Wer und was definiert eigentlich den Wert eines Menschen? Seine Familie? Sein Chef? Der Erfolg? Diese Fragen scheinen viele Filme auf der Berlinale umzutreiben. Und sie alle haben darauf die gleiche Antwort: nur wir selbst. Denn wenn wir uns an der Definition von anderen orientieren und sie als Maßstab für unser Leben nehmen, werden wir unsere Zeit immer nur damit verbringen, der Anerkennung von anderen hinterherzurennen. Und dabei unser eigenes Leben und Wünsche verpassen.
So wie die junge Unternehmensberaterin Lola (Valerie Pachner) aus dem österreichischen Wettbewerbsbeitrag Der Boden unter den Füßen. Eine gutaussehende Anfangdreißigerin, die nur für ihre Arbeit lebt und sich in Hotels wesentlich besser auskennt als in ihren eigenen vier Wänden. Feierabend ist für Lola ein Fremdwort. Doch trotz 48-Stunden-Schichten, der Anerkennung der Kollegen und der nächtlichen Workouts im Fitness-Studio, hat sie immer noch das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Weder für ihren Chef, noch für ihre Freundin, geschweige denn für ihre Schwester Conny (Pia Hierzegger), die an einer Psychose leidet und die immer wieder nach ihrer Hilfe schreit. Lola ist immer auf dem Sprung. Jettet von ihrem Arbeitsplatz in Rostock zu der Schwester in die Klinik und wieder zurück. Dabei versucht sie alle Bälle in der Luft zu behalten und es allen recht zu machen. Solange jedenfalls, bis es nicht mehr geht und sie mitsamt ihrem fragilen Konstrukt aus Lügen und Ausreden Stück für Stück zusammenbricht. Im Grunde der Plot eines Films, der die tausendste Kritik an unserer heutigen Leistungsgesellschaft anbringt – doch nur auf den ersten Blick. Denn bei Marie Kreutzer mag es vordergründig um Gesellschaftskritik gehen. Vielmehr aber geht es darum, dass wir wieder mehr Verantwortung für unser Leben übernehmen, unseren Selbstwert aus uns selbst heraus und nicht über die Anerkennung anderer finden.
Wie die Suche nach dem Selbstwert auch schnell ins Gegenteil kippen kann und zu einer selbstverliebten Nabelschau wird, sieht man an Easy Love, dem diesjährigen Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino. Denn die Paare, die in diesem „dokumentarischen Spielfilm“ porträtiert werden, drehen sich nur um sich selbst. Klimawandel, Krieg in Syrien, wachsender Rechtsradikalismus, das alles scheint die rheinischen Hippster zwischen 20 und Ende 30 nicht zu interessieren. Stattdessen versuchen sie alle Formen der Liebe auszuprobieren und hoffen darauf, sich mit der neuen Bekanntschaft, dem Fremden im Bett oder dank eines flotten Dreiers endlich wohl in ihrer Haut zu fühlen. Doch schlussendlich müssen auch sie einsehen, dass wir die Sicherheit, die wir uns von einer Liebesbeziehung versprechen, nur in uns selbst finden können. Und auch wenn die Wir-können-über-alles-Sprechen-Attitüde in manchen Momenten so richtig nervt, gelingt es dem Regisseur Tamar Jandali, die Angst herauszuarbeiten, die hinter dieser ganzen Wir-sind-so-frei-Fassade steckt: Dass wir nicht das Leben wählen, das das richtige für uns ist.
Wie formuliert es Stellan Skarsgård, der Hauptdarsteller in dem norwegischen Wettbewerbsbeitrag Out Stealing Horses so schön: Manchmal haben wir Angst, dass wir nicht die eigene Hauptrolle in unserem Leben spielen.
