An einem schönen Morgen

Filmstart

An einem schönen Morgen

| Pamela Jahn |
Einfach gut: Léa Seydoux gibt sich bodenständig.

Man muss sich erst an den Anblick gewöhnen: Léa Seydoux in Jeans und Sweater, so sieht man sie nicht oft. Die gebürtige Pariserin ist längst mehr als nur eine der angesagtesten Schauspielerinnen im aktuellen französischen Kino. Sie ist das „Bond Girl“, die Unberechenbare, Undurchschaubare – eine Femme fatale. Erst kürzlich hat sie sich in David Cronenbergs Crimes of the Future wieder einmal als Exzentrikerin bewiesen. Nicht lange davor war sie für Bruno Dumont in France als Star-Journalistin in Designer-Klamotten in eine tiefe Existenzkrise gestürzt. Aber nun sitzt sie da mit ihrem bubenhaften Kurzhaarschnitt und ganz ohne Make-up, so dass man die leichten Schatten unter ihren Augen sieht, und schneidet ihrem alten Vater Georg (Pascal Greggory) ein Stück Quiche mundgerecht.

Von Beruf ist Sandra (Seydoux) Übersetzerin. Gerade arbeitet sie an den Briefen der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, wie sie Georg gegenüber nicht ohne Stolz in der Stimme erzählt. Doch der ehemalige Philosophieprofessor leidet am Benson-Syndrom, einer seltenen Form von Demenz, und hat vergessen, wer das ist. Sandra kümmert sich um ihn, liebevoll, aber auch mit einer Schwere im Blick, die vermuten lässt, dass ihr Vater nicht ihre einzige Sorge ist. Als alleinerziehende Mutter und junge Witwe bewohnt sie mit ihrer kleinen Tochter ein einfaches Apartment in der Pariser Innenstadt, das sie mit zusätzlichen Gelegenheitsjobs finanziert. Sie ist eine Pragmatikerin, die ihre Gefühle tief unter der blassen Haut trägt, weil sie offenbar nur so funktionieren kann. Zwar verschafft ihr ein Wiedersehen mit Clément (Melvil Poupaud), einem alten Freund, neuerdings ein bisschen Zuneigung und Sex. Aber eine einfache Beziehung gönnt ihr Mia Hansen-Løve auch in dieser Hinsicht nicht.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin zieht es nach Bergman Island, ihrem verschachtelten Liebesbrief an den großen Meister des tragischen Films, wieder ins Großstadtmilieu der bürgerlichen Bohemiens zurück. Und man spürt, wie sehr sie hier zuhause ist. Vieles in diesem Film fühlt sich seltsam vertraut an und leicht, obwohl Hansen-Løve mit so großen Themen wie Liebe und Verlust, Leben und Tod jongliert. Es geht um die Trauer um jemanden, der noch am Leben ist, und das fragile Glück einer Romanze, aus der irgendwann Liebe werden könnte. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Neu ist daran wenig, auch nichts originell, und doch findet die Regisseurin kleine Momente der Wahrheit, die berühren. Seine Kraft gewinnt An einem schönen Morgen aus der Traurigkeit in Sandras Augen, der Sehnsucht in ihrem Herzen und der Authentizität, mit der Seydoux ihre Figur durch ihr bodenständiges Pariser Leben gleiten lässt.