Dead-Ringers

Dead Ringers

Die Macht der Zwei

| Jakob Dibold |
Alice Birchs „Dead Ringers“ ist mehr als eine bloße Neuauflage des gleichnamigen Cronenberg-Films. Nicht nur, aber auch weil Rachel Weisz wohl nie besser war.

Es sind Bilder, die sich wahrscheinlich auch heute noch nachhaltig auf die Netzhäute aller einbrennen werden, die David Cronenbergs Interpretation des Romans „Twins“ von Bari Wood und Jack Geasland Jahrzehnte nach Ersterscheinen zum ersten Mal sehen: Der doppelte Jeremy Irons plus Kollegen in hellblutrote Kittel gehüllt, hantierend mit grotesk anmutenden, silbern strahlenden Operations-Instrumenten. Visuell und atmosphärisch ist Dead Ringers (1988) beeindruckend gut gealtert, nicht nur die klinische Umgebung, auch die schicke Maisonette, die die Zwillinge gemeinsam bewohnen, und der erschütternde Drogen-Niedergang bis hin zum fatalen Finale. Nichtsdestotrotz ist es ein schlaues Vorhaben, den Stoff im Jahr 2023 zu neuem Leben zu erwecken und dabei sogar stark zu variieren. Die von Alice Birch entwickelte Mini-Serie, die vorerst exklusiv auf Amazon Prime zu sehen ist, übernimmt zwar zentrale Elemente aus Cronenbergs Film, schafft sich aber einen bemerkenswert vergrößerten Erzählradius dadurch, dass die Hauptfiguren anstatt Gynäkologen nun Gynäkologinnen sind. In diesem speziellen Kontext ist der Gender-Tausch tatsächlich tiefgreifend bedeutsam und weit mehr als bloß eine willkürliche Aktualisierung; Dead Ringers (2023) kann ausgehend davon neue und schlicht mehr spannende Handlungsebenen ergründen, als es dem Film je möglich gewesen wäre – schließlich orientierten sich Cronenberg und die literarische Vorlage erschreckend genau an realen Geschehnissen um das New Yorker Gynäkologen-Zwillingspaar Stewart und Cyril Marcus. Inwiefern der Bodyhorrorpate die medizinische Arbeit an Frauenkörpern sowie die einzige (und fiktive) Frauenfigur der Schauspielerin, in die sich einer der beiden Twins verliebt, bloß als Projektionsflächen und Brandbeschleuniger für die psychosexuellen Turbulenzen seiner Männer nutzt, oder Letztere doch auch bewusst als zutiefst ängstlich entlarvt, kann ewig debattiert werden – in den sechs einstündigen Episoden mit der entfesselt aufspielenden Rachel Weisz in der Titelrolle gestalten sich die Dinge objektiv betrachtet noch um einiges vielschichtiger. Auch, weil mit großem Scharfsinn weitreichende gesellschaftliche Themen nicht gescheut werden.

EIGENE LEIBE

Zunächst zum Übernommenen: Beverly und Elliot sind schüchtern und extrovertiert, sachlich und wild, wandelnde Gegensätze einer- und andererseits engstens, ja untrennbar verbunden. Zusammen sind sie Koryphäen im Bereich Schwangerschaft und Geburtshilfe, ein unschlagbares Duo, das auch gerne einmal die Grenzen des Erlaubten überschreitet und die üblichen Zwillings-Tricks (schon die realen Marcus-Twins „tauschten“, wie dem Bericht einer Patientin zu entnehmen ist) anwendet. Dies sowohl im Beruf als auch im privaten Bereich: So kommt es, dass die unwiderstehliche Elliot ihr Charisma nützt, um Beverly zu einem Date mit einer Patientin zu verhelfen, zu der diese sich hingezogen fühlt. Dort funkt es diesmal nachhaltig, sodass erstmals ein neuer Mensch in das zweisame, emotional abgekapselte Leben der genialen Mantles tritt … Diese Plotlinie verfolgt Dead Ringers dem Vorgänger sehr ähnlich. Beverlys Schwarm, ebenfalls Schauspielerin, trägt mit Genevieve sogar den Vornamen der Film-Darstellerin (Geneviève Bujold; eine von immer wieder eingestreuten Hommagen an Cronenbergs Werk). Die folgende Eifersucht, das Nicht-Loslassen-Können und der totale psychische Zusammenbruch, der aus der noch nie dagewesenen Trennung der Schwestern resultiert, werden hier noch durch ein wichtiges Detail verschärft: Beverly wünscht sich sehnlichst, selbst schwanger zu werden, und nachdem Elliots Versuche, dies zu bewerkstelligen, bislang stets im frühen Absterben der Embryonen endeten, soll es nun – mit Genevieve, der großen Liebe an ihrer Seite – auf herkömmlichem Wege per IUI (intrauteriner Insemination) klappen. Die ehrgeizige Elliot hat ihre Forschung indes längst in Gefilde jenseits moralischer und legaler Grenzen getrieben, um ihrer geliebten Schwester den Herzenswunsch zu erfüllen.

