Captain America

The Good American

| Oliver Stangl |

Anthony und Joe Russo gewinnen Marvels berühmtem Supersoldaten neue Facetten ab: Die hervorragend besetzte Comicverfilmung „Captain America: The Winter Soldier“ vermengt spektakuläre Actionsequenzen auf gelungene Weise mit Anklängen an die Paranoia-Thriller der siebziger Jahre.

Als Regisseur Zack Snyder im vergangenen Jahr versucht hatte, der amerikanischen Comic-Ikone Superman aus dem Hause DC mit Man of Steel neues Leben einzuhauchen, erwies sich das Ergebnis als mäßig geglückt: Die Aufladung der von vielen als zu brav und mächtig empfundenen Figur mit düsteren Eigenschaften wirkte aufgesetzt, Action-Overkill kam vor Charakterentwicklung. Ähnliche Probleme, so hätte man zumindest im Vorhinein annehmen können, würde wohl auch Captain America vom Konkurrenzverlag Marvel erleiden müssen. Schließlich hatte die von Jack Kirby und Joe Simon entwickelte Figur, deren Kostüm der amerikanischen Flagge sogar noch deutlicher nachempfunden wurde als jenes von Superman, ihre Ursprünge in der Propaganda: Auf dem Cover der ersten Ausgabe, die 1941 erschien, verpasst der Captain Adolf Hitler einen Kinnhaken. Während der Kriegsjahre erfreuten sich die Abenteuer des schwächlichen Illustrators Steve Rogers, den die Regierung mittels Serum zum Supersoldaten macht und der fortan mit seinem besten Freund Bucky gegen Nazis und Spione kämpft, großer Beliebtheit in den Vereinigten Staaten. Doch die zeitliche Verankerung im Zweiten Weltkrieg erwies sich nach Kriegsende als verkaufshemmend.

Soldat mit Herz

Also entschied sich der Verlag Marvel, der die Rechte an der Figur übernahm, 1964 zu einem Kunstgriff: Rogers wurde mehrere Dekaden im ewigen Eis eingefroren, aufgetaut, in die damalige Gegenwart zurückgeholt und dem Superhelden-Team The Avengers eingegliedert. Im Lauf der Jahrzehnte wurde die Figur von Marvel klugerweise nicht nur für Hurra-Patriotismus eingesetzt (obwohl er manchmal gegen Kommunisten kämpfte), sondern immer stärker zu einem Symbol für kritische Vaterlandsliebe gemacht. Nicht selten legte sich Rogers mit Verschwörern innerhalb der US-Regierung an und engagierte sich gegen soziale Missstände. Im Film machte er dagegen lange eine eher unglückliche Figur: Ein Republic-Serial von 1944 verströmt aus heutiger Sicht zwar einen gewissen B-Movie-Charme, zwei Realverfilmungen von 1979 und 1990 sind jedoch nur für Freunde des Trash empfehlenswert. Die Budgets waren niedrig, die Drehbücher schlecht, der Captain blieb eine blasse Klischeefigur. Im ersten eigenen Kinofilm, der im Kontext von Marvel’s The Avengers entstand – Captain America: The First Avenger (2011) – wurde das potenzielle Problem von Eindimensionalität jedoch mit Anflügen von Satire in eine Stärke verwandelt. Unter der Regie Joe Johnstons, der bereits mit Rocketeer (1991) eine Vorliebe für Comic-Abenteuer gezeigt hatte, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen, thematisierte man die Rolle von Rogers (Chris Evans) als Propagandadarsteller, der die Truppen mit seinem grellen Kostüm bei Laune halten soll (eine ausführliche Besprechung findet sich in „ray“ 09/11). Doch Rogers hat bald genug vom Clown-Dasein, befreit auf eigene Faust eine Vielzahl von Gefangenen und kämpft mit einem Team von Rekruten gegen Hydra, eine abtrünnige Wissenschaftsorganisation im Dritten Reich, die von Johann Schmidt alias Red Skull geführt wird (dass comichafte Nazis die besten Bösewichte sind, weiß man nicht erst seit Indiana Jones). Das Heldendasein hat jedoch Schattenseiten und währt nicht lange: Der Kampf gegen das Böse kostet nicht nur seinen Freund Bucky (Sebastian Stan) das Leben, durch die Jahrzehnte in der Antarktis wird Rogers auch um die Beziehung zu seiner Liebe Peggy (Hayley Atwell) gebracht. Siebzig Jahre Kälteschlaf sind auch für die innigste Liebe etwas viel. Gut, dass er bei den Avengers gebraucht wird. Arbeit ist eben die beste Ablenkung.
Steve Rogers erscheint im Film als Prototyp des guten, altmodischen Amerikaners: tatkräftig, freiheitsliebend, an Gerechtigkeit glaubend und die Lektion seines Mentors – des jüdischen, aus Deutschland geflohenen Wissenschaftlers Abraham Erskine (Stanley Tucci), der ihn zum Supersoldaten macht –, nie sein gutes Herz zu verlieren, verinnerlichend. Kommerziell gesehen war der Film zwar erfolgreich, erreichte aber nie ganz die Popularität von Iron Man und Co. Nachdem sich The Avengers (Captain America beweist in diesem Film durch seine taktischen Fähigkeiten natural leadership) unter der Regie von Joss Whedon jedoch als Megablockbuster erwiesen hatte, erhielten auch die Einzelfilme der Helden einen Push; der neue Film sollte also durchaus sein Publikum finden. Dafür sprechen nicht nur kommerzielle Überlegungen sondern in diesem Fall auch die hohe Qualität.

