Bis dann, mein Sohn

Bis dann, mein Sohn

Himmel und Erde

| Isabel Wolte |
In seinem meisterlichen, bei der Berlinale mit beiden Darstellerpreisen ausgezeichneten Drama „Bis dann, mein Sohn“ zeichnet Wang Xiaoshuai anhand bewegender Familiengeschichten ein mitreißendes Porträt der chinesischen Gesellschaft über drei Jahrzehnte hinweg.

„Die Erde ist unvergänglich, der Himmel ewig“: So lautet die wörtliche Übersetzung des chinesischen Titels von Bis dann, mein Sohn des chinesischen Regisseurs Wang Xiaoshuai. Das Zitat stammt ursprünglich, in leicht abgewandelter Form, aus der Feder des großen Philosophen Laotse und beschreibt die Unendlichkeit des Universums.

Bis dann, mein Sohn wird unter den chinesischen Filmwissenschaftlern als „Epos der einfachen Leute“ gehandelt. Vor dem Hintergrund von dreißig Jahren jüngerer chinesischer Geschichte zeichnet es das Leben eines Arbeiter-Ehepaars nach und verbildlicht dessen Umgang mit seinem Schicksal. Regisseur und Drehbuchautor Wang Xiaoshuai gelingt es in diesem umfangreichen Werk nicht nur, einer oft vernachlässigten Gruppe der chinesischen Gesellschaft eine Stimme zu geben, sondern auch eine bewegende Geschichte von Verlust, Leid, Schuld und Einfach-nur-Zurechtkommen der Menschen zu erzählen. Bei der Berlinale 2019 wurden sowohl Wang Jingchun als bester Hauptdarsteller als auch Yong Mei als  beste Hauptdarstellerin mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Das Thema, das Wang in vielen seiner Filme anschneidet, sind die Narben, welche die vergangenen Jahrzehnte maoistischer und post-maoistischer Politik im Leben der einzelnen Menschen hinterlassen haben. Konkret geht es in Bis dann, mein Sohn um die Ein-Kind-Politik und die brutal durchgezogene Umstrukturierung der Industrie im Zuge der Reform und Öffnungspolitik, die beide persönliche Opfer forderten.

Als Vertreter der Sechsten Generation von Filmschaffenden in China, also jenen, die während der Kulturrevolution aufwuchsen und Anfang der neunziger Jahre ihre ersten Filme drehten, begann der 1966 geborene Wang Xiaoshuai als sogenannter „unabhängiger“ Regisseur. Seine Filme wurden außerhalb des Studiosystems mit geringen, privaten Mitteln hergestellt und gelangten daher nicht durch die Zensurprüfung. Ohne Freigabe durch die Zensur war und ist es aber verboten, diese Filme aufzuführen. Viele Filmemacher der Sechsten Generation verdanken nicht-chinesischen Freunden und Interessenten, dass ihre Filme auf ausländischen Festivals gezeigt wurden. So gelangte auch Wang Xiaoshuais Debütfilm The Days im Forum der Berlinale 1994 zur Aufführung.

Typisch für die Sechste Generation befasst sich der Regisseur in diesem Werk mit Ereignissen in seinem unmittelbaren Umfeld und folgt dem Werdegang zweier Künstlerfreunde. Malerisch begabt, begann Wang seine Ausbildung in einer Kunstschule und entschied sich danach für den Film. In Wangs Jahrgang an der renommierten Pekinger Filmakademie gibt es noch zwei herausragende Regisseure mit profunder künstlerischer Ausbildung: den bereits verstorbenen Lu Xuechang (z.B. Kala, My Dog, 2003) und Lou Ye, bekannt u.a. durch Suzhou River (2000), Summer Palace (2006) und das jüngste Werk Saturday Fiction (2019). Im Gegensatz zu deren Werken findet Wang Xiaoshuai allerdings in seinen Filmen mehr und mehr zu einem dokumentarischen Stil. Diese Ästhetik des Realen entspricht den Thesen seines Lehrers Tian Zhuangzhuang, der vielen in dieser Generation hilfreich zur Seite stand und, wie sie, für die Unterlassung erforderlicher Zensurregelungen Berufsverbot erhielt.

Der Film, mit dem Wang Xiaoshuai offiziell internationalen Ruhm erlangte, war Beijing Bicycle, der 2001 in Berlin mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Dieser Film wurde mit französischer Beteiligung hergestellt, wie auch einige seiner folgenden Werke. In Beijing Bicyle, wie auch in anderen dieser Schaffensphase, zeichnet Wang ein differenziertes Bild der Jugend Chinas nach, analysiert deren Schwierigkeiten, Sehnsüchte, moralische Instinkte. Es geht immer um reale Probleme in der Gegenwart.