HIGH END KÖRPERHORROR

Schon Jeremy Irons’ Brüder sind Stars der Szene, doch die Mantle-Sisters operieren auf einem ganz anderen Level: Kontroverser Finanzspritze sei Dank (dazu im nächsten Abschnitt mehr) leiten die beiden bald ein futuristisches Birthing Center, das mittels bahnbrechender Technologien bitter notwendige Innovationen im Prozess des Gebärens verspricht, die die Bedingungen für Mütter und Kinder radikal verbessern, und das sich obendrein als Ort für experimentelle Forschung eignet. All das mit maximalem Style-Faktor. Während also Irons sein anderes Ich im Drogenrausch in einem zugemüllten Behandlungszimmer ausweidet, muss man in diesem Fall nicht das Ende verraten, um Body-Horror zu finden. Vielmehr zeigt die Serie das Normale als schonungslosen Horror, das vaginale Gebären und das Bauch-Aufschneiden, und das, was dabei andauernd schiefgehen kann – eben weil das System dahinter so unzureichend und frauenfeindlich ist, dass es radikal verändert werden muss, wie Beverly unermüdlich betont. Kurzum: Es fließt Blut, es berstet Fleisch, Leben und Tod teilen sich den Raum. Damit findet Dead Ringers, der Film, im Grunde auch seinen eigenen, notwendigen Zwilling: Den nämlich, der nicht nur entfesselt halluziniert, sondern sich auch der Sache selbst widmet. In all ihren Facetten, den grausamen wie den wunderschönen. Hier sind auch für Nicht-Betroffene kaum nachvollziehbare Schrecken wie Fehl- und Totgeburten kein Tabu, ebenso wenig die Thematik postnataler Depression und nachhaltiger Entfremdung vom eigenen Kind. Letzteres wird auch direkt an den Hauptfiguren erzählt, die Zwillinge bekommen nämlich Besuch von ihren Eltern, welche im Zuge dessen in einer Rückblende vorgestellt werden. Es tut der Geschichte über Zwillinge und ihre Psyche sehr gut, dass sie nicht völlig isoliert von ihrem Umfeld beschrieben werden, wie überhaupt der aufgrund der so im Vordergrund stehenden Besonderheit von Zwillings-Beziehungen meist vernachlässigte Aspekt der Eltern- und insbesondere Mutterschaft ebenfalls eindrücklich verhandelt wird.

TEUFELS BEITRÄGE

Bei allem Ernst ist Dead Ringers jedoch auch von zielgenauem Humor durchzogen und formuliert wie nebenbei eine großartige, bitterböse Satire. Wodurch besagtes Birthing Center erst möglich wird, wird nämlich, wie angedeutet, keinesfalls ausgespart, sondern stellt sogar eine essenzielle inhaltliche Säule dar. Dabei im Zentrum: Eine Erbin des zwar fiktiven Parker-Clans, der aber klar als die Sackler-Family erkennbar ist, deren Unternehmen Purdue Pharma maßgeblich für die tödliche Opioid-Krise in den USA verantwortlich ist; ein Fall, der aktuell auch Gegenstand von Laura Poitras’ All the Beauty and the Bloodshed sowie weiterer filmischer Aufarbeitungen ist (mehr dazu u. a. in der letzten ray-Ausgabe nachzulesen). In zähen Verhandlungen, im Zuge derer Beverlys idealistische, durchweg wohltätige Absichten auf Augenrollen stoßen, landet schließlich Elliots moralfreie und skrupellose Innovationsfreude den Deal. Denn für Rebecca Parker und ihre Ehefrau Susan ist klar: Gesunde Frauen und Babys allein wären nicht profitabel und somit kein Investment wert. Der Weg in diese zweifelhafte Kooperation, die effektiv finanzielle Abhängigkeit bedeutet, sorgt für die mit gelungensten Szenen der ganzen Serie: Nach eher fehlgeschlagenem Erstkontakt werden die Mantles zum feinen Dinner in illustrer, (einfluss)reicher Runde geladen, wo sie erst im Verhör bei Tisch und dann in einem eher unangenehmen Party-Spiel ihre Ambitionen und ihre Eignung unter Beweis stellen sollen. Dabei wird gnadenlos und ausgesprochen erheiternd eine Kapitaloberschicht inszeniert, die regelmäßig, ohne mit der Wimper zu zucken, über Tausende, wenn nicht Millionen Menschenschicksale mitentscheidet und dabei Gewinn als einzigen Gratmesser gelten lässt. Auch aufgrund des offensiven Umgangs mit dem realen Pharma-Skandal trifft dies weitaus schärfer, punktgen-auer, als etwa jüngst gefeierte Reichen-Persiflagen wie Triangle of Sadness. Dahingehend messen können sich diese Passagen mit der HBO-Erfolgsserie Succession, deren vierte Staffel dieser Tage zu Ende ging (Dead Ringers-Mastermind Birch arbeitete als Story Editor an Staffel zwei mit). Die Umtriebe der Geschäftswelt werden nicht just aus Lust und Laune eingeschoben, sondern als konstitutiv für das, was danach passiert, integriert.

