Corinna Harfouch im Gespräch über ihre neue große Hauptrolle in Jan-Ole Gersters Drama „Lara“.
Frau Harfouch, Sie spielen in Lara eine Frau, die sehr hermetisch und extrem schwer lesbar ist. Wie haben Sie sich selbst dieser Figur angenähert und sie für sich erschlossen?
Corinna Harfouch: Es gibt ja diesen Text von der Rede, die sie ihrem Sohn schreiben oder sagen möchte. An dieser Rede arbeitet sie den ganzen Tag, während sie in der Stadt unterwegs ist. Diese Rede habe ich mehrmals geschrieben, für mich. Und das ging in sehr verschiedene Richtungen, jede klang ein bisschen anders. Das heißt, als Schauspielübung habe ich „meinem“ Sohn geschrieben und ihn an die Zeit erinnert, in der wir alleine zusammen waren. Ich habe ihn daran erinnert, wie er das Klavierspielen entdeckt hat, wie ich, also Lara, ihm das beigebracht hat, wie das damals einfach ein Glück war, mit ihm zu sein und er sich tatsächlich mit diesem Klavier beschäftigt hat und sie nicht mehr alleine war. Sie hatte ihren Sohn, und das ist viel mehr als dieser vermeintliche Ehrgeiz von Müttern. Und deshalb kann sie ich auch nicht loslassen, sie schafft das einfach nicht, was natürlich grausam ist, weil jeder junge Mensch muss einmal los. Aber dass er sich so gewaltsam losreißen muss, das ist ja irgendwie auch ihre Schuld, eben weil sie es nicht schafft, loszulassen. Denn er ist, glaube ich, der einzige Mensch, den sie hat, und das kann man niemandem vorwerfen.
Ist sie zu anspruchsvoll?
Corinna Harfouch: Ja, in jedem Fall. Also, zu anspruchsvoll, was das auch immer sein mag. Was ist zu anspruchsvoll? Auf jeden Fall kollidiert ihr persönlicher Anspruch mit der Realität, die sie im Stande ist, selbst zu leben. Man kann sich seine Realität ja immer auch ein bisschen selber gestalten, aber das schafft sie alles nicht.
Es gibt im Hinblick auf Lara gewisse Parallelen zu Ihrer eigenen Person. Einer Ihrer Söhne ist ebenfalls Komponist. Spielen Sie selbst auch Klavier?
Corinna Harfouch: Nein. Ich habe es wirklich geübt, auch für den Film, aber ich spiele nicht selbst.
Können Sie sich trotzdem in den Teil von Laras Persönlichkeit hineinversetzen, der sich mit der Frage beschäftigt, wie richtig oder falsch es ist, wenn Eltern die Talente ihrer Kinder bis ins Extreme zu fördern versuchen?
Corinna Harfouch: Ja, da gibt es ja sehr unterschiedliche Auffassungen, wie man das macht oder machen sollte, wie man da rangeht. Ich bin beispielsweise überhaupt keine ehrgeizige Mutter, leider. Ich verfluche manchmal meine Wurschtigkeit bei meinen eigenen Kindern. Oder, anders gesagt, ich verfluche sie nicht, aber ich bedaure, dass ich mich nicht zielgerichteter darum bemüht habe, die Talente meiner Kinder zu fördern. Auf der anderen Seite muss ich sagen, haben sie alle ihren Weg gefunden, und zwar ganz originell, ganz eigen. Ich habe nichts gemacht. Gott sei Dank bin ich beschenkt worden mit wunderbaren Kindern, also mit Menschen, die einfach ihren Weg gehen. Aber darum geht es ja in Laras Fall auch nur indirekt. Ich glaube tatsächlich, dass dieses Miteinander-verbunden sein-über das Instrument mehr wiegt, als dass sie unbedingt ein Wunderkind erschaffen wollte, weil ihr selbst die große Karriere versagt blieb.
Wie hat sich Ihre eigene Wurschtigkeit, wie Sie es selbst nennen, auf Ihre Kinder übertragen?
