Das 35. Istanbuler Film Festival

| Daniela Sannwald |

Der Platzanweiser im altehrwürdigen Atlas-Kino, wo viele Premieren des diesjährigen Istanbuler Filmfestivals stattfinden, ist zum Plaudern aufgelegt. Man kennt sich seit Jahren, und bis zur nächsten Vorstellung ist noch Zeit. „Neun Monate“, erklärt er, „waren wir doch alle im Bauch unserer Mütter, oder?“ Die etwas verblüffende Gesprächseröffnung verlangt ein bestätigendes „hmhm“. Es sei schließlich egal, fährt er dann fort, ob man muslimischen, christlichen oder jüdischen Glaubens sei, alle sollten friedlich miteinander leben; im Koran stünde jedenfalls nicht, dass irgendwer irgendwen umbringen sollte. „Aber“, so erklärt er energisch, „wir haben eine fanatisch religiöse Regierung, und das führt zu nichts Gutem. Fanatismus ist nie gut.“ Mit diesem Fazit kann man sich bedenkenlos einverstanden erklären – erstaunlich immerhin, denn die in bescheidenen Verhältnissen lebende große Mehrheit des türkischen Volkes ist in der Regel gläubig und wählt AKP.

Die Regisseure des nationalen Wettbewerbs, der kaum jemals in den letzten Jahren so unpolitisch war wie in diesem Jahr, drehen in Anatolien, und dort vor allem im Südosten, in den  kurdischen Gebieten. Aber auch wenn der Krieg, der dort herrscht, im Hintergrund präsent ist, thematisiert ihn keiner der Filme explizit. So beginnt der neunjährige Titelheld des Films Rauf, der nicht mehr zur Schule gehen will, eine Schreinerlehre, aber der Meister baut vor allem Särge für die gefallenen PKK-Kämpfer, schließlich auch für die eigene Tochter. Und in dem kitschigen Schmugglerfilm Siyah Karga/Black Crow sind immer wieder Schüsse zu hören und müssen die Händler blockierte Straßen umgehen. Ansonsten sieht man viel verschneite, karge Landschaft und den dort lebenden Menschen beim Verrichten von Alltagsarbeit zu: Kochen, Waschen, Kinder und Vieh versorgen, alles ohne Elektrizität.

Auch der bereits mehrfach ausgezeichnete, ästhetisch anspruchsvollste türkische Film des letzten Jahres, Kalandar Sogugu/The Cold of Kalandar, kann offenbar auf diese Schauwerte nicht verzichten. Zwar spielt Mustafa Karas Film im Nordosten der Türkei, in der Schwarzmeerregion, die Landschaft ist grüner und fruchtbarer als weiter südlich, aber grundsätzlich unterscheiden sich die Alltage der armen Bauern nicht. In diesem Film ist der Protagonist ein Träumer, der immer wieder in die Berge zieht, um auf eine Kupferader zu stoßen, und als das nichts wird, versucht er, seinen Bullen so zu trainieren, dass er den nächsten Schaukampf gewinnt. Alles ohne Erfolg. Währenddessen kümmern sich seine Frau und seine Mutter um die Landwirtschaft, den Haushalt und die Kinder, von denen eins an Down-Syndrom erkrankt ist. Das ist exotisch und interessant, aber auch ein bisschen wie im Zoo. Die Filmemacher erzählen keine Geschichten, die sie selbst betreffen; sie weichen auf Unverfängliches aus – was vielleicht mehr über die derzeitige Situation der Kulturschaffenden verrät, als Filme es könnten.

Ein interessantes Experiment versucht immerhin der kurdische Regisseur Adnan Akdag mit Benim kendi hayatım/My Own Life. Er zeigt die existenzielle Krise des Filmemachers, der mit einer kleinen Crew zu seiner Familie nach Anatolien fährt, weil die nach dem plötzlichen Tod seines Bruders die Arbeit nicht mehr schafft. Gleichzeitig versucht er dort, einen Film zu drehen. Herausgekommen ist eine Art Doku-Fiktion, die die Unvereinbarkeit der einander konträr entgegengesetzten Lebensweisen zeigt. Der Held endet in einer Sackgasse. Das erinnert ein bisschen an Filme vom Großmeister Nuri Bilge Ceylan und hat mit dem Krieg im Südosten überhaupt nichts zu tun. Gerade deswegen mögen die jüngeren Istanbuler Kritiker diesen Film: Er visualisiert die Krise der Intellektuellen insgesamt. Sie waren noch nie so wenig mit dem eigenen Land identifiziert wie gerade jetzt.

