die neue Regierung.
Wie sieht es mit der Aufarbeitung der Verbandsgeschichte aus? Was können heutige Regisseurinnen und Regisseure aus dieser Geschichte lernen?
Tereza Kotyk: Ich bin mir nicht sicher, ob es darum geht, „aus der Verbandsgeschichte zu lernen.“ Ich denke, dass der Anspruch an den Verband oder die Verbandsgeschichte eher der ist, dass es ist gut ist, zu wissen, woher man kommt, damit man besser versteht, wohin man gehen oder nicht gehen will. Wenn man in die Branche einsteigt – eine, die kaum Sicherheiten und Nachwuchsförderungen bietet –, dann ist es von Vorteil, einen Boden vorzufinden, zu dem man sich verlinken kann. So ein Boden kann der Verband sein. Viele der ersten Forderungen des 1989 gegründeten Verbandes, dessen Vorläufer 1972 ins Leben gerufen wurde, sind übrigens immer noch aktuell. Es geht bei der Aufarbeitung der Verbandsgeschichte also einerseits um den Respekt für die vorangegangene Arbeit von Kolleginnen und Kollegen, sowohl die künstlerische als auch die verbandstechnische, aber auch darum, nach außen Stärke zu zeigen. Das ist gerade im Hinblick auf die Feier zum 30-jährigen Bestehen des Verbandes gut abzulesen gewesen, wie wichtig es ist, in all unserer Diversität und dem Einzelkämpfertum, sich gemeinsam nebeneinander zu stellen und damit ein sichtbares Statement nach außen zu setzen. Film ist eine Sprache und ein visuelles Mittel, das den Dialog sucht. Und genauso gilt es auch mit der Verbandsgeschichte den Dialog zu halten.
Ihr habt bereits eine sehr schöne, stimmungsvolle Feier im Odeon abgehalten. Was ist denn nun für die Diagonale geplant?
Elisabeth Scharang: Wir wollen das 30-Jahre-Jubiläum so vielfältig gestalten und feiern, wie es der Bandbreite unserer Mitglieder entspricht. Nach dem großen Jubiläumsfest Ende November haben wir im Jänner zum ersten Mal den Ibiza-Preis verliehen, eine gemeinsame zivilgesellschaftliche Initiative mit der Rechercheplattform Dossier. Bei der Diagonale ist der Verband den ganzen Freitagnachmittag (27. März) im Schubertkino zu Gast. Auf dem Programm steht die Kinopremiere des Experimentalfilms Weitermachen von Sabine Marte und Oliver Stotz, ein Auftragswerk des Verbandes. 30 Jahre österreichischer Film werden re-loaded und neu zusammengesetzt. Außerdem treffen einander Johanna Moder und Marvin Kren für ein einstündiges Regie-„Gipfeltreffen“ auf der Bühne. Letzter Programmpunkt ist die Filmreihe „Erste Schritte“. Markus Keuschnigg hat im Auftrag des Verbandes ein 90-minütiges Kurzfilmprogramm kuratiert, das erste filmische Arbeiten zum Beispiel von Verbandsmitgliedern wie Lisa Weber, Barbara Albert, Dominik Hartl oder Ulrich Seidl zeigt. Nachdem die Recherche im Vorfeld so ergiebig war, werden wir diese Reihe fortsetzen. Ab 16.30 Uhr wollen wir im Hof des Schubertkinos bei einem abschließenden Empfang noch einmal auf die ersten und auf die nächsten 30 Jahre anstoßen. Und natürlich werden am Donnerstagabend – wie schon legendär – wieder Regisseurinnen im PPC an den Turntables stehen.
Wir haben nun die neue Regierung, mit einer grünen Verantwortlichen für Kunst und Kultur. Was verspricht sich der Regieverband von dieser Konstellation?
Stephan Richter: Wir erhoffen uns mehr Kompetenzen und Kunstverständnis bei unseren neuen Ansprechpartnern und eine konstruktive Zusammenarbeit, um die Strukturen und Arbeitsbedingungen in der Filmbranche weiter zu verbessern. Unter Minister Blümel gab es ja sehr wenig bis gar keinen Austausch mit den meisten Fachverbänden.
