Ludwig Wüst ist bei der Diagonale ein besonderes Programm gewidmet, das neben Filmen und einer Theaterarbeit auch eine Lecture zum Thema Tischlern umfasst. Ein Überblick und ein Gespräch mit dem Künstler.
Ludwig Wüst ist seit 1990 Regisseur, Autor und Schauspieler, seit 1999 auch Filmemacher. Über 40 Produktionen für Theater und Oper, acht Langfilme, zwei mittellange und zwei Kurzfilme realisierte er bisher. Geboren wurde er 1965 in einem kleinen Dorf in Bayern, machte dort eine Ausbildung als Tischler. Seit 1987 lebt er in Wien, wo er eine Musical-, Gesangs- und Schauspielausbildung absolvierte.
Nach fast 30 Jahren konsequenter Arbeit am Theater, beim Film und als Tischler darf er sich 2019 über einen ganz besonderen Erfolg freuen: Die Diagonale widmet ihm in erstmaliger Kooperation mit dem Schauspielhaus Graz mit „Theater-, Kino-, Holzarbeit – ein Tribute in drei Teilen“ ein Sonderprogramm der Extraklasse.
Nicht vergleichbar
Ludwig Wüst macht Filme wie kein anderer. Man hat versucht, ihn zu vergleichen – mit Ulrich Seidl etwa, Michael Haneke oder den Dardenne-Brüdern. Sicher, deren Filme haben alle eine gewisse Kompromisslosigkeit mit jenen Wüsts gemein, eine Schonungslosigkeit, einen eindeutigen Realitätsanspruch. Ludwig Wüsts Stil allerdings hat nichts von den Zur-Schau-Stellungen eines Ulrich Seidl und auch nichts von der subtilen Kälte eines Michael Haneke. Am ehesten identifizieren kann er selbst sich mit dem portugiesischen Regisseur Pedro Costa, mit Robert Frank oder Marguerite Duras. Diese haben sein Filmschaffen ebenso beeinflusst wie Raymond Depardon, Andrej Tarkowskij, Ingmar Bergman und John Cassavetes. Alexander Horwath bezeichnete ihn anlässlich der Premiere von Das Haus meines Vaters im Österreichischen Filmmuseum im Jahr 2014 als Maverick. „Mavericks“, so erklärte er, „sind die Kälber oder Kühe, die sich nie an Zäune oder Begrenzungen halten und immer abseits der Weiden gefunden werden“.
„Maverick“, aus dem Englischen kommend, bedeutet auch: Eigenbrötler, Einzelgänger, mutterloses Kalb, Vieh ohne Brandzeichen. Das ist er also, dieser Ludwig Wüst, ein Maverick, so wie Orson Welles, der sich selbst als ein solcher bezeichnete und von dem Wüst laut eigenen Angaben viel gelernt hat. An Grenzen hält er sich nicht, spielt gekonnt mit deren Überschreitungen, geht Wege fernab der Trampelpfade, erzählt Geschichten abseits der Norm. Schon als Kind hielt er sich nicht an Regeln, zeichnete als zehnjähriger Klosterschüler Western-Comics, deren Besitz strikt verboten war, und verbreitete diese an seine Mitschüler. Zu jener Zeit war es auch, dass Ludwig Wüst seinen ersten – auf Papier gezeichneten und auf Klopapierrollen aufgerollten – Film realisierte. Es sollte aber 27 Jahre dauern, bis er nach unzähligen Theaterproduktionen in Deutschland und Österreich 2002 mit Ägyptische Finsternis wieder zum Filmemachen zurückkehrte und weitere sieben Jahre, bis er 2009 sein Langfilmdebüt mit Koma gab – einem Film, der bei zahlreichen internationalen Festivals im Wettbewerb lief und auf großes mediales Echo stieß.
Das Spezialprogramm
Die Diagonale wird in ihrem Programm „Theater-, Kino-, Holzarbeit“ nicht nur eine Auswahl von Wüsts Filmen zeigen und seinen Zugang zu Film und Kino mit einem von ihm kuratierten internationalen Kurzfilmprogramm beleuchten, sondern auch seine Kompetenz als Theaterregisseur in den Fokus rücken. Seine Tischler-Expertise bringt Ludwig Wüst in einer Holz-Lecture zum Ausdruck.
