DogMan

DogMan

Der Schmerz der Welt

| Pamela Jahn |
Mit „DogMan“ fügt Luc Besson seiner Filmografie einen neuen einsamen Helden hinzu. Ein Gespräch über Außenseiter, Vierbeiner und warum man den US-Schauspieler Caleb Landry Jones unbedingt kennen sollte.

Hunde haben eine Schwäche: Sie vertrauen den Menschen. Douglas (Caleb Landry Jones) weiß das nur zu gut. Er lebt mit einem ganzen Rudel von Streunern in einem abrissfälligen Schulgebäude und kümmert sich liebevoll um seine vierbeinigen Freunde, ob groß oder klein, zottelig oder gefährlich. Die Hunde sind seine Familie, seit sein Vater ihn als Kind misshandelt und zur Strafe in den Zwinger hinterm Haus gesperrt hat. Nach seiner Flucht von zuhause endet Douglas im Rollstuhl. Den Kontakt zu Menschen hält er fortan auf ein Minimum begrenzt. Seine Leidenschaft für die Verwandlung entdeckt er durch die zarte Verbindung zu einer Shakespeare-Liebhaberin, die Schauspielerin werden will. Dougs liebster Platz auf der Welt wird schließlich die Show-Bühne einer Drag-Bar. Im Rampenlicht, verkleidet als Marilyn Monroe, Marlene Dietrich oder Edith Piaf, ist er für einen kurzen Moment des Glücks ganz bei sich.

So erzählt es Doug, als er in Untersuchungshaft der Psychiaterin Evelyn (Jojo T. Gibbs) über seine Vorgeschichte ausgefragt wird. Warum er festgenommen wurde, ist zu dem Zeitpunkt noch unklar. Aber eines steht fest: Douglas ist ein Geschundener, eine gebrochene Seele, der allein gegen den Rest der Welt steht und ähnlich wie der mental labile Clownsdarsteller Arthur Fleck in Todd Phillips’ Joker (2019) Selbstjustiz an seiner Umwelt ausübt.

Mit der Geschichte, die Luc Besson in DogMan erzählt, bewegt sich der gerade erst von Missbrauchsvorwürfen freigesprochene Regisseur und Drehbuchautor auf dünnem Eis. Aber mit Einzelgängern wie Douglas kennt er sich aus. In seiner Heimat ist Besson selbst seit jeher ein einsamer Wolf. Für das französische Establishment zu Mainstream, für Hollywood zu eigenwillig, so kämpfte er sich in den achtziger Jahren international nach vorn. Seine größten Erfolge feierte er im Folgejahrzehnt mit unmittelbaren Genre-Klassikern wie Nikita (1990), Léon (1994) oder Das fünfte Element (1997), die sich deutlich von den damaligen Blockbuster-Standardangeboten abhoben. Erstklassige Action, wortkarge Helden und exquisite Bilder waren die Eckpfeiler seiner Kinokunst. Als er experimentierfreudiger wurde, sich etwa mit der Mafia-Groteske Malavita – The Family (2013), dem Science-Fiction-Spektakel Lucy (2014) oder der Comic-Verfilmung Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (2017) immer weiter ins Genrekino vertiefte, fielen die Ergebnisse bisweilen unausgewogener aus.

Eine sichere Konstante in Bessons Werken ist jedoch nach wie vor, dass seine Hauptfiguren stets in einer unwirtlichen Ausweglosigkeit feststecken, aus der sie im Grunde gar nicht ausbrechen wollen. Sie brauchen die Einsamkeit, um frei zu sein in einer Welt, die mit Außenseitern, Minderheiten oder dem Anderssein bis heute schlecht umgehen kann.

In DogMan hat Besson sichtlich viel Spaß daran zu zeigen, wie gut Douglas sich mit seinen geliebten Hunden versteht, während er Caleb Landry Jones in der Titelrolle eine schauspielerische Tour de Force abverlangt. In seiner Widerstandskraft und Charakterstärke erinnert Jones nicht selten an Jean Reno in Léon. Und auch wenn DogMan nicht mit der gleichen Wucht und Gravitas daherkommt, ist Besson dennoch ein solides Comeback gelungen.

 


Interview

Monsieur Besson, Sie haben bereits in Ihrer Jugend mit dem Schreiben begonnen. Wie kam es dazu?
Luc Besson: Ich hatte damals nichts anderes zu tun. Wir lebten auf dem Land, da gab es nichts außer ein paar Kühen. Wir hatten keinen Fernseher, keinen Plattenspieler. Irgendwann nahm ich einen Stift in die Hand. Seitdem schreibe ich jeden Morgen, auch am Wochenende, die ganze Zeit. Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich nehme keine Drogen. Andere Leute gehen ins Fitnessstudio, mein Muskeltraining findet auf dem Papier statt. Sobald ich ein paar Tage aussetze, werde ich nervös und bin unausstehlich. Dann flüchte ich wieder an den Schreibtisch. Ich lege Musik auf, mache mir einen Tee und bin für ein paar Stunden glücklich in meiner Welt. Nur so kann ich anschließend wieder der Realität ins Auge sehen.

