Ein Rückblick auf das das 64. BFI London Film Festival, das unter den bekannt besonderen umständen stattfand.
Wer zwei Schauspielerinnen wie Kate Winslet und Saoirse Ronan als Trumpf im Ärmel hat, dem können selbst Corona und die damit einhergehenden Kontaktsperren nichts anhaben. So oder so ähnlich dachte wohl auch Tricia Tuttle, die Direktorin des BFI London Film Festival (LFF), als sie sich dafür entschied, die diesjährige 64. Ausgabe des Festivals mit der Premiere von Francis Lees lesbischer Liebesgeschichte Ammonite zu beschließen. Und sie sollte recht behalten. Mit einem kleinen, aber feinen Programm, das einige wohlgesetzte Höhepunkte zu setzen wusste, verzeichnete das LFF auch in diesem Jahr Rekordzahlen. Kein Wunder, denn das Festival, das bisher ausschließlich als physisches Event stattfand, konnte heuer auch die Zuschauer dazu zählen, die sich innerhalb Großbritanniens für die virtuellen Vorführungen anmeldeten. Und ist es ein kleiner Lichtblick für die arg angeschlagene Filmindustrie, zu wissen, dass insgesamt immerhin 315.000 „Besucher“ dabei waren, ob im Kino oder zuhause auf dem Sofa.
Ammonite, das zeigt sich schnell, lebt von seinen beiden Hauptdarstellerinnen. Ihr Zusammenspiel ist das emotionale Zentrum des Films, das ihm sein Gewicht verleiht, ihn sehenswert macht und ihn schließlich vor dem Absturz in die Mittelmäßigkeit bewahrt. Lee hatte bereits 2017 mit seinem Langfilmdebüt God’s Own Country international für Furore gesorgt, nachdem er in Sundance mit dem World Cinema Directing Award ausgezeichnet wurde. Diesmal widmet er sich der mehr oder weniger fiktiven Liebe zwischen der britischen Fossiliensammlerin Mary Anning und Charlotte Murchison, der Frau des schottischen Geologen Roderick Murchison. Filmisch weniger aufregend als beispielsweise Céline Sciammas Portrait of a Lady on Fire, mit dem Ammonite unweigerlich verglichen werden dürfte, gewinnt Lees Historiendrama seine Kraft aus den fein beobachteten Gegensätzlichkeiten, die er beschreibt: Mary ist älter und arm und arbeitet hart, während Charlotte jung und wohlhabend einem Leben der Muße und des Müßiggangs frönt. Doch je mehr sich Winslet und Ronan von diesen scheinbar disparaten Polen aus langsam auf einander zu bewegen, um so mehr entflammt ihre Leidenschaft, setzt sich ihre Zuneigung vor dem grauen, rauen Hintergrund der schroffen Küstenlandschaft ab, die Stéphane Fontaines Kamera dem Zuschauer auf beinahe fühlbare Weise näherbringt.
Im Nachhinein betrachtet ist Ammonite nicht nur das letzte Highlight des diesjährigen Hybridevents, sondern er bildet zudem eine schöne Klammer zu Steve McQueens Eröffnungsbeitrag Mangrove. Es ging dem Festival darum, so Tuttle in einem Vorgespräch, thematische Schwerpunkte an den Anfang und das Ende zu stellen, die, auch wenn ihre Geschichten in der Vergangenheit spielen, bis heute nichts an Relevanz verloren haben. Diese Strategie korrespondierte schließlich hervorragend mit dem übrigen Programm, denn die Filme, die von diesem Festival am ehesten in Erinnerung bleiben, sind die, die mit Engagement und Dringlichkeit ihre Standpunkte vertraten. Bereits 2002 warfen Ken Fero und Tariq Mehmood in ihrer Dokumentation Injustice einen schockierend unverblümten Blick auf die prekären Zustände im britischen Polizeigewahrsam. Mit Ultraviolence legt Fero jetzt noch einmal eins drauf, und zwar einen Film, der zeigt, dass bis heute noch immer etwas extrem falsch läuft in dem Strafjustizsystem des Landes. Anschaulich gemacht wird das mit Hilfe von sechs Fällen, zu denen der Regisseur Archivmaterial, Footage von Überwachungskameras und Aussagen von Angehörigen zusammen getragen hat, die nachzeichnen, wie ihre Liebsten in den Händen der Polizei ihr Leben verloren haben. Angereichert mit animierten Szenen, die die Grausamkeit der Gewalt bisweilen erträglicher machen sollen, und unterlegt mit Feros eigener Stimme aus dem Off, ist Ultraviolence ein wichtiger, ein wütender Film, „a memory for those who cannot forget, and a warning for those who refuse to see.”