Corinna Harfouch: Ich habe ja inzwischen bereits fünf Enkelkinder und sehe, wie die verschiedenen Eltern, also meine eigenen Kinder, es ganz verschieden machen. Ich stehe dazwischen, und für mich ist das unglaublich interessant. Ich muss sagen, für mich ist das quasi alles richtig, weil sie es wirklich mit Liebe machen, wenn auch komplett verschieden. Die einen fördern das Kind tatsächlich liebevollst, das heißt, die einen bringen den Kindern etwas bei, beinahe täglich. Und die anderen lassen sich etwas beibringen. Das ist der absolute Unterschied. Und ich liebe beide Herangehensweisen, wobei mir persönlich die eine Variante ein bisschen sympathischer ist als die andere.
Der entscheidende Ausgangspunkt für die Geschichte ist Laras 60. Geburtstag, und es ist nicht das erste Mal, dass Sie eine Frau spielen, die an genau diesem Tag ihr Leben umkrempelt oder zumindest versucht, etwas anders zu machen. Sie selbst sind bereits über sechzig. Was genau passiert da in einem?
Corinna Harfouch: Ich bin jetzt 65, und ich muss sagen, das gibt mir ein Gefühl von Freiheit, wie ich es bisher noch nicht kannte. Natürlich liegt jetzt auch nicht mehr das ganze Leben vor mir, und ich habe im Laufe meiner Karriere schon auch immer mehr oder weniger das gemacht, was ich machen wollte. Aber es gibt ja so viele Zwänge, die hat jeder von uns. Und ich kann es gar nicht sagen, aber ich bin wirklich schon das ganze Jahr über einfach nur so froh, dass ich nur noch das mache, was ich möchte. Das ist so herrlich. Ich bin viel freier in meinen Beziehungen, ich bin viel freier in meinen Entscheidungen, was ich tue und lasse. Ich will sehr viel arbeiten, das scheine ich zumindest zu wollen, denn das merke ich an meinem Terminkalender. Aber ich zerreiße mich nicht mehr, ich setzte mich nicht mehr so unter Druck. Ich kläre, was ich machen möchte und was mir Freude macht. Denn es ist ja trotzdem alles immer noch anstrengend genug. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich bemerke das bei vielen Frauen, dass sie, oder das wir in dem Alter erkennen, dass wir genügend „gedient“ haben und dass schließlich dieses Gefühl überwiegt, dass man sein Leben jetzt wirklich selbst in die Hand nehmen kann und sich auch noch mal ein bisschen Freude bereiten kann, in dem man mit sich selbst kreativ ist. Das erlebe ich wirklich ringsum. Und ich will jetzt gare keine Mann-Frau-Debatte anführen, aber in der Hinsicht sind Frauen in dem Alter tatsächlich neugierig und haben Kraft und wollen noch etwas.
Gibt es etwas, wie in „Lara“ oder in „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“, was Sie selbst gerne noch machen wollen, beruflich oder privat?
Corinna Harfouch: Ja, es gibt da eine Sache, aber mehr wird nicht verraten.
Ihre Figur erinnert an andere große Frauenrollen im Kino. Haben Sie sich in Vorbereitung auf den Film auch mit diesen anderen Figuren auseinander gesetzt, oder war Ihr Fokus ganz konkret nur auf Lara, auf die Figur und auf das Drehbuch gerichtet?
Corinna Harfouch: Letzteres, auf jeden Fall. Die Arbeit mit Jan-Ole Gerster (Interview) ist so schön und so reich. Er hat tatsächlich auch im zwanzigsten Take noch was zu bieten. Und er ist jemand, der, sagen wir mal, gemessen an mir, so jung er auch sein mag, erstaunlich weise ist und neugierig und der ein ästhetisches Empfinden hat, das ganz stark ausgeprägt ist. Dazu hat er einen unglaublich guten Geschmack und ist sehr klug. Es macht wirklich Spaß mit ihm zu arbeiten und sich mit ihm zu unterhalten. Allein deshalb waren wir sehr in diesem Lara-Universum und haben nicht wirklich nach rechts und links geschaut.