Danach begann Wang Xiaoshuai mit der Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte. Die drei Filme Shanghai Dreams (Qing hong, 2005), 11 Flowers (Wo shiyi, 2011) und Red Amnesia (Chuangruzhe, 2015) werden manchmal unter der Bezeichnung „Guizhou-Trilogie“, meist aber als „Dritte-Front-Trilogie“ zusammengefasst: Alle drei spielen in der Provinz Guizhou, in die Wang Xiaoshuai kurz nach seiner Geburt von Shanghai mit seiner Familie übersiedelte. Alle drei Geschichten entwickeln sich vor dem Hintergrund des sogenannten „Aufbaus der Dritten Front“ (sanxian jianshe). Es war dies eine umfassende Industrialisierungs-Initiative der chinesischen Führung für entlegene Gebiete, die mit weitreichenden Bevölkerungsbewegungen verbunden war. Experten aus allen Bereichen mussten aus den Großstädten an der „ersten Front“ (der gut-entwickelten Region der Ostküste) in die armen inneren Provinzen ziehen. In Guizhou verbrachte Wang eine glückliche Kindheit: Für ihn gab es durch die Einfachheit des Lebens und in der allgegenwärtigen Natur eine Fülle interessanter, lebensnaher Entdeckungen. Ende der siebziger Jahre, als die Kulturrevolution zu Ende ging, wollten die meisten Familien wieder zurück in ihre früheren Heimatstädte. Vor allem die Erwachsenen hatten sich nie an die primitiven Verhältnisse in der Provinz gewöhnen können und waren für eine Rückkehrmöglichkeit in die Stadt sogar bereit, Verbrechen zu begehen. Dieses Thema, verbunden mit der Schuldfrage, ist ein zentrales Motiv, das in Wangs Filmen über diese Zeitspanne immer wiederkehrt. Wangs Familie kam zunächst nach Wuhan, er selbst verließ Guizhou ungern. Das ist in den drei Filmen erkennbar, die von Wehmut durchzogen sind. Nach seiner „Dritte-Front-Trilogie“ wollte sich Wang Xiaoshuai breiteren Themen widmen, aber sein grundlegendes Augenmerk ist immer gleich geblieben: Da er die Umwälzungen und Änderungen in der chinesischen Gesellschaft der vergangenen vierzig Jahre persönlich miterlebt hat und auch manch schwierige Folgen dieser rasanten Entwicklung für die einzelnen Menschen begriffen hat, sieht er seine Aufgabe unverändert darin, durch seine Filme „eine intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hervorzurufen und Erfahrungen zusammenzufassen, denn nur so können zukünftige Fehler möglichst vermieden werden“.

Di jiu tian chang, der Originaltitel, ist aber nicht nur ein Zitat von Laotse, sondern auch der chinesische Titel des schottischen Volksliedes „Auld Lang Syne“, das als Freundschafts- und Abschiedslied weltweit bekannt und verbreitet ist. Auch in der chinesischen Version symbolisiert das Lied Freundschaft und Treue, die Verbundenheit, die zwischen Freunden, auch wenn sie voneinander getrennt sind, bestehen bleibt. Im Laufe des Filmes erklingt diese Melodie quasi leitmotivisch wiederholt, und so gibt es viele Kritiker, die davon ausgehen, dass – anders, als der englische Titel vermuten lässt – das Kernthema des Films Freundschaft ist. Bis dann, mein Sohn ist die naheliegende, vordergründige Zusammenfassung des Inhalts, aber Wang Xiao-shuai will mit seinem Werk noch mehr sagen.

Im Jahr 2015 wurde die Bevölkerungspolitik, die seit Ende der siebziger Jahre jeweils nur ein Kind pro Familie erlaubte und mit sehr harten Mitteln durchgesetzt worden war, aufgegeben. Diese Gesetzesänderung kam für Wang Xiaoshuai völlig unerwartet und überraschend, war doch der Ein-Kind-Haushalt für ihn eine unveränderliche Tatsache des Lebens gewesen. So entschied sich Wang für dieses Thema als Bindeglied zwischen mehreren Familien, deren Schicksale miteinander verwoben sind. Was geschieht mit Freundschaften in einer Welt, in einer Gesellschaft, die ständigen Änderungen unterliegt, vor allem wenn die involvierten Personen durch ihr Handeln direkt oder indirekt in das Schicksal der anderen eingreifen? Ist es nicht generell so, dass das Leben keine Regelmäßigkeit zulässt, dass die Erlebnisse jedes einzelnen immer einem Auf und Ab unterliegen? Es sind diese stetigen Wandlungen, denen die Menschen und ihre Beziehungen ausgesetzt sind, die Wang beleuchten will. Mit der Wahl seiner Ko-Autorin Ai Mi, die die Romanvorlage zu Zhang Yimous Under the Hawthorn Tree (2010) schrieb, wollte Wang bewusst auch die weibliche Perspektive herausstreichen.