Sebastian Brameshuber: Das Regierungsprogramm ist wie immer sehr vage, aber Staatssekretärin Ulrike Lunacek hat bereits mehrfach betont, dass ihr die Verbesserung der sozialen Lage der Kunst- und Kulturschaffenden ein wichtiges Anliegen ist. Eine deutliche Erhöhung der seit Jahren stagnierenden Kunst- und Kulturbudgets wäre dringend notwendig, die Fördermittel sind inflationsbedingt stark geschrumpft. Der Wille dafür ist fraglos vorhanden. Nun wird man sehen, ob sie sich bei den anstehenden Budgetverhandlungen durchsetzen kann. Wichtig wäre außerdem ein Signal an die Filmförderung, die Risikobereitschaft im Hinblick darauf, was Kinofilm sein kann, zu erhöhen. Die Angst vor ausbleibendem Kinopublikum ist kein guter Ratgeber für Förderentscheidungen. Angesichts der revolutionären Veränderungen, die sowohl die Herstellung als auch den Konsum der bewegten Bilder betreffen, müssen die Alleinstellungsmerkmale des Kinos als Kunstform und Kulturtechnik behauptet werden, um nicht mit dem modischen und blutleeren „Content“-Begriff von Fernsehen und Streamingdiensten austauschbar zu werden.
Tereza Kotyk: Die Emissionen der Streaming-Plattformen betragen bereits fast doppelt so viel wie der Anteil der zivilen Luftfahrt. Wollen wir also das Klima retten, könnten wir damit auch das Kino retten. Hier braucht es entsprechende Aufklärung, die mit einer grünen Verantwortlichen für Kunst und Kultur eine Chance hat, entsprechend Raum zu bekommen.
Über die Frage der „Gendergerechtigkeit“ wurde und wird sehr heftig diskutiert. Gibt es dazu eine einhellige Linie des Verbandes, und wenn ja, wie wird sich diese künftig bemerkbar machen?
Elisabeth Scharang: Es liegt ein Entwurf des Österreichischen Filminstituts für eine Richtlinienänderung vor, in dem eine gendergerechte Aufteilung des Budgets an Männer und Frauen über die Zuteilung auf die drei Key Departments Regie, Drehbuch, Produktion in den kommenden drei Jahren erreicht werden soll. Dieser Entwurf wurde bei einer außerordentlichen Generalversammlung des Verbands im Jänner vorgestellt und diskutiert. Es waren fast 100 Mitglieder da, was zeigt, wie sehr das Thema interessiert und emotionalisiert. Auch wenn es nicht das erste Mal ist, dass wir im Filmbereich die Diskussion der Gendergerechtigkeit führen; das liegt seit nunmehr fünf Jahren auf dem Tisch. Ich spreche jetzt vor allem von der Regie, da fehlen Frauen vor allem im breiten Mainstream und dort, wo mit höheren Budgets gearbeitet wird. Vom Tagesgeschäft im Fernsehen bei Serienregie ganz abgesehen. Das kann im Kinobereich vermutlich nur geändert werden, wenn die Förderinstitutionen selbst in den Richtlinien festlegen, dass sie das ändern wollen. Bei uns im Verband sind 93 Regisseure und 43 Regisseurinnen. In dieser Frage zu einer gemeinsamen Linie zu kommen, ist nicht einfach, weil die Wissenslage zum Thema Gleichstellungsmaßnahmen und die persönlichen Erfahrungen extrem unterschiedlich sind. Auch im Vorstand gehen da die Meinungen auseinander. Sabine Derflinger hat vor ein paar Jahren nicht nur den Vorstand, sondern gleich den Verband verlassen – aus Protest über die Art und Weise, wie die Frage der Umverteilung damals diskutiert wurde. Ich glaube, wir sind heute einen Schritt weiter, auch weil das Thema der Gleichstellung in der Gesellschaft langsam, aber sicher ankommt. Allerdings diskutieren wir noch, wie der Weg zum Ziel genau aussehen kann. Dafür gibt es seit Februar eine verbandsinterne Arbeitsgruppe. Ich denke, dass es wie in allen anderen Bereichen, wo es um öffentliche Mittel geht, am Ende auch im Filmbereich eine politische Entscheidung sein wird, die zu einer gendergerechten Aufteilung der Fördermittel führt.
Eine Frage, um die man nicht herumkommt, ist die der sehr mäßigen Zuschauerzahlen für österreichische Filme. Gibt es dazu Überlegungen bzw. wie will man in Zukunft mit diesem Problem umgehen?