Lara ist eine Frau mit einem extrem hohen Anspruch an sich selbst und an ihre Umgebung. Und sie hat einen Widerstand gegen das ganz normale Miteinandersein. Bedingen sich die beiden Dinge gegenseitig?
Corinna Harfouch: Ich weiß nicht. Aber Sie haben recht, sie hat einen extrem hohen Anspruch an sich. Und es ist traurig, dass sie diesem einen Lehrer so vertraut hat, der dann am Ende in etwa zu ihr sagt: „Was ich damals gesagt habe, das habe ich gar nicht speziell zu Ihnen gesagt. Das sage ich eigentlich jedem meiner Studenten, um zu prüfen, ob sie dann trotzdem weitermachen.“ Und in Kombination mit diesem wahnsinnigen Anspruch, den sie schon als junger Mensch an sich hatte, und mit den Zweifeln, die sie schließlich auch auf den Sohn überträgt, weiß sie eben selbst nicht, wohin mit sich. Zudem hat sie diesen Anspruch eben nicht nur an sich, sondern an alle. Und deshalb hat sie, zumindest stelle ich mir das so vor, wie ich auch ein bisschen so einen Widerwillen gegen allzu viele Floskeln, allzu viele Klischees, mit anderen Worten: gegen all das, was zwischenmenschliche Beziehungen anbetrifft, also wie wir miteinander umgehen und unseren Umgang miteinander gestalten etwas geschmeidiger machen sollen. Das strengt sie an, und mich strengt das auch an, weil ich zum Punkt kommen möchte. Ich möchte einfach ein interessantes Gespräch haben, eine interessante Begegnung, ansonsten ist mir das auch zu anstrengend.
Sie haben ja bereits angesprochen, dass Sie für Ihre Kinder vielleicht gar nicht so ehrgeizig oder anspruchsvoll waren, aber im Hinblick auf Ihre eigene Karriere scheint das anders zu sein. Sie sind beim ersten Versuch, an die Schauspielschule zu gelangen, abgelehnt worden, haben es dann aber ein paar Jahre später doch noch einmal versucht. Warum?
Corinna Harfouch: Bei meiner zweiten Bewerbung, da war ich eigentlich schon am Absprung. Ich hatte geheiratet, ich wollte nach Syrien gehen. Ich hatte ein Pass, ein Flugticket, alles. Ich wollte, scheinbar, so habe ich es mir zumindest damals vorgegaukelt, einfach nur wissen, ob sie mich nehmen würden, bevor ich tatsächlich weggehe aus dem Land. Und dann habe ich den Test bestanden und konnte nicht mehr nach Syrien gehen. Denn in dem Moment habe ich mir selber alles klar gemacht. Auf einmal wusste ich: Alles, was ich wollte, war in diese Welt und ans Theater.
Spüren Sie den Drang, auf der Bühne stehen zu wollen, bis heute? Wechseln Sie deshalb auch bewusst stets zwischen Kino und Theater?
Corinna Harfouch: Unbedingt, das ist extrem wichtig für mich. Ich könnte mir ein Leben als Schauspielerin, die nur dreht, überhaupt nicht vorstellen. Allein weil der Beruf ja so viel mehr ist. Man kann ja so viel machen. Ich sage auch immer, und das klingt jetzt vielleicht ein bisschen überheblich, weil die Annahme besteht, ich könnte mir das alles aussuchen, aber ganz so ist das ja auch nicht. Ich suche mir meine Arbeit auch. Und ich sage dann immer, letztendlich gehe ich auch ins Altersheim und lese dort was vor. Das ist auch mein Beruf, und den liebe ich. Und dazu gehört eben auch, dass man immer wechseln kann, dass man schauen kann, okay, was ist noch interessant. Denn das Tolle ist ja: Man weiß, dass man das Drama „nur“ spielt und dass es ein Ende haben wird. Anders als im wirklichen Leben. Und das ist gut zu wissen. Denn dieses Wissen erlaubt es einem, dass man die Figur, die man in dem Moment verkörpert, tatsächlich ausleben kann, voll und ganz. Das ist ein großes Glück.