Am 21. März um 19.30 Uhr feiert im Schauspielhaus Graz Ludwig Wüsts Inszenierung von August Strindbergs „Fräulein Julie“ Premiere. Darin stehen Julia Franz Richter als die junge Julie, Margarethe Tiesel als Köchin Kristin und Gerhard Balluch als Hausdiener Jean auf der Bühne. Das Stück ist für Wüst ein ganz besonderes, es begleitet ihn bereits seit 30 Jahren. „Nachdem ich 1990 meine Schauspielausbildung fertig hatte, arbeitete ich für 25 ausgewählte Theaterstücke Konzepte aus. Im Laufe der Jahre wurden alle diese Stücke inszeniert, außer ,Fräulein Julie‘ und ,Quartett‘ von Heiner Müller. ,Fräulein Julie‘ ist wie Das Haus meines Vaters eine Reise in die Vergangenheit, wo man in einen Raum hineingeht, der längst verlassen ist. Man geht auf Spurensuche – das ist auch mein Thema.“
Der Vorverkauf läuft bereits. Mit einer Diagonale-Akkreditierung können ermäßigte Karten bezogen werden. Das Kurzfilmprogramm „Mavericks“ gibt Einblicke in das Schaffen von Filmemacherinnen und Filmemachern, die Wüst selbst schätzt und bewundert. Dabei wird der Schwerpunkt dezidiert auf ein Kino jenseits des Mainstream gelegt:
Paper Route (Robert Frank, USA 2002)
Earth of the Blind (Audrius Stonys, LT 1992)
L’Homme atlantique (Marguerite Duras, FR 1981)
Menk (Artavazd Pelechian, AL 1969)
„Paper Route ist quick, cheap and dirty – das sind Ansätze, die mich sehr ansprechen. Der Film ist räudig und wahnsinnig klug, radikaler kann man Filme nicht machen. Es ist keine gute Zeit für Kino, da ist für mich Frank ein Prophet, der vielleicht irgendwann einmal gehört werden wird. Deswegen wollte ich mit Paper Route beginnen.“ Audrius Stonys, erklärt Wüst, mache Filme im dokumentarischen Bereich, die eigentlich poetische Gesten sind. „Earth of the Blind ist für mich ein sehr sinnlicher Film, er handelt von einer blinden Frau und führt damit unmittelbar zu L’Homme atlantique von Marguerite Duras, deren filmisches Werk mich seit Ägyptische Finsternis als Schutzengel begleitet. Menk sei der symphonischste Film der Auswahl und ist Ludwig Wüsts Lieblingsfilm von Artavazd Pelechian.
Den Rest des Wüst’schen Kino-Programms bilden drei seiner eigenen Langfilme: Ägyptische Finsternis (2002), Das Haus meines Vaters (2012) und Aufbruch (2018), der anlässlich seines Kinostarts in einer Sondervorstellung am Festivalsonntag gezeigt wird. Das Verbindende der drei Filme sind die Themen Freiheit und Selbstbestimmtheit; im Zentrum steht der Mensch, der sich aus der Gesellschaft heraus genommen hat.
Man kann etwas bewegen
Ludwig Wüst ist felsenfest davon überzeugt, dass Holz das menschenfreundlichste und auch das dem Menschen ähnlichste Material ist. „Jedes Holz ist mindestens so einzigartig wie jeder Mensch.“ Er brauche den Kontakt mit Holz, um am Boden zu bleiben, denn: „Bei diesen Höhenflügen in filmische Räume ist wenig Erdung.“ Durch das Tischlern sei er bis heute ein praktischer Mensch geblieben. „Ich versuche das zu pflegen, denn es ist für mich so wichtig wie Essen und Atmen. Ich brauche das als greifbare Erfahrung.“ Bei Wüsts Holz-Lecture am 20. März gibt es ein ganz besonderes Ritual: Ein zweieinhalb Meter langes Stück Holz wird in mehrere gleiche Teile geschnitten, die dann von den Teilnehmern bearbeitet werden.
Ludwig Wüst möchte mit seinen Filmen das Gefühl vermitteln, dass man nicht alleine ist und Mut machen zur eigenen Menschwerdung. „Man kann etwas bewegen, man kann etwas formulieren und man kann auch auf gefährliche Wege gehen und wieder sicher zurückkommen. Sich selbst zu erkennen ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist notwendig, um zu erkennen, wer mein eigentlich ist. Diese Menschwerdung möchte ich mit meiner Arbeit begleiten. Meine eigene, die all jener, die bei meiner Arbeit beteiligt sind und die aller Zuschauer, die meine Arbeit sehen.“
Was sich Wüst für die Zukunft wünscht ist, dass er weiterhin seine Arbeit machen kann. „Ich glaube, dass ich etwas zu sagen habe. Und manchmal versetzt der Glaube auch Berge.“