Eine Gruppe von Freunden und deren Geschichte, die durch ein Unglück zusammenhängt: ein Unglück, das durch die Ein-Kind-Politik verschärft wird. Die einzelnen Personen verkörpern mehrere Typen, die auf unterschiedliche Weise auf das Leben und die Veränderungen reagieren: die Naiv-Offenen, die durch genau diese Eigenschaften ins Gefängnis kommen; die eifrige Parteifunktionärin, die von der Bevölkerungspolitik in den Immobilienmarkt wechselt; die Anpassungsfähigen, deren Sohn erfolgreicher Arzt wird; die Unternehmungslustige, die unbedingt ins Ausland will; und die Eltern des verunglückten Jungen, die nicht bereit sind, mit der Zeit mitzugehen, und versuchen, sich „zu verstecken“. Im Mittelpunkt der Geschichte steht dieses Ehepaar, das über die Jahrzehnte auf eine ruhige, verzweifelte Weise versucht, trotz des furchtbaren Verlustes weiterzuleben. Am Ende steht das Melodram: Die Schuldigen entschuldigen sich, und die Leidenden finden wieder einen positiven Ausblick.

Bis dann, mein Sohn beschreibt eine familiäre Tragödie und deren langsame Aufarbeitung. Die letztendliche Akzeptanz ihres Schicksals ist aber nur durch eine Rückkehr an die alten Orte des Geschehens bzw. durch ein neuerliches Zusammenkommen mit den Freunden und früheren Weggefährten möglich. Besonders beeindruckend in ihrer Einfachheit ist die Szene am verwahrlosten Grab ihres Sohnes, das sie zwanzig Jahre nicht besucht hatten.
Inhaltlich findet man in Bis dann, mein Sohn eine Fortführung vergangener Schwerpunkte des Werks von Wang Xiaoshuai. Formal und stilistisch gewagt, ist vor allem die Struktur des Films bemerkenswert. Die Handlung entwickelt sich nicht linear, sondern in Raum- und Zeitsprüngen. Regisseur Wang verstrickt die einzelnen Erzählstränge ineinander, und der Zuseher muss mit dem Bild und einzelnen Dialogteilen arbeiten, um der Geschichte in ihrer Dichte folgen zu können. Auf die ursprüngliche Überlegung, mit Inserts die betreffende Zeit zu definieren, verzichtete Wang letzten Endes, um „das Publikum in seiner Sehgewohnheit und Aufmerksamkeit noch mehr zu fesseln“. Durch das mögliche anfängliche Unverständnis bei neuen Szenenfolgen erfährt der Zuseher zunächst eine gewisse Desorientierung, die zwar irritieren kann, aber auch eine gefühlsmäßige Nähe zu den Protagonisten in deren Ratlosigkeit erzeugt.

Von chinesischen Kritikern wird die Erzählung von Bis dann, mein Sohn als zu einfach gerügt, mit narrativen Lücken und fehlender Tiefe. Befürworter des Films sehen darin eine Reise in die Vergangenheit, ihre Sichtweise ist erfüllt von nostalgischen Erinnerungen an durchlebte Zeiten. Dass dem westlichen Publikum die vielen Details erkennbar sind, denen in der historischen Zuordnung eine wesentliche Aufgabe zukommt, bleibt zu hoffen. So ist die Kleidung jeweils genau der Zeit angepasst, und man sieht zum Beispiel das Getränk Qishui, das in den achtziger Jahren allgegenwärtig war, oder Plakate mit der Aufschrift „Die vier Modernisierungen vorantreiben“.

Zurück zu Laotse: Im Angesicht der Ewigkeit, der Unendlichkeit des Himmels und der Erde, ist ein Menschenschicksal unbedeutend, so kann man seinen Satz wohl interpretieren. Wang Xiaoshuais Film zeigt, dass das so nicht ganz stimmt.