Minari

Chicken Sexing und Third Culture

| Andreas Ungerböck |
Lee Isaac Chungs vielfach ausgezeichneter Film „Minari“ erzählt vordergründig von den Erfahrungen einer koreanischen Einwandererfamilie im ländlichen Arkansas der achtziger Jahre, aber noch von vielem mehr. Ein Meisterwerk in jeder Hinsicht.

Der deutsche Zusatztitel lautet „Wo wir Wurzeln schlagen“. So dämlich diese Zusatztitel für Filme, die man offenbar dem Publikum erst aufdrängen muss, üblicherweise sind, so überraschend treffsicher ist dieser hier. Die koreanische Familie Lee – Vater, Mutter, älteres Mädchen und kleinerer Bub –, die schon länger in Kalifornien gelebt hat, macht sich in den achtziger Jahren unter Ronald Reagan auf ins ländliche Arkansas, um dort ein eigenes Stück Land zu bewirtschaften. Oder, genauer gesagt, das ist vornehmlich der „American Dream“ des Vaters, Jacob, der es satt hat, gemeinsam mit seiner Frau Monica als „chicken sexer“ zu arbeiten. Diese tun nichts anderes, als bei ganz jungen Küken mittels eines geschulten Blicks und Handgriffs das Geschlecht des Federviehs zu bestimmen. Die männlichen Junghühner werden aussortiert …

Das Stück Land, das die Lees erworben haben, ist zwar groß, aber auch sehr widerspenstig, und es liegt einigermaßen weit von der nächsten Stadt entfernt. Das Mobilheim, das auf dem Grundstück steht, hat auch schon bessere Tage gesehen. Die Stufen fehlen, als die Lees ankommen, und so muss Jacob die Kinder hineinheben – eine Schlüsselszene für das schwierige Unterfangen, das er sich da aufgehalst hat. Und damit beginnen die Probleme erst. Die Wasserversorgung, die Jacob selbst in die Hand nimmt, weil er den lokalen Wünschelrutengängern nicht traut („We Koreans trust our feeling“), ist mangelhaft, ein Tornado droht gleich einmal, das Haus wegzufegen, und auch sonst verläuft kaum etwas so, wie er es sich vorgestellt hat. Vor allem aber ist seine Frau bald dagegen, das fruchtlos erscheinende Experiment noch länger fortzusetzen, zumal sie die beiden Kinder – der kleine David hat eine Herzschwäche – tagsüber allein lassen muss, um Geld zu verdienen.

Gewürzpflanze
Hilfe gibt es zunächst nur in Gestalt des freundlichen, aber reichlich exzentrischen christlichen Fundamentalisten und Korea-kriegs-Veteranen Paul, und dann, als Jacob einwilligt, seine Schwiegermutter, die nicht weniger schräge Soon-ja, aus Korea kommen zu lassen. Doch es dauert geraume Zeit, bis vor allem David eine Oma, die nicht kochen und backen kann, dafür flucht wie ein Bierkutscher, am liebsten Wrestling im Fernsehen schaut und auch sonst einige seltsame Angewohnheiten hat, akzeptiert. Was sie aber immerhin weiß, ist, dass es gescheit ist, Minari am nahen Flusslauf anzupflanzen, eine asiatische Gewürzstaude, die, einmal etabliert, wie Unkraut wächst und sehr gut schmeckt. Und Oma ist smart genug, den 100-Dollar-Schein, den die sehr religiöse Monica beim Gottesdienst in der Stadt in den Sammelkorb gibt, wieder herauszufischen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Jacob und Monica, was die gemeinsame Zukunft der Familie betrifft, spitzen sich immer mehr zu. Kleinere Erfolge in der noch jungen Landwirtschaft verblassen vor zunehmend dramatischen Ereignissen. Eine Trennung der Eheleute und damit der Familie scheint unausweichlich.

Regisseur Lee Isaac Chung, immerhin schon 43 und erst nach einem abgeschlossenen Ökologiestudium in Yale zum Filmemachen gewechselt, hat bisher ein paar kleinere Filme, vor allem Dokumentarfilme gemacht. Er engagierte sich für junge Filmschaffende in Rwanda, mit denen zusammen er den Film Munyurangabo (2007) drehte, der auch in Cannes lief. Dass er nun mit seinem ersten größeren Spielfilm Minari, der im Jänner 2020 beim Festival in Sundance Premiere feierte, derart Aufsehen erregen würde, war nicht abzusehen, zumal die Umstände, unter denen der Film entstand, nicht gerade rosig waren: Zwar waren alle (unter anderem Brad Pitt, der mit seiner Firma Plan B an dem Projekt beteiligt war) von dem Drehbuch angetan, erinnert er sich, und es wurde auch rasch zur Produktion freigegeben, aber für die Dreharbeiten, die im angrenzenden Oklahoma stattfanden, hatte er nur 25 Tage Zeit. Erschwerend kam dazu, dass man mit Kindern (und David ist praktisch in jeder Szene zu sehen) maximal sechs Stunden am Tag drehen darf. Der Erfolg war jedenfalls durchschlagend: Sechs Oscar-Nominierungen (Youn Yuh-jung als Großmutter wurde schließlich als erste Koreanerin auch ausgezeichnet), der Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film (und das für eine US-Produktion) und eine schiere Unzahl von weiteren Preisen waren der verdiente Lohn für diese „labor of love“.