Bleiben Sie an einer Sache dran, oder schreiben Sie an verschiedenen Geschichten gleichzeitig?
Luc Besson: Manchmal arbeite ich an einer Idee, aber dann lege ich das Geschriebene erst mal zur Seite. Es gibt Entwürfe, die brauchen Zeit, aus anderen wird nie etwas. Das fünfte Element, zum Beispiel, schrieb ich zuerst als Roman. Als ich den ersten Entwurf fertig hatte, warf ich alles weg. Damals war ich sechzehn. Auch beim zweiten Anlauf kam nichts dabei heraus. Dann fing ich noch einmal von vorne an. Als ich fertig war, war ich volljährig. Für Lucy habe ich zehn Jahre gebraucht. Erst war mir das Drehbuch zu wissenschaftlich, dann zu kommerziell. Aber irgendwann kommt der Moment, da weiß man: Jetzt hab ich’s, so funktioniert es.

Wann kam Ihnen dieser Gedanke bei „DogMan“?
Luc Besson: Relativ schnell. Ich hatte zunächst nur zehn Seiten geschrieben, die ich ein paar Wochen ruhen ließ. Als ich sie wieder zur Hand nahm, schrieb ich kontinuierlich weiter.

Was hat Sie an der Figur von Douglas Munrow interessiert?
Luc Besson: Die Gesellschaft, in der wir leben, wird immer komplexer, immer schwieriger zu verstehen. Gerade haben wir die Pandemie überstanden, jetzt wütet ein Krieg in der Ukraine, der uns plötzlich sehr nahekommt. Es gibt so viel Leid überall auf der Welt. Und ich glaube, Schmerz ist ein Gefühl, das wir alle teilen, das uns verbindet, mehr als Glück. Davon handelt der Film. Douglas wird alles genommen, was wir als selbstverständlich ansehen, selbst die Fähigkeit zu laufen oder auf zwei Beinen zu stehen. Es gibt den psychologischen Missbrauch, es gibt den physischen Missbrauch. Irgendwann verliebt er sich, aber auch von der Liebe wird er enttäuscht. Im Grunde verkörpert er den Schmerz in uns allen, denn er kann nichts dafür. Er hat nichts getan. Er ist einfach nur anders. Aber niemand akzeptiert ihn, als der, der er ist, außer die Menschen, die auch anders sind. Er ist ein klassischer Underdog, ein Ausgestoßener, das macht ihn attraktiv.

Man spürt diesen Schmerz besonders, wenn Douglas allen Mut zusammennimmt und seinen Kindheitsschwarm nach Jahren mit einem Blumenstrauß im Theater überrascht.
Luc Besson: Wir alle haben diesen Moment schon einmal erlebt, wenn unsere Gefühle nicht erwidert werden. Aber es ist schwer, die Hoffnung aufzugeben. Vielleicht will er glauben, dass es doch eine Chance gibt, dass sie ihn wirklich liebt. Und für eine Sekunde, wenn sie ihn küsst, scheint es eine Möglichkeit zu sein. Aber sie weiß, dass es falsch wäre, und sein Traum zerplatzt. Als wir die Szene gedreht haben, konnte ich nicht mehr. Ich habe geweint.

Sind Sie selbst ein Hunde- oder ein Katzenfreund?
Luc Besson: Ich bin ein Tiermensch. Ich mag die Rolling Stones und die Beatles, wenn Sie so wollen. Aber als ich klein war, hatte ich einen Hund namens Sokrates, und als sich meine Eltern scheiden ließen, wurde er mein bester Freund. Er hat an meiner Seite geschlafen, wir waren immer zusammen, jahrelang. Er hat mir geholfen, als ich sehr einsam war. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen, meine Eltern arbeiteten beide als Tauchlehrer. Wir waren ständig unterwegs, in Kroatien, der Türkei oder in Griechenland. Die Kinder, die ich dort traf, sprachen nie meine Sprache. Nur Sokrates hat mich verstanden.

Was ist das Besondere an Hunden?
Luc Besson: Ich bin immer wieder erstaunt über die bedingungslose Liebe, die sie uns Menschen schenken. Das ist der Wahnsinn. Selbst wenn man einen Hund noch so schlecht behandelt, kommt er fünf Minuten später wieder und wedelt mit dem Schwanz. Nur Hunde sind dazu in der Lage. Für uns Menschen ist Liebe nie so frei.

Sie haben im Laufe der Jahre einige der bemerkenswertesten Action-Heldinnen der Filmgeschichte geschaffen. Was bedeuten Männlichkeit und Weiblichkeit für Sie?
Luc Besson: Was mich von Anfang an gereizt hat, war es, die Stärke der Frauen und die Schwäche der Männer zu zeigen. Wenn plötzlich jemand wie der Terminator in Tränen ausbrechen würde, weil er seine Mutter vermisst, dann wäre ich dabei. Aber wenn Arnold Schwarzenegger daherkommt und „Hasta la vista, Baby“ sagt, interessiert es mich nicht. Ich will jemanden wie Michelle Yeoh als Aung San Suu Kyi sehen, wie sie, diese kleine Frau, gegen eine Armee von achthunderttausend burmesischen Soldaten kämpft, ganz allein, ohne eine Waffe. Sie ist so klug und voller Respekt und Liebe und Offenheit, sie ist eine Göttin. Dieser Kontrast fasziniert mich sehr. Ich wurde von starken Frauen aufgezogen, meiner Mutter, meiner Tante. Und ich war immer sehr stolz auf sie.

