NOSTERATU

Nosferatu

Auferstehung

| Jörg Schiffauer |
Robert Eggers verhilft mit „Nosferatu“ einem Klassiker des Horror-Genres zu neuem Leben.

Der 4. März 1922 markiert einen besonderen Moment in der Geschichte des Horrorfilms, feierte doch an diesem Tag Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens in Berlin seine Premiere. Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau war damit neben Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari sowie Der Golem, wie er in die Welt kam (Regie: Paul Wegener und Carl Boese) einer jener herausragenden Beiträge gelungen, die Maßstäbe im Kino des Fantastischen setzten und damit den Weltruf des deutschen Films in der Zeit der Weimarer Republik mitbegründeten. Zudem trug Nosferatu entscheidend dazu bei, den Vampir als unverzichtbare Figur im Kanon des Horrorgenres zu etablieren. Max Schrecks Auftreten in der Titelrolle als leichenblasse Gestalt mit den wie gemeißelt wirkenden Gesichtszügen, den hervorstehenden Zähnen und langen Fingernägeln hat sich in seiner unheimlichen Bedrohlichkeit ins kollektive Gedächtnis geradezu eingebrannt. 

Dabei hätte nicht viel gefehlt und Nosferatu wäre ebenso verschwunden wie ein Vampir, der dem Sonnenlicht ausgesetzt ist. Das von Henrik Galen verfasste Drehbuch orientiert sich ziemlich deutlich an Bram Stokers berühmter Romanvorlage „Dracula“, die 1897 erschienen war. Die Produktionsfirma Prana-Film hatte sich jedoch nicht um die Rechte bemüht, und obwohl Galen einige signifikante Änderungen vorgenommen hatte – Teile der Handlung sind von England in die fiktive Stadt Wisborg verlegt, die Protagonisten tragen entsprechend deutsche Namen, Dracula firmiert unter Graf Orlok/Nosferatu – sind die Parallelen unübersehbar. Stokers Witwe Florence klagte gegen diese Urheberrechtsverletzung, nach dem Konkurs von Prana kam es jedoch zu keiner Einigung, deswegen sollten alle vorhandenen Kopien vernichtet werden. Mittlerweile befanden sich jedoch etliche Kopien außerhalb Deutschlands und konnten so vor der Vernichtung gerettet werden, was sich als Glücksfall der Filmgeschichte erweisen sollte. 

 

Neuauflage mit Reminiszenzen

Obwohl der Vampir in all seinen höchst unterschiedlichen Erscheinungsformen längst seinen festen Platz im populärkulturellen Universum gefunden hat, stellt eine neue Adaption des Stoffs, die allein schon aufgrund des Titels die Erinnerung an Murnaus Klassiker hervorruft, eine Herausforderung dar. Die nimmt Robert Eggers in Nosferatu auch an, orientiert sich seine Version doch stark an Bram Stokers Roman und Henrik Galens Drehbuch. Ausgangspunkt ist wiederum Deutschland in den 1830er-Jahren. Robert Hutter (Nicholas Hoult), ein junger Makler, wird von seinem Vorgesetzten beauftragt, umgehend nach Transsylvanien zu reisen, um dort ein Geschäft mit einem bedeutenden Klienten zu finalisieren. Dieser, Graf Orlok, beabsichtigt, ein stattliches Anwesen nahe Hutters Heimatstadt zu erwerben und sich dort niederzulassen. Und er besteht darauf, einen Mitarbeiter des Maklerbüros persönlich in seinem Schloss in Transsylvanien zu empfangen, „in flesh“, wie Hutters Chef Orlok zitiert – ein schöneres Beispiel für die Technik des „Foreshadowing“ wird sich schwerlich finden lassen. Pflichtbewusst begibt sich Robert Hutter auf die Dienstreise, obwohl seine Frau Ellen (Lily-Rose Depp) ihn beinahe flehentlich bittet, sie nicht allein zu lassen. Den wahren Grund für dieses Ansinnen erahnt der Makler freilich nicht, denn Ellen gibt nicht preis, dass sie von alptraumhaften Visionen heimgesucht wird, die, wie sich herausstellen soll, auf einer Art telepathischen Verbindung beruhen, mit der besagter Graf Orlok Macht über die junge Frau auszuüben versteht. Doch je näher Hutter im Verlauf seiner Reise dem Schloss des Grafen kommt, wird ihm umso deutlicher vor Augen geführt, dass Orlok eine – vorsichtig formuliert – mysteriöse Aura umgibt. Als er schließlich seinem Klienten persönlich gegenübersteht, wird dessen finstere Natur rasch deutlich. Doch welchem Wesen er dabei tatsächlich begnet und in welcher Gefahr er sich befindet, wird Hutter erst so richtig klar, als er sich als Gefangener in dem festungsartigen Schloss wiederfindet. 

