Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes sind voll in Fahrt und machen mit starken Filmen große Lust aufs Kino.
Die Sonne ließ in der ersten Festivalwoche auf sich warten, doch Hollywood feierte sich trotzdem gern in Cannes. Kaum war Harrison Ford abgereist, fuhren bereits die nächsten hochkarätig besetzten Limousinen vor dem roten Teppich des Grand Théâtre Lumière vor. Diesmal hatte Martin Scorsese seinen großen Auftritt. Mit gerade einmal 33 Jahren hatte der US-Regisseur 1976 hier seinen Film Taxi Driver vorgestellt. Die Premiere war eine der hitzigsten in der Geschichte von Cannes. Aufgrund der expliziten Darstellung von Gewalt in Scorseses düsterer Charakterstudie über den desillusionierten New Yorker Taxifahrer Travis Bickle (Robert De Niro) kam es zu Buhrufen und einigen Ausfällen im Publikum. Auch der Dramatiker Tennessee Williams, der damals Präsident der Jury war, äußerte seinen Unmut: „Filme sollten sich nicht daran ergötzen, Blut zu vergießen, oder sich an schrecklichen Grausamkeiten aufhalten, als wäre man in einem römischen Zirkus“, sagte er. Doch die anderen Jurymitglieder überstimmten ihn und zeichnete Taxi Driver mit der Goldenen Palme aus.
In diesem Jahr lief Scorseses neuer Film, Killers of the Flower Moon, außerhalb des Wettbewerbs. Schade eigentlich, denn das spektakuläre Epos über ein bisher sträflich vernachlässigtes Kapitel der US-amerikanischen Geschichte hätte durchaus gute Chancen auf einen Preis gehabt. Der mittlerweile 80-jährige Regisseur erzählt darin von der Mordserie an den Osage-Indianern in den 1920er Jahren. Den Osage, die nicht zu den „zivilisierten“ fünf Völkern der First Nation gehören, wurde im Zuge der Landnahme große Teile des Osage Countys in Oklahoma zugesprochen. Die dort entdeckten Erdölvorkommen verhalfen ihnen über Nacht zu unerwartetem Reichtum. Doch auch die weißen Amerikaner wollten ihren Nutzen daraus ziehen.
Der skrupelloseste von allen, so erzählt es Scorsese basierend auf dem gleichnamigen Buch von David Grann, war der Rancher Bill Hale (Robert de Niro), der von allen nur „König“ genannt wird. Er hält die Hand über dem Land, gibt sich gegenüber den reichen Ureinwohner gönnerhaft und hilfsbereit. Doch hinter ihrem Rücken schleicht er wohlüberlegt nach und nach seine Neffen und andere Günstlinge als Ehemänner und Erbschleicher in die Osage-Familien ein, um deren Geld und Ländereien in seinen Besitz zu bringen.
Die Geschichte konzentriert sich auf Ernest (Leonardo DiCaprio), der nach dem Ersten Weltkrieg in Europa bei seinem Onkel anheuert, um sich ein neues Leben aufzubauen. Er arbeitet zunächst als Fahrer und lernt dabei bald die schöne Mollie (Lily Gladstone) kennen. Als Ernest seinem Onkel davon berichtet, treibt der ihn immer weiter in ihre Arme, bis schließlich die Hochzeitglocken läuten und Mollies Familie, nicht ohne Ernests Zutun, Opfer einer brutale Mordserie wird.
In der Pressekonferenz sprach Scorsese von der „Banalität des Bösen“, die sei der Kern seines Films. Doch anders als in seinem bisherigen Werk, das sich mit Taxi Driver, Mean Streets und seinen Mafia-Filme bis hin zu The Irishman wie ein roter Faden durch die blutige, brutale Vergangenheit Amerikas zieht, kommt Killers of the Flower Moon eher einem leisen, langsamen Requiem für die Ermordeten gleich. Die Gewalt ist diesmal nicht hyperrealistisch dargestellt, sondern die Morde werden ganz nüchtern gezeigt. Ein Sarg nach dem anderen schließt sich, bis das FBI dem Strippenzieher und seinen Helfern auf die Schliche kommt.
Neben Scorseses bedeutendem Spätwerk, vielleicht seinem letzten Film überhaupt, zeigte Todd Haynes mit seinem neuen Film May December, dass das amerikanische Kino derzeit an allen Ende des Spektrums Qualitätsware produziert. Natalie Portman spielt einen jungen Filmstar auf eigener Mission. In Vorbereitung auf ihre nächste Rolle besucht sie Gracie (Julianne Moore), die Frau, die sie verkörpern soll, und deren Familie, inklusive dem fast dreißig Jahre jüngeren Ehemann Joe (Charles Melton). Vor zwanzig Jahren hatte Gracie den damals 13-jährigen Jungen verführt und musste dafür hinter Gitter. Doch ihre Liebe war stärker und inzwischen ist daraus eine Familie mit drei Kindern erwachsen. Portmans Figur hat ihre eigene Agenda: Elizabeth Berry ist eine angesehene, an der Julliard School ausgebildete Schauspielerin, die sich von der albernen Fernsehshow über Tierärzte lösen will, die sie berühmt gemacht hat. Um so intensiver stürzt sie sich in die Recherche zu ihrem neuen Film, taucht bei Barbecues auf, lernt mit Gracie wie Gracie zu backen und hängt mit ihrem Mann und ihren Kindern rum, als wäre sie ihre neue beste Freundin. Sie stellt allen persönliche Fragen, um sich in die Rolle hineinzuversetzen, und versucht, Gracies Frisur, ihre Eigenheiten, ihr Make-up und sogar ihr leichtes Lispeln nachzuahmen. Als ihre Method-Vorbereitung sie schließlich immer mehr in die Arme von Joe treibt, spürt sie, dass sie ihn aus einer stagnierenden Beziehung mit einer Frau retten kann, die ihn bemuttert und tyrannisiert.
Todd Haynes hat May December mit kühler, gewitzter Präzision inszeniert. Der Regisseur amüsiert sich über die Selbstverliebtheit der Unterhaltungsindustrie, ohne seine Figuren zu verraten. Hinter den hellen, grellen, auf Hochglanz polierten Bildern blickt er kritisch auf eine Gesellschaft und eine Filmbranche, die sich auf Skandale und Äußerlichkeiten fokussiert, während seine Schauspielerinnen vor der Kamera eine seltsame, faszinierende Symbiose vollziehen.
Die Schauspielerin der Stunde im diesjährigen Cannes-Wettbewerb ist jedoch eine andere: Sandra Hüller spielt heuer gleich in zwei Filmen groß auf, die um die Goldene Palme konkurrieren, aber darüber im nächsten Bericht mehr.
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