Die drei Regisseurinnen, die in dem elf Filme umfassenden türkischen Wettbewerb vertreten waren, setzen auf starke Frauenfiguren: Der Gewinnerfilm in mehreren Kategorien Toz Bezi/Dust Cloth von Ahu Öztürk, der dieses Jahr im Forum der Berlinale lief und die Geschichte zweier befreundeter Putzfrauen und ihrer Sorgen und Nöte erzählt, ebenso wie Ana Yurdu/Motherland von Senem Tüzen und Kasap Havası/Wedding Dance von Çigdem Sezgin. Letzterer hätte ein kleines Meisterwerk werden können, wenn die Regisseurin bei ihrer anfänglichen Geschichte, der leidenschaftlichen Beziehung einer zornigen Schneiderin um die 50 und eines wesentlich jüngeren, ebenfalls zornigen Taxifahrers, der kurz vor einer arrangierten Hochzeit steht, geblieben wäre. Der gesellschaftliche Druck, unter dem beide stehen, wirkt destruktiv, ein visuelles Äquivalent dafür sind ihre Treffen in der schäbigen Wohnung eines Kollegen. Sezgin aber hat sich nicht auf diesen Plot verlassen, sondern führt in der Mitte des Films einen Deus ex Machina ein, und dann gerät ihre Dramaturgie aus dem Ruder.

Der als Großereignis angekündigte und vom gesamten Festival mit Spannung erwartete Film Kor/Ember eines der profiliertesten Regisseure der neunziger Jahre, Zeki Demirkubuz, war ebenfalls enttäuschend. In seinem naturalistischen Dreiecks-Drama, das an Nuri Bilge Ceylans Üç Maymun/Drei Affen (2008) erinnert, überbieten sich zwei Männer darin, die zwischen ihnen stehende Frau ohne Eigenschaften schlecht zu behandeln. Die kargen Wohnungen, die industriellen Locations, die omnipräsenten laufenden Fernsehgeräte – all das kennt man von Demirkubuz seit langem. Seine Filme, die vor 20 Jahren aufregend waren, scheinen nun der Zeit hinterher zu sein, Entwicklung hat bei ihm weder auf ästhetischer noch auf inhaltlicher Ebene stattgefunden.

Dagegen wirkt ein Film von 1964, Gözleri Ömre Bedel/Eyes Worth a Life des vor Kurzem verstorbenen Regisseurs Ülkü Erakalın geradezu aufregend aktuell in Bezug auf die Zeichnung der Charaktere, die Beschreibung der Geschlechterrollen und die Auswahl der Locations: Die mit allen Wassern gewaschene Gangsterbraut Leyla, gespielt von Türkan Soray, verliebt sich beim Lockvogelspielen in eines der reichen Opfer, die sie ihren Komplizen üblicherweise zutreibt. Der Pianist ist ein verzogenes Muttersöhnchen, und Leyla sträubt sich lange, mit ihm eine Ehe einzugehen. Als die beiden zu einem erfolgreichen Schlagerduo geworden sind und sämtlichen Luxus der Sechziger-Jahre-Moderne genießen, taucht plötzlich Leylas alter Boss und Lover wieder auf und fängt an, sie zu bedrohen und zu erpressen. Sie verlässt schweren Herzens Mann und Schwiegermutter, indem sie einen Selbstmord vortäuscht. In den Kneipen Beyolus tritt sie fortan als Sängerin auf und trinkt mehr Schnaps, als ihr guttut, während der Pianist einer tiefen Melancholie verfällt. Handelnde in diesem Film sind die Frauen; selbst noch eine Hausangestellte darf sich einmischen. Dem Vergleich mit dem europäischen Kino der frühen 1960er hält dieser Film mühelos stand: Montagesequenzen, Ellipsen, unvermutete Plotwendungen repräsentieren die Hochphase des Yesilçam-Kinos, das erst um 1980, zehn Jahre später als Papas Kino in Europa, seinen Niedergang erlebte.

Diese weltoffene, kapitalistisch orientierte Türkei präsentiert sich immer noch im Istanbuler Stadtteil Beyoglu: Wer dort unterwegs ist und den Rest der Stadt und erst recht der Türkei nicht kennt, wundert sich über das internationale Klima, so wie es viele Erstbesucher des Festivals tun. Sie erwarten verschleierte Frauen und grimmige Männer und kriegen stattdessen viel männliche und weibliche tätowierte und gepiercte Haut, kaum verhüllte Dekolletees und ein buntes, fröhliches Gewimmel zu sehen, genau wie in jeder anderen Metropole der Welt. Vom Vormarsch des religiösen Fundamentalismus ist hier wirklich nichts zu spüren, der wird sich vielleicht erst eine Generation später auswirken, denn die Regierung ändert gerade das Bildungssystem. Aber im Gespräch mit Kollegen manifestiert sich  Bedrückung; der Präsident wird nicht mit Namen genannt, sondern als „Er“ bezeichnet, groß geschrieben, denkt man, denn es handelt sich um eine höhere Macht. Es sind nicht die über 50 Prozent AKP-Wähler, die um den Verlust der Meinungsfreiheit und der Demokratie fürchten, sondern die Kemalisten, die Linken, die Akademiker, die Intellektuellen – diejenigen eben, die als erste davon betroffen wären oder dies bereits sind.