Traue Niemandem

Dass ausgerechnet Captain America: The Winter Soldier der bisher düsterste Film der „Avengers“-Reihe ist (und möglicherweise auch der mit den meisten Leichen, sieht man einmal vom Schaden ab, den New York in The Avengers erleiden musste) ist nur folgerichtig, wird der aufrechte, „museumsreife“ Amerikaner (eine Ausstellung im Smithsonian ist seinem Leben gewidmet) hier doch in einen Kampf gegen Feinde aus den eigenen Reihen geschickt. Diese Thematik wird auch durch den Schauplatz unterstrichen: Bereits zu Beginn wird das berühmte Washington Monument in der amerikanischen Hauptstadt prominent ins Bild gerückt. Beim Joggen rund um das Bauwerk lernt Rogers Sam Wilson
(Aaron Mackie) kennen (Comic-Fans wissen, dass es sich hierbei um die bürgerliche Identität des Superhelden Falcon handelt), wird aber bald von Natasha Romanoff alias Black Widow (Scarlett Johansson) zu einem Auftrag geholt. Der scheinbare Routineeinsatz gegen Piraten legt jedoch schnell eine Bedrohung von gewaltigen Ausmaßen offen. Eine Bedrohung, vor der niemand mehr sicher ist – auch populäre Charaktere nicht. Hohe Politkreise und der Geheimdienst scheinen von Gegnern unterwandert (nur soviel sei hier verraten: Gegner, die man schon aus früheren Filmen kennt) und Rogers findet sich bald selbst auf der Abschussliste. Der Gejagte fungiert dabei als Gewissen eines Amerika, das seine ureigenen Ideale vergessen zu haben scheint. Als etwa Nick Fury (Samuel L. Jackson), der Leiter der Ultrageheimorganisation SHIELD, Rogers offenbart, welche Überwachungsmethoden eingesetzt werden, um Geheimnisse auszuspionieren und Bedrohungen abzuwenden (Anspielungen auf die NSA sind unübersehbar), will dieser sich nicht damit abfinden: „This is not freedom, this is fear.“ Es ist, als hätte sich Rogers Henry David Thoreaus Essay „Resistance to Civil Government“ angeeignet: „The only obligation which I have a right to assume is to do at any time what I think right.“ Captain America, der Mann aus einer anderen Zeit, hinterfragt die Gegenwart. In diesem Kontext erweist sich auch die Besetzung von Alexander Pierce (das „offizielle“ Gesicht SHIELDS und langjähriger Freund Nick Furys) mit dem legendären Robert Redford als guter Griff: Der Mann bringt neben seiner natürlichen Gravitas auch das Flair von New Hollywood und der zu jener Zeit entstandenen Polit-, Paranoia- und Verschwörungsthriller wie The Three Days of the Condor (1975) oder All the President’s Men (1976) mit ein. Redford hat sichtlich Spaß an seiner Rolle – Pierce hat selbstverständlich mehr Facetten, als er seine Umgebung wissen lässt – und ein paar gute Momente mit Jackson. Chris Evans versieht die Rolle von Steve Rogers neben eindrucksvollen Muskeln mit liebenswerter Unschuldigkeit, macht die Figur allerdings nie zu einem reinen, naiven Toren: Dafür sind seine Kritik am System und seine Fähigkeiten beim Kampf zu groß. Johanssons moralisch flexible Black Widow entwickelt im Kontrast mit Rogers erstmals so etwas wie eigenes Profil abseits des „gut aussehen, hart zutreten“-Klischees. Die freundschaftlichen Flirts zwischen ihr und Rogers – im Grunde versucht sie, ihn mit allen möglichen Frauen zu verkuppeln – sind vergnüglich anzusehen. Und auch Neuzugang Anthony Mackie als Kriegsveteran Falcon, der einiges an Luftakrobatik demonstriert, gefällt.
Innerhalb seines Paralleluniversums wirkt Captain America durchaus glaubwürdig und bedrohlich, dennoch vergisst der Film nie darauf, dass er eine Comic-Adaption ist. Auf Falcons Frage, woran man denn die Bösen erkenne, antwortet Rogers: „If they are shooting at you, they are bad.“ Action gibt es zuhauf, und die Brüder Anthony und Joe Russo, die ihre Wurzeln beim Fernsehen haben, verstehen diese packend zu inszenieren, egal ob es sich um einen Kampf in einem vollen Fahrstuhl handelt oder um eine Verfolgungsjagd auf der Autobahn. Das großzügig mit Überraschungen versehene Drehbuch von Christopher Markus und Stephen McFeely spannt einen weiten Bogen und verbindet Action, Verschwörungsthriller und Humor in geglückter Weise: Neben Anspielungen auf vergangene Filme gibt es auch vorausdeutende Elemente auf den nächsten Avengers-Film (bleiben Sie bis zum Ende des Abspanns sitzen). Anders als beim Finale von The Avengers, das einem Kriegsfilm glich, fühlt sich die Action in The Winter Soldier echter und packender an. Man hat das Gefühl, dass etwas auf dem Spiel steht – ein Gefühl, das dadurch noch verstärkt wird, dass einer wichtigen Figur relativ bald etwas zustößt. Auch der Captain muss ordentlich einstecken; dass er gegen eine Figur aus seiner Vergangenheit kämpfen muss – der mysteriöse „Winter Soldier“ – und dadurch gehemmt ist, bereichert den Film um eine weitere persönliche Ebene. Was Comicverfilmungen betrifft, könnte man The Winter Soldier vielleicht mit der Konkurrenzproduktion The Dark Knight vergleichen, einem Film, der ebenfalls ein düsteres Bild des US-Gegenwart zeichnete. War Batman dort selbst eine düstere Figur, erscheint der „helle“ Rogers als utopisches Gegenbeispiel zu jenem berühmten Satz, der dem englischen Schriftsteller Samuel Johnson zugeschrieben wird: „Patriotism is the last refuge of a scoundrel.“