Stephan Richter: Es ist wohl eher treffend, dass die Kinozahlen generell und nicht nur für österreichische Filme sehr mäßig sind. Trotzdem gibt es Publikumserfolge wie Love Machine und internationale und vor allem nachhaltige Erfolge wie zuletzt Joy, ein Film, der auch in zehn Jahren noch eine künstlerische Relevanz haben wird. Wir sehen da eher Nachholbedarf in der Filmvermittlung und in den Vertriebsstrukturen. Die Frage ist, wie das Kino sich in den nächsten Jahren entwickeln wird. In Wien sterben derzeit die kleinen Kinos, während in Berlin neue aufsperren, wie das Wolf. Das Filmprogramm dort ist ausgewählter, vielleicht auch radikaler und aufregender. Darüber hinaus kann man dort die Filmemacher persönlich antreffen und Workshops besuchen.
Lukas Valenta Rinner: Das knüpft an die erfolgreiche Arbeit der Festivals an, die national und international jedes Jahr neue Erfolge feiern, und deren Besucherzahlen für unsere Filme ja gar nicht erhoben werden. Wir haben deshalb eine groß angelegte Studie initiiert, die in den nächsten zwei Jahren die Publikumszahlen aller neu erscheinenden österreichischen Filme sowohl auf internationalen Filmfestivals, aber auch in Museen, Kulturbetrieben und Werkschauen erstmals erfassen und analysieren wird.
Ketzerisch gefragt: Ist es wirklich sinnvoll, österreichische Filmpreise in jedem Jahr zu vergeben, auch wenn das Angebot so wie dieses Jahr doch ziemlich dünn ist? Wäre es nicht gescheiter, zwei Jahre zusammenkommen zu lassen?
Elisabeth Scharang: Heuer waren drei Spielfilme von Regisseurinnen nominiert, die in Cannes, Berlin und Venedig gelaufen sind, zwei davon im Wettbewerb. Ich denke, bei so einer harten Konkurrenz erübrigt sich die Antwort, ob das Angebot an Filmen zu dünn war. Auch im Dokubereich war die Bandbreite an Filmen ziemlich aufregend.
Was werden die Hauptanliegen und -aktivitäten des Verbandes in den nächsten Monaten oder Jahren sein?
Elisabeth Scharang: Wir sind der Verband der Kinofilmregie. Mit dieser Bezeichnung beginnt die Herausforderung: Wie wird sich die Kinofilmproduktion in Zeiten der Streamingdienste verändern? Wohin geht die Verwertung unserer Filme? Seitens einiger Produzenten ist der Druck, dass sich die Kinofilmförderung in Richtung neuer Verwertungsmöglichkeiten ohne klassischen Kinostart öffnet, ziemlich groß. Es ist wichtig, dass wir als Verband diese neuen Möglichkeiten diskutieren, allerdings sollte man nicht blind einem Goldrausch nachlaufen und öffentliches Geld in Produktionen pumpen, die von Netflix oder Amazon sofort vom Markt gekauft werden. Das klingt nach staatlichen Subventionen für Konzerne, um Arbeitsplätze zu halten, wobei dieselben Konzerne nach kurzer Zeit trotzdem ins billigere Ausland abwandern, die Subventionen aber gern einstecken.
Stephan Richter: Ein weiteres Anliegen ist, dass Filmschaffende mit Kindern die Möglichkeit haben, ihren Beruf weiter auszuüben, heißt: Es braucht eine Lösung für die Bezahlung der Kinderbetreuung während der Zeit der Dreharbeiten und auch Strategien für eine produktivere Arbeits(-zeit)-teilung. Es gibt dazu bereits erfolgreiche Modelle.
Lukas Valenta Rinner: Wir gehen außerdem davon aus, dass endlich das lang diskutierte und geplante Steuermodell, das Investitionen in Filme interessant machen soll, von der neuen Regierung umgesetzt wird.
Tereza Kotyk: Was das Budget anlangt: Wir werden Ulrike Lunacek bei nächster Gelegenheit daran erinnern, wie gut sich der große Applaus bei der Verleihung der österreichischen Filmpreise angefühlt hat, den sie freudig entgegengenommen hat. Dieser Applaus der Filmschaffenden war einer kräftigen Erhöhung der Filmfördermittel gewidmet. Österreich ist ein Filmland. Zumindest was den internationalen Ruf seiner Filmschaffenden betrifft. Das braucht eine strukturelle und finanzielle Entsprechung, also eine spürbare Erhöhung der Filmförderung.