Schließlich werden die Mantle-Twins mit der Parker’schen Rückendeckung erfolgreicher und bekannter denn je. Zwecks positiver Presse und somit noch höherem Bekanntheitsgrad engagiert die Investorin einen Schriftsteller (der darauf aus ist, seinen guten Ruf wiederherzustellen) für einen lobenden Artikel – dass er dabei auf Dinge stößt, die nun wirklich niemand erfahren sollte, kehrt das Ganze in ein ernstes Problem um. Mit dem unerwarteten Auftreten dieser Figur stellt Dead Ringers seine Zwillinge zu allem Überfluss in den Zeitgeist einer rasch urteilenden Aufmerksamkeitsökonomie und rückt die sowieso bereits an seidenen Fäden hängenden Nervenkostüme von Beverly und Elliot auch noch in öffentliches Rampenlicht. Dieser neugierige Schreiber jedenfalls wohnt einem durch und durch unheimlichen Aufenthalt der Schwestern im Anwesen einer überaus kaufkräftigen Familie bei, die die beiden für einen Spezialauftrag auserkoren hat. Während er Elliot in ein enthemmtes Gespräch verwickelt, erlebt Beverly dort eine nächtliche Grusel-Episode, die ein dunkles, fatal rassistisches Kapitel der Gynäkologiegeschichte hervorkehrt: Der Albtraum entfaltet sich infolge einer flammenden Rede des Patriarchen des Hauses, dessen Name Marion explizit auf die reale Person J. Marion Sims verweist – einen „Pionier“ des Feldes, der sich des Experimentierens und der Folter versklavter und immigrierter Frauen schuldig machte. Spätestens hier ist das Bestreben, möglichst zahlreiche Perspektiven des rahmenden Themenkomplexes im Laufe der sechs Folgen unterzubringen, eventuell ein bisschen gar deutlich als solches erkennbar, doch gelöst ist es ziemlich gekonnt. Überhaupt stellt sich zwar in der zweiten Serien-Hälfte das Gefühl ein, dass zeitweise ein paar Fährten mehr gelegt werden als nötig, aber es fällt nicht schwer, diese Entscheidungen zu akzeptieren.

RACHEL TWICE

Denn sobald sich etwas in die Länge zieht – besonders eine der Nebenhandlungen kann irritieren, obgleich sie sich schlussendlich smart auflöst, wenn man wiederum den Film genau erinnert –, erstickt der hervorragende Cast das Aufkommen von Langeweile im Keim. Womit nun das Beste zum Schluss gelobt werden soll: Die Darbietung von Rachel Weisz ist nichts anderes als grandios. Ihre beiden Zwillingsschwestern haben zum Zweck der schnellen Differenzierung verschiedene Frisuren, die eine streng gebunden, die andere gewellt offen, doch auch ohne den Haar-Unterschied erkennt man immer, welche welche ist – außer vielleicht dann, wenn sich eine bewusst verstellt. Weisz’ Spiel ist perfekt bis in die Iris, die Blicke, die Gesichtsregungen, alle Bewegungen und Betonungen geben den Twins einen jeweils eigenständigen Körper – trotzdem Elliot einmal harsch (und höchst unangemessen) feststellt: „Our tongues and our cunts are identical, so what does it fucking matter?“ Mitunter trennen nur feinste Nuancen die leise Beverly von der lauten Elliot, mit am beeindruckendsten sind die beiden in gemeinsamer Sache; etwa als sie in einem Diner den Urheber eines geschmacklos-dummen Anmachversuches mit entwaffnender Ironie ganz, ganz klein in seiner Sitzbank versinken lassen. Die auch mehrfach als Theaterautorin ausgezeichnete Alice Birch darf sich mit ihrer Hauptdarstellerin glücklichst schätzen, denn Weisz, die ähnlich viel Bühnenerfahrung hat, beweist in ihren Dialogen eine Bandbreite von unbekümmerter Selbstsicherheit über zerbrechliches Hadern und verzweifelte Resignation bis hin zu tosender Rage. Die Nebenrollen sind ausnahmslos toll besetzt, wobei Jennifer Ehle speziell hervorzuheben ist, die als Rebecca Parker eine elektrisierende Kombination aus Berechnung, Scharfsinn und zynischer Ruhe ausstrahlt. Ein Vergnügen; wie auch Tom (Michael Chernus), pragmatischer Arbeitspartner der Mantles und ein ironisch-trockener Tech-Bro, oder der besonnene Autoren-Trinker Silas Jordan (Ntare Mwine). Man könnte ihnen allen ohne Weiteres auch noch um einiges länger zusehen und -hören. Aber: Die Möglichkeit einer Fortsetzung sagte Showrunnerin Alice Birch kürzlich recht eindeutig ab. Einerseits schade, schließlich gelang den Verantwortlichen ein formidabel ausgestatteter, mal mitreißender, mal nachdenklicher, stets gewitzter Psychotrip. Ohnehin zu final, in gewisser Weise zu brutal, sowie auf seine verquere Art auch zu harmonisch ist andererseits dessen Ende. 1988 und 2023 haben einander gefunden. Gut so.