Überhaupt waren es, einmal abgesehen von den offensichtlichen Festival-Hits wie Chloé Zhaos Nomadland, Spike Lees Konzertfilm David Byrne’s American Utopia und Regina Kings Regiedebüt One Night in Miami, in diesem Jahr in erster Linie die Dokumentationen, die die größte Nachwirkung erzielten. Der Sundance-Gewinner Time von Garrett Bradley, der vor kurzem auch in Zürich mit dem Goldenen Auge als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, gehört definitiv dazu. Die Regisseurin richtet darin den Fokus auf eine afro-amerikanische Mutter von sechs Kindern, die unermüdlich um die Freilassung ihres Ehegatten aus dem Gefängnis kämpft, nachdem das Ehepaar vor 21 Jahren eine Bank ausgeraubt hatte. Als absoluter Publikumsliebling unter den Dokus entpuppte sich jedoch The Painter and the Thief von Benjamin Ree, der darin die erstaunliche Geschichte der nach Norwegen ausgewanderten tschechischen Malerin Barbora Kysilkova beschreibt, deren Werke aus einer Galerie in Oslo gestohlen wurden. Anstatt jedoch auf die Diebe loszugehen, ist Barbora bei der Anhörung so gerührt von dem einen, Bertil Nordland, dass sie sich dazu entschließt, ihn zu malen. Das klingt zunächst einmal absurd, macht jedoch Sinn, wenn man sich auf diese wahre Geschichte einlässt. Denn was Rees Film so sehenswert macht, ist, dass er sich weniger für Motive oder Lebensmuster interessiert, sondern ganz auf das Verhältnis zwischen Bertil und Barbora vertraut, das sich langsam von einem kühlen Gegenüber zu einem persönlichen Miteinander entwickelt.
Unter den Spielfilmen konnte, wenig überraschend, Thomas Vinterberg mit Another Round einen weiteren Publikumssieg verzeichnen. Vielleicht ist sein Film sogar einer der großen Gewinner dieses gebeutelten Kinojahres, lief er doch auf fast jedem Festival, das es sich in den letzten Monaten traute, in irgendeiner Form, ob virtuell oder physisch, stattzufinden, auch bei der Viennale.
Auch Gianfranco Rosis Notturno, im September im Wettbewerb von Venedig prämiert, lief erfolgreich in London und in Wien. Der italienisch-amerikanische Filmemacher, der 2013 mit Sacro GRA, einem Film über den Autobahnring rund um Rom, auf dem Lido den Hauptpreis gewann und 2016 mit seiner Lampedusa-Doku Fuocoammare den Goldenen Bären in Berlin, widmet sich diesmal den jeweiligen Grenzgebieten der Länder Syrien, Irak, Kurdistan und Libanon. Drei Jahre lang hat er dort gedreht, hat Momente, Menschen und Landschaften eingefangen, die auf wechselnden Seiten von den Kriegen in der Region geprägt sind. Kommentarlos, aber in einem vielsagenden Zusammenspiel von Bildern, Dialogen und Geräuschen, schafft Rosi ein Mosaik aus menschlichen Schicksalen, die einzeln nebeneinander stehen, um sich im Laufe des Films zu einem ästhetisch anspruchsvollen, bisweilen bestürzenden, aber stets klug choreografierten Gesamtbild zusammenzufügen. Alltag und Krieg, Schönheit und Verfall, Liebe und Tod, sind nur die gröbsten der Kontrapunkte, die der Regisseur mit der Kamera einfängt. Die Faszination liegt bei Rosis Werk stets im Detail: In dem Schein einer Taschenlampe, die einem Mann im tiefsten Abendrot den Weg durch dickes Schilf weist; in den Augen eines Jungen bei der Jagd, der im Gewittersturm Schutz unter einem Baum sucht, oder in einer Wand bestückt mit Zeichnungen von Kinderhand, die ein eindringliches Bild des Grauens ergeben. Die Wirkung dieser Bilder ist so unberechenbar wie die Umstände, in denen die Aufnahmen entstanden.