Robert Eggers hat sich aber nicht nur bezüglich der grundlegenden Handlungslinien an Stoker und Murnau orientiert, seine Inszenierung ist sich der großen Traditionen, die hinter diesem Stoff und seinen Bearbeitungen liegt, wohl bewusst. Die Anknüpfungen an Bram Stokers Roman sind offensichtlich, dass sich etwa hinter Robert Hutter die Figur des Jonathan Harker – auch andere Charaktere lassen sich ungeachtet ihrer deutschen Rollennamen leicht bezüglich Stoker verordnen – verbirgt, erschließt sich schnell, wenn man mit dem Plot der Buchvorlage einigermaßen vertraut ist. Zudem verleiht Eggers seiner Inszenierung dadurch, dass nicht unerhebliche Teile „on location“ gedreht wurden, eine naturalistisch anmutende Textur. Was wiederum an Murnau anknüpft, dessen Inszenierung sich deutlich von dem ausgeprägten Expressionismus wie man ihn in Das Cabinet des Dr. Caligari findet, abhebt. Kameramann Jarin Blascke, der schon wiederholt mit Robert Eggers zusammengearbeitet hat, taucht Nosferatu in hartes, kaltes Licht und generiert mit diesen Bildern eine allgegenwärtige Atmosphäre latenter Angst, die beinahe physisch spürbar wird. 

Bei der Zeichnung des Vampirs orientiert sich Eggers ebenfalls deutlich an Murnau. Sein Nosferatu ist ein Charakter, der in Gestalt – Bill Skarsgård leistet in der Rolle im Zusammenspiel mit dem Make-up-Team ganze Arbeit – und Gehabe aus seinen sinistren Absichten kein Hehl macht. Das steht im Gegensatz zu jenem morbiden Charme, den Bela Lugosi dem klassischen Dracula zu verleihen wusste. Auch die aggressiv anmutende Erotik, die Christopher Lee als Graf Dracula in der legendären Hammer-Filmreihe aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ausstrahlte und damit eine Faszination auf seine weiblichen Opfer ausübte, wird man bei Eggers bzw. in Skarsgårds Darstellung nicht finden. Deren Nosferatu erweist sich vielmehr als Unheilsbringer universeller Natur, der sich nicht nur individuelle Opfer sucht, um deren Blut auszusaugen sondern gleich einem apokalyptischen Reiter, Unglück und Tod über ganze Regionen bringt. Sichtbares Zeichen dafür sind tausende von Ratten, die, Nosferatu begleitend, Hutters Heimatstadt überschwemmen und dabei die gefürchtete Pest verbreiten. Ein Motiv,
das sich auch bei Werner Herzogs Nosferatu – Phantom der Nacht findet, der sich ebenfalls an Murnaus Klassiker orientiert. 

Dass Eggers ungeachtet aller Reminiszenzen, die sich in Nosferatu zweifellos finden, seiner Bearbeitung des Vampir-Motivs eine eigene Handschrift zu verleihen versteht, kann freilich keine Überraschung sein. In seinem bislang numerisch schmalen, doch ziemlich bemerkenswerten Œuvre hat Robert Eggers schon gezeigt, dass er im Umgang mit klassischen Genres geschickt zwischen Traditionspflege und und stilsicherer Innovation zu changieren versteht. Schon mit seinem Spielfilmdebüt The Witch (2015) konnte Eggers für Aufsehen sorgen. Im Mittelpunkt steht eine Familie im Neuengland des 17. Jahrhunderts, die auf einer abgelegenen Farm ihrem Glauben nach strikter protestantischer Auslegung folgt. Doch mysteriöse Ereignisse wecken den Verdacht, dass Kräfte am Werk sind, die vielmehr einem archaisch-mythischen Aberglauben entspringen. Eggers setzt The Witch als sprödes aber intensives Drama in Szene, dass auf verstörende Weise deutlich macht, wie Isolation – sowohl räumlich als auch mental – die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit diffundieren. The Lighthouse (2019) erwies sich als klaustrophobisch anmutendes Kammerspiel, bei dem Eggers geschickt mit Elementen aus dem Kanon des Horrorgenres zu spielen versteht. Mit The Northman (2022) widmete sich Eggers dem Genre des Historiendramas. Die in der nordischen Mythologie verwurzelte Geschichte, die wiederum die Basis für William Shakespeares „Hamlet“ bildet, wird mit archaisch anmutender Rauheit in Szene. 

Klassischer Horror

Mit Nosferatu steht Robert Eggers aber nicht nur der Tradition von Stokers Roman und Murnaus Klassiker gegenüber. Universal Pictures, für den weltweiten Verleih von Eggers neuer Regiearbeit verantwortlich, zählt zu jenen Filmstudios, die bereits Holly-woods Goldene Ära prägten. Dort begründete man auch einen wesentlichen Teil der Geschichte des Horrorfilms. Als „Universal Classic Monsters“ trug diese Franchise nicht nur entscheidend zur Popularisierung des Horrorgenres bei, sie definierte auch Gestalten, die das Fundament des Horrorfilms bilden. Zentrale Bedeutung kommt dabei dem Mythos des Halbwesens, einem kulturgeschichtlich tief verwurzelten Mythos, zu.