Doch dass Chung mit viel Liebe und Zuneigung mehr oder weniger die Geschichte seiner eigenen Kindheit erzählt (wenn auch, wie er in Interviews immer wieder betont, verfremdet), ist nur die eine Seite der Medaille. Die überwältigenden Reaktionen vor allem von Seiten der Zuschauenden (und auch der Kritik) zeigen, dass ihm noch etwas ganz Anderes gelungen ist, nämlich die Erfahrungen unzähliger Menschen, die Ähnliches erlebt und mitgemacht haben, kongenial auf die Leinwand zu bringen. In einem sehr liebevollen, profunden und kenntnisreichen Interview, das Regie-Kollege J.J. Abrams, ein bekennender Minari-Fan, mit Lee Isaac Chung und dem großartigen Hauptdarsteller Steven Yeun (bekannt unter anderem aus The Walking Dead und Lee Chang-dongs Burning) geführt hat (unbedingt auf YouTube anzuschauen!), wird evident, wie sehr der Film einen Nerv getroffen hat, den Nerv all derer, die in der einen oder anderen Form mit dem globalen Phänomen der „third culture“ konfrontiert waren oder sind. Auch die Kommentare unter dem YouTube-Video belegen das deutlich. Es finden sich dort die Stimmen vieler Menschen, die sich selbstverständlich als Bürgerinnen und Bürger ihrer jeweiligen neuen Heimat begreifen, ohne jedoch die entsprechende Akzeptanz, geschweige denn eine angemessene mediale Repräsentanz zu erfahren.

Pionierinnen
J.J. Abrams spricht die Tatsache an, dass der Film just in der Immigranten-feindlichen Ära Trump entstand. Chung will das nicht überbewertet wissen, zeigt sich aber glücklich darüber, dass Minari offensichtlich die Spaltung, die gewisse Kreise innerhalb einer Gesellschaft zu verursachen versuchen, überwunden habe. Der sehr eloquente Steven Yeun, selbst Amerikaner koreanischer Abstammung, beschreibt seine Herangehensweise an die Rolle, bei der die größte Herausforderung darin bestanden habe, sowohl den amerikanischen als auch den koreanischen Vorurteilen und Erwartungshaltungen standzuhalten.
Es sei, so Yeun und Chung, auch darum gegangen, die Rolle von Immigrantinnen und Immigranten, die in der Mainstream-Kultur oft stereotypisiert oder überhaupt totgeschwiegen würden, sichtbar zu machen – etwas, was den am Film Beteiligten ganz offenbar auf geradezu magische Weise gelungen ist.

Was man noch besonders herausstreichen muss, ist, wie sehr der Film es schafft, die Bedeutung von Frauen gerade in einem migrantischen Umfeld zu betonen. Chung sagt, er habe sich von der US-amerikanischen Schriftstellerin Willa Cather (1873–1947) inspirieren lassen, die sehr früh und virtuous die Erfahrungen von Pionierinnen und Pionieren beschrieb, vor allem in ihrer sogenannten Prärie-Trilogie „O Pioneers“, die zwischen 1913 und 1918 erschien und in der es um Einwandererfamilien im ruralen Nebraska geht. Besonders an die titelgebende Frau im dritten Teil, „My Antonia“ (1918), erinnert die Figur der Monica, ganz wunderbar gespielt von der in Korea sehr populären Han Ye-ri. Damit hat Chung nicht nur seiner eigenen Mutter ein Denkmal gesetzt, sondern auch allen (Pionier-)Frauen, die zwischen der Aufbruchsstimmung, ein neues Leben zu beginnen, dem wachsenden ökonomischen Druck, der Loyalität zu Kindern und Familie, den sturschädeligen Männern und, ja, den eigenen Bedürfnissen aufgerieben zu werden droh(t)en. Letztlich ist sie es in dem Film, die nicht nur die Familie, samt eigenwilliger Großmutter, zusammenhält, sondern sich auch immer wieder gegen die hochfliegenden, aber nicht allzu realistischen Pläne ihres Mannes stemmt.

Minari ist vieles: eine Art Spätwestern von seiner Location her, eine Familien- und eine Coming-of-Age-Geschichte, das großartige Porträt zweier Frauen, ein Melodram, dabei oftmals sehr komisch, ein Stück Neo-Neorealismus und ein Kommentar zur aktuellen Situation, der trotz aller hier verhandelten Probleme Hoffnung macht. Meisterlich.