Sie haben schon immer ein gutes Auge für die richtige Rollenbesetzung bewiesen. Woher kommt Ihr Gespür für Schauspieler und Schauspielerinnen?
Luc Besson: Interessant, dass Sie das sagen, denn früher ist es mir oft passiert, dass ich zuerst einen anderen Schauspieler haben wollte und erst im zweiten Anlauf den richtigen fand. Das ist immer wieder geschehen. Bei Subway, zum Beispiel, war es Christopher Lambert. Eigentlich sollte Sting die Rolle spielen. Er hatte sogar zugesagt, aber meine damaligen Produzenten waren so dumm, ihn gehen zu lassen. Dann habe ich Christopher gefunden und er war großartig. Er hatte sogar den gleichen Haarschnitt wie Sting.

Wie haben Sie Caleb Landry Jones für die Rolle von Douglas entdeckt?
Luc Besson: Bei Caleb war es so: Ich wusste, ich hatte ihn schon einmal irgendwo in einem kleinen Film gesehen, aber ich konnte mich nicht genau erinnern. Dann habe ich ein bisschen recherchiert und plötzlich wurde mir seine enorme schauspielerische Bandbreite bewusst. Schließlich sah ich, wie er in Doug Limans American Made Tom Cruise gegenübersteht, und ich konnte in Toms Augen erkennen, dass er Angst vor ihm hatte. Danach wusste ich: Das ist mein Mann.

Wenn man den Film gesehen hat, ist es tatsächlich schwer, sich jemand anderen in dieser Rolle vorzustellen.
Luc Besson: Caleb hat eine sehr körperliche Herangehensweise an die Schauspielerei. Normalerweise würde ein Schauspieler, der sich auf einen Part wie diesen vorbereitet, stundenlang mit behinderten Menschen reden. Aber Caleb schnappte sich am ersten Tag einfach den Rollstuhl und das war’s. Er ist erst wieder aufgestanden, als die Dreharbeiten abgeschlossen waren.

Warum ist er Ihrer Meinung nach noch immer nicht so bekannt, wie man das eigentlich erwarten könnte?
Luc Besson: Heutzutage haben Schauspieler eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Ruhm oder Arbeit. Und Caleb hat bisher keine Pause gemacht. Er spielt unentwegt. Sein Ziel ist es nicht, berühmt zu werden. Er will einfach nur gut sein.

Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere gesagt, Sie wollen nur zehn Filme drehen und dann aufhören. Was hat Sie dazu bewogen, weiterzumachen?
Luc Besson: Ich habe es damals anders formuliert. Ich habe gesagt, wenn ich in meinem Leben zehn Filme machen könnte, wäre ich ein glücklicher Mensch. Nach meinem ersten Film hatte ich Angst, wie es weitergehen würde, also legte ich mir im Kopf ein Ziel fest. Nach sechs, sieben Filmen wurde ich ein bisschen müde. Das Drehen verlangt einem viel ab. Wenn man einen Film fertig hat, ist man meistens halbtot. Ein Teil von mir ist erstaunt, dass ich immer noch hier bin.

Filme wie „Léon“ und „Das fünfte Element“ gelten längst als große Klassiker. Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, Fortsetzungen zu drehen?
Luc Besson: Ich glaube, das mit dem Franchising ist schwierig. Es muss in der DNA des Materials angelegt sein. Bei Valerian könnte man es vielleicht überlegen, weil es da um zwei Agenten geht, die man auf eine neue Mission schicken kann. Bei Das fünfte Element ist das anders. Die Geschichte ist in sich geschlossen. Es wäre fake, daraus ein Sequel zu spinnen. Wer eine Fortsetzung sehen will, kann sich den Film einfach noch mal anschauen.

Ihre früheren Filme waren oft voller Gewalt. Bei „DogMan“ halten Sie sich in der Hinsicht relativ zurück.
Luc Besson: Die Gewalt im Film ist nie grundlos.

Sind Sie mit den Jahren sanfter geworden?
Luc Besson: Gewalt sieht man heute überall, in den Nachrichten, auf der Straße. Man muss damit nicht mehr auffallen. Man muss das nicht mehr ausstellen. Ich hatte in den späten achtziger Jahren eine Phase, da wollte ich die Bourgeoisie einmal so richtig gut durchschütteln. Weil alles so soft war, alles war in Ordnung. Und ich wollte die Menschen damals einfach nur anstoßen und zeigen, dass es überall sonst in der Welt ziemlich düster ausschaut. Jetzt muss ich das nicht mehr pushen, die Realität ist brutal genug.