Mit einem solchen Geschöpf konnte auch der erste bahnbrechende Erfolg gefeiert werden – dem Vampir, in der Gestalt von Dracula. Im Gegensatz zu den Produzenten von Murnaus Nosferatu hatte sich Universal mit Florence Stoker bezüglich der Rechte geeinigt. Also konnte Regisseur Tod Browning in Dracula (1931) den titelgebenden Protagonisten – gespielt von dem bereits erwähnten Bela Lugosi – als transsylvanischen Aristokraten mit Lust auf Blut zeichnen, samt dem Namen aus Bram Stokers Roman. Der große Erfolg von Dracula führte bald zu einer Ausweitung der Universal-Monster-Riege. Frankenstein (1931; Regie: James Whale) greift ebenfalls einen Gothic-Fiction-Roman auf, Mary Shelleys „Frankenstein; or The Modern Prometheus“ aus dem Jahr 1818. Englische Literatur des 19. Jahrhunderts erwies sich als formidable Quelle, The Invisible Man (1933), ebenfalls von James Whale in Szene gesetzt, basiert wiederum auf dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells, der im selben Jahr veröffentlicht wurde wie Stokers „Dracula“. Boris Karloff, der in Frankenstein die unglückliche Kreatur so markant zu verkörpern verstanden hatte, festigte seinen Ruf mit der Titelrolle in Karl Freunds The Mummy (1932). Zu den größten Erfolgen dieser Ära zählt zweifellos George Waggners The Wolf Man aus dem Jahr 1941. Lon Chaney Jr. spielt die titelgebende Figur, ein weiteres Halbwesen, das mittlerweile aus den Gefilden des Horrorfilms nicht mehr wegzudenken ist. 

Die Erfolge, die Universal mit seinen „Classic Monsters“ verbuchen konnte, zog eine ganze Reihe von Sequels nach sich, die sich im Lauf der Zeit zu einigermaßen gewagten Konstrukten entwickelten, wie etwa Frankenstein Meets the Wolf Man (1943). Schließlich trieb dann das Komiker-Duo Lou Abbott und Bud Costello  in einer Reihe von Persiflagen (Abbott and Costello Meet …) seine Scherze mit den diversen Protagonisten aus dem Monster-Universum. Jack Arnold sorgte zwar mit Creature from the Black Lagoon (1954) noch für einen Höhepunkt, doch die große Zeit des klassischen Horrors von Universal Pictures ging ihrem Ende entgegen. 

Doch vor etwas mehr als zehn Jahren wurden von Universal Pläne lanciert, die hauseigenen Monster in großem Stil wieder auferstehen zu lassen und dabei ein filmisches Universum zu schaffen, dass sich ein wenig Marvels Cinematic Universe mit all seinen Superhelden zum Vorbild nahm. Den Auftakt sollte ein Remake von The Mummy bilden, vielleicht auch deshalb, weil man mit bereits 1999 mit einer Neuauflage, die Stephen Sommers als Hommage mit einer reichlichen Portion Selbstironie inszenierte, ganz gute Erfahrungen bezüglich der Einspielergebnisse gemacht hatte. Doch obwohl für die Version von 2017 mit Tom Cruise auf einen Namen mit Superstar-Status gesetzt wurde, geriet The Mummy unter der Regie von Alex Kurtzman zu einem Desaster auf allen Ebenen. Das CGI-überfrachte Spektakel war eine durch und durch leblose Angelegenheit, die niemanden erschauern ließ. Die Idee eines Universal-Monster-Universums in der geplanten Form war schnell wieder tot und begraben. 

Ob das Konzept einer fiktiven Welt, in der Vampire, Werwölfe und Mumien filmübergreifend agieren, ein erfolgversprechendes sein kann, möge einmal hintangestellt bleiben. Dass man den Umgang mit dem klassischen Filmerbe nicht Regietechnokraten überlassen sollte, dürfte sich bei Universal jedenfalls herumgesprochen haben. Neben dem Vampir in Eggers Nosferatu wird nämlich im Jänner mit Wolf Man eine weitere Figur aus dem Reich der Classic Monsters ein Comeback feiern. Für die Inszenierung zeichnet mit Leigh Whannel ein Filmemacher verantwortlich, der sich in den Fachbereichen Horror/Thriller schon seine Meriten verdient hat. Whannel verfasste etwa das Skript zu Saw – und einigen Sequels –, einem stilbildenden Werk im Horrorgenre sowie zu Insidious, einem ebenfalls erfolgreichen Mysterythriller. Als Regisseur hat Whannell schon Erfahrung mit Horror aus dem Haus Universal Pictures vorzuweisen, 2020 setzte er eine Neuauflage von The Invisible Man in Szene, man kann also dem neuen Wolfsmensch mit einiger Erwartung entgegenblicken.

Dem Vampir hat Robert Eggers auf jeden Fall zu einem bemerkenswerten neuen Leben verholfen. Ganz gleich ob man den Namen Nosferatu oder Dracula bevorzugt, für gediegenen Schrecken ist der Graf aus Transsylvanien immer noch